Koh­len­klau mit Got­tes Se­gen

Am bit­ter­kal­ten Sil­ves­ter­abend vor 70 Jah­ren hielt Jo­sef Kar­di­nal Frings je­ne be­rühm­te Pre­digt, durch die sich vie­le Men­schen zum Dieb­stahl von Koh­le-Bri­ketts er­mu­tigt fühl­ten. Da­mals fand der Be­griff „fring­sen“Ein­gang in die deut­sche Spra­che.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT -

Sein Wahl­spruch lau­te „Für die Men­schen be­stellt“, sag­te der in Neuss ge­bo­re­ne Frings spä­ter, „al­so sah ich es als mei­ne Auf­ga­be an, de­nen zu hel­fen, die in Not wa­ren.“Und wei­ter: „Ich selbst ha­be ei­nen et­was küh­nen Vor­stoß ge­macht bei der Zu­tei­lung an Brand, der so ge­ring war, dass da­bei ein men­schen­wür­di­ges Le­ben nicht mög­lich war. Ich ha­be das in ei­ner Pre­digt auch ge­sagt, al­ler­dings in sehr vor­sich­ti­ger Wei­se mit vie­len Ein­schrän­kun­gen.“Vie­le Men­schen über­hör­ten die­se Ein­schrän­kun­gen in­des. „Die Zei­tun­gen ha­ben nur den Satz, man dür­fe sich in der Not et­was neh­men, ver­öf­fent­licht“, er­in­ner­te sich der Kar­di­nal. Er ha­be je­doch auch ge­sagt: „Wer aber mehr nimmt als das Not­wen­di­ge, ver­sün­digt sich ge­gen das sieb­te Ge­bot und wird ein­mal dar­über vor un­se­rem Herr­gott Re­chen­schaft ab­le­gen müs­sen.“

Die Käl­te setz­te den Deut­schen da­mals enorm zu. Sie such­ten nach Ge­le­gen­hei­ten, sich mit Heiz­mit­teln zu ver­sor­gen. Und das war vor al­lem Braun­koh­le, die im rhei­ni­schen Re­vier ge­won­nen wur­de. Das rhei­ni­sche Bri­kett muss­te aber auch bis­he­ri­ge St­ein­koh­len­be­zie­her mit­ver­sor­gen. Da­ne­ben führ­te der Zwang, die frü­he­ren Ab­satz­ge­bie­te der mit­tel­deut­schen und ost­el­bi­schen Re­vie­re (et­wa Schles­wig-Hol­stein, Nie­der­sach­sen, Bay­ern und Ber­lin) mit­zu­be­lie­fern, zu Kür­zun­gen auf dem Haus­brand­sek­tor. Vor dem Krieg wa­ren rund zwei Drit­tel der rhei­ni­schen Bri­kett­pro­duk­ti­on an die Haus­hal­te ge­gan­gen; im Jahr 1948 stan­den den Haus­hal­ten kaum 30 Pro­zent zur Ver­fü­gung.

Die Men­schen grif­fen be­reits vor der Sil­ves­ter­pre­digt des Kar­di­nals viel­fach zur „Selbst­hil­fe“, aber nun mein­ten sie, die Le­gi­ti­ma­ti­on be­kom­men zu ha­ben. Auf den Ran­gier­bahn­hö­fen, an Stei­gungs­stre­cken oder in Kur­ven, wo die Zü­ge lang­sam fuh­ren, klet­ter­ten sie auf Wag­gons und war­fen Bri­ketts her­ab. Es wur­den Zü­ge zum Hal­ten ge­bracht und Wag­gon­tü­ren auf­ge­ris­sen. Man­cher Zug er­reich­te sei­nen Be­stim­mungs­ort halb leer.

Frings’ strit­ti­ge Ein­las­sung um­fass­te nur ei­nen Teil sei­ner Sil­ves­ter­pre­digt. Da der Dom be­schä­digt war, ver­leg­te der Erz­bi­schof Got­tes­diens­te in aus­wär­ti­ge, in­tak­te Pfarr­kir­chen. Die Sil­ves­ter­pre­digt 1946 wur­de in der Kir­che St. Engelbert in Köln-Riehl ab­ge­hal­ten. In sei­ner Pre­digt trug Frings sei­ne Sor­gen um die Ost­ver­trie­be­nen und Flücht­lin­ge vor, lenk­te dann den Blick auf die Ver­fol­gung der Kir­che im Os­ten und setz­te sich mit dem Schuld­be­griff aus­ein­an­der. Er er­teil­te dem Ge­dan­ken ei­ner Kol­lek­tiv­schuld des deut­schen Vol­kes an den Er­eig­nis­sen der ver­gan­ge­nen Jah­re ei­ne Ab­sa­ge, be­ton­te da­bei aber, dass je­der ein­zel­ne Christ schul­dig ge­wor­den sein kön­ne und da­her sein Ge­wis­sen prü­fen und sei­ne Schuld be­ken­nen müs­se.

Es folg­ten Ge­dan­ken zum sieb­ten Ge­bot („Du sollst nicht steh­len“), in de­nen er aus­führ­te: „Wir le­ben in Zei­ten, da in der Not auch der Ein­zel­ne das wird neh­men dür­fen, was er zur Er­hal­tung sei­nes Le­bens und sei­ner Ge­sund­heit not­wen­dig hat, wenn er es auf an­de­re Wei­se, durch sei­ne Ar­beit oder durch Bit­ten, nicht er­lan­gen kann.“Da­bei müs­se man sich in höchs­ter Not be­fin­den, dür­fe den Ge­schä­dig­ten nicht in glei­che Not brin­gen und blei­be zum Scha­den­er­satz ver­pflich­tet.

Die „Köl­ni­sche Rund­schau“be­rich­te­te in ih­rer Aus­ga­be vom 3. Ja­nu­ar 1947 un­ter der Schlag­zei­le „Kar­di­nal Frings über die Kol­lek­tiv- schuld“. Das Blatt be­rück­sich­tig­te auch die an­de­ren Be­rei­che der Pre­digt und pa­ra­phra­sier­te die Aus­füh­run­gen zum sieb­ten Ge­bot, je­doch oh­ne die von Frings ge­nann­ten Ein­schrän­kun­gen. Ei­ne prak­ti­sche Re­ak­ti­on lie­fer­ten die Köl­ner Bür­ger: Of­fen­sicht­lich nah­men die Dieb­stäh­le der „Klüt­ten“ge­nann­ten Braun­koh­le­bri­ketts im Ja­nu­ar 1947 stark zu. Am 5. Ja­nu­ar 1947 bat der bri­ti­sche Zi­vil­gou­ver­neur von Nord­rhein-West­fa­len, Wil­li­am As­bu­ry, den Kar­di­nal, er mö­ge in ei­ner Er­klä­rung den or­ga­ni­sier­ten Dieb­stahl ver­ur­tei­len. Ei­ne Pres­se­mit­tei­lung von Frings er­schien un­ter dem Ti­tel „Gren­zen der Selbst­hil­fe“am 14. Ja­nu­ar. Gleich­zei­tig teil­te der Po­li­zei­prä­si­dent mit, dass täg­lich 900 Ton­nen Koh­le von Ei­sen­bahn­zü­gen ent­wen­det wür­den und er ge­zwun­gen sei, Koh­len­trans­por­te durch Schutz-, Bahn- und Bel­gi­sche Mi­li­tär­po­li­zei zu schüt­zen. Die Mi­li­tär­re­gie­rung droh­te Die­ben schwers­te Stra­fen an.

Die The­sen des Erz­bi­schofs fan­den ein zwie­späl­ti­ges Echo; die Re­ak­tio­nen schwank­ten zwi­schen vor­be­halt­lo­ser Zu­stim­mung und har­scher Ab­leh­nung. In den zu­stim­men­den Schrei­ben steht die Be­wun­de­rung im Vor­der­grund, dass Frings sich nicht scheu­te, Un­be­que­mes für die Be­sat­zungs­macht zu for­mu­lie­ren, um ei­ne Bes­se­rung der Din­ge her­bei­zu­füh­ren. Ne­ga­ti­ve Zu­schrif­ten kri­ti­sier­ten, dass der Pre­digt­wort­laut ei­ne Rechts­ver­wäs­se­rung zur Fol­ge ha­be.

So neu wa­ren die Ge­dan­ken der Sil­ves­ter­pre­digt al­ler­dings nicht. Be­reits am 12. April 1945 hat­te Erz­bi­schof Lo­renz Ja­e­ger von Pa­der­born sei­nen Pries­tern Richt­li­ni­en an die Hand ge­ge­ben, die das Zu­grei­fen auf frem­des Ei­gen­tum in höchs­ter Not un­ter be­stimm­ten Um­stän­den le­gi­ti­mie­ren hel­fen soll­ten, und auch in ei­ner Be­helfs­aus­ga­be des Kirch­li­chen An­zei­gers für die Diö­ze­se Aa­chen von 1945 oder 1946 kehr­ten die glei­chen Ge­dan­ken wie­der. Frings konn­te sich al­so auf Vor­gän­ger und im Üb­ri­gen all­ge­mein auf die Er­geb­nis­se der ka­tho­li­schen Moral­leh­re stüt­zen, zu­mal die deut- schen Bi­schö­fe in ih­ren Nach­kriegs­hir­ten­brie­fen das Recht auf Ei­gen­tum be­tont hat­ten, mit der Ein­schrän­kung, dass in Not­fäl­len ei­ne ge­rech­te­re Ver­tei­lung er­fol­gen müs­se. Noch am 18. Ju­li 1947 be­rich­te­te die „Köl­ni­sche Rund­schau“denn auch über „Scha­ren von Bri­kett­samm­lern“an den Schie­nen, am 30. Ju­li hieß es, ein Teil­neh­mer an ei­nem Über­fall auf ei­nen Koh­len­zug sei er­schos­sen wor­den.

Frings er­wähnt in sei­nen Er­in­ne­run­gen, die Wort­schöp­fung „fring­sen“sei in den Du­den ge­kom­men; sein Se­kre­tär nennt be­rich­ti­gend den wirk­li­chen Fund­ort, das „Wör­ter­buch der deut­schen Um­gangs­spra­che“von Heim Küp­per. Im In­ter­net­le­xi­kon Wi­ki­pe­dia fin­det sich heu­te ein Ein­trag zum The­ma „fring­sen“: „Frings wur­de mit dem Wort ,fring­sen‘ für ,Mund­raub be­ge­hen‘ in der deut­schen Spra­che ver­ewigt.“

Der Kar­di­nal selbst räum­te ein, dass weit über das „Fring­sen“hin­aus­ge­gan­gen wor­den sei. Und da ge­be es nur ei­nen Weg: un­rech­tes Gut zu­rück­ge­ben, sonst ge­be es kei­ne Ver­zei­hung bei Gott. Bis ins ho­he Al­ter ha­be Frings mit dem The­ma „fring­sen“ge­ha­dert. Der Kar­di­nal ha­be vor sei­nem Tod 1978 im­mer wie­der ge­sagt, dass er das nie so ge­wollt ha­be, be­rich­te­te sein letz­ter Pfle­ger, der Ale­xi­aner­bru­der Wu­ni­bald. Bei der fei­er­li­chen Um­be­nen­nung der Düs­sel­dor­fer Süd­brü­cke über den Rhein in „Jo­sef-Kar­di­nalF­rings-Brü­cke“am 24. Ju­ni 2006 wur­de als Be­ne­fiz-Ak­ti­on an­ge­bo­ten, „rück­wärts zu fring­sen“, in­dem man zu­guns­ten Be­dürf­ti­ger be­son­de­re Bri­ketts kau­fen konn­te.

Ein Denk­mal hat dem Kar­di­nal auch No­bel­preis­trä­ger Gün­ter Grass ge­setzt, als er Ja­cob Grimm bei der Ar­beit am Deut­schen Wör­ter­buch über die Schul­ter schau­te. Grimm ar­bei­tet da ge­ra­de am Buch­sta­ben F: „Als aber der Win­ter nicht en­den woll­te, sprach Kar­di­nal Frings von der Kan­zel her­ab al­le Koh­len­die­be von Sün­de frei, wor­auf das frie­ren­de Volk fort­an je­g­li­che Fut­ter­su­che – auch die fürs Feu­er – ,fring­sen‘ nann­te.“

Bis zu sei­nem Tod be­teu­er­te der Kar­di­nal, er ha­be das al­les nie so ge­wollt

FO­TO: ULLSTEIN

Frau­en steh­len Bri­ketts von ei­nem Last­wa­gen in der Nä­he von Köln – ei­ne Auf­nah­me aus dem Jahr 1947.

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