Wie es ist, Char­lie zu sein

Die Zeich­ne­rin Ca­the­ri­ne Meu­ris­se über­leb­te den An­schlag auf „Char­lie Heb­do“. Nun hat sie ein Buch über ih­re Er­leb­nis­se ver­fasst.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON KLAS LIBUDA

DÜSSELDORF Das ist vor al­lem ein Buch über die Lie­be, aber es be­ginnt mit Kum­mer, der Ca­the­ri­ne Meu­ris­se viel­leicht das Le­ben ret­te­te: Sie zieht die Bett­de­cke bis zur Na­sen­spit­ze, mag nicht auf­ste­hen, of­fen­bar wur­de sie ge­ra­de erst von ih­rem Freund ver­las­sen, und nun liegt sie da und hält sich am Kopf­kis­sen fest. Es ist der 7. Ja­nu­ar 2015, 10.15 Uhr: ei­ne St­un­de vor dem An­schlag, der den Lauf der Zeit für sie in ein Da­vor und ein Da­nach tei­len wird.

Da­vor ist Ca­the­ri­ne Meu­ris­se seit zehn Jah­ren Zeich­ne­rin bei der fran­zö­si­schen Sa­ti­re­zei­tung „Char­lie Heb­do“. Ent­deckt hat­ten sie Ber­nard Verl­hac und Phil­ip­pe Ho­no­ré bei ei­nem Zei­chen­wett­be­werb, da war sie ge­ra­de An­fang 20; zu „Char­lie“hol­ten sie schließ­lich Je­an Ca­but und Ge­or­ges Wo­lin­ski, und egal, wel­chen die­ser Na­men man heu­te bei Goog­le ein­gibt, im­mer steht da der­sel­be trau­ri­ge Ab­satz: „Ge­stor­ben, 7. Ja­nu­ar 2015, Pa­ris, Frank­reich“.

Das war der Tag, an dem die Is­la­mis­ten Saïd und Ché­rif Kou­achi die Re­dak­ti­on an der Rue Ni­co­las-Ap­pert über­fie­len und dort zwölf Men­schen er­schos­sen. Es war der Tag, an dem Ca­the­ri­ne Meu­ris­se zu spät kam, weil sie Lie­bes­kum­mer hat­te und den Bus ver­pass­te und noch vor der Re­dak­ti­ons­tür ge­warnt wur­de. Da wa­ren die At­ten­tä­ter noch im Ge­bäu­de. In ih­rer Gra­phic No­vel, al­so ei­nem Co­mi­cro­man, sieht man, wie sie in ei­nem Nach­bar­haus Schutz sucht. „TAKTAKTAKTAK“, schreibt Meu­ris­se und zeich­net, wie sie sich die Oh­ren zu­hält und schließ­lich in ei­ner Wand ne­ben Ed­vard Munchs „Schrei“ver­schwin­det. Vom An­schlag selbst sieht man in „Die Leich­tig­keit“nichts, Ca­the­ri­ne Meu­ris­se er­zählt vom Da­nach.

Sie hat Kol­le­gen und Freun­de ver­lo­ren, al­lein das wiegt ton­nen­schwer, und sie wird von der plötz­li­chen So­li­da­ri­tät über­mannt. Gut ge­meint sind die „Je su­is Char­lie“Be­kun­dun­gen, die sich nach dem An­schlag in Win­des­ei­le ver­brei­ten, zu­nächst im In­ter­net und auf Pla­ka­ten, kurz dar­auf auch auf Tas­sen und T-Shirts. Aber zur Wahr­heit ge- hört auch, dass die al­ler­meis­ten nach der Tat vor al­lem ih­rer Be­trof­fen­heit Aus­druck ver­lei­hen, sich wohl aber nicht mit der kom­pro­miss­lo­sen Hal­tung der Zei­tung ge­mein ma­chen wol­len. Plötz­lich spre­chen Ma­don­na und der Papst den Re­dak­teu­ren Mut zu. „Char­lie Heb­do“wird mir nichts, dir nichts ein­kas­siert; „auf ein­mal ist man selbst ei­ner von ih­nen“, sag­te Zeich­ner Ré­nald Lu­zier spä­ter.

US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma bit­tet Ca­the­ri­ne Meu­ris­se ins Wei­ße Haus, so er­zählt sie es in ih­rem Buch. Oba­ma hat­te nicht am So­li­da­ri­täts­marsch in Pa­ris teil­ge­nom­men, es gab Kri­tik, er meint, et­was gut­ma­chen zu müs­sen. Je­der will nun ein Stück von „Char­lie“, aber kaum ei­ner weiß, wie es ist, Char­lie zu sein. Meu­ris­se sagt dem Prä­si­den­ten ab.

Wie es ist, Char­lie zu sein – kurz­um: Es muss be­schis­sen sein. Die Num­mer der Über­le­ben­den vom 14. Ja­nu­ar 2015 wird un­ter Po­li­zei­schutz pro­du­ziert – Auf­la­ge: drei Mil­lio­nen – bis heu­te wird „Char­lie Heb­do“streng be­wacht. Mit letz­ter Kraft be­tei­ligt sich Meu­ris­se an der Aus­ga­be, es gilt nun, ein Zei­chen zu set­zen. Der Ti­tel zeigt schließ­lich ei­ne Mo­ham­med-Ka­ri­ka­tur mit „Je su­is Char­lie“-Schild un­ter der Über­schrift „Tout est par­don­né“– al­les ist ver­ge­ben – von Zeich­ner Lu­zier, ge­nannt Luz. Nach­dem das Heft er­schie­nen ist, ver­liert Meu­ris­se ihr Ge­dächt­nis als Fol­ge des trau­ma­ti- schen Schocks. Mo­na­te­lang bringt sie nichts mehr zu Pa­pier.

Auch Ré­nald Lu­zier hat sei­ne Er­leb­nis­se be­reits in ei­nem Buch ver­ar­bei­tet. En­de 2015 er­schien „Kat­har­sis“, ei­ne Samm­lung mit Zeich­nun­gen, Trau­er­ar­beit, der Ver­such, mit den Um­stän­den fer­tig zu wer­den. Die Po­li­zei be­frag­te Lu­zier nach der Tat, und er bat um Stift und Pa­pier: Luz mal­te ein schreck­star­res Männ­chen mit rie­si­gen Au­gen. Er mein­te sich.

Sie ha­be zu­nächst an­ge­nom­men, Luz ha­be die Grup­pe der Über­le­ben­den im Stich ge­las­sen, sag­te Meu­ris­se in ei­nem Interview. Erst spä­ter ver­stand sie, dass „Kat­har­sis“auch der Ver­such war, wie­der Sou­ve­rä­ni­tät über das Ich zu er­lan­gen. Fünf Mo­na­te nach dem An­schlag mach­te auch sie ih­re ers­te Zeich­nung, das Ti­tel­bild für „Die Leich­tig­keit“: Es zeigt ei­ne Frau in ei­ner Wüs­te.

Ca­the­ri­ne Meu­ris­se er­zählt in ih­rem Band vom Über­le­ben nach dem Ter­ror. Es sei der Ver­such, ih­re Haut zu ret­ten, sagt sie. Ein Co­mic als Le­bens­be­weis. Mit we­ni­gen Tu­sches­tri­chen il­lus­triert sie die Su­che nach sich selbst, ein paar Sei­ten hat sie mit Aqua­rel­len be­malt, man sieht zu, wie sich die Künst­ler­per­sön­lich­keit neu zu­sam­men­setzt.

Nach den An­schlä­gen auf die Kon­zert­hal­le Bat­a­clan und um­lie­gen­de Ca­fés im No­vem­ber 2015 flüch­tet Meu­ris­se schließ­lich nach Rom. Sie er­in­nert sich an ih­re Lie­be zur Kunst, sie möch­te sich von der Schön­heit über­wäl­ti­gen las­sen, den 7. Ja­nu­ar aus­lö­schen. Ge­lin­gen kann das nicht. Aber sie fin­det Trost.

FOTO: CA­THE­RI­NE MEU­RIS­SE, DIE LEICH­TIG­KEIT, CARL­SEN VER­LAG, HAM­BURG 2016

Aus­schnit­te aus „Die Leich­tig­keit“.

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