Wenn Di­ver­ti­kel im Darm zur Qu­al wer­den

Die Si­tua­ti­on ist ku­ri­os: Dem Pa­ti­en­ten geht’s im Prin­zip gut – und trotz­dem soll ihm ein Stück Darm ent­fernt wer­den. Die Ur­sa­che sei­ner wie­der­hol­ten Darm­be­schwer­den sind ent­zün­de­te Di­ver­ti­kel. Es ist meist ein Pro­blem äl­te­rer Men­schen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALE GESUNDHEIT/LOKALES - VON DIE­TER WE­BER

Der Schmerz kommt un­ver­mit­telt. Wie ein Wulst zieht er sich über den Un­ter­bauch. Weil es Frei­tag­abend ist, bleibt nur der Be­such der Not­fall­pra­xis. Die Ärz­tin tas­tet den Bauch ab, es schmerzt mal rechts, mal links. „Ha­ben Sie Di­ver­ti­kel?“, fragt sie. Der Pa­ti­ent hat sich mehr­fach Darm­spie­ge­lun­gen un­ter­zo­gen. Aber Di­ver­ti­kel? Mit ei­nem An­ti­bio­ti­kum ver­lässt er die Pra­xis. Das Me­di­ka­ment schlägt an.

Aber hat er Di­ver­ti­kel? An­ruf beim Haus­arzt, der den Be­fund des Gas­tro­en­te­ro­lo­gen kennt. „Ja, Sie ha­ben Di­ver­ti­kel. Wenn sie sich ent­zün­den, kann der Darm an die­ser Stel­le per­fo­rie­ren“, sagt er. Ein ris­si­ger Darm – kein gu­tes Zei­chen. „Not- Der Haus­arzt falls muss der ent­zün­de­te Teil des Darms ope­ra­tiv ent­fernt wer­den“, sagt der Haus­arzt.

Di­ver­ti­kel sind Aus­stül­pun­gen der Dick­darm­schleim­haut. Sie fin­den sich vor al­len bei vie­len äl­te­ren Men­schen. Meist sor­gen sie für kei­ne gro­ßen Pro­ble­me. Aber bei et­wa 40 Pro­zent der Be­trof­fe­nen ent­zün­den sie sich, es kann zu Blu­tun­gen, Darm­ver­en­gung und Ve­rän­de­run­gen beim Stuhl­gang kom­men. Die­se Ent­zün­dun­gen kön­nen auf Nach­bar­or­ga­ne über­grei­fen. Be­son­ders ge­fähr­lich wird es, wenn Di­ver­ti­kel ver­ei­tert sind: Durch­bre­chen die Ei­ter­an­samm­lun­gen die Bauch­höh­le, kann dies zu Bauch­fell­ent­zün­dung und Darm­läh­mung füh­ren.

An­dert­halb Jah­re geht al­les gut. Dann ist der Schmerz wie­der da. Hef­ti­ger als beim ers­ten Mal, meist links, aber auch auf der rech­ten Bauch­sei­te. Die Selbst­dia­gno­se Di- ver­ti­ku­li­tis be­stä­tigt der Haus­arzt. Er ver­schreibt ein An­ti­bio­ti­kum, die­ses Mal schlägt es kaum an.

Ei­ne Com­pu­ter-To­mo­gra­phie (CT) im Kran­ken­haus Neu­werk sorgt für Klar­heit. Es be­steht Hand­lungs­druck: An ei­ner Stel­le ist der Darm stär­ker an­ge­grif­fen, die Darm­wand ist per­fo­riert. Der Kör­per re­agiert dar­auf, dass er den Darm an die­ser Stel­le mit ei­ner Art Puf­fer schützt. „Ge­deckt per­fo­rier­te Sig­ma­di­ver­ti­ku­li­tis mit klei­ner Luft­bla­se“lau­tet der Be­fund.

Die Mah­nun­gen von Pro­fes­sor Dr. Frank A. Grand­erath, Chef­arzt der Ab­tei­lung Fach­arzt für All­ge­mei­ne Chir­ur­gie und Vis­zer­al­chir­ur­gie im Neu­wer­ker Kran­ken­haus, sind deut­lich: „Ich hät­te Sie ger­ne in vier bis sechs Wo­chen hier zur Ope­ra­ti­on. Falls sich ei­ne Ve­rän­de­rung er­gibt, müs­sen Sie so­fort kom­men. Dann sind Sie ein Not­fall.“

Die Mah­nun­gen fruch­ten. Der Pa­ti­ent ver­ein­bart den Ope­ra­ti­ons­ter­min drei Wo­chen spä­ter. Es ist ein ko­mi­sches Ge­fühl. Der schein­bar Ge­sun­de be­zieht an ei­nem war­men Herbst­tag das Kran­ken­zim­mer. Dem Pa­ti­en­ten geht’s nicht schlecht, ihm geht’s so­gar gut. Und trotz­dem soll er sich in ein Kran­ken­bett le­gen, weil im Kör­per et­was ist, das Pro­ble­me be­rei­ten könn­te? Und wie ver­läuft so ei­ne Ope­ra­ti­on?

Pro­fes­sor Grand­erath er­klärt: Es ge­be zwei ver­schie­de­ne We­ge, um den be­trof­fe­nen Darm­ab­schnitt zu ent­fer­nen: die her­kömm­li­che Me­tho­de mit ei­nen grö­ße­ren Bauch­schnitt. Oder drei sehr klei­ne Bauch­schnit­te, das Gan­ze un­ter­stützt durch ei­ne Bauch­spie­ge­lung. „Wir ma­chen bei Ih­nen die La­pa­ro­sko­pie mit den klei­nen Schnit­ten. Nur bei über­ra­schen­den Be­fun­den oder tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten müs­sen wir die Ope­ra­ti­ons­tech­nik än­dern und auf die la­pa­ro­sko­pi­sche Ope­ra­ti­on mit dem gro­ßen Bauch­schnitt wech­seln“, be­ru­higt er.

Als der Pa­ti­ent nach der OP auf­wacht, steht fest: Es gab kei­ne über­ra­schen­den Be­fun­de. Aber die Si­tua­ti­on ist trotz­dem sehr ge­wöh­nungs­be­dürf­tig: Aus dem Bauch führt aus ei­nem klei­nen Schnitt ein fei­ner Schlauch zu ei­nem Blut­beu­tel. Ein Ka­the­ter ist an­ge­schlos­sen. Ein wei­te­rer Schlauch geht aus dem Af­ter her­aus. Da­zu noch die Infu­si­on in die Ve­ne des lin­ken Arms.

Den größ­ten Bauch­schnitt, et­wa vier Zen­ti­me­ter lang ober­halb des Scham­bei­nes, nimmt der Pa­ti­ent da noch gar nicht wahr: Über ihn wur­de das Darm­stück ent­fernt. „Wir ha­ben et­wa 15 Zen­ti­me­ter Darm be­sei­tigt und die ge­sun­den Dar­men­den mit ei­nem Klam­mer-Naht­ge­rät ver­bun­den“, er­klärt Grand­erath.

Es geht al­les den nor­ma­len Gang. In den nächs­ten Ta­gen ver­schwin­den die Drai­na­gen nach und nach. Schwie­rig ist das Auf­ste­hen aus dem Kran­ken­bett – der Bauch schmerzt sehr. Der Stuhl­gang ist schnell wie­der re­gel­mä­ßig, ihn aber län­ge­re Zeit auf­zu­hal­ten, ist schwie­rig.

Die Er­geb­nis­se aus der Pa­tho­lo­gie be­le­gen, dass der Ent­schluss zu ei­ner schnel­len Ope­ra­ti­on rich­tig war: Es gab be­reits ei­ne ver­ei­ter­te Stel­le. Weil bei der la­pa­ro­sko­pisch un­ter­stütz­ten Dick­darm-Tei­lent­fer­nung Koh­len­di­oxid in die Bauch­höh­le ge­pumpt wird und das Gas sehr lang­sam ab­ge­baut wird, passt kei­ne Je­ans mehr am Bund. Mit der Zeit nor­ma­li­siert sich aber al­les.

Trotz­dem dau­ert es noch ei­ni­ge Wo­chen, bis der Pa­ti­ent weit­ge­hend be­schwer­de­frei ist. Sein Kör­per muss die Bauchope­ra­ti­on ver­kraf­ten. Ge­duld ist ge­for­dert. Viel Ge­duld – sub­jek­tiv be­trach­tet.

„Wenn sie sich ent­zün­den, kann der Darm an die­ser Stel­le per­fo­rie­ren“ „Ich hät­te Sie ger­ne in vier bis sechs Wo­chen hier zur Ope­ra­ti­on“

Der Chir­urg

FOTOS: DETLEF ILGNER/DPA

Da liegt das Pro­blem: Ope­ra­teur Prof. Frank Alex­an­der Grand­erath (l.) und As­sis­tenz­arzt Ab­dul­el­lah Niyaz im Gespräch mit ei­ner Pa­ti­en­tin.

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