Was Glad­bach von Ko­pen­ha­gen ler­nen kann

Die dä­ni­sche Haupt­stadt ist Fahr­rad-Me­tro­po­le und Tou­ris­mus-Ma­gnet zu­gleich, setzt städ­te­bau­li­che Ak­zen­te und ver­kör­pert ei­nen ho­hen Wohl­fühl­fak­tor. Al­les Be­rei­che, in de­nen die wach­sen­de Stadt Mön­chen­glad­bach 2017 zu­le­gen will und muss. Ei­ne Stipp­vi­si­te.

Rheinische Post Moenchengladbach - - GESELLSCHAFT - VON JAN SCHNETTLER

Wenn ein Bild tat­säch­lich mehr sagt als tau­send Wor­te, be­darf es kei­ner kom­ple­xen Schau­bil­der, um die viel­zi­tier­te Fahr­rad­freund­lich­keit Ko­pen­ha­gens auf­zu­zei­gen. Dann ge­nügt ein ein­zi­ges De­tail­fo­to von ei­nem Fahr­rad­park­platz, der zu ei­ner Start-up-Schmie­de am In­dia­kaj un­weit der „Klei­nen Meer­jung­frau“ge­hört. Es zeigt Ab­stell­bü­gel, die auf Hö­he des Sat­tels mit ge­wölb­ten Ble­chen über­dacht sind – da­mit die ra­deln­den Mit­ar­bei­ter bei Re­gen und Schnee kei­nen nas­sen Po be­kom­men. Ge­ni­al ein­fach und ir­gend­wie ein­fach ge­ni­al. Hält man dann die viel zu eng ste­hen­den Fahr­rad­bü­gel da­ge­gen, die im Herbst zu­nächst ent­lang der Hin­den­burg­stra­ße plat­ziert wur­den, hat man ei­nen gu­ten Ein­druck da­von, wo rad­fah­rer­freund­li­ches Den­ken Usus ist – und wo dar­an noch ge­feilt wer­den muss.

Doch nicht nur in Sa­chen Rad­ver­kehr hat Ko­pen­ha­gen ei­ne Vor­bild­rol­le. Als sich et­wa das Düs­sel­dor­fer Stadt­mar­ke­ting kürz­lich auf die Su­che nach ei­ner neu­en Dach­mar­ke be­gab, kam her­aus: Wir wol­len wie Ko­pen­ha­gen wer­den. Die dä­ni­sche Haupt­stadt le­ge zu­gleich Wert auf Ge­mein­schaft (al­so Fa­mi­li­en, Netz­wer­ke, Ko­ope­ra­tio­nen) und Frei­heit (al­so To­le­ranz, Of­fen­heit und Selbst­ver­wirk­li­chung) – ei­ne Po­si­ti­on, die in Deutsch­land nur von UniStäd­ten wie Müns­ter und Frei­burg ver­kör­pert wer­de, die aber klei­ner und stär­ker in Tra­di­tio­nen ver­haf­tet sei­en. Düs­sel­dorf wol­le nun als ers­te Me­tro­po­le ei­ne sol­che „Ko­pen­ha­gen-Po­si­ti­on“ein­neh­men.

Das klingt reich­lich hoch­tra­bend. Doch kann sich auch Glad­bach, als im Auf­schwung be­find­li­che Mit­tel­stadt, mit et­was „Da­nish Dy­na­mi­te“durch­aus zu­sätz­li­chen Schub ho­len. Denn et­li­che der Stell­schrau­ben, an de­nen die Stadt nun dre­hen muss, um nach der er­folg­rei­chen Um­kehr des lang­jäh­ri­gen Ab­stieg-Trends wei­ter zu pro­spe­rie­ren, sind in Ko­pen­ha­gen längst er­folg­reich ge­dreht wor­den. Ei­ni­ge Bei­spie­le:

Rad­ver­kehr Ko­pen­ha­gen ist die un­um­strit­te­ne Fahr­rad-Welt­haupt­stadt. Es gibt Hun­der­te Ki­lo­me­ter Rad­we­ge, die oft die gro­ßen Au­to­stra­ßen säu­men oder se­pa­rat ver­lau­fen, viel­fach mehr­spu­rig und mit ei­ge­nen Am­pel­an­la­gen ver­se­hen sind, da­zu gi­gan­ti­sche „Fahr­rad­bahn­hö­fe“an zen­tra­len Stel­len. Mehr als ein Drit­tel al­ler Pend­ler­we­ge wer­den per Rad zu­rück­ge­legt, bis 2026 sol­len es 50 Pro­zent sein. Je­de vier­te Ko­pen­ha­ge­ner Fa­mi­lie be­sitzt ein Las­ten­rad, auch Stra­ßen­rei­ni­gung, Post­zu­stel­lung und ein gro­ßer Teil des Lie­fer­ver­kehrs er­fol­gen mit die­sem Ver­kehrs­mit­tel. Rad­schnell­we­ge aus dem „Speck­gür­tel“in die Haupt­stadt sind in Pla­nung, es gibt ein Bi­ke-Sha­ring-Sys­tem, bei Stadt­pla­nung ge­nießt Rad­ver­kehr mitt­ler­wei­le Prio­ri­tät. Und im No­vem­ber wur­den in der Stadt erst­mals mehr Fahr­rä­der als Pkw ge­zählt. Das al­les ver­bin­det sich zu ei­ner welt­weit ein­zig­ar­ti­gen Fahr­rad­kul­tur, die auch wirt­schaft­li­che, ge­sell­schafts­po­li­ti­sche und tou­ris­ti­sche Aspek­te hat. So schätzt die Stadt Ko­pen­ha­gen et­wa, dass je­der per Fahr­rad zu­rück­ge­leg­te Ki­lo­me­ter der Ge­sell­schaft ei­nen Net­to­ge­winn von 16 Cent ein­bringt, wäh­rend je­der im Au­to zu­rück­ge­leg­te Ki­lo­me­ter ei­nen Ver­lust von neun Cent mit sich bringt – be­grün­det et­wa mit Er­spar­nis­sen im Ge­sund­heits­we­sen.

Die­ser Kul­tur­wan­del je­doch – noch in den 1970ern war auch Ko­pen­ha­gen rei­ne Au­to­stadt – ist nicht zu­letzt Re­sul­tat mas­si­ver An­stren­gun­gen und mil­lio­nen­schwe­rer In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur, die bis in die frü­hen 1980er zu­rück­rei­chen und Be­stand­teil der Stra­te­gie sind, die zen­tra­le In­nen­stadt bin­nen ei­ner De­ka­de au­to­frei zu ge­stal­ten. Wie Ko­pen­ha­gens Um­welt­bür­ger­meis­ter Mor­ten Ka­bell jüngst dem „Guar­di­an“sag­te, soll das aber nicht mit plum­pen Ver­bo­ten ein­her­ge­hen, son­dern mit gleich­zei­ti­gen In­ves­ti­tio­nen in U-Bahn und Rad­we­ge, Rad­park­plät­ze und Schnell­we­ge. Au­to­fah­rer sol­len al­so zum Um­stieg mit­nich­ten ge­zwun­gen, son­dern von des­sen Sinn­haf­tig­keit über­zeugt wer­den.

Wie dem auch sei – für ei­ne Stär­kungs­pakt-Kom­mu­ne wie Mön­chen­glad­bach ist das al­les nicht ko­pier­bar. Was aber durch­aus als In­spi­ra­ti­on die­nen könn­te, sind die vie­len klei­nen Din­ge, die Ko­pen­ha­gens Rad­fah­rern das Le­ben er­leich­tern. Schneit es, wer­den zu­erst die Rad­we­ge ge­räumt, erst da­nach die Stra­ßen – das hat der Stadt­rat so fest­ge­legt. Die Rad­spu­ren sind so­wohl von der Stra­ße als auch vom Geh­weg bau­lich ab­ge­trennt, in der Re­gel durch Bord­stei­ne – was auch das Ab­stei­gen und das War­ten bei Rot­licht er­leich­tert. Vor den meis­ten Ge­schäf­ten gibt es kei­ne pau­scha­len Hal­te­ver­bo­te für Fahr­rä­der, wohl aber das Ge­bot, bit­te längs der Schau­fens­ter zu par­ken und so­mit den Geh­weg nicht zu blo­ckie­ren. Seit 2013 gibt es in­ner­städ­tisch zu­dem man­cher­orts ei­ne fle­xi­ble Park­platz­nut­zung nach vor­ran­gi­gem Be­darf – tags­über für Fahr­rä­der, nachts für Au­tos. Auch das The­ma (Elek­tro)-Las­ten­rad ver­dient Auf­merk­sam­keit – der AstA der Hoch­schu­le Nie­der­rhein bie­tet ein Car­go-Bi­ke für Bür­ger an, auch beim Lo­gis­tik­fo­rum der WFMG im Sep­tem­ber wur­de dar­über dis­ku­tiert. Und dann sind da ja noch be­sag­te Hal­te­bü­gel mit „Sat­tel-Dach“.

Markt­hal­le Seit Jah­ren geis­tert die Idee ei­ner Markt­hal­le auf dem Ka­pu­zi­ner­platz durch Glad­bach. In der Nä­he des Ko­pen­ha­ge­ner Bahn­hofs Nør­re­port wird ide­al­ty­pisch ge­zeigt, wie man so ein Pro­jekt um­setzt. Auf 2500 Qua­drat­me­tern, ver- teilt auf zwei von Ta­ges­licht durch­flu­te­te Hal­len aus Glas und Stahl, er­öff­ne­ten 2011 die „Tor­ve­hal­ler­ne“– auf ei­nem zu­vor lee­ren und in ers­ter Li­nie bei Dea­lern be­lieb­ten Platz. Dar­in fin­den sich mehr als 60 hoch­wer­ti­ge La­den­lo­ka­le, von Ca­fés über Frisch­fleisch-Ver­käu­fern bis hin zu An­bie­tern von Gour­met­scho­ko­la­de und exo­ti­schen Ge­wür­zen. Auf der Frei­flä­che zwi­schen den Hal­len sind wei­te­re Markt­stän­de und Sitz­plät­ze. Höchs­ter Wert wird auf lo­kal und fair pro­du­zier­te Pro­duk­te ge­legt. Tou­ris­ten und Ein­hei­mi­sche glei­cher­ma­ßen fre­quen­tie­ren die Hal­len, die be­wei­sen: Setzt man so et­was wer­tig um, kre­iert man ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal mit Strahl­kraft. Ob so et­was auch in Glad­bach funk­tio­nie­ren wür-

de? Gä­be es ge­nug An­bie­ter (dar­un­ter ört­li­che Bau­ern?) – und ge­nug Kun­den, die (so ver­mark­tet es die Stadt Ko­pen­ha­gen) nicht den Su­per­markt, son­dern den „su­per Markt“gou­tie­ren? In Ver­bin­dung mit der Neu­ge­stal­tung des Ma­ria-Hilf-Are­als mög­li­cher­wei­se. In­des: Selbst in Ko­pen­ha­gen dau­er­te die Um­set­zung 14 Jah­re und war das Pro­jekt 2008 im Zu­ge der Fi­nanz­kri­se fast tot.

Tou­ris­mus Glad­bach hat sich auf die Fah­nen ge­schrie­ben, den Tou­ris­mus zu stär­ken. Auch wenn die Über­nach­tungs- und Be­su­cher­zah­len seit Jah­ren stei­gen, kann und wird das nie be­deu­ten, dass Men­schen­mas­sen für drei Wo­chen am Stück nach Glad­bach rei­sen – es wird im­mer die Re­de von Ta­ges­tou­ris­ten sein so­wie von Bu­si­ness­gäs­ten und Ver­an­stal­tungs­be­su­chern, die so­wie­so in der Stadt sind und bes­ser als bis­her „ab­ge­holt“wer­den müs­sen. Auch un­ter tou­ris­ti­schen Ge­sichts­punk­ten zeigt Ko­pen­ha­gen, wie man Be­su­cher mög­lichst kom­for­ta­bel, ein­fach und ziel­ge­rich­tet um­sorgt – mit der „Co­pen­ha­gen Card“. Das Kärt­chen bie­tet frei­en Ein­tritt in 75 Mu­se­en und Se­hens­wür­dig­kei­ten, kos­ten­lo­se Be­för­de­rung mit dem ÖPNV und zahl­rei­che Ra­bat­te auf At­trak­tio­nen, Re­stau­rants und Ak­ti­vi­tä­ten. Für drei Ta­ge kos­tet die Kar­te pro Per­son um­ge­rech­net 85 Eu­ro – kein Pap­pen­stiel, sie ren­tiert sich aber schnell. Wie könn­te so ein An­ge­bot nun für Glad­bach aus­se­hen – be­zie­hungs­wei­se die Re­gi­on? Denn ein An­ge­bot al­lei­ne für die Stadt wür­de schnell an Gren­zen sto­ßen. Und die Er­kennt­nis, dass die Zeit der Ein­zel­kämp­fer dies­be­züg­lich vor­bei ist, ist bei al­len Be­mü­hun­gen um die Ent­wick­lung des Glad­ba­cher Mar­ken­kerns un­s­trit­tig – das zeigt nicht zu­letzt der Bei­tritt der Stadt zur Me­tro­pol­re­gi­on Rhein­land. Ei­ne Ra­batt­kar­te, die nun bei­spiels­wei­se die ÖPNV-Nut­zung im VRR be­inhal­tet, den Ein­tritt in die Ski­hal­le Neuss so­wie den Kre­fel­der Zoo um­fasst und zu­sätz­lich zur Sta­di­on­füh­rung im Bo­rus­sia-Park und zum Be­such des Mu­se­ums Ab­tei­berg und der Glad­ba­cher Schlös­ser ein­lädt, wür­de den Tou­ris­mus in­ner­halb der Re­gi­on zwei­fels­oh­ne stär­ken – und auch mal ei­nen Kre­feld-Be­su­cher zu­sätz­lich nach Glad­bach lo­cken, der sonst gar nicht auf die Idee kä­me. Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl Ko­pen­ha­gen ist, wie ganz Dä­ne­mark, bei al­ler nor­di­schen Küh­le da­für be­kannt, „hyg­ge­lig“zu sein – „ge­müt­lich“, „an­ge­nehm“, „Ge­bor­gen­heit aus­strah­lend“al­so in et­wa. Da­von sind der Nie­der­rhein mit sei­ner Be­to­nung von Brauch­tum und Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl und spe­zi­ell Glad­bach mit sei­nem viel­fäl­ti­gen En­ga­ge­ment für das Ge­mein­wohl (das über­dies fi­nan­zi­ell von der Kom­mu­ne ge­för­dert wird) gar nicht weit ent­fernt. Auf der an­de­ren Sei­te zeigt sich im­mer wie­der, dass Ein­zel­ne ih­re Zer­stö­rungs­wut an dem aus­las­sen, was vie­le er­freut – sei­en es Esels­schwän­ze, Fo­to­aus­stel­lun­gen oder Kar­ne­vals­wa­gen. Viel­leicht ist es an der Zeit, auch mal neue For­men des Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühls aus­zu­pro­bie­ren – und sie den Bür­gern be­wusst zu de­mons­trie­ren. In Ko­pen­ha­gen et­wa ent­zün­det der Weih­nachts­mann je­des Jahr fei­er­lich den gro­ßen Baum vor dem Rat­haus. Die Feu­er­wehr fährt ihn mit Tam­tam dort­hin, ei­ne Marsch­ka­pel­le läuft mit, für Kin­der, El­tern, Se­nio­ren und Tou­ris­ten ist das je­des Mal glei­cher­ma­ßen ein gro­ßes Fest. Und van­da­li­siert wird der Baum für ge­wöhn­lich nicht.

FO­TOS: JAN SCHNETTLER, NEWS ØRESUND/JO­HAN WESSMAN/WI­KI­ME­DIA COMMONS

Oben: Fahr­rad­stän­der mit „Sat­tel-Dach“am Ko­pen­ha­ge­ner In­dia­kaj. Rechts: Je­de vier­te Fa­mi­lie in Ko­pen­ha­gen be­sitzt ein Las­ten­fahr­rad.

FO­TOS: MAR­CEL KUSCH/DPA, ALL­ROUN­DER, HANS KIRCH­HOFF, JÖRG KNAP­PE

Vier At­trak­tio­nen, die sich gut mit ei­ner tou­ris­ti­schen Ra­batt­kar­te ver­bin­den lie­ßen (im Uhr­zei­ger­sinn): Kre­fel­der Zoo, Ski­hal­le Neuss, Mu­se­um Ab­tei­berg und Bo­rus­sia-Park.

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