Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Der war an die­sem Abend ver­füg­bar, denn sei­ne Freun­din hat­te ei­nen Nacht­dreh. Sie wa­ren bei­de in der Stim­mung, in die man ge­rät, wenn man ein ge­wis­ses Sta­di­um der Mü­dig­keit über­schrit­ten hat und al­les leicht und lo­gisch er­scheint. Das zu­recht­ge­trimm­te Buch er­schien ih­nen kom­pak­ter und strin­gen­ter. Sie frag­ten sich, war­um sie nicht schon frü­her zum Rot­stift ge­grif­fen hat­ten, und freu­ten sich auf die Ge­sich­ter von Jeff und Li­li am nächs­ten Tag.

Zur Fei­er die­ses Durch­bruchs gin­gen sie nicht di­rekt nach Hau­se, son­dern noch auf ei­nen Ab­sa­cker ins Cesa­re, das in Geh­dis­tanz zur Nem­bus lag.

Es war nicht mehr viel los dort, die lang­sa­men Lo­kal­schluss­stü­cke lie­fen, und man sah dem Per­so­nal an, dass es auf die neu­en Gäs­te lie­ber ver­zich­tet hät­te.

Sie setz­ten sich in die ru­higs­te Ecke, und Jonas fand, dass der Mo­ment ge­kom­men sei, Tom­my von Bang­kok zu er­zäh­len.

„Willst du hö­ren, wes­halb ich fast aus­ge­stie­gen wä­re, be­vor es rich­tig los­ging?“Tom­my woll­te. „Und wenn du recht ge­habt hät­test“, frag­te er, als Jonas ge­en­det hat­te, „wärst du dann wirk­lich aus­ge­stie­gen?“„Selbst­ver­ständ­lich.“„Die Bank hät­te das Geld be­hal­ten dür­fen, und du hät­test dei­nen Film nicht ma­chen kön­nen. Und al­le zu­künf­ti­gen wohl auch nicht.“

Jonas nick­te be­wegt. Ja, ja, so hoch war der Preis für das Ge­wis­sen.

„Ich weiß nicht“, sag­te Tom­my, „wenn ich ei­ne sol­che Chan­ce be­kä­me, wä­re es mir scheiß­egal, wes- halb. Aber viel­leicht le­be ich schon zu lan­ge in Ka­li­for­ni­en.“

„Und ich viel­leicht zu lan­ge in der Schweiz.“

In ei­ner ei­gen­ar­ti­gen Mi­schung aus Eu­pho­rie und Nach­denk­lich­keit schlen­der­te Jonas durch das nächt­li­che Quar­tier nach Hau­se. Die Wohn­häu­ser säum­ten dun­kel die Stra­ße, nur hie und da sah man ei­nen Spalt Licht zwi­schen den Vor­hän­gen oder das bläu­li­che Fla­ckern ei­nes Fern­se­hers an ei­ner Zim­mer­de­cke.

Am Stra­ßen­rand wa­ren noch Über­res­te von schmut­zi­gem Schnee und Split zu se­hen, und in den Vor­gär­ten la­gen Schnee­fle­cken wie klei­ne Kon­ti­nen­te.

Es fiel ihm ein, dass er den gan­zen Abend, seit sie sei­nen An­ruf ab­ge­lehnt hat­te, nicht an Ma­ri­na ge­dacht hat­te. Er nahm sein Han­dy. Auf dem Dis­play stand: „ich stel­le jetzt auf schlaf­mo­dus. gu­te nacht. xxx m.“Die Mel­dung trug das gest­ri­ge Da­tum und als Zeit 23:12. Jetzt war es fast zwei Uhr früh.

Frau Kne­ze­vic hat­te das Schul­heft wie­der ein­mal un­über­seh­bar auf die Es­pres­so­ma­schi­ne ge­legt. Jonas sah nach, wie viel er im Rück­stand war und leg­te die Dif­fe­renz plus et­was Haus­halts­geld zwi­schen die Seiten. Die Abrech­nung hak­te er ge­gen sei­ne Ge­wohn­heit ein­fach ab, oh­ne nach­zu­rech­nen.

Noch im­mer spür­te er die Be­klem­mung, die ihn seit dem Ein­bruch be­fiel, wenn er al­lei­ne in sei­ner Woh­nung war. Jonas mach­te Licht im Schlaf­zim­mer, ging ins Bad und drück­te et­was Zahn­pas­ta aus der Tu­be auf die Zahn­bürs­te. Doch er leg­te sie auf den Rand des Wasch­be­ckens. Er war zu un­ru­hig, um schla­fen zu ge­hen.

Er mach­te Licht im Stu­dio und schal­te­te den Com­pu­ter ein.

Seit Jonas sei­nen Ar­beits­platz bei Nem­bus hat­te, wi­ckel­te er sei­nen Mail­ver­kehr auch über de­ren Ser­ver ab. Hier in sei­nem Stu­dio er­hielt er nur die Post von de­nen, die noch sei­ne pri­va­te Adres­se be­nutz­ten.

Er hat­te ein paar neue Nach­rich­ten. Bei ei­ner lief es ihm kalt den Rü­cken hin­un­ter. Sie kam von Drop­box und lau­te­te:

Hal­lo Jonas, Max Gant­mann hat dich mit der fol­gen­den Nach­richt zum frei­ge­ge­be­nen Drop­box-Ord­ner „dy­na­mit“ein­ge­la­den:

„Lie­ber Jonas, la­de das so­fort auf ei­ne ex­ter­ne Hard­disk her­un­ter, mach dir zwei Ko­pi­en, und be­wah­re sie an zwei ver­schie­de­nen si­che­ren Or­ten auf. Nicht in dei­nem Bank­schließ­fach! Max“

Dar­un­ter ein Link mit dem Na­men: Schau dir „dy­na­mit“an. Jonas spür­te, wie sein Herz bis zum Hals klopf­te. Er hol­te sich ein Bier aus dem Kühl­schrank, setz­te sich vor den Bild­schirm, trank ei­nen Schluck, klick­te den Link an und gab sei­ne Zu­gangs­da­ten ein.

Ein Ord­ner na­mens dy­na­mit er­schien. Er öff­ne­te ihn. Es be­fan­den sich ei­ne Rei­he klei­ner Word-Do­ku­men­te dar­in und ein gro­ßes Vi­deo. Die­ses öff­ne­te Jonas als Ers­tes.

Der Bild­schirm füll­te sich mit ei­nem Brust­bild von Max Gant­mann, das wohl von der Ka­me­ra sei­nes Mo­ni­tors auf­ge­nom­men war. Er saß an sei­nem über­la­de­nen Schreib­tisch vor sei­ner über­quel­len­den Bü­cher­wand. Das Licht stamm­te of­fen­bar von sei­ner Schreib­tisch­lam­pe, die er auf sich ge­rich­tet hat­te, und warf har­te Schlag­schat­ten.

Er hat­te ei­ne frisch an­ge­zün­de­te Zi­ga­ret­te im Mund­win­kel und trug sei­ne Le­se­bril­le tief auf der Na­se.

„Jonas“, be­gann er, „viel­leicht hast du recht, und ich lei­de un­ter Ver­fol­gungs­wahn und bin ein Ver- schwö­rungs­theo­re­ti­ker. In dem Fall kannst du das al­les lö­schen, und wir tref­fen uns im Schö­na­cker zu ein paar Bier­chen.“Er mach­te ei­ne Pau­se, um an sei­ner Zi­ga­ret­te zie­hen zu kön­nen.

„Aber viel­leicht ha­be ich recht. Und für den Fall, dass das zu­trifft, muss ich dich lei­der in­vol­vie­ren. Du bist der Ein­zi­ge, dem ich in die­ser Sa­che trau­en kann.“Er nahm die Zi­ga­ret­te aus dem Mund und schnipp­te die Asche ab. Dann steck­te er sie wie­der zwi­schen die Lip­pen.

„Und da wä­ren wir be­reits beim ers­ten Pro­blem: Ver­trau­en. Traue nie­man­dem. Die Sa­che ist so groß, dass sie nur bei dir selbst si­cher auf­ge­ho­ben ist. Wenn ich sie ver­öf­fent­li­che, wer­de ich das bei min­des­tens drei ver­schie­de­nen Me­di­en tun, und je­des wird wis­sen, dass es die an­de­ren zwei ha­ben. Sprich mit nie­man­dem dar­über, be­vor es ver­öf­fent­licht ist. Und wenn ich sa­ge nie­man­dem, dann schlie­ße ich auch dei­ne Neue ein, wie heißt sie? Ina?“Er zwin­ker­te in die Ka­me­ra, oh­ne den Mund zu ei­nem Lä­cheln zu ver­zie­hen. „Auch Ina nicht.

Al­so, der Rei­he nach: Dei­ne ers­te Ver­mu­tung war rich­tig, Con­ti­ni hat sich ver­spe­ku­liert und zwar mit rus­si­schen Pa­pie­ren, Im­mo­bi­li­en und Ener­gie­spe­ku­la­tio­nen. Zwi­schen zehn und zwan­zig Mil­li­ar­den soll er in den Sand ge­setzt ha­ben. Er hat die­sen Ver­lust mit fik­ti­ven Ge­win­nen aus fik­ti­ven De­ri­va­ten neu­tra­li­siert. Ich weiß, kein Mensch ver­steht De­ri­va­te, nicht ein­mal die Ban­ker, die sie ver­kau­fen. Aber wenn du es trotz­dem ver­su­chen willst, fin­dest du al­les dar­über in ,Doc 1’. Wenn her­aus­kommt, dass es die Ge­win­ne, die den Ver­lust aus­glei­chen, nicht gibt, dann gu­te Nacht.“(Fort­set­zung folgt)

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