Das Ge­spenst des vo­ri­gen Som­mers

„A Big­ger Splash“ist auf so fas­zi­nie­ren­de Wei­se miss­lun­gen, dass man den Film ein­fach se­hen muss. Au­ßer­dem ist Til­da Swin­ton da­bei.

Rheinische Post Moenchengladbach - - FILM - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Auf dem oh­ne­hin tol­len Sound­track zu die­sem Film fin­det sich ein sehr schö­nes Lied von Cap­tain Beefhe­art, das „Ob­ser­va­to­ry Crest“heißt. Es wur­de im Jahr 1974 auf­ge­nom­men, und es hat et­was sehr Som­mer­li­ches. Es klingt nach blau­em Was­ser und ge­bräun­ten Fü­ßen, nach Son­nen­licht, das ei­nen zwin­kern lässt. Man wür­de nun ger­ne die­ses Lied neh­men und in End­los­schlei­fe spie­len, und man sä­he da­zu am liebs­ten ei­nen Zu­sam­men­schnitt je­ner Sze­nen, in de­nen Til­da Swin­ton auf­tritt. Die 56-Jäh­ri­ge geis­tert durch die­sen Film, sie ist ja nicht von die­ser Welt, und der DiorDe­si­gner Raf Si­mons hat ihr be­son­ders schö­ne Som­mer­klei­der da­für ge­fer­tigt, zu­meist lang und kaf­tan­ar­tig, und dar­in wirkt sie wie das Ge­spenst des vo­ri­gen Som­mers.

„A Big­ger Splash“ist ein miss­lun­ge­ner Film, aber er liegt auf so fas­zi­nie­ren­de Wei­se da­ne­ben und sieht so un­glaub­lich gut da­bei aus, dass man ihn un­be­dingt se­hen soll­te. Der ita­lie­ni­sche Re­gis­seur Lu­ca Gua­da­gni­no wagt hier ei­ne Neu­ver­fil­mung des Klas­si­kers „Der Swim­ming­pool“aus dem Jahr 1966. Dar­in spiel­ten Ro­my Schnei­der und Alain De­lon die Haupt­rol­len, und es war ein gro­ßes Flir­ren: viel Kör­per, enor­me Span­nung. Die in­ten­si­ve At­mo­sphä­re er­gab sich auch dar­aus, dass da zwei Welt­stars An­zie­hung und Ab­sto­ßung er­prob­ten, die we­ni­ge Jah­re zu­vor im wirk­li­chen Le­ben ein Paar ge­we­sen wa­ren.

Die Rol­le von Schnei­der über­nimmt nun Til­da Swin­ton, seit „I Am Love“(2009) so et­was wie die Mu­se von Lu­ca Gua­da­gni­no. Er er­setzt al­so ei­ne kör­per­lich un­heim­lich prä­sen­te Frau durch ei­nen Luft­geist, durch ei­ne küh­le Er­schei­nung, die man die gan­ze Zeit vor dem Licht und der Son­ne be­schüt­zen möch­te. Die­se Ver­schie­bung ist es­sen­zi­ell, denn „A Big­ger Splash“ist tat­säch­lich kon­stru­ier­ter als die Vor­la­ge, be­rech­nen­der, we­ni­ger echt, und Ero­tik kommt nur­mehr als Zitat und Pro­jek­ti­on vor. Au­ßer­dem will Gua­da­gni­no zu viel. Er lässt die Hand­lung auf der ita­li­e­ni- schen Vul­kan-In­sel Pan­tel­le­ria spie­len, die vor Afri­ka liegt. Ir­gend­wann be­geg­nen die Darstel­ler dort Flücht­lin­gen, die über das Mit­tel­meer ge­kom­men sein müs­sen. Die­ser Mo­ment soll den Ein­bruch der Wirk­lich­keit sym­bo­li­sie­ren, aber er wirkt nicht als Ir­ri­ta­ti­on, auch er bleibt künst­lich und oh­ne Nach­hall.

Den Ti­tel „A Big­ger Splash“trägt auch ein be­rühm­tes Ge­mäl­de von Da­vid Hock­ney, das dem Re­gis­seur als In­spi­ra­ti­on dien­te. Es hängt in der Ta­te Gal­le­ry in Lon­don und zeigt ei­nen Pool in Ka­li­for­ni­en, in den so­eben ein Mensch ge­taucht ist, aber den Men­schen selbst sieht man nicht; da sind nur Spu­ren von ihm, sprit­zen­des Was­ser und Gischt. Das Bild strahlt et­was Un­be­stimm­tes aus, das auch die­sen Film grun­diert. Es er­zählt von Still­stand und Träg­heit, vom Ver­lo­r­en­sein auch und vom Zu­spät­kom­men.

Til­da Swin­ton ist in „A Big­ger Splash“ein Pop­star, den sie als Bo­wie-Wie­der­gän­ger an­legt. Sie kann nicht spre­chen, weil sie ei­ne Stimm­band-OP hat­te, und sie ur­laubt mit Freund Paul (Matthias Scho­ena­erts), der Selbst­mord­ver­such und Ent­zug hin­ter sich hat. Das al­les hat mehr von ei­ner Kur als von Fe­ri­en, und zu er­le­ben sind zwei Men­schen im Tran­sit. Sie ha­ben ei­nen Plat­ten­spie­ler und ein wun­der­ba­res Haus, und die­ser ers­te Teil sieht ver­flixt gut aus: Über­all liegt Obst auf schö­nen Mö­beln, im Pool spie­gelt sich der Him­mel und in Swin­tons chrom­glän­zen­der Bril­le die Son­ne.

Dann kommt Ralph Fi­en­nes hin­zu, Swin­tons Pro­du­zent und frü­he­rer Lieb­ha­ber, und er will die Ver­flos­se­ne zu­rück. Er hat sei­ne Toch­ter da­bei, und über die sagt er: „Sie wirkt schüch­tern, aber sie ist ein ent­zü­cken­des Mist­stück.“Die Toch- ter wird von Da­ko­ta John­son ge­spielt, na­tür­lich soll sie Paul ver­füh­ren, da­mit Fi­en­nes freie Bahn hat, aber man fragt sich, in welch pri­ckel­ar­men Zei­ten wir le­ben, wenn die­se Schau­spie­le­rin als das SexSym­bol un­se­res Jahr­zehnts gilt. John­son spielt ja auch die Haupt­rol­le in der Po­p­o­haue-Rei­he „Sha­des Of Grey“, aber sie hat kei­ne Aus­strah­lung, und auch Matthias Scho­ena­erts be­greift erst, was los ist, als John­son nackt vor ihm steht.

Das ist denn auch das Haupt­pro­blem die­ses Films, dass das über­kreuz­te Be­geh­ren nicht nach­voll- zieh­bar wird, weil die Che­mie un­ter den Darstel­lern nicht stimmt. Ralph Fi­en­nes flüch­tet sich vor dem Miss­lin­gen ins Über­kan­di­del­te. Er rennt durch die­sen Film, reißt die Ar­me hoch, springt in den Pool, und man wird den Ein­druck nicht los, dass da je­mand buch­stäb­lich aus sei­ner Rol­le flüch­tet.

Ein­mal schaut er sich die LPs an, die im Fe­ri­en­haus la­gern, und er fin­det „Emo­tio­nal Res­cue“von den Rol­ling Sto­nes. Er legt sie auf und tanzt zum Ti­tel­stück, ob­wohl man kaum da­zu tan­zen kann, weil es so ver­trackt ist. Und wenn man mal nach­liest, was Died­rich Die­de­rich­sen 1980 über die­se Mu­sik schrieb, fin­det man ein Zitat, das auch zu die­sem Film passt: „Aus je­dem Song grunzt ei­ne sa­tu­rier­te, grie­nen­de Le­bens­freu­de von Leu­ten, de­nen es an nichts fehlt und die sich weit vom Ge­fühl des Man­gels oder des Selbst­zwei­fels ent­fernt ha­ben.“

Im Ab­spann be­weist die Sän­ge­rin St. Vin­cent üb­ri­gens, dass man mit ei­ner Co­ver­ver­si­on das Ori­gi­nal durch­aus über­tref­fen kann. Ih­re Auf­nah­me von „Emo­tio­nal Res­cue“ist un­wi­der­steh­lich. Lu­ca Gua­da­gni­no:

FO­TO: VERLEIH

Sie ist ein Pop­star, er war ihr Lieb­ha­ber, und nun will er sie zu­rück: Til­da Swin­ton und Ralph Fi­en­nes in „A Big­ger Splash“.

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