Ja­ne Aus­ten konn­te auch bö­se sein

In „Lo­ve & Fri­endship“er­zählt Whit Still­man auf höchst amü­san­te Art die Ge­schich­te der durch­trie­be­nen Ma­tro­ne La­dy Su­san.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINO - VON PHILIPP HOLSTEIN

La­dy Su­san braucht drin­gend Geld, des­halb echauf­fiert sie sich sehr, als ih­re Toch­ter Fre­de­ri­ca aus ei­nem so nich­ti­gen Grund wie feh­len­der Zu­nei­gung den wohl­ha­ben­den, aber tum­ben Sir Ja­mes zu­rück­weist. In ei­ner der bes­ten Sze­nen die­ses tol­len Films nimmt sie die jun­ge La­dy ins Ge­bet: „Er will dir das Wert­volls­te ge­ben, was er hat: sein Ver­mö­gen“, sagt sie und schaut gif­tig. Das Mäd­chen sol­le be­den­ken, dass die La­ge pre­kär sei: „Wir woh­nen nicht, wir be­su­chen nur.“Und als

„Wie lau­tet das vier­te Ge­bot?“– „Ich ken­ne die Ge­bo­te, aber nicht ih­re Rei­hen­fol­ge“

das na­se­wei­se Ding mit den ro­si­gen Wan­gen noch im­mer nicht fol­gen will, droht die Mut­ter mit Gott: „Wie lau­tet das vier­te Ge­bot?“Es nützt al­les nichts, denn Fre­de­ri­ca weiß sich zu weh­ren: „Ich ken­ne die Ge­bo­te, aber nicht ih­re Rei­hen­fol­ge.“

Der ame­ri­ka­ni­sche Re­gis­seur Whit Still­man hat un­ter dem Ti­tel „Lo­ve & Fri­endship“den frü­hen Brief­ro­man „La­dy Su­san“von Ja­ne Aus­ten ver­filmt, und das Schö­ne da­ran ist, dass Aus­ten hier das ein­zi­ge Mal in ih­rem Werk ei­ne durch­trie­be­ne Fi­gur ge­schaf­fen hat, die Ti­tel­fi­gur näm­lich. Sie ist ei­ne Schwes­ter im Geis­te der einst von Jo­an Col­lins ge­spiel­ten Al­exis aus dem „Den­ver­Clan“. La­dy Su­san wur­de früh Wit­we, nun ist sie Mit­te 30. Die Kon­ven­tio­nen des aris­to­kra­ti­schen En­g­land der vor­in­dus­tri­el­len Zeit mei­nen es nicht gut mit ei­ner Frau in die­ser La­ge, La­dy Su­san muss al­so zu­se­hen, wo sie und ih­re Toch­ter Fre­de­ri­ca blei­ben, und Ka­te Be­ck­in­sa­le spielt das groß­ar­tig, mit viel Lust an der ap­pe­tit­li­chen Gars­tig­keit.

Still­man, der lan­ge in Pa­ris leb­te und kürz­lich nach New York heim­ge­kehrt ist, bringt nur al­le paar Jah­re ei­nen Film ins Kino; seit 1990 wa­ren es bloß vier Pro­duk­tio­nen, dar­un­ter „The Last Days Of Dis­co“und „Al­ge­bra in Lo­ve“mit Gre­ta Ger­wig. Je­de ist ei­ne „come­dy of man­ners“, ei­ne Ge­sell­schafts­ko­mö­die al­so, die durch ge­naue Be­trach­tung von Klei­dung, Ein­rich­tung und Ver­hal­ten ein Mi­lieu er­forscht. „Lo­ve & Fri­endship“po­si­tio­niert Still­man mit gro­ßer Ernst­haf­tig­keit zwi­schen Per­si­fla­ge und Hom­mage: Kei­ne an­de­re Aus­ten-Ad­ap­ti­on hat so viel Tem­po, nir­gend­wo sonst zi­schen der­art schar­fe Sät­ze durch die Luft.

Zu­dem sieht der Film un­glaub­lich gut aus. Man muss sich nur die Ko­s­tü­me an­schau­en, das sind auf­wän­di­ge Kunst­wer­ke aus Schlei­fen, Bän­dern, Spit­ze, Raf­fun­gen, Krem­pen, Rü­schen und Schlei­ern. Still­man gilt ja als Mann aus dem Ost­küs­tenGe­schmack­sa­del; die „New York Ti­mes“bringt re­gel­mä­ßig Ho­meS­to­ries und lässt sich ger­ne noch ein­mal den Un­ter­schied zwi­schen Stil und Style er­klä­ren. Schon die Klei­dung cha­rak­te­ri­siert denn auch in die­sem Film das Per­so­nal, die Grö­ße ei­nes Knop­fes kann je­man- den als Ge­cken ent­lar­ven, und ei­gent­lich müss­te man „Lo­ve & Fri­endship“mehr­mals se­hen, um al­le die­se Nuan­cen zu er­fas­sen.

Je­de Fi­gur wird mit ei­ner Art be­weg­tem Por­trät vor­ge­stellt. Da sieht man dann et­wa das Ehe­paar DeCour­cy vor sei­nem kan­ti­gen und aus­la­den­den Stamm­sitz „Par­k­lands“in der Na­tur ste­hen, als ob es sich ge­ra­de von ei­nem Ma­ler por­trä­tier­ten lie­ße, und da­zu schreibt Still­man ih­re Na­men und ei­ne klei­ne und ge­mei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung auf die Lein­wand. Der Re­gis­seur ent­tarnt sei­ne Fi­gu­ren auch durch die Spra­che, über­haupt soll­te man die­sen Film an­ge­hen­den Lin­gu­is­ti­kStu­den­ten schon in der Ein­füh- rungs­wo­che zei­gen. Je­de Be­to­nung ist wich­tig, al­les ist Cho­reo­gra­phie und Ins­ze­nie­rung. Die Hö­he­punk­te sind da­bei je­ne Sze­nen, in de­nen sich La­dy Su­san mit ih­rer eben­so ver­dor­be­nen Freun­din Ali­cia (Chloë Se­vi­gny) be­spricht. Ein­mal klagt Ali­cia über ih­ren Gat­ten. Der ist na­tür­lich eben­falls reich, und er wird von Ste­phen Fry ge­spielt, der wie ein im­po­san­tes Mö­bel­stück da­steht, gleich­sam als Sym­bol un­ver­brüch­li­cher Bri­tish­ness. „Er ist zu alt, um lenk­bar zu sein, und zu jung zum Ster­ben“, sagt La­dy Su­san mit­lei­dig über ihn. Ali­cia nickt ver­son­nen, doch die Freun­din hat gu­te Wün­sche zum Trost pa­rat: „Mö­ge sein nächs­ter Gicht­an­fall ein recht schwe­rer sein.“Da sind bei­de dann schon wie­der gut ge­launt.

Die Wir­kung die­ser Pro­duk­ti­on kann man di­rekt im Ge­hirn spü­ren, man fühlt sich re­gel­recht be­lebt, die Dia­lo­ge kit­zeln im Kopf. Still­man hat vie­le char­man­te Ein­fäl­le, je­ne Sze­ne et­wa, als die El­tern des jun­gen Re­gi­nald DeCour­cy (Xa­vier Sa­mu­el) den Brief öff­nen, in dem ih­nen an­ge­deu­tet wird, dass der Sohn kurz da­vor ist, La­dy Sus­ans Kon­ver­sa­ti­ons-Ge­nie zu er­lie­gen. „Lies al­les vor“, bit­tet die La­dy, ihr sei näm­lich ei­ne Er­käl­tung auf die Au­gen ge­schla­gen. Ihr Mann, ein Snob, liest tat­säch­lich al­les, auch Satz­zei­chen, und über die Lein­wand fließt nun Schreib­schrift, der Brief mit je- dem Kom­ma und Se­mi­ko­lon, und es hört erst auf, als die La­dy mit halb ge­senk­ten Li­dern nach­drück­lich durch die Na­se spricht: „Just the words, plea­se!“

Su­san je­den­falls ban­delt mit drei Män­nern an, si­cher ist si­cher, al­le lie­gen ihr zu Fü­ßen. Ka­te Be­ck­in­sa­le sitzt stets auf der Kan­te ei­nes So­fas oder Ses­sels in licht­durch­flu­te­ten In­te­ri­eurs, sie ist sprung­be­reit und auf al­les ge­fasst, sie wirkt wie ein Raub­vo­gel, der die Um­ge­bung mit sei­nem 360-Grad-Blick kon­trol­liert. Sie ist der Schre­cken von Aus­ten­land. All­mäh­lich däm­mert es ei­nem in­des, dass die­se Frau auf wür­de­vol­le Wei­se die Re­geln ei­nes Ge­sell­schafts­piels an­nimmt. Zu­gleich re­bel­liert sie da­ge­gen, sie tut es auf ih­re Wei­se, ih­re Waf­fe ist die Ga­lan­te­rie: hea­vy flir­ta­ti­on.

Am En­de wird ge­hei­ra­tet, aber an­ders, als man es zu­nächst ge­dacht hat­te. La­dy Su­san beißt in den sau­ren Ap­fel und schaut be­reits, wo sie sü­ße­re Frücht­chen pflü­cken kann. Sie lä­chelt, als sie die­ses sagt: „Ist es nicht über­deut­lich, dass wir ent­schluss­kräf­ti­gen Frau­en al­le Trümp­fe in der Hand ha­ben?“ „Lo­ve & Fri­endship“, USA 2016 – Re­gie: Whit Still­man, mit Ka­te Be­ck­in­sa­le, Chloë Se­vi­gny, Ste­phen Fry, 93 Min. Be­wer­tung:

FOTO: DPA

Die bö­sen Fe­en von Aus­ten­land: Chloë Se­vi­gny (l.) als Ali­cia und Ka­te Be­ck­in­sa­le als La­dy Su­san.

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