SO WIRD

Rheinische Post Moenchengladbach - - FILM - VON REIN­HARD KOWALEWSKY – Bed­burg Bau­ma­schi­nen, Eu­ro­pa­zen­tra­le – Bie­le­feld Näh­ma­schi­nen, 2005 von Shang­gong-Grup­pe übern. – Dort­mund Kreis­sä­gen­blät­ter, Ver­trieb und Pro­duk­ti­on – Düs­sel­dorf Haus­halts- und Mul­ti­me­dia­ge­rä­te, meist Ver­trieb und Mar­ke­ting – Dü

Was ist das wich­tigs­te Ziel von Hen­kel-Chef Hans van By­len im neu­en Jahr? Der Bel­gi­er will wei­te­re Zu­käu­fe wa­gen, den Wasch­mit­tel­kon­zern schnel­ler di­gi­ta­li­sie­ren und das Gan­ze, oh­ne die Schul­den zu stark zu er­hö­hen. Was peilt Post-Chef Frank Ap­pel für 2017 an? Der größ­te Lo­gis­tik­kon­zern der Welt will in noch grö­ße­ren Tei­len Eu­ro­pas und in In­di­en be­vor­zug­ter Di­enst­leis­ter zum Aus­tra­gen von Pa­ke­ten wer­den. Dem E-Com­mer­ce ge­hört die Zu­kunft. Was peilt Bay­er-Chef Wer­ner Bau­mann an? Er hofft auf grü­nes Licht der Kar­tell­äm­ter in 30 Län­dern, um den 59 Mil­li­ar­den Eu­ro teu­ren Kauf des ame­ri­ka­ni­schen Saat­gut­kon­zerns Monsan­to stem­men zu kön­nen. Und wor­auf setzt NRW-Wirt­schafts­mi­nis­ter Gar­relt Du­in? Chi­ne­si­sche Kon­zer­ne sol­len wei­te­res Ka­pi­tal nach Nord­rhein-West­fa­len brin­gen, mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men sol­len sich mehr als bis­her mit Di­gi­tal­tech­nik mo­der­ni­sie­ren – und na­tür­lich hofft der So­zi­al­de­mo­krat auf ei­nen Wahl­sieg der rot-grü­nen Lan­des­re­gie­rung im Mai. Zu­min­dest die gu­te Wirt­schafts­la­ge bun­des­weit könn­te ihm da­bei Rü­cken­de­ckung ver­schaf­fen.

Denn die Pro­gno­sen se­hen trotz po­li­ti­scher Tur­bu­len­zen in vie­len Staa­ten gut aus: Das Kie­ler In­sti­tut für Welt­wirt­schaft (IfW) er­war­tet für das kom­men­de Jahr ei­nen Zu­wachs der deut­schen Wirt­schafts­leis­tung um 1,7 Pro­zent. Die For­scher des „RWI Leib­niz-In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung“in Es­sen rech­nen mit ei­nem Plus von im­mer­hin 1,2 Pro­zent. Ro­si­ger sieht die Deut­sche Bun­des­bank die Zu­kunft: Für das nächs­te Jahr er­war­tet sie nun ein Wirt­schafts­wachs­tum von 1,8 Pro­zent und hat da­mit ih­re ur­sprüng­li­che Pro­gno­se an­ge­ho­ben. Für 2018 und 2019 er­war­ten die Frank­fur­ter im­mer­hin 1,6 und 1,5 Pro­zent.

Die deut­sche Wirt­schaft wächst da­mit stär­ker als ihr Pro­duk­ti­ons­po­ten­zi­al, die Be­schäf­ti­gung legt zu. Was dies be­deu­tet, sagt das Ge­mein­schafts­gut­ach­ten der füh­ren­den deut­schen For­schungs­in­sti­tu­te vom Herbst: Die Ar­beits­lo­sen­quo­te dürf­te im nächs­ten Jahr auf ih­rem his­to­ri­schen Tief von 6,1 Pro­zent ver­har­ren. Die Be­schäf­ti­gung steigt kräf­tig, es ent­ste­hen fast ei­ne hal­be Mil­li­on neue Stel­len. Die In­fla­ti­on legt von un­ge­sun­den 0,4 Pro­zent in die­sem Jahr auf 1,5 Pro­zent im Jahr 2018 zu und kommt da­mit der Ziel­grö­ße der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank von zwei Pro­zent nä­her.

In­ter­es­san­ter­wei­se ist nicht mehr der star­ke Ex­port die größ­te Kon­junk­tur­ma­schi­ne: Ho­he Be­schäf­ti­gung und sin­ken­de Sor­ge vor Job­ver­lust stüt­zen die Nach­fra­ge viel stär­ker. Auch stei­gen­de Staats­aus­ga­ben bei­spiels­wei­se für die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge oder den Stra­ßen­bau hel­fen. Dies bringt Fer­di­nand Ficht­ner, Lei­ter der Ab­tei­lung Kon­junk­tur­po­li­tik am Deut­schen In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (DIW), so auf den Punkt: „Der Ar­beits­markt ist nach wie vor in ei­ner gu­ten Ver­fas­sung und trägt den pri­va­ten Ver­brauch. Dar­über hin­aus ma­chen sich beim öf­fent­li­chen Kon­sum Auf­wen­dun­gen für die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen be­merk­bar, so dass die Bin­nen­kon­junk­tur au­ßer­or­dent­lich gut da­steht.“

Doch die sta­bi­le La­ge in Deutsch­land kann nicht über gro­ße Ri­si­ken in an­de­ren Län­dern hin­weg­täu­schen. Am 20. Ja­nu­ar wird Do­nald Trump sein Amt als US-Prä­si­dent an­tre­ten. Vor­erst ha­ben zwar Hoff­nun­gen auf ho­he Aus­ga­ben für die In­fra­struk­tur so­wie ei­ne neue De­re­gu­lie­rung der Wirt­schaft die Bör­sen be­geis­tert. Doch vie­le Ex­per­ten war­nen. „Ich be­fürch­te, dass Trump nur ein Stroh­feu­er ab­brennt“, sagt der be­rühm­te Har­vard-Öko­nom Lar­ry Sum­mers. Weil Trump mit Steu­er­sen­kun­gen die Staats­schul­den noch hö­her trei­be, wür­den die Zin­sen stei­gen. Als Er­geb­nis wür­de der Dol­lar noch teu­rer, und die klas­si­sche US-In­dus­trie ver­liert wei­ter an Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Rechts­po­pu­list Trump könn­te als Re­ak­ti­on dar­auf – wie im Wahl­kampf an­ge­kün­digt – aus­län­di­sche Wa­ren mit neu­en Zöl­len be­le­gen. Ein sol­cher Rück­fall in den Pro­tek­tio­nis­mus wä­re ge­fähr­lich für die Welt­wirt­schaft und spe­zi­ell für die ex­port­ori­en­tier­te deut­sche Wirt­schaft.

Min­des­tens eben­so wer­den Un­wäg­bar­kei­ten in Eu­ro­pa die Wirt­schaft ver­un­si­chern. So will im April die rechts­ex­tre­me Ma­ri­ne Le Pen fran­zö­si­sche Staats­prä­si­den­tin wer­den. Mit of­fe­nen Märk­ten und frei­em Han­del hat sie eben­so we­nig im Sinn wie Trump. Deut­sche Ar­beit­neh­mer kön­nen nur hof­fen, dass die Fran­zö­sin ver­liert.

Sehr schwer wer­den die Aus­tritts­ver­hand­lun­gen der Eu­ro­päi­schen Uni­on (EU) mit den Bri­ten, die wahr­schein­lich ab März be­gin­nen. Die Wirt­schaft auf bei­den Dür­kopp Ad­ler AG ISP&T Hi­sen­se Hua­wei Min­me­tals Ger­ma­ny Seng­led ZCC Cut­ting Tools Eu­ro­pe ZTE Fo­ton Ger­ma­ny Me­di­on Kie­kert AG XCMG Eu­ro­pe Gen­er­tec Eu­ro­pe Te­max Dong­hua In­dus­tries Eu­ro­pe John­son Con­trols Kö­bo-Dong­hua Sei­ten des Ka­nals wür­de es be­grü­ßen, wenn Groß­bri­tan­ni­en im Bin­nen­markt blei­ben könn­te, so dass Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen wei­ter­hin frei han­del­bar sind. Die Bri­ten wol­len aber die Frei­zü­gig­keit der Ar­beit­neh­mer ein­schrän­ken. Ein sol­ches „Ro­si­nen­pi­cken“kann die EU sich nicht er­lau­ben. Den Bin­nen­markt gibt es nur ganz oder gar. Ein Eu­ro­pa à la car­te darf es nicht ge­ben, will man kei­ne wei­te­ren EU-Aus­trit­te pro­vo­zie­ren. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel weiß das und setzt des­halb auf ei­nen kla­ren Schnitt mit den Bri­ten.

Wenn Lon­don künf­tig als bis­her wich­tigs­ter Fi­nanz­platz Eu­ro­pas nicht mehr Teil der EU ist, wer­den vie­le Ban­ken ih­re EU-Zen­tra­len auf den Kon­ti­nent ver­la­gern. Wo­mög­lich könn­te das Deutsch­land so­gar Vor­tei­le brin­gen. Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le soll bei vier Chefs von ame­ri­ka­ni­schen Ban­ken für die Vor­tei­le von Frank­furt als mög­li­chem neu­en Haupt­stand­ort in Eu­ro­pa ge­wor­ben ha­ben. Im­mer­hin hat dort auch die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank ih­ren Sitz.

Nord­rhein-West­fa­len wird da­ge­gen un­ter dem Aus­tritt der Bri­ten aus der EU lei­den. So gilt die von Bay­er an­ge­führ­te Phar­ma­in­dus­trie als die Bran­che, die von ei­nem Br­ex­it mit Ab­stand am stärks­ten be­trof­fen sein wird, wie ei­ne Stu­die des For­schungs­in­sti­tuts ZEW warnt. Denn wür­den die Bri­ten die heu­te üb­li­chen Au­ßen­zöl­le der EU ein­füh­ren, könn­te das die Phar­mapro- Düs­sel­dorf Neuss Wup­per­tal Le­ver­ku­sen duk­te beim Ver­kauf auf die In­sel um rund 200 Mil­lio­nen Eu­ro ver­teu­ern. Ähn­lich be­trof­fen wä­re die Au­to­in­dus­trie, für die vie­le Zu­lie­fe­rer in NRW ar­bei­ten. Wäh­rend 2015 mehr als 800.000 Au­tos von Deutsch­land nach Groß­bri­tan­ni­en ge­lie­fert wur­den, könn­ten es nach dem Aus­tritt deut­lich we­ni­ger sein – die Wett­be­wer­ber aus Ko­rea drän­gen nach vor­ne.

So sehr die Ent­wick­lun­gen in den USA und Eu­ro­pa un­se­re Wirt­schaft schwä­chen könn­ten, so sehr bleibt Chi­na Lo­ko­mo­ti­ve für Wachs­tum. Lag der Zu­wachs der Wirt­schaft in der Volks­re­pu­blik vor ei­ni­gen Jah­ren zwar noch bei plus zehn Pro­zent im Jahr, er­war­tet der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds für nächs­tes Jahr ein Plus von 6,2 Pro­zent und 2018 sechs Pro­zent. Doch Pro­zent­zah­len er­zäh­len nur die hal­be Wahr­heit. 6,8 Pro­zent mehr Wachs­tum im ab­lau­fen­den Jahr be­zie­hen sich auf ein Brut­to­in­lands­pro­dukt von 11,4 Bil­lio­nen Dol­lar – es geht al­so um ei­nen Zu­wachs von 775 Mil­li­ar­den Dol­lar (740 Mil­li­ar­den Eu­ro).

Da­mit er­wirt­schaf­tet das be­völ­ke­rungs­reichs­te Land der Welt al­lei­ne rund 40 Pro­zent des glo­ba­len Wachs­tums. Kein Wun­der, dass Kon­zer­ne wie Hen­kel, die Post und erst recht Volks­wa­gen, Daim­ler oder BMW die La­ge im Reich der Mit­te ge­nau be­ob­ach­ten. Chi­na ist wich­tigs­ter Ab­satz­markt der hie­si­gen Au­to­bau­er. Ih­re plötz­li­che Stra­te­gie­wen­de hin zum Elek­tro­au­to hängt auch mit der Po­li­tik in Fer­n­ost zu­sam­men: Pe­king be­steht dar­auf, dass ab 2018 je­der Her­stel­ler beim An­satz ei­ne fes­te Quo­te an Elek­tro­au­tos ein­hält. VW, der größ­te Her­stel­ler in der Volks­re­pu­blik, muss 2020 bei der­zeit et­wa drei Mil­lio­nen ver­kauf­ten Au­tos schon 100.000 E-Au­tos ab­set­zen. Ge­mes­sen an die­sen Vor­ga­ben ist Deutsch­land Au­to-Ent­wick­lungs­land.

Aber Chi­na ge­winnt auch als In­ves­tor an Be­deu­tung. Un­ter­neh­men aus der Volks­re­pu­blik er­war­ben 2016 ins­ge­samt 58 deut­sche Fir­men. Das sind 19 Fir­men mehr als im Jahr zu­vor. Da­bei wur­den 11,6 Mil­li­ar­den Eu­ro aus­ge­ge­ben – 20-mal so viel wie 2015. Und das ist nur der An­fang. Chi­na hat De­vi­sen­re­ser­ven von mehr als drei Bil­lio­nen Eu­ro. Das er­laubt ei­ne glo­ba­le Shop­ping­Tour, um das ei­ge­ne Know-how und den Ver­trieb zu stär­ken. 2025 will Chi­na das welt­weit füh­ren­de In­dus­trie­land sein. Chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men wer­den im­mer stär­ke­re Wett­be­wer­ber für deut­sche Kon­zer­ne.

900 chi­ne­si­sche Fir­men ha­ben sich in NRW nie­der­ge­las­sen, mehr als in je­dem an­de­ren Bun­des­land. Wirt­schafts­mi­nis­ter Du­in stört es nicht, dass vie­le nur ih­re Pro­duk­te ver­kau­fen: „Mit den Jah­ren kom­men lo­ka­le Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on hin­zu.“So ent­wi­ckeln Hua­wei und ZTE be­reits Soft­ware in Düs­sel­dorf, bei NGC in Duis­burg wer­den Wind­ro­to­ren-Ge­trie­be aus Chi­na an­ge­passt. Auch die Mit­ar­bei­ter von über­nom­me­nen Tra­di­ti­ons­fir­men wie dem Au­to­zu­lie­fe­rer Kie­kert sei­en zu­frie­den, meint Du­in. „Die neu­en In­ha­ber in­ves­tie­ren in Ma­schi­nen und si­chern lang­fris­tig die Ar­beits­plät­ze.“

Ein gro­ßer Rück­schlag ist, dass die USA den Ver­kauf des Aa­che­ner Ma­schi­nen­bau­ers Aix­tron an chi­ne­si­sche In­ves­to­ren blo­ckier­ten, weil des­sen An­la­gen auch mi­li­tä­risch ge­nutzt wer­den kön­nen. Du­in lässt sich nicht be­ir­ren: „Wir wer­den die Part­ner­schaft zwi­schen Chi­na und NRW wei­ter ver­tie­fen.“

FO­TO: THINKSTOCK

Der Hong­kon­ger Ha­fen ist der fünft­wich­tigs­te der Welt. Über ihn läuft ein gro­ßer Teil der chi­ne­si­schen Ex­por­te in Hö­he von mehr als 2,2 Bil­lio­nen Eu­ro jähr­lich.

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