SO WIRD

Rheinische Post Moenchengladbach - - FILM -

SPD liegt der Pro­zent­satz so­gar bei 20 Pro­zent. Man­fred Güll­ner, Chef des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts For­sa, kann die­se Ent­wick­lung mit Zah­len un­ter­mau­ern. So ge­wann Hel­mut Kohl noch in sei­ner ers­ten Wahl als Kanz­ler 1983 rund 43 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten, al­so ein­schließ­lich der Nicht­wäh­ler. Bei sei­ner Nie­der­la­ge 1998 wa­ren es noch 28 Pro­zent. Sei­ne Nach­fol­ge­rin An­ge­la Mer­kel er­reich­te 2013 bei ih­rer Er­folgs­wahl nur 29 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten (Wah­l­er­geb­nis: 41,5 Pro­zent), weil die Zahl der Nicht­wäh­ler ent­spre­chend stieg. Noch deut­li­cher sind die Ver­lus­te der SPD. Von 1998 bis 2009 hal­bier­te sich ih­re Wähler­zahl von 20 auf zehn Mil­lio­nen. Wenn aber die Stamm­wäh­ler so ra­pi­de ab­neh­men, sind Vor­her­sa­gen schwie­ri­ger. Vie­le ent­schei­den sich so­gar erst in der Wahl­ka­bi­ne. „Wir kön­nen mit dem In­stru­ment der Um­fra­gen kei­ne ex­ak­ten Stim­men pro­gnos­ti­zie­ren, son­dern nur die ak­tu­el­le po­li­ti­sche Stim­mung mes­sen“, sagt der For­sa-Chef.

Trotz­dem spricht nach wie vor vie­les für die Me­tho­dik der Wahl­for­scher. Sie su­chen ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Grup­pe von rund 1000 Per­so­nen aus, die sie nach dem Zu­falls­prin­zip er­mit­teln und per Te­le­fon be­fra­gen. Die Er­kennt­nis­se der Me­di­en­for­schung im In­ter­net ma­chen zwar be­stimm­te Grup­pen sehr trans­pa­rent. Aber sie re­prä­sen­tie­ren nicht die Ge­samt­heit. „Nur 55 Pro­zent der über 65-Jäh­ri­gen ha­ben ei­nen In­ter­net­an­schluss. Das macht On­li­ne-Um­fra­gen wert­los, da ge­ra­de die Äl­te­ren ei­ne wich­ti­ge Wäh­ler­grup­pe sind“, sagt Jung.

Das gu­te al­te Fest­netz mit der re­gio­na­len Zu­ord­nung der Be­frag­ten ist wei­ter­hin der Gold­stan­dard. Bei Mo­bil­funk-Um­fra­gen ha­ben die Wahl­for­scher er­mit­telt, dass dort nur der An­teil der Nicht­wäh­ler hö­her ist. Mit ih­ren tra­di­tio­nel­len In­stru­men­ten hät­ten die De­mo­sko­pen schon bei den Wah­len in Ber­lin und Meck­len­burg-Vor­pom­mern aus den Feh­lern in Be­zug auf die AfD ge­lernt.

Wie wird al­so die AfD im Zeit­al­ter von In­ter­net und Pro­test das Wahl­jahr 2017 be­stim­men? Die Mei­nungs­for­scher sind zu­rück­hal­tend. Nach Un­ter­su­chun­gen von For­sa gibt es seit Jahr­zehn­ten ei­nen An­teil von zehn bis 15 Pro­zent der Be­völ­ke­rung in Deutsch­land, die ein an­ti­de­mo­kra­ti­sches Welt­bild be­sit­zen. „Das kön­nen rechts­ex­tre­me, aber auch rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en aus­schöp­fen“, sagt For­sa-Chef Güll­ner. Die ra­di­ka­le NPD sei dar­an ge­schei­tert, die AfD ge­he ge­schick­ter vor. Und noch ein Po­ten­zi­al ist für sol­che Grup­pen er­reich­bar. Näm­lich Bür­ger, die mit der po­li­ti­schen Klas­se ha­dern, die we­gen Zu­wan­de­rung, An­schlä­gen und Kri­mi­na­li­tät be­sorgt sind, aber das Sys­tem nicht ab­leh­nen.

Bei­de Grup­pen sind durch die so­zia­len Me­di­en wie Face­book oder Twit­ter leich­ter zu er­rei­chen. „Vie­le nei­gen auch zu Ver­schwö­rungs­theo­ri­en oder sit­zen Fal­sch­mel­dun­gen auf, wenn sie ins Welt­bild pas­sen“, hat Güll­ner fest­ge­stellt. Hier droht den eta­b­lier­ten, de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en Ge­fahr. Doch ge­ra­de bei den be­sorg­ten Bür­gern er­ge­ben sich auch Chan­cen für die bis­he­ri­gen eta­b­lier­ten Par­tei­en. „Je­mand wie Kanz­le­rin Mer­kel ver­kör­pert Si­cher­heit, die in­ne­re wie die äu­ße­re und die so­zia­le“, er­klärt Wahl­for­scher Güll­ner. Ih­re Aus­gangs­la­ge im Wahl­jahr 2017 sei des­halb gar nicht so schlecht.

Selbst wei­te­re Ter­ror­an­schlä­ge wür­den we­nig än­dern. „Ge­ra­de die be­sorg­ten Bür­ger scha­ren sich dann um die Staats­macht“, be­haup­tet Güll­ner. Die wür­den sich von der Min­der­heit, die laut­stark im In­ter­net ih­re Pa­ro­len ver­brei­tet, eher ab­wen­den. Das ist kein Frei­brief, Feh­ler zu be­ge­hen oder sich nicht um die Si­cher­heit der Bür­ger zu küm­mern. Sonst könn­ten die Rech­ten auch bei den be­sorg­ten Bür­gern punk­ten. Doch bis da­hin, so lässt sich aus den Be­fun­den der Wahl­for­scher her­aus­le­sen, fühlt sich die gro­ße Mehr­heit bei der heu­ti­gen po­li­ti­schen Eli­te ganz gut auf­ge­ho­ben.

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