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Die Aus­schrei­tun­gen in der Sil­ves­ter­nacht am Köl­ner Haupt­bahn­hof ha­ben das Land ver­än­dert. Noch sind die Hin­ter­grün­de des De­sas­ters nicht voll­stän­dig ge­klärt. Vor al­lem ei­ne Fra­ge nicht: Wä­re das Dra­ma zu ver­hin­dern ge­we­sen?

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON THO­MAS REI­SE­NER UND CHRIS­TI­AN SCHWERDTFE­GER

KÖLN Es sind noch et­wa vier St­un­den bis Mit­ter­nacht, als Ba­ris Ol­sun am 31. De­zem­ber 2015 ein Vi­deo, das er so­eben mit sei­nem Han­dy am Köl­ner Haupt­bahn­hof ge­macht hat, auf Youtube hoch­lädt. Die Film­se­quenz nennt er „Sil­ves­ter 2016 am Köl­ner Dom (Krieg)“. Die Auf­nah­me zeigt den Vor­platz des Haupt­bahn­hofs, der mi­nüt­lich vol­ler wird. Mit­ten in der Men­ge wer­den Feu­er­werks­ra­ke­ten ge­zün­det. Man hört Böl­ler kra­chen, die zum Teil ab­sicht­lich auf Men­schen ge­wor­fen wer­den. Die Trep­pe, die vom Vor­platz zum Dom hoch­führt, ist be­reits vol­ler grö­len­der jun­ger Män­ner. An ih­nen müs­sen al­le vor­bei, die zum Fei­ern in die In­nen­stadt wol­len. Po­li­zis­ten sieht man nicht. Als Ba­ris Ol­sun nach zwölf Mi­nu­ten sei­ne Auf­nah­me be­en­det, weiß er noch nicht, dass er den Be­ginn ei­ner Sil­ves­ter­nacht ge­filmt hat, die Deutsch­land ver­än­dern und welt­weit für Schlag­zei­len sor­gen wird.

Rund um den Köl­ner Haupt­bahn­hof sind in die­ser Nacht Hun­der­te Frau­en drang­sa­liert, aus­ge­raubt und se­xu­ell be­läs­tigt wor­den. Auch von Ver­ge­wal­ti­gun­gen war spä­ter die Re­de. Rund 1200 An­zei­gen lie­gen vor, da­von et­wa 500 we­gen Se­xu­al­de­lik­ten. Die ers­te An­zei­ge wur­de be­reits am 31. De­zem­ber um 21.41 Uhr we­gen Ta­schen­dieb­stahls am Bahn­hofs­vor­platz er­stat­tet.

St­un­den dau­er­te das Cha­os an, das die Po­li­zei nicht ver­hin­dern konn­te, ob­wohl zahl­rei­che Notrufe hil­fe­su­chen­der Men­schen bei ihr ein­ge­gan­gen wa­ren. „Die grei­fen mir un­ter das Kleid, und die Po­li­zei macht gar nichts“, sag­te ei­ne Be­trof­fe­ne am Te­le­fon der Po­li­zei. Ei­ne an­de­re er­klär­te: „Wir sind ge­ra­de in Köln am Haupt­bahn­hof durch den Ein­gang ge­lau­fen. Und da ste­hen lau­ter Leu­te, und wenn man da durch­läuft, dann be­grap­schen die ei­nen und lan­gen ei­nem un­ters Kleid – aber so rich­tig. Die zie­hen ei­nen mit und las­sen ei­nen nicht los.“Ei­ni­ge An­ru­fer for­der­ten, dass end­lich Po­li­zei kom­men sol­le: „Am Bahn­hofs­vor­platz wer­fen Men­schen ge­gen­sei­tig Böl­ler auf­ein­an­der. Hier wird wild durch die Ge­gend ge­schmis­sen. Auch auf Pas­san­ten und Müt­ter mit Kin­der­wa­gen. Ich glaub’, hier müs­sen Sie mal ein paar Be­am­te hin­schi­cken.“

Wie konn­te es zu die­sem si­cher­heits­po­li­ti­schen Tief­punkt kom­men, mit dem so­gar Do­nald Trump im US-Wahl­kampf ge­gen Aus­län­der hetz­te? Und von dem Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) im Rück­blick sagt: „Viel­leicht war das ein Wen­de­punkt in der De­bat­te um Flücht­lin­ge in Deutsch­land.“

In vier Mo­na­ten wird der Par­la­men­ta­ri­sche Un­ter­su­chungs­aus­schuss (PUA) im Düs­sel­dor­fer Land­tag, der seit fast ei­nem Jahr die Hin­ter­grün­de des Köl­ner De­sas­ters auf­ar­bei­tet, sei­nen Ab­schluss­be­richt vor­le­gen. Ei­ne Er­kennt­nis könn­te sein: Wenn die Si­cher­heits­ver­ant­wort­li­chen des Lan­des im Vor­feld ge­nau­er hin­ge­hört hät­ten, wä­re das Dra­ma in Köln viel­leicht zu ver­hin­dern ge­we­sen. Denn schon lan­ge vor dem Köl­ner De­sas­ter gab es sehr kon­kre­te Hin­wei­se auf das wach­sen­de Ge­walt­po­ten­zi­al, das in Deutsch­land ins­be­son­de­re von Mi­gran­ten aus Nord­afri­ka aus­geht.

Wie ein Cas­san­dra-Ruf wirkt im Rück­blick zum Bei­spiel der Brand­brief ei­nes Po­li­zis­ten aus der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt­wa­che. Auf meh­re­ren Sei­ten be­rich­te­te er schon im No­vem­ber 2008 von „höchs­ter Ag­gres­si­on und Ge­walt­be­reit­schaft“, ei­nem „auf­fäl­lig ho­hen An­teil an Ju­gend­li­chen und Her­an­wach­sen­den größ­ten­teils ma­rok­ka­ni­scher und tür­ki­scher Ab­stam­mung“.

Mit den po­li­ti­schen Ver­wer­fun­gen in Nord­afri­ka wuchs da­nach die Grup­pe der von dort nach Deutsch­land Ein­wan­dern­den um ein Viel­fa­ches – und da­mit auch die Pro­blem­la­ge. Im Ja­nu­ar 2013 be­gann das Po­li­zei­prä­si­di­um Köln mit der sys­te­ma­ti­schen Aus­wer­tung von Straf­ta­ten nord­afri­ka­ni­scher Tä­ter. Schon bald do­ku­men­tier­te das Pro­jekt Da­ten zu mehr als 21.000 Straf­ta­ten, be­gan­gen von 17.000 Per­so­nen nord­afri­ka­ni­scher Her­kunft. 3800 da­von hat­ten ih­ren Wohn­sitz oder an­der­wei­ti­ge Adres­sen in Köln oder im be­nach­bar­ten Le­ver­ku­sen.

Im Ju­ni 2014 be­gann auch das Düs­sel­dor­fer Prä­si­di­um mit ei­nem ähn­li­chen Pro­jekt und do­ku­men­tier­te 4300 Straf­ta­ten von 2200 Nord­afri­ka­nern. In Po­li­zei­krei­sen eta­blier­te sich der Be­griff „Nafri-Tä­ter“. In Köln spe­zia­li­sier­te sich zu die­ser Zeit ei­ne 40-köp­fi­ge Grup­pe von Zi­vil­po­li­zis­ten auf die Be­kämp­fung der Kri­mi­na­li­tät durch die­se Per­so­nen­grup­pe. In­of­fi­zi­ell. Weil die po­li­zei­li­che Aus­rich­tung auf spe­zi­el­le Na­tio­na­li­tä­ten da­mals noch als po­li­tisch an­greif­bar galt, wie Be­tei­lig­te sich er­in­nern.

Im April 2015 brach­te die Op­po­si­ti­on in NRW das „Nafri“-Pro­blem bei ei­nem Flücht­lings­gip­fel auch vor NRW-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) zur Spra­che. Im Ju­ni 2015 wid­me­te sich ein Be­richt des In­nen­mi­nis­te­ri­ums dem so­ge­nann­ten An­tan­zen: In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) stell­te fest, dass ma­rok­ka­ni­sche und al­ge­ri­sche Tat­ver­däch­ti­ge die größ­te Grup­pe in­ner­halb die-

„Ich glaub’, hier müs­sen Sie mal ein paar Be­am­te hin­schi­cken“

An­ruf bei der Po­li­zei an Sil­ves­ter ser für deut­sche Be­hör­den neu­en Kri­mi­na­li­täts­form bil­den, bei der die Tä­ter ih­re Op­fer zu­nächst schein­bar im Spaß an­spre­chen, um sie dann bei zu­neh­men­der Ag­gres­si­vi­tät zu be­steh­len. In ei­nem 43-sei­ti­gen Ver­schluss­sa­che-Pa­pier der Bund-Län­der­grup­pe „Sil­ves­ter“un­ter Fe­der­füh­rung des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes heißt es: „Ein stark be­ein­flus­sen­der Fak­tor dürf­te in der Wahr­neh­mung der Tä­ter be­stan­den ha­ben, dass sie of­fen­bar weit­ge­hend kei­ne nach­hal­tig ne­ga­ti­ve Straf­ver­fol­gung zu be­fürch­ten hat­ten.“

Der de­si­gnier­te Frak­ti­ons­chef der FDP im Land­tag, Joa­chim Stamp, sagt im Rück­blick: „Die Sil­ves­ter­über­grif­fe re­sul­tie­ren auch aus ei­ner Feh­l­ein­schät­zung Jä­gers, der viel­fäl­ti­ge War­nun­gen vor der Pro­blem­grup­pe al­lein­rei­sen­den­der Män­ner aus Nord­afri­ka nicht ernst­ge­nom­men hat.“War­um die­se Tä­ter­grup­pe trotz der vie­len War­nun­gen of­fen­sicht­lich auch in der Sil­ves­ter­nacht 2015/16 noch un­ter­schätzt wur­de, ist ei­ne von vie­len Un­ge­reimt­hei­ten, die ein Jahr nach den Vor­fäl­len noch im­mer im Raum ste­hen.

Bis zum Ab­schluss­be­richt im April wird der PUA un­ter der Lei­tung des er­fah­re­nen Uni­ons­po­li­ti­kers Pe­ter Bie­sen­bach 179 Zeu­gen ver­hört und fast 1000 Da­tei­ord­ner mit je bis zu 500 Sei­ten Text aus­ge­wer­tet ha­ben. Klar her­aus­ge­ar­bei­tet wor­den ist be­reits das bei­spiel­lo­se Ver­sa­gen der Köl­ner Po­li­zei.

So stell­te sich her­aus, dass am Sil­ves­ter­abend um 20.40 Uhr der Po­li­zei­füh­rer der Spät­schicht auf dem Weg zur Ar­beit am Bahn­hofs­vor­platz vor­bei­kam. Er sah 400 bis 500 an­ge­trun­ke­ne Nord­afri­ka­ner und hat­te Be­den­ken, ob das gut ge­hen wür­de. Er schick­te des­halb den Strei­fen­dienst vor­bei. Die­ser mel­de- te zu­rück, dass man an­ge­sichts der Men­ge der Pro­blem­per­so­nen nichts ma­chen könn­te. Ei­gent­lich hät­te spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt mas­si­ve Ver­stär­kung an­ge­for­dert wer­den müs­sen. Wur­de sie aber nicht. Die mas­sen­haf­ten Über­grif­fe auf Frau­en wur­den nach An­sicht ei­nes Gut­ach­ters erst durch das spä­te Ein­grei­fen der Po­li­zei be­güns­tigt.

Die Tä­ter hät­ten den Be­reich um den Köl­ner Dom stun­den­lang als rechts­frei­en Raum er­lebt, schreibt Rechts­psy­cho­lo­ge Pro­fes­sor Ru­dolf Egg in ei­nem Gut­ach­ten für den Un­ter­su­chungs­aus­schuss. Ein mög­lichst ra­sches Ein­grei­fen der Po­li­zei wä­re er­for­der­lich ge­we­sen, um die Viel­zahl an Ta­ten ein­zu­däm­men. Die Räu­mung des Plat­zes kurz vor Mit­ter­nacht sei ver­mut­lich deut­lich zu spät er­folgt und ha­be kei­ne nen­nens­wert ab­schre­cken­de Wir­kung mehr ent­fal­tet. Ein gro­ßer Teil auch der Se­xu­al­straf­ta­ten ha­be sich be­reits zwi­schen 20.30 und 23.35 Uhr er­eig­net, so Egg.

Ne­ben den Är­ger über das Staats­ver­sa­gen in je­ner Nacht tritt das Un­ver­ständ­nis über das Staats­ver­sa­gen da­nach: Ta­ge­lang war die ge­sam­te Lan­des­re­gie­rung nach der Cha­os-Nacht auf Tauch­sta­ti­on, weil sie bis zum 4. Ja­nu­ar das Aus­maß der Köl­ner Kra­wal­le gar nicht wahr­ge­nom­men ha­ben will. Ob­wohl am 1. Ja­nu­ar be­reits über 200 Straf­an­zei­gen bei den Po­li­zei­be­hör­den vor­la­gen und die Schlag­zei­len zur Sil­ves­ter­nacht sich in den On­li­ne-Me­di­en längst über­schlu­gen.

Jä­ger selbst will erst durch die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin, die im Ur­laub war, in ei­nem Te­le­fo­nat am 4. Ja­nu­ar um 13.41 Uhr auf das The­ma auf­merk­sam ge­macht wor­den sein, wie er als Zeu­ge im PUA aus­ge­sagt hat. Kraft wie­der­um will das The­ma erst­mals in ei­ner ver­ein­zel­ten Zei- tungs­mel­dung auf der hin­te­ren Sei­te ih­res 68-sei­ti­gen Pres­se­spie­gels ge­se­hen ha­ben. Jä­ger stell­te das im PUA so dar: „Dann rief sie mich an und frag­te, was da los war. Da­nach ha­be ich mich erst mal selbst in­for­mie­ren müs­sen.“Kei­ne 20 Mi­nu­ten spä­ter gab der in­zwi­schen ge­schass­te Köl­ner Po­li­zei­chef Al­bers aber schon die ers­te Pres­se­kon­fe­renz.

Ist es tat­säch­lich mög­lich, dass der In­nen­mi­nis­ter und die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin fast vier Ta­ge lang nichts von ei­nem der größ­ten Si­cher­heits­skan­da­le er­fah­ren, den das Land je er­lebt hat? Und wenn ja: Wie schlecht muss ei­ne Staats­kanz­lei or­ga­ni­siert sein, dass sie bei ei­nem sol­chen his­to­ri­schen Er­eig­nis nicht ein­mal die wich­tigs­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le des Lan­des ge­währ­leis­ten kann?

Nicht nur die Op­po­si­ti­on im Land­tag glaubt an ei­nen an­de­ren Hin­ter­grund. Im Raum steht der Vor­wurf, Kraft und Jä­ger hät­ten sehr wohl schon frü­her von dem Dra­ma er­fah­ren, dann aber nicht re­agiert. Sei es, weil sie un­fä­hig wa­ren, es ein­zu­ord­nen. Oder weil sie hoff­ten, sich selbst aus den schlim­men Schlag­zei­len her­aus­hal­ten zu kön­nen.

Im­mer und im­mer wie­der be­teu­ern Kraft und Jä­ger ihr Un­wis­sen bis zum 4. Ja­nu­ar. Aber die vol­le Ein­sicht in ih­re Te­le­fon­da­ten aus den ers­ten Ta­gen nach der Ka­ta­stro­phe, die ge­nau das be­le­gen könn­ten, ver­wei­gert Kraft dem PUA trotz­dem. Zu­letzt bot sie nach lan­gem Rin­gen le­dig­lich den Ob­leu­ten ei­ne tei­la­n­ony­mi­sier­te Ein­sicht an. Ganz zu­rück­hal­ten will die Lan­des­re­gie­rung hin­ge­gen ver­schie­de­ne Do­ku­men­te aus die­sen Ta­gen, mit de­nen die Op­po­si­ti­on nach­wei­sen will, dass Kraft über ihr Ver­hal­ten in den ers­ten Ta­gen nach Sil­ves­ter nicht die gan­ze Wahr­heit sagt. Die Lan­des­re­gie­rung be­ruft sich auf ihr Recht zur Ge­heim­hal­tung. Die an­ge­for­der­ten Do­ku­men­te un­ter­lä­gen dem in­ter­nen Re­gie­rungs­han­deln und sei­en des­halb zu schüt­zen. Au­ßer­dem sei Kraft nicht nur Mi­nis­ter­prä­si­den­tin, son­dern auch ei­ne ganz nor­ma­le Bür­ge­rin mit ent­spre­chen­dem Recht auf Pri­vat­sphä­re, die sich et­wa auf per­sön­li­che Neu­jahrs­te­le­fo­na­te er­stre­cke.

Zu den größ­ten Be­las­tun­gen für die Op­fer ge­hört, dass bis heu­te nie­mand po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für das De­ba­kel über­neh­men will. Im­mer­hin lan­de­ten schon Tä­ter vor Ge­richt. In et­li­chen Ver­fah­ren ging es aber nicht um se­xu­el­le Über­grif­fe, son­dern um Dieb­stahl von Han­dys und Ka­me­ras. Der ers­te „Sil­ves­ter­nacht-Pro­zess“fand sechs Wo­chen nach den Ge­scheh­nis­sen statt. Der Staat woll­te de­mons­trie­ren, dass den Tä­tern schnell der Pro­zess ge­macht wird. We­gen Dieb­stahls und Dro­gen­be­sit­zes wur­de ein 23-jäh­ri­ger Ma­rok­ka­ner zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von sechs Mo­na­ten zur Be­wäh­rung und ei­ner Geld­stra­fe von 20 Ta­ges­sät­zen zu je fünf Eu­ro ver­ur­teilt.

Doch schon kurz nach dem ers­ten Ver­fah­ren mach­te sich in der Öf­fent­lich­keit Er­nüch­te­rung breit, weil sich her­aus­stell­te, dass es un­mög­lich sein wird, den Tä­tern – bis auf we­ni­ge Aus­nah­men – ih­re Ver­ge­hen nach­zu­wei­sen. Ein Grund da­für ist auch, dass die Straf­tä­ter der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht kei­ne or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­nel­len ge­we­sen sind. Ein hö­he­rer Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad mit An­füh­rern und fes­ten Ge­folgs­leu­ten las­se sich nicht er­ken­nen, so Gut­ach­ter Egg. Viel­mehr sei da­von aus­zu­ge­hen, dass sich mehr und mehr Tä­ter im Schut­ze der Nacht er­mu­tigt fühl­ten, Frau­en se­xu­ell zu be­läs­ti­gen und aus­zu­rau­ben, weil es of­fen­sicht­lich kei­ne Fol­gen hat­te.

Weil die Ge­rich­te of­fen­bar we­ni­ge Mög­lich­kei­ten zur Auf­klä­rung ha­ben, ist der PUA in­zwi­schen zum ei­gent­li­chen Hoff­nungs­trä­ger der Op­fer ge­wor­den. Als Glücks­griff er­weist sich für die Op­fer in die­sem Zu­sam­men­hang der Uni­ons­po­li­ti­ker Pe­ter Bie­sen­bach, der sich so gut wie kei­ne Ver­fah­rens­feh­ler er­laubt. Der Ju­rist ver­mei­det al­les, was den PUA nach ei­nem In­stru­ment des be­vor­ste­hen­den Wahl­kamp­fes in NRW aus­se­hen las­sen könn­te.

Was er na­tür­lich trotz­dem ist. „Chef­an­klä­ge­rin“Ina Schar­ren­bach, Ob­frau der CDU im PUA und bei den Re­gie­rungs­par­tei­en we­gen ih­rer akri­bi­schen Vor­be­rei­tung auch auf die ne­ben­säch­lichs­ten Sit­zun­gen in­zwi­schen ge­fürch­tet, hat ei­nen für die Lan­des­re­gie­rung un­ter Um­stän­den brand­ge­fähr­li­chen Schach­zug er­son­nen: Sie will die Ein­sicht in von der Re­gie­rung bis­lang ge­heim ge­hal­te­ne Un­ter­la­gen par­al­lel zum PUA nun auch vor dem Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt einklagen. Mit die­sen Un­ter­la­gen will Schar­ren­bach dann auf­klä­ren, ob die Lan­des­re­gie­rung wirk­lich die Wahr­heit sagt oder nicht doch schon viel frü­her als zu­ge­ge­ben über das De­ba­kel von Köln in­for­miert war. Soll­te ihr die­ser Nach­weis noch vor­her ge­lin­gen, könn­te Schar­ren­bach da­mit so­gar die Land­tags­wahl im Mai 2017 ent­schei­den.

Ei­nen sol­chen Glaub­wür­dig­keits­ver­lust, sa­gen die meis­ten Be­ob­ach­ter, wür­den Kraft und Jä­ger po­li­tisch nicht über­le­ben.

„Die Räu­mung ist wohl zu spät er­folgt und hat­te kei­ne ab­schre­cken­de Wir­kung mehr“

Ru­dolf Egg Gut­ach­ter In­fo Der Ar­ti­kel un­se­rer Chef­re­por­ter ist auch in der Ja­nu­ar-Aus­ga­be des po­li­ti­schen Ma­ga­zins „Ci­ce­ro“zu le­sen.

FO­TO: DPA

Das Fo­to von der Köl­ner Dom­plat­te aus der Sil­ves­ter­nacht wur­de zur Iko­ne.

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