Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Max steck­te an der Glut der fast auf­ge­rauch­ten ei­ne neue Zi­ga­ret­te an und fuhr fort: „Ei­nes Ta­ges hat Con­ti­ni dem Chief Risk Of­fi­cer al­les ge­beich­tet. Aber an­statt die Sa­che dem Risk Com­mit­tee zu mel­den, wie es sei­ne Pflicht ge­we­sen wä­re, ist die­ser zu sei­nem CEO, Wil­li­am Just ge­gan­gen. Die­ser gi­gan­ti­sche Ver­lust hät­te die chro­nisch un­ter­ka­pi­ta­li­sier­te GCBS an den Rand des Ab­grunds ge­bracht. Wenn er näm­lich ruch­bar ge­wor­den wä­re, hät­te sie ei­nen Sturm auf ih­re Schal­ter ris­kiert.

Nach den Er­fah­run­gen der letz­ten Fi­nanz­kri­se war die staat­li­che Ret­tung ei­ner Bank, und sei sie noch so sys­tem­re­le­vant, po­li­tisch aus­ge­schlos­sen. Des­halb ha­ben die bei­den be­schlos­sen, die Sa­che un­ter dem De­ckel zu hal­ten.“Max mach­te ei­ne Pau­se, wie um Jo­nas Zeit zu ge­ben, al­les er­fas­sen zu kön­nen.

„Con­ti­ni – und jetzt kommt’s – hat das Ge­wis­sen ge­plagt, und er hat be­schlos­sen, die Schwei­ze­ri­sche Ban­ken­auf­sicht, SBA, di­rekt zu in­for­mie­ren, be­zie­hungs­wei­se de­ren Prä­si­den­ten Kon­rad Stimm­ler.“

Jo­nas er­in­ner­te sich an den Mann in der Lob­by des Pa­lace in Gstaad in trau­ter Zwei­sam­keit mit Wil­li­am Just, dem CEO der GCBS.

„Ob er es ge­tan hat, weiß ich noch nicht. Auf je­den Fall fällt die­se Pha­se der Ge­schich­te mit Con­ti­nis Stim­mungs­wan­del zu­sam­men, den sei­ne Frau und sein Kol­le­ge, Jack Heinz­mann, ge­schil­dert ha­ben.“

Max pau­sier­te ef­fekt­voll. „Und sie fällt auch zu­sam­men – mit sei­nem Tod.“

Jo­nas stopp­te die Auf­zeich­nung. Bis jetzt war ihm al­les mehr oder we­ni­ger be­kannt ge­we­sen. Aber das war ein neu­er Aspekt: Pao­los An- kün­di­gung, die Sa­che der Ban­ken­auf­sicht zu mel­den, wä­re ein star­kes Mo­tiv, ihn um­zu­brin­gen. Er setz­te das Vi­deo fort.

„Jetzt willst du si­cher wis­sen, wo­her ich das al­les weiß. Dank dir, mein Lie­ber. Dank der Tat­sa­che, dass du Con­ti­nis Wit­we mei­ne Te­le­fon­num­mer ge­ge­ben hast. Sie hat mich an­ge­ru­fen, und ich bin nach Ba­sel ge­fah­ren, stell dir vor: Ich! Mit dem Zug nach Ba­sel! In ,Doc 2’ fin­dest du al­les da­zu. Vor al­lem den Ent­wurf ei­nes Brie­fes, den Con­ti­ni an Kon­rad Stimm­ler schrei­ben woll­te. Falls er ihn tat­säch­lich ab­ge­schickt hat, Jo­nas, und der Prä­si­dent der SBA hat die Ge­schich­te ver­tuscht, dann, mein Lie­ber, ha­ben wir es mit ei­ner Sa­che zu tun, die uns al­len und dem gan­zen Fi­nanz­platz je­der­zeit um die Oh­ren flie­gen kö . . .“

Wie­der stopp­te Jo­nas das Vi­deo. Das Ge­sicht von Max ge­fror mit halb­of­fe­nem Mund und ei­nem ge­gen den Zi­ga­ret­ten­rauch zu­ge­knif­fe­nen Au­ge.

Jo­nas führ­te die Bier­do­se an die Lip­pen und merk­te, dass sei­ne Hand zit­ter­te. „Max, Max“, sag­te er zu dem Bild aus dem Jen­seits, „ich will das al­les nicht wis­sen. War­um hast du es nicht für dich be­hal­ten? Ich bin Re­gis­seur, nicht Ent­hül­lungs­jour­na­list! Lass mich doch mei­nen Film ma­chen.“

Er klick­te auf „play“, Max ge­riet wie­der in Be­we­gung.

„. . . önn­te. Wenn die Ban­ken­auf­sicht ein­ge­weiht wä­re, dann wüss­te sie wahr­schein­lich auch von dei­nen Bank­no­ten. Und dann: gu­te Nacht.“

Max brauch­te noch ei­ne Zi­ga­ret­te, be­vor er wei­ter­fah­ren konn­te. „Jo­nas, ich will nicht me­lo­dra­ma­tisch sein und dich auch nicht un­nö­tig mit die­ser Sa­che be­las­ten. Du sollst dich auf dei­nen Film kon­zen- trie­ren, und ich wün­sche dir von Her­zen viel Er­folg da­mit. Ich möch­te ein­fach, dass du die­ses gan­ze Ma­te­ri­al an ei­nem si­che­ren Ort, nein, an meh­re­ren si­che­ren Or­ten auf­be­wahrst. Du musst nichts wei­ter da­mit an­fan­gen.“

Max mach­te noch ein­mal ei­ne Kunst­pau­se. „Es sei denn, mir stößt et­was zu.“Jo­nas sah, wie Max die Com­pu­ter­maus fass­te und sei­ne Au­gen den Bild­schirm nach dem Ab­schalt­sym­bol ab­such­ten. Dann fiel ihm noch et­was ein.

„Und falls“, sag­te er, „ver­such her­aus­zu­fin­den, was ,Li­li­en’ be­deu­tet. Mir ist es bis­her nicht ge­lun­gen.“

Er such­te wie­der den Bild­schirm ab, und plötz­lich war das Bild weg.

Im Ord­ner dy­na­mit be­fand sich auch ein Do­ku­ment mit dem Na­men „JB“, Jo­nas’ Initia­len. Dar­auf wa­ren Links zum Vi­deo­por­tal Vi­meo und die Zu­gangs­codes zu zwei Fil­men. Es han­del­te sich um das Ma­te­ri­al, das er zum The­ma Bank­no­ten und zum The­ma Per­so­nen­scha­den ge­dreht und mit so gro­ßer Er­leich­te­rung Max über­las­sen hat­te.

Jo­nas öff­ne­te das Fi­le mit dem Na­men „Doc 1“. Es trug den Ti­tel „Fik­ti­ve De­ri­va­te“und war ge­spickt mit Fach­aus­drü­cken, die Jo­nas nicht ver­stand.

„Doc 2“war der Ord­ner, der ihn mehr in­ter­es­sier­te. Er ent­hielt ein mp3 fi­le mit dem Ti­tel „Gespr. bc“.

Jo­nas star­te­te es. Max Gant­manns tie­fe Rau­cher­stim­me frag­te: „Stört es Sie, wenn ich rau­che?“

Ei­ne lei­se Frau­en­stim­me ant­wor­te­te: „Ja. Nicht mei­net­we­gen, we­gen der Kin­der. Man bringt den Ge­ruch nicht mehr raus. Aber im Gar­ten . . .“

Max un­ter­brach sie: „Nein, nein, so süch­tig bin ich denn doch nicht.“ Jo­nas muss­te schmun­zeln. Max und nicht süch­tig!

Sei­ne Stim­me sag­te: „Ge­spräch mit Frau Bar­ba­ra Con­ti­ni“und nann­te Da­tum und Uhr­zeit.

Da­nach fing er an: „Frau Con­ti­ni, er­lau­ben Sie mir, dass ich kurz un­ser bis­he­ri­ges Ge­spräch zu­sam­men­fas­se. Bit­te un­ter­bre­chen Sie mich, wenn Sie et­was kor­ri­gie­ren möch­ten.“

Er räus­per­te sich. „Sie ha­ben mir ge­sagt, dass Sie nach wie vor der Mei­nung sind, dass Ihr Mann nicht Selbst­mord be­gan­gen hat, son­dern Op­fer ei­nes Ver­bre­chens ge­wor­den ist. Die­se Mei­nung hat­ten Sie be­reits im . . .“, man hör­te Pa­pier­ra­scheln, „. . . im De­zem­ber ge­gen­über mei­nem Kol­le­gen Jo­nas Brand ver­tre­ten. Ha­ben sich in der Zwi­schen­zeit neue Hin­wei­se er­ge­ben, die Ih­re The­se un­ter­mau­ern?“„Eben die­ser Brief.“Max er­läu­ter­te die Ant­wort all­fäl­li­gen Zu­hö­rern des Ge­sprächs: „Frau Con­ti­ni hat mir den Ent­wurf ei­nes Brie­fes ge­zeigt, der nach ih­rer Mei­nung im Zu­sam­men­hang ste­hen könn­te mit der Kri­se, in der sich ihr Mann in den letz­ten Mo­na­ten sei­nes Le­bens be­fun­den hat­te. Er ist adres­siert an Kon­rad Stimm­ler, den Prä­si­den­ten der Schwei­ze­ri­schen Ban­ken­auf­sicht, SBA. Da­rin ist die Re­de von ei­nem gro­ßen Han­dels­ver­lust, den er, Pao­lo Con­ti­ni, ver­ur­sacht und mit fik­ti­ven De­ri­va­ten neu­tra­li­siert ha­be. Und da­von, dass er die­sen dem Chief Risk Of­fi­cer ge­mel­det ha­be, wel­cher aber die Sa­che sei­nes Wis­sens nicht wei­ter­ge­mel­det ha­be.“

Die lei­se Stim­me von Bar­ba­ra Con­ti­ni sag­te: „Wenn Sie rau­chen wol­len, wür­de ich Sie bit­ten, in den Gar­ten zu ge­hen.“

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.