Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Als er zu­rück­kam, lief der Ko­pier­vor­gang noch im­mer. Und Tom­my stand vor dem Bild­schirm. „Dy­na­mit?“, frag­te er. „Ein al­tes Pro­jekt, das ich beim Auf­räu­men ge­fun­den ha­be. Woll­te es mir ge­le­gent­lich wie­der mal an­schau­en.“

Als er al­lein im Bü­ro war, druck­te er ein Stand­bild des rot­haa­ri­gen Bahn­fah­rers aus. Die­ser Mann war im Zug ge­we­sen, als Con­ti­ni ums Le­ben kam. Und als er ihm zum zwei­ten Mal be­geg­ne­te, hat­te es den An­schein, als be­schat­te der ihn. Und „so ei­ne mo­der­ne Fri­sur“, wie die al­te Frau Ga­bler es nann­te, hat­te er auch. Jo­nas ver­schlüs­sel­te den Ord­ner dy­na­mit. Den USB-Stick kleb­te er an die Un­ter­sei­te sei­ner mitt­le­ren Schreib­tisch­schub­la­de.

Auf dem Weg zu Ma­ri­na ging er bei Frau Ga­bler vor­bei, der geh­be­hin­der­ten Nach­ba­rin. Er hat­te her­aus­ge­fun­den, dass sie in ei­nem Al­ters­heim un­ter­ge­bracht wor­den war, und mel­de­te sich dort beim Emp­fang mit ei­nem Tul­pen­strauß.

Frau Ga­bler saß in ei­nem klei­nen Zim­mer vor dem Fern­se­her. Sie trug ei­nen ge­stepp­ten Haus­man­tel und ein Kopf­tuch. Ih­re Pe­rü­cke war über ei­ne Büs­te aus Sty­ro­por ge­stülpt, die auf ei­ner Kom­mo­de stand.

Sie hat­te auf sein Klop­fen mit ei­nem miss­mu­ti­gen „Her­ein!“re­agiert und sah ih­ren un­er­war­te­ten Be­su­cher über­rascht an. „Das ist aber nett!“, rief sie aus, als sie ihn er­kann­te. Jo­nas über­reich­te ihr den Strauß. „Tul­pen im Fe­bru­ar! Ver­rück­te Welt! Drü­cken Sie auf die Klin­gel beim Bett, dann kommt je­mand, um sie in ei­ne Va­se zu stel­len. Oder auch nicht. Set­zen Sie sich, dort steht ein Stuhl, die Sa­chen dar­auf kön­nen Sie ein­fach aufs Bett le­gen.“

Jo­nas ge­horch­te und setz­te sich ihr ge­gen­über.

„Die an­de­ren es­sen jetzt. Aber ich es­se nicht mit all die­sen Al­ten. Ich bin hier nur vor­über­ge­hend. Bis die Woh­nung wie­der be­wohn­bar ist. Ich kann Ih­nen nichts an­bie­ten, ich ha­be nichts.“

Sie mus­ter­te ihn lä­chelnd. „Das ist aber nett.“

Frau Ga­blers Freu­de über sei­nen Be­such zwang Jo­nas, mit sei­nem ei­gent­li­chen An­lie­gen noch zu war­ten. Er ließ sich aus­fra­gen über Max, wie sie sich ken­nen­ge­lernt hät­ten, ob er sei­ne Frau ge­kannt ha­be, muss­te sich an­hö­ren, wie auf­op­fernd die­ser sie ge­pflegt und wie sehr er sich seit ih­rem Tod ver­än­dert ha­be. Dann ver­ließ sie das The­ma Max und wand­te sich den üb­ri­gen Mit­be­woh­nern zu.

Es dau­er­te fast ei­ne St­un­de, bis Jo­nas sich ver­ab­schie­den und wie Co­lum­bo in der Tür sa­gen konn­te: „Ach ja, der Be­su­cher, von dem Sie mir er­zählt hat­ten, der, der bei Ih­nen ge­klin­gelt hat und dann ver­mut­lich zu Max hin­auf­ge­fah­ren ist . . .“Er griff in die Ja­ckett­ta­sche und fal­te­te das Stand­bild auf. „Könn­te es die­ser Mann ge­we­sen sein?“

Er ging zu­rück zu ih­rem Ses­sel und reich­te ihr das Foto. Sie bat ihn um die Bril­le, die auf dem Bett lag, und stu­dier­te es genau. Dann schüt­tel­te sie den Kopf. „Ich ha­be ihn nur von oben ge­se­hen. Aber die Fri­sur könn­te stim­men. Und die Haar­far­be auch.“

Ma­ri­na hat­te wie­der Ado­bo ge­kocht, zum zwei­ten Mal, seit sie sich kann­ten. „Ers­tens ist es das phil­ip­pi­ni­sche Na­tio­nal­ge­richt, und zwei­tens ist es fast das Ein­zi­ge, was ich kann“, hat­te sie er­klärt.

„Und drit­tens wird es, wie wir wis­sen, bes­ser, je län­ger es auf dem Herd steht“, hat­te er hin­zu­ge­fügt und sie ins Schlaf­zim­mer ent­führt.

Jetzt la­gen sie ne­ben­ein­an­der auf dem Bett, still und zu­frie­den.

„Hältst du das aus?“, frag­te er und deu­te­te mit dem Kinn auf den Strauß wei­ßer Li­li­en in ei­ner Bo­den­va­se beim Fens­ter. „Den Duft? Fast nicht.“„Wes­halb kaufst du dann Li­li­en?“„Ich ha­be sie ge­schenkt be­kom­men.“„Von wem?“Ma­ri­na lach­te. „Geht dich das et­was an?“„Nicht?“Sie gab ihm ei­nen Kuss. „Von ei­nem Kun­den.“„War­um?“„Er fand, ich hät­te ei­nen gu­ten Job ge­macht. Aber wenn sie dich stö­ren, schmeiß sie weg.“

„Man kann auch die Staub­ge­fä­ße ent­fer­nen.“„Oder die Na­se zu­hal­ten.“Sie schwie­gen. „Wie war Bern?“, frag­te Jo­nas. „An­stren­gend. Und Zürich?“„Er­mü­dend.“„Aber er­folg­reich?“„Wir ha­ben ge­kürzt und ge­strafft und ge­spart. Aber ja, ich glau­be er­folg­reich. Und ihr? Was habt ihr ge­macht in Bern?“

„Ach, das willst du nicht wis­sen. Kei­ne be­son­de­ren Vor­komm­nis­se. Was habt ihr denn ge­stri­chen?“

Jo­nas er­zähl­te ihr von den Än­de­run­gen bis tief in die Nacht und von der Eu­pho­rie, in die Tom­my und er ge­ra­ten wa­ren. Er er­wähn­te auch den Ab­sa­cker im Cesa­re. Den Wie­der­gän­ger Max ver­schwieg er. „Und sonst?“, frag­te Ma­ri­na. „Sonst nichts.“„Si­cher?“„Si­cher. War­um?“Sie zuck­te mit den Schul­tern. „Ein­fach so. Du bist et­was selt­sam. Als be­drü­cke dich et­was.“

„Das mit Max sitzt mir noch in den Kno­chen.“

„Das ver­ste­he ich. Ver­such, es zu ver­ges­sen. Kon­zen­trie­re dich auf den Film.“„Ich ver­such’s ja.“„Auch den Sco­op mit der Bank, ver­giss ihn. Lass ihn bei der Asche von Max und sei­nem Müll.“

Jo­nas stütz­te sich auf den Ell­bo­gen und mus­ter­te sie. Ih­re Au­gen wa­ren ge­schlos­sen, ihr Ge­sicht schim­mer­te wie po­lier­tes El­fen­bein in dem schwa­chen Licht, das durch die halb­of­fe­ne Tür drang. „Wie kommst du dar­auf, dass ich noch ei­nen ein­zi­gen Ge­dan­ken an die Sa­che ver­schwen­den könn­te?“

Sie hielt die Au­gen ge­schlos­sen. „Nicht?“„Null.“Sie schlug die Au­gen auf, setz­te sich ritt­lings auf sei­ne Brust, drück­te sei­ne Hand­ge­len­ke auf die Ma­trat­ze und sag­te: „Schwör’s.“„Kei­ne Hand frei.“Der An­ruf er­reich­te ihn am nächs­ten Vor­mit­tag über die Fest­lei­tung der Nem­bus Pro­duc­tions.

„Ei­ne Frau Klei­nert will dich spre­chen“, sag­te Rebstyns As­sis­ten­tin.

„Ken­ne ich nicht. Hat sie ge­sagt, wor­um es geht?“

„Es sei privat.“durch.

Die Frau hat­te ei­ne tie­fe Stim­me. Sie sag­te: „Sie ken­nen mich nicht, aber ich soll Ih­nen ei­nen Gruß aus­rich­ten von ei­nem ge­mein­sa­men Be­kann­ten. Max Gant­mann.“

Jo­nas ver­stumm­te für ei­nen Mo­ment. Dann sag­te er: „Max ist tot.“

„Ich weiß. Sonst wür­de ich Sie nicht an­ru­fen.“

„Ver­ste­he ich nicht.“ Sie stellte sie (Fort­set­zung folgt)

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