Herr Alt­mann ist de­ment und pfle­ge­be­dürf­tig. Sei­ne Fa­mi­lie tut, was sie kann – bis ans En­de ih­rer Kraft. Ei­ne Re­por­ta­ge.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON HEL­GA RATHKE

Herr Alt­mann ( Na­me ge­än­dert) hat ein lan­ges, be­weg­tes Le­ben hin­ter sich. Er war Aus­län­der im Rhein­land wäh­rend der Na­zi­zeit, il­le­ga­ler Grenz­gän­ger wäh­rend der bri­ti­schen Be­sat­zung, jobb­te in ei­ner Tex­til­fa­brik und als Zim­mer­mann, als das Land wie­der auf­ge­baut wur­de. Er sorg­te für Stim­mung mit sei­nem Ak­kor­de­on, als es galt, den Krieg zu ver­ges­sen; er war Fri­sör­meis­ter im Wirt­schafts­wun­der. Als die Heim­dau­er­wel­len das Ge­schäft un­ren­ta­bel mach­ten, sat­tel­te er ein letz­tes Mal um, fing bei ei­ner Bun­des­be­hör­de an und brach­te es zum Ab­tei­lungs­lei­ter. Als Pen­sio­när ver­lor er bald sei­ne Frau an den Krebs. Er ließ sich nicht un­ter­krie­gen, lern­te, sei­nen Haus­halt selbst zu füh­ren – al­lei­ne zu­recht­kom­men, das war ihm wich­tig. Er ge­noss es, un­ge­stört fern­zu­se­hen, zu ver­rei­sen und Mu­sik zu ma­chen.

Herr Alt­mann sitzt vor dem Fern­se­her, der sein Fens­ter zur Welt sein könn­te. Doch Herr Alt­mann be­kommt nicht mit, wenn er ver­se­hent­lich ein fremd­spra­chi­ges Pro­gramm schaut, das er nicht ver­steht. Sei­ne Ak­kor­de­ons lie­gen seit Jah­ren un­ge­nutzt im Kel­ler. Die Kü­che bleibt kalt. Er weiß nicht, wie alt er heu­te ist. Er ist 87 und de­ment.

Laut Deut­scher Alz­hei­mer-Ge­sell­schaft lei­den 1,6 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land un­ter De­menz. Die Ge­sell­schaft de­fi­niert De­menz als „ei­ne er­wor­be­ne Be­ein­träch­ti­gung der geis­ti­gen Leis­tungs­fä­hig­keit, die Ge­dächt­nis, Spra­che, Ori­en­tie­rung und Ur­teils­ver­mö­gen ein­schränkt und so schwer­wie­gend ist, dass die Be­trof­fe­nen nicht mehr zu ei­ner selbst­stän­di­gen Le­bens­füh­rung in der La­ge sind“.

Es ist bald vier Jah­re her, dass der Sohn Herrn Alt­mann zu sich hol­te, weil der al­te Herr nicht mehr al­lein le­ben konn­te. Ein klei­ner Bun­ga­low in der Nach­bar­schaft wur­de um­ge­baut: bar­rie­re­freie We­ge, Be­hin­der­ten­bad, Hand­läu­fe und schließ­lich noch Auf­kle­ber auf al­len Schrän­ken, da­mit der Opa al­les fin­det. Herr Alt­mann weiß nicht, wo er jetzt wohnt, er kennt nur noch ei­ne Adres­se von frü­her. Er kann nicht sa­gen, seit wann er Wit­wer ist und wie lan­ge er schon nicht mehr in sei­nem al­ten Haus lebt – drei Wo­chen viel­leicht? Er er­in­nert sich nicht, dass er kurz nach dem Um­zug ein­mal schwer ge­stürzt war und ei­ne gan­ze Nacht mit ge­bro­che­ner Schul­ter auf dem Bo­den ver­brach­te, be­vor der Sohn ihn fand. Er hat ver­ges­sen, wie er wo­chen­lang von Kli­nik zu Kli­nik wei­ter­ge­reicht wur­de, bis er wie­der nach Hau­se konn­te. Der Sohn hat­te da­mals Er­zie­hungs­zeit für sein ei­ge­nes Kind ge­nom­men und dann sei­nen be­ruf­li­chen Wie­der­ein­stieg ver­scho­ben, so­lan­ge der Va­ter sich in die neue Um­ge­bung ein­ge­wöhn­te. Dann ge­schah der Un­fall, und al­les wur­de plötz­lich viel schwie­ri­ger.

„Mehr als 2,6 Mil­lio­nen Men­schen wa­ren 2013 in Deutsch­land pfle­ge­be­dürf­tig“, schreibt die DAK in ih­rem Pfle­ge­re­port 2015. Nur gut 22 Pro­zent da­von le­ben dau­er­haft im Heim – mehr als zwei Mil­lio­nen wer­den al­so zu Hau­se ge­pflegt. „Be­reits je­der Drit­te der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen in häus­li­cher Be­treu­ung ist schwer pfle­ge­be­dürf­tig und be­nö­tigt im Rah­men der Pfle­ge­stu­fe zwei min­des­tens drei­mal täg­lich Hil­fe.“So wie Herr Alt­mann, auch er hat Pfle­ge­stu­fe zwei. Er ist sturz­ge­fähr­det, braucht ei­ne en­ge Be­treu­ung, Hil­fe bei der Kör­per­pfle­ge und dem Toi­let­ten­gang. Vier­mal täg­lich kommt ein Pfle­ge­dienst zum Wa­schen und Win­deln, zwi­schen­durch guckt der Sohn, dass al­les in Ord­nung ist, er­le­digt al­les, was nö­tig ist. Denn für es müs­sen im­mer An­trä­ge an di­ver­se In­sti­tu­tio­nen ge­schrie­ben wer­den, um die un­ter­schied­lichs­ten Leis­tun­gen in An­spruch neh­men zu kön­nen: Kran­ken­kas­se, Pfle­ge­kas­se, Pfle­ge­dienst, Kurz­zeit­pfle­ge, Ren­ten­trä­ger, Hilfs­mit­tel­lie­fe­ran­ten. Der Sohn be­glei­tet Herrn Alt­mann über­all hin, er­le­digt al­le Ein­käu­fe, küm­mert sich um al­le Ar­bei­ten in und am Haus. Er ver­hin­dert gro­ße und klei­ne Ka­ta­stro­phen, und kommt dies doch mal vor, bringt er al­les wie­der in Ord­nung.

Es über­rascht nicht, dass der Sohn Haus­mann ge­blie­ben ist – kei­ne Fir­ma in der Nä­he hat­te ei­nen Teil­zeit-Job für ei­nen Mann über 50. Die DAK be­rich­tet, dass vie­le pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge be­ruf­lich kür­zer tre­ten oder gar nicht ar­bei­ten. Für die Pfle­ge aus dem Be­ruf aus­zu­stei­gen, ist nicht nur ei­ne Här­te, weil ein Ge­halt fehlt und man spä­ter kei­nen gu­ten Job mehr fin­det – die er­werbs­lo­se Zeit reißt auch bei vie­len Pfle­gen­den ein Loch in die ei­ge­ne Al­ters­vor­sor­ge. Tat­säch­lich zahlt der Sohn mo­men­tan nichts in die ge­setz­li­che Ren­ten­kas­se ein, ob­wohl laut Pfle­ge­stär­kungs­ge­setz I die Pfle­ge- be­zie­hungs­wei­se Kran­ken­kas­se für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge die Ren­ten­bei­trä­ge zah­len soll, da­mit die An­ge­hö­ri­gen nicht durch die Pfle­ge­tä­tig­keit selbst im Al­ter be­nach­tei­ligt wer­den. Die Pfle­ge­zeit soll dann als Bei­trags­zeit gel­ten und für die War­te­zeit an­ge­rech­net wer­den.

Ei­ne ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung da­für ist laut Pfle­ge­stär­kungs­ge­setz I al­ler­dings, dass min­des­tens 14 St­un­den pro Wo­che in häus­li­cher Um­ge­bung ge­pflegt wird. Herrn Alt­manns Sohn hat den An­trag ge­stellt und als Nach­weis sei­ner auf­ge­wen­de­ten Pfle­ge­zeit ein de­tail­lier­tes Pfle­ge­ta­ge­buch bei­ge­fügt. Dem­nach ist er mehr als 31 St­un­den pro Wo­che für sei­nen Va­ter pfle­ge­risch ak­tiv. Trotz­dem wur­de sein An­trag ab­ge­lehnt. Die Pfle­ge­kas­se war der An­sicht, er kön­ne nur gut zehn St­un­den gel­tend ma­chen. Maß­geb­lich für die Fest­stel­lung des Um­fangs des Pfle­ge­be­darfs ist näm­lich al­lein das Gut­ach­ten vom Me­di­zi­ni­schen Di­enst der Kran­ken­ver­si­che­rung (MDK), mit dem auch die Pfle­ge­stu­fe fest­ge­stellt wird. Je­ne In­sti­tu­ti­on hat al­so die Ren­ten­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zu zah­len, die selbst das Gut­ach­ten er­stellt. Der Sohn leg­te Wi­der­spruch ein, schrieb Stel­lung­nah­men, kon­tak­tier­te die Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung, kon­sul­tier­te ei­nen An­walt – al­les oh­ne Er­folg. Ir­gend­wann gab er auf – er brauch­te sei­ne Kräf­te für die Pfle­ge und für sei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie. Zum Glück hat Herr Alt­manns Schwie­ger­toch­ter ei­nen gut be­zahl­ten Job, der es der Fa­mi­lie er­laubt, so für­ein­an­der da zu sein – auf die ge­setz­li­che Ren­te als Al­ters­si­che­rung ver­las­sen sich die Ehe­leu­te schon län­ger nicht mehr. Um sei­ne Fa­mi­lie in­takt zu hal­ten, muss der Sohn von Herrn Alt­mann ei­nen Spa­gat ma­chen; die Ba­lan­ce zwi­schen ei­nem Grund­schul­kind und ei­nem de­men­ten Opa zu hal­ten ist nicht leicht. Nach Mög­lich­keit fährt der Sohn mit sei­ner Fa­mi­lie in den Fe­ri­en im­mer zwei Wo­chen in Ur­laub, um Ab­stand zu ge­win­nen. Al­les muss weit im Vor­aus vor­be­rei­tet wer­den: Der Opa wird im na­he­ge­le­ge­nen Al­ten­heim in der Kurz­zeit­pfle­ge un­ter­ge­bracht. Da ihn Ve­rän­de­run­gen zu­sätz­lich ver­wir­ren, muss nach Mög­lich­keit im­mer das­sel­be Zim­mer im sel­ben Heim be­reit­ste­hen. Um das si­cher­zu­stel­len, ist früh­zei­ti­ges Re­ser­vie­ren nö­tig, und die­se Zeit in den Schul­fe­ri­en muss mit dem Jah­res­ur­laub der Ehe­frau ab­ge­stimmt sein. All das lässt sich mit gu­ter Pla­nung lö­sen.

Was sich nicht pla­nen und or­ga­ni­sie­ren lässt, ist die Rea­li­tät im Heim. Die Kurz­zeit­pfle­ge ist ei­ne se­pa­ra­te Sta­ti­on mit ei­ge­nem Per­so­nal. In der Re­gel sind dort tags­über drei Per­so­nen – da­von min­des­tens ei­ne ex­ami­nier­te Pfle­ge­rin – für die Pfle­ge der bis zu 17 Be­woh­ner ein­ge­setzt; in der Nacht ist ei­ne ein­zi­ge Pfle­ge­per­son da. Mit die­ser per­so­nel­len Aus­stat­tung ge­langt das Per­so­nal an sei­ne Gren­zen, so­bald Un­plan­ba­res pas­siert. Vor al­lem ist die Kurz­zeit­pfle­ge kei­ne „ge­schlos­se­ne“Ab­tei­lung; es gibt kei­ne Zu­gangs­kon­trol­len. Es ist al­so je­der­zeit mög­lich, dass Frem­de hin­ein­kom­men – oder dass je­mand hin­aus­geht und nicht mehr zu­rück­fin­det. Im Herbst hat­te Herr Alt­mann ei­nen un­ge­be­te­nen Gast auf dem Zim­mer, der in sei­nen Schrän­ken wühl­te und ge­gen den er sich nur mit sei­nem Stock zu weh­ren wuss­te. In sei­ner Ver­zweif­lung floh er – aus dem Zim­mer, aus dem Haus, aus dem Um­feld des Al­ten­heims. Kei­ner such­te ihn, auch nicht, als er nicht in sei­nem Zim­mer war, als er zur Gym­nas­tik ab­ge­holt wer­den soll­te. Zum Glück be­merk­te ihn ei­ne auf­merk­sa­me Ta­xi­fah­re­rin ei­nen hal­ben Ki­lo­me­ter vom Heim ent­fernt, las ihn auf und fand in sei­ner Ja­cken­ta­sche die Te­le­fon­num­mer des Soh­nes.

Es war der ers­te Ur­laubs­tag, der ers­te ru­hi­ge Mo­ment, das ers­te Strand­bier war be­stellt. Da klin­gel­te das Han­dy: „Ich ha­be Ih­ren Va­ter auf der Stra­ße ge­fun­den, wo soll ich ihn hin­brin­gen?“Der Ur­laub war im Ei­mer, Ab­schal­ten un­mög­lich, denn ab so­fort war der Opa wie­der im All­tag der Fa­mi­lie prä­sent, muss­te min­des­tens täg­lich an­ge­ru­fen und be­ru­higt wer­den, da­mit er nicht wie­der die Flucht er­greift.

Der Sohn mach­te meh­re­re Be­kann­te mo­bil, die mal nach dem al­ten Herrn se­hen soll­ten. Via Han­dy gin­gen Bil­der hin und her, um Nä­he her­zu­stel­len und ein Ge­fühl von Si­cher­heit auf bei­den Sei­ten zu schaf­fen. „Ach guck mal, wie nett! Aber was ist das? Wo ist denn die Bril­le?!!“Das Bild zeig­te den herz­lich la­chen­den Herrn Alt­mann – al­ler­dings oh­ne Bril­le. Die war seit Ta­gen ver­schwun­den und tauch­te wäh­rend des Auf­ent­halts nicht wie­der auf.

Herr Alt­mann braucht al­so ei­ne neue Bril­le. Wer die 800 Eu­ro für die ro­bus­te, hoch­wer­ti­ge Seh­hil­fe be­zah­len soll, die ent­schei­dend da­zu bei­trägt, dass er nicht stürzt, ist noch das kleins­te Pro­blem – erst mal muss schnell für Er­satz ge­sorgt wer­den. Der Ter­min beim Op­ti­ker am Nach­mit­tag der Heim­kehr ist ei­ne Her­aus­for­de­rung. Auf die Fra­ge „Ist es so bes­ser – oder so?“kann der De­menz­pa­ti­ent nicht ant­wor­ten, die­se Auf­ga­be ist für ihn zu kom­plex. Da ist viel Ge­duld nö­tig – beim Op­ti­ker, bei Herrn Alt­mann und dem Sohn. Nach ei­ner zä­hen Sit­zung geht die Eil­be­stel­lung on­li­ne an den Lie­fe­ran­ten. Am Tag da­nach klin­gelt das Te­le­fon. Die Bril­le wur­de beim Put­zen des Zim­mers ge­fun­den. Herrn Alt­manns Sohn kann aber nicht ju­beln: Die Eil­be­stel­lung für die neue Bril­le ist nicht rück­gän­gig zu ma­chen, die Fa­mi­lie wird ver­mut­lich auf den Kos­ten sit­zen­blei­ben.

Die Kurz­zeit­pfle­ge ist al­so über­stan­den. Herr Alt­mann ist zu Hau­se und hat in sei­nen ge­wohn­ten All­tag zu­rück­ge­fun­den. Er kennt sich in sei­nem Bun­ga­low noch aus, der Fern­se­her läuft, für ihn ist al­les wie­der gut. Doch nach der Ge­schich­te mit der Bril­le kom­men jetzt die pfle­ge­ri­schen Män­gel ans Licht: Die Bei­ne sind staub­tro­cken, die Fla­sche mit der Lo­ti­on kam un­be­nutzt zu­rück – Haut­pfle­ge fand al­so nicht statt. Die Knie sind auf­ge­schürft, of­fen­bar ist er ge­stürzt und nie­mand hat es ge­merkt. Das Ge­biss ist ver­schmutzt, das Zahn­fleisch ent­zün­det – es hat al­so kei­ner auf die Zahn­pfle­ge ge­ach­tet. Die Haut im In­tim­be­reich ist wund, ein Zei­chen für zu sel­te­nes Wech­seln der Win­deln und Ein­la­gen. Da­zu passt, dass ein Groß­teil des Ma­te­ri­als an Schutz­ho­sen und Ein­la­gen noch üb­rig ist.

Den Pfle­ge­kräf­ten ist nur ein­ge­schränkt ein Vor­wurf zu ma­chen – sie wür­den si­cher gern gründ­li­cher ar­bei­ten, wenn sie da­zu die Zeit hät­ten. Wer den Be­ruf er­greift, will Men­schen hel­fen und ih­nen den Le­bens­abend er­leich­tern. Aber mit so we­nig Per­so­nal für so vie­le Al­te mehr als nur das Nö­tigs­te zu leis­ten, ist un­mög­lich. Das Grund­übel in der sta­tio­nä­ren Pfle­ge ist feh­len­des Fach­per­so­nal. Der Be­ruf ist un­at­trak­tiv, weil er an­stren­gend ist und im Schicht­dienst ge­ar­bei­tet wer­den muss – und das bei schlech­ter Be­zah­lung. Wer hat schon Lust, sich für 2423,44 Eu­ro mo­nat­lich die Ge­sund­heit zu rui­nie­ren, als jun­ge, frisch ex­ami­nier­te Pfle­ge­rin et­wa bei der Ca­ri­tas? Das En­de der Ge­halts­ent­wick­lung ist nach 16 Jah­ren er­reicht, dann hat man 3230,56 Eu­ro – brut­to, ein­schließ­lich Schicht­zu­la­ge. Mit En­de 30 geht es al­so nicht mehr wei­ter. Kei­ne Grund­la­ge, um ei­ne Fa­mi­lie zu grün­den und für das ei­ge­ne Al­ter vor­zu­sor­gen.

Die­se Miss­stän­de kennt auch die Bun­des­re­gie­rung. Mit dem Pfle­ge­stär­kungs­ge­setz II soll vie­les bes­ser wer­den: So wer­den ab 1. Ja­nu­ar ein neu­er Pfle­ge­be­dürf­tig­keits­be­griff und ein neu­es Be­gut­ach­tungs­ver­fah­ren ein­ge­führt. „Die bis­he­ri­ge Un­ter­schei­dung zwi­schen Pfle­ge­be­dürf­ti­gen mit kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen und De­menz­kran­ken wer­den weg­fal­len. Im Zen­trum steht der in­di­vi­du­el­le Un­ter­stüt­zungs­be­darf je­des Ein­zel­nen“, heißt es. Es soll mehr Geld für die Pfle­gen­den und Ge­pfleg­ten und mehr Per­so­nal in Hei­men ge­ben. Doch vor al­lem das Ziel, „die Zahl der zu­sätz­li­chen Be­treu­ungs­kräf­te … von rund 25.000 auf bis zu 45.000“zu er­hö­hen, dürf­te schwer zu er­rei­chen sein, so­lan­ge der Be­ruf un­at­trak­tiv bleibt.

Das Haus, in dem Herr Alt­mann un­ter­ge­bracht war, ist in städ­ti­scher Trä­ger­schaft. Das Heim muss mit den knap­pen Mit­teln aus­kom­men, die die Pfle­ge­kas­se be­reit­stellt. Und doch kann sich die Sta­ti­on mit der Best­no­te von 1,0 im „Pfle­ge­lot­sen“schmü­cken, wo die Er­geb­nis­se der MDK-Prü­fun­gen ver­öf­fent­licht wer­den. Schaut man aber in die De­tails, er­kennt man, wie we­nig die No­te aus­sagt: An ei­nem ein­zi­gen Tag wur­den gan­ze sechs von 13 Be­woh­nern be­fragt. Zu man­chen The­men konn­te nur ei­ne Person in­ter­viewt wer­den. Selbst­aus­künf­te zu Per­so­nal­aus­stat­tung und Qua­li­fi­ka­ti­on wur­den gar nicht aus­ge­füllt, trotz­dem wur­de nicht ab­ge­wer­tet, son­dern die Best­no­te ver­ge­ben. So kommt es, dass die Durch­schnitts­no­te al­ler sta­tio­nä­ren Pfle­ge­ein­rich­tun­gen in Deutsch­land 1,3 be­trägt. Wüss­te man es nicht bes­ser, man könn­te mei­nen, ein Se­nio­ren­heim wä­re ein na­he­zu pa­ra­die­si­scher Ort. Selbst NRWGe­sund­heits­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Stef­fens sagt, das der­zei­ti­ge Be­no­tungs­sys­tem für die Pfle­ge er­zeu­ge ei­ne „Schein­si­cher­heit“und sei ei­ne „Ka­ta­stro­phe“. „Es wird spä­tes­tens ab 2018 ein neu­es Qua­li­täts­prü­fungs- und Trans­pa­renz­sys­tem ge­ben, das den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern end­lich ei­ne ech­te Ori­en­tie­rungs­hil­fe bie­tet“, ver­spricht die Bun­des­re­gie­rung.

Das Sor­gen für Herrn Alt­mann kos­tet den Sohn und sei­ne Frau Kraft, und sie spü­ren, dass die Gren­ze bald er­reicht ist: Die Kon­flik­te aus Herrn Alt­manns All­tag rei­chen bis in die Ehe hin­ein, wer­den zeit­wei­se zur Be­las­tung. Das Hick­hack mit der Pfle­ge­kas­se we­gen der Ab­leh­nung der Ren­ten­bei­trags­zah­lung war mo­na­te­lang Dau­er­zünd­stoff – denn ei­gent­lich war die „Haus­frau­en­ehe“oder „Haus­män­ner­ehe“nicht das Mo­dell, das sie sich für das ge­mein­sa­me Le­ben vor­ge­stellt hat­ten, son­dern ein gleich­be­rech­tig­tes Mit­ein­an­der. Ei­ne an­de­re Här­te sind Ta­ge, wenn es Streit gibt zwi­schen Herrn Alt­mann und sei­nem Sohn. Die Frau mischt sich ein, hält zu ih­rem Mann, es wird laut und kracht, dann geht man sich aus dem Weg. Und wäh­rend Herr Alt­mann Streit und An­lass schnell ver­ges­sen hat und zu­frie­den fern­sieht, knab­bern sei­ne An­ge­hö­ri­gen wo­chen­lang dar­an her­um – meis­tens mit­ein­an­der, aber zu­wei­len auch ge­gen­ein­an­der.

Ach, was wa­ren das für ru­hi­ge Näch­te in der Zeit zwi­schen Ba­by­fon und Opa­fon – heu­te warnt der Opa-Alarm, wenn Herr Alt­mann die Nacht zum Tag macht. Sein Ta­gNacht-Rhyth­mus ist zeit­wei­se völ­lig aus dem Takt, er steht dann mehr­mals pro Nacht auf. Und mit ihm der Sohn, der ihn wie­der ins Bett bringt und dann selbst hell­wach ist. Der En­kel hat den „ech­ten“Opa üb­ri­gens nie ken­nen­ge­lernt – als das Kind aus den Win­deln war, war es dem Opa schon in fast je­der Hin­sicht über­le­gen.

Das per­ma­nen­te Di­lem­ma, die ei­ge­ne Fa­mi­lie ge­gen das Wohl­er­ge­hen des al­ten Herrn ab­zu­wä­gen, wird ir­gend­wann für die jun­ge Fa­mi­lie aus­fal­len müs­sen. Für Herrn Alt­manns Sohn und sei­ne Frau sind die Auf­ent­hal­te in der Kurz­zeit­pfle­ge al­so im­mer auch ein Vor­ge­schmack dar­auf, was kommt, wenn es nicht mehr mit häus­li­cher Pfle­ge geht. Ei­ne aus­län­di­sche Al­ten­pfle­ge­rin als „Haus­halts­hil­fe“ein­zu­stel­len und dann rund um die Uhr auf den Opa auf­pas­sen zu las­sen, leh­nen sie ab. „Das ist Aus­beu­tung, es ist nur schein­bar le­gal, es ist un­mo­ra­lisch“, sagt die Schwie­ger­toch­ter. Wer weiß – viel­leicht ist sie ir­gend­wann so ver­zwei­felt, sich doch noch in die­se Grau­zo­ne zu be­ge­ben.

Es bleibt ab­zu­war­ten, wie sich das neue Ge­setz in der Rea­li­tät von Herrn Alt­mann und sei­ner Fa­mi­lie aus­wirkt. Wer­den die Kos­ten für den Pfle­ge­dienst end­lich durch die Pfle­ge­kas­se ge­deckt sein? Wird der Platz im Heim, so­bald not­wen­dig, er­schwing­lich sein? Auf je­den Fall wird der Sohn er­neut be­an­tra­gen, sei­ne Ren­ten­bei­trä­ge von der Pfle­ge­kas­se be­zahlt zu be­kom­men, denn ab 2017 ist die Gren­ze auf min­des­tens zehn St­un­den wö­chent­lich fest­ge­setzt. Herr Alt­mann sitzt der­weil im Ses­sel – es läuft ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung und Per­spek­ti­ven zur Pfle­ge. Al­ters­ar­mut, Pfle­ge­not­stand. Herr Alt­mann schal­tet um.

Das The­ma be­rührt ihn nicht.

Herr Alt­mann be­kommt nicht mit, wenn er ein fremd­spra­chi­ges Pro­gramm schaut, das er nicht ver­steht Mit der per­so­nel­len Aus­stat­tung ge­lan­gen die Mit­ar­bei­ter an ih­re Gren­zen, so­bald Un­plan­ba­res pas­siert Der En­kel hat den „ech­ten“Opa nie ken­nen­ge­lernt – als das Kind aus den Win­deln war, war es Opa schon über­le­gen Auf die Fra­ge „ist es so bes­ser – oder so?“kann der De­menz­pa­ti­ent nicht ant­wor­ten – die Auf­ga­be ist zu kom­plex

FOTO: IMAGO

Fa­mi­lie Alt­mann hofft auf das Pfle­ge­stär­kungs­ge­setz II.

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