Lü­cken bei der Ter­ror­ab­wehr

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON GREGOR MAYNTZ

BER­LIN Es ist gut, dass nach dem Ter­ror­an­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt die gan­ze Pa­let­te der mög­li­chen und nö­ti­gen Kon­se­quen­zen in den Blick kommt. Von Feh­lern im Um­gang mit dem tat­ver­däch­ti­gen Tu­ne­si­er Anis Am­ri vor und nach dem Mas­sen­mord auf dem Breit­scheid­platz über Lü­cken in der Auf­klä­rung und beim In­for­ma­ti­ons­aus­tausch bis hin zu Nach­bes­se­run­gen bei den Ge­set­zen. Ein we­sent­li­ches Ele­ment ver­liert sich je­doch im par­tei­po­li­ti­schen Ge­plän­kel – da­bei stellt sich sehr dring­lich auch die Fra­ge nach den Kon­se­quen­zen für den Fö­de­ra­lis­mus, für die Macht­tei­lung zwi­schen Bun­des- und Lan­des­ebe­ne. Denn der­zeit gibt es ei­nen Fli­cken­tep­pich an un­ter­schied­li­chen Si­cher­heits­auf­fas­sun­gen und -vor­keh­run­gen.

Bei­spiel Schlei­er­fahn­dung: Die ver­dachts­un­ab­hän­gi­ge Über­prü­fung hat ge­ra­de im Jahr des Flücht­lings­booms in Bay­ern und Ba­den-Würt­tem­berg nicht nur zahl­rei­che Mi­gran­ten in die Re­gis­trie­rungs­da­tei­en ge­bracht, son­dern auch vie­le Schlep­per ins Ge­fäng­nis. Uni­ons­re­gier­te Län­der be­kla­gen im­mer wie­der, dass sich vor al­lem NRW und Rhein­land-Pfalz wei­gern, dem Kreis der Län­der mit Schlei­er­fahn­dung bei­zu­tre­ten. Ob das auf Dau­er zu ver­ant­wor­ten ist, wer­den die Auf­klä­run­gen ty­pi­scher Rei­se­we­ge is­la­mis­ti­scher Ter­ro­ris­ten zei­gen. Die­se ma­chen sich je­den­falls die Frei­zü­gig­keit im Schen­gen-Raum zu­nut­ze, agie­ren in Frank­reich und in Bel­gi­en, ha­ben Kon­tak­te auch nach Deutsch­land. Und wel­che Bun­des­län­der ha­ben Gren­zen mit Bel­gi­en und Frank­reich? Rich­tig, die­je­ni­gen, die sich ei­ner in­ten­si­ve­ren Kon­trol­le ver­wei­gern.

Ein an­de­res Bei­spiel bil­det die Ein­stel­lung zur Ab­schie­bung. Der Fall Am­ri zeigt zwar sehr deut­lich, dass es Auf­ga­be des Bun­des ist, die Rück­nah­me­be­reit­schaft von Ma­ghreb-Staa­ten zu er­hö­hen. Das ist auch der Kanz­le­rin be­wusst, die nach dem Ber­li­ner An­schlag da­von be­rich­te­te, gleich mit dem tu­ne­si­schen Staats­prä­si­den­ten über ei­ne In­ten­si­vie­rung von Ab­schie­bun­gen aus Deutsch­land te­le­fo­niert zu ha­ben.

Doch noch beim Lin­ken-Par­tei­tag in Magdeburg ver­such­te Thü­rin­gens Re­gie­rungs­chef Bo­do Ra­me­low in die­sem Jahr bei sei­nen Ge­nos­sen mit dem Be­kennt­nis zu punk­ten, dass er je­de ein­zel­ne Ab­schie­bung als „Nie­der­la­ge“emp­fin­de. Lin­ke in der Re­gie­rung hät­ten den Vor­teil, dass sie dann „so­gar mit le­ga­len Mit­teln dis­kret hel­fen“, sprich: Ab­schie­bun­gen tor­pe­die­ren könn­ten. Die Zu­stän­dig­keits­ver­tei­lun­gen sind nun ein­mal so, dass der Bund Sam­mel­ab­schie­bun­gen or­ga­ni­sie­ren kann, die Län­der aber die Ab­zu­schie­ben­den auf den Weg brin­gen müs­sen.

Auch Am­ri nutz­te durch sein Rei­se­ver­hal­ten kreuz und quer durch Deutsch­land die un­ter­schied­li­chen Zu­stän­dig­kei­ten, saß in Ba­denWürt­tem­berg in Ab­schie­be­haft, kam auf In­ter­ven­ti­on aus NRW auf frei­en Fuß. Nach Re­cher­chen des WDR ver­kehr­te er al­lein im Ruhr­ge­biet in zwölf Mo­sche­en und hat­te ei­nen Schlüs­sel für ei­ne Kor­an­schu­le in Dort­mund. In ei­nem Per­so­nen­pro­fil der Si­cher­heits­be­hör­den sei er als „be­son­ders kon­spi­ra­tiv“ge­führt wor­den. Schließ­lich tauch­te er in Ber­lin auf – und un­ter. Just in je­ner Stadt, die sich mit ih­rem rot-rot-grü­nen Ko­ali­ti­ons­ver­trag kurz vor dem An­schlag von der Po­li­tik des ab­ge­wähl­ten In­nen­se­na­tors Frank Hen­kel (CDU) ver­ab­schie­det hat­te. Statt die Zahl der Ab­schie­bun­gen wei­ter hoch­zu­fah­ren wie vor den Wah­len, sol­len die­se nun mög­lichst ver­mie­den wer­den und die 8000 aus­rei­se­pflich­ti­gen Aus­län­der da­zu an­ge­hal­ten wer­den, „frei­wil­lig“in ih­re Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren.

Die re­gio­na­le Un­gleich­zei­tig­keit kommt auch in dem zwei Ta­ge nach dem An­schlag vom Bun­des­ka­bi­nett be­schlos­se­nen Ge­setz­ent­wurf zur Aus­wei­tung der Vi­deo-Über­wa­chung zum Aus­druck. Bay­ern setzt seit Lan­gem dar­auf, kon­trol­liert vie­le Stra­ßen und Plät- ze, hat­te beim Amok­lauf im Olym­pia­park-Ein­kaufs­zen­trum aber das Nach­se­hen. Denn das war kein öf­fent­li­cher Raum, son­dern ei­ne pri­vat­wirt­schaft­lich be­trie­be­ne Flä­che mit öf­fent­li­chem Zu­gang. Die­se Lü­cke will der Bund nun als Re­ak­ti­on auf Mün­chen schlie­ßen. Doch das rot-rot-grü­ne Ber­lin schlägt den um­ge­kehr­ten Weg ein, will et­wa die Vi­deo-Über­wa­chung auf dem Alex­an­der­platz zu­rück­fah­ren und durch ge­le­gent­li­che Po­li­zei­prä­senz er­set­zen.

Der deut­sche Fö­de­ra­lis­mus sorgt zu­dem da­für, dass auch ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on, die über 80 Pro­zent der Man­da­te im Bun­des­tag ver­fügt, in Sa­chen in­ne­rer Si­cher­heit nur so viel Durch­schlags­kraft ent­wi­ckeln kann, wie es die Grü­nen im Bun­des­rat zu­las­sen. Wenn die Grü­nen mit­ge­macht hät­ten, wä­ren die Ma­ghreb-Staa­ten längst zu si­che­ren Her­kunfts­län­dern er­klärt wor­den, um nach dem Bei­spiel der Bal­kan­län­der die Ver­fah­ren zu be­schleu­ni­gen und die Ar­muts­flucht zu ver­rin­gern.

An­de­re Ver­zö­ge­run­gen sind in der Ko­ali­ti­on haus­ge­macht. So liegt seit An­fang Ok­to­ber die von In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) vor­ge­schla­ge­ne Ver­schär­fung bei Asyl und Ab­schie­bung auf dem Tisch. Bis­lang konn­te sich die SPD nicht da­zu durch­rin­gen, die Rech­te von Asyl­be­wer­bern zu ver­klei­nern, die an ih­rer ei­ge­nen Iden­ti­täts­fest­stel­lung nicht mit­wir­ken. De Mai­ziè­re will zu­dem den Aus­rei­se­ge­wahr­sam von vier auf 14 Ta­ge ver­län­gern. Am­ris Vi­ta hat auch hier für Be­we­gung ge­sorgt. Gleich An­fang Ja­nu­ar wol­len sich Uni­on und SPD nicht nur dar­über, son­dern auch über wei­te­re Fol­ge­run­gen ver­stän­di­gen. Rich­ter kla­gen et­wa über ei­ne Flut von Ein­sprü­chen ge­gen Asyl-Ent­schei­dun­gen und for­dern, den Rechts­weg zu ver­ein­fa­chen. Auch hier wird an­ge­sichts der ge­wal­ti­gen Zah­len nach­zu­ar­bei­ten sein.

Dar­über je­doch darf die ent­schei­den­de Fra­ge nicht ver­ges­sen wer­den: Wie si­cher kann ein Mensch in Deutsch­land sein, wenn die Be­dro­hung in­ter­na­tio­nal ist, die Vor­keh­run­gen da­ge­gen aber re­gio­nal un­ter­schied­lich sind? Es scheint, als ma­che der Ter­ror auch ei­ne wei­te­re Fö­de­ra­lis­mus­re­form nö­tig.

Län­der be­kla­gen sich über die Wei­ge­rung von NRW und Rhein­land-Pfalz, Schlei­er­fahn­dun­gen durch­zu­füh­ren

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