Die Geis­ter, die Ro­bert Schu­mann rief

Sein groß­ar­ti­ges Vio­lin­kon­zert wird der­zeit von vie­len Gei­gern ent­deckt. Ein Ver­gleich för­dert span­nen­de Ent­de­ckun­gen zu­ta­ge.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BLICKPUNKT KULTUR - V0N VOL­KER HAGEDORN

„Ro­bert hat ein höchst in­ter­es­san­tes Vio­lin­kon­zert be­en­det, er spiel­te es mir ein we­nig vor, doch wa­ge ich mich dar­über nicht aus­zu­spre­chen, als bis ich es erst ein­mal ge­hört“, no­tiert Cla­ra Schu­mann am 7. Ok­to­ber 1853 in ihr Ta­ge­buch. In nur zwei Wo­chen hat Ro­bert die Par­ti­tur ge­schrie­ben, ra­send schnell, die Urauf­füh­rung in Düs­sel­dorf ist drei Wo­chen spä­ter ge­plant, und So­list Jo­seph Joa­chim muss ja noch üben kön­nen. Aber die Düs­sel­dor­fer kip­pen das Pro­gramm. Ein ein­zi­ges Mal nur kann der Kom­po­nist sein Werk hö­ren, un­zu­rei­chend, bei ei­ner Pro­be in Han­no­ver, die Joa­chim im Ja­nu­ar 1854 or­ga­ni­siert. Ei­nen

Das Werk zählt zum Bes­ten, das er für sin­fo­ni­sche Be­set­zung ge­schrie­ben hat

Mo­nat spä­ter ver­sucht Schu­mann, sich im Rhein zu er­trän­ken, zwei Jah­re spä­ter stirbt er in Bonn.

Ach, hät­ten ihm Geis­ter­stim­men doch noch zu­ge­flüs­tert, dass 150 Jah­re spä­ter fast al­le gro­ßen Gei­ger sein Stück spie­len wür­den! Vor­läu­fi­ge Krö­nung: drei der der­zeit pro­fi­lier­tes­ten Gei­ge­rin­nen. Als ers­te leg­te Isa­bel­le Faust vor ei­nem Jahr ih­re Auf­nah­me mit dem Frei­bur­ger Ba­rock­or­ches­ter vor, es folg­te Patricia Ko­patchin­ska­ja mit dem WDR-Sin­fo­nie­or­ches­ter, und nun ist auch Ca­ro­lin Wid­manns Auf­nah­me mit dem Cham­ber Orches­tra of Eu­ro­pe (COE) zu ha­ben. Die Mu­si­ke­rin­nen, al­le zur Ge­ne­ra­ti­on der frü­hen 1970er zäh­lend, ha­ben end­gül­tig je­ne Stu­fe der Re­zep­ti­on ge­zün­det, auf der es nicht mehr um ei­ne um­strit­te­ne Ra­ri­tät geht.

Denn die­ses Werk ge­hört zum Groß­ar­tigs­ten, was Schu­mann für sin­fo­ni­sche Be­set­zung ge­schrie­ben hat. Ein neu­er Ton ist da zu hö­ren, im ers­ten d-Moll-Satz block­haft Archai­sches in ex­pres­si­ve Rück­bli­cke drän­gend, im zwei­ten Satz sub­tils­te Rhyth­mik. Mit dem Fi­na­le in­des hat­te schon Cla­ra ein Pro­blem, und Joa­chim fand es „ent­setz­lich schwer für die Gei­ge“. War das ein Grund, die Par­ti­tur zu ver­ste­cken? Auf Cla­ras Wunsch kam sie nicht in die Ge­samt­aus­ga­be. Joa­chim, Be­sit­zer des Au­to­graphs, ver­wies da­zu 1889 auf „ei­ne ge­wis­se Er­mat­tung, wel­cher geis­ti­ge Ener­gie noch et­was ab­zu­rin­gen sich be­müht“.

Auf ihn und Cla­ra geht die zäh­le­bi­ge „ideé fi­xe“zu­rück, Schu­manns Spät­werk zei­ge Zü­ge geis­ti­ger Zer­rüt­tung. Joa­chims Sohn ver­kauf­te das Au­to­graf der Preu­ßi­schen Staats­bi­blio­thek 1907 mit der Auf­la­ge, das Kon­zert 100 Jah­re lang nicht zu pu­bli­zie­ren, Schu­manns Toch­ter Eu­ge­nie wehr­te sich noch als Grei­sin ge­gen die Pu­bli­ka­ti­on, die 1937 nur mög­lich wur­de, weil die Na­zis ei­nen „ari­schen“Er­satz für das Vio­lin­kon­zert von Fe­lix Men­dels­sohn brauch­ten. Dem Na­tio­nal­gei­ger Ge­org Ku­len­kampff war die Par­tie zu schwer (an­ders als zur sel­ben Zeit dem jun­gen Ye­hu­di Men­u­hin in den USA), und kein Ge­rin­ge­rer als Paul Hin­de­mith gab sich da­zu her, von 523 Tak­ten der So­log­ei­ge mehr als die Hälf­te um­zu­schrei­ben, sie hoch­zuok­ta­vie­ren, ein­fa­cher spiel­bar und da­bei „bril­lan­ter“zu ma­chen – was fau­le Rou­ti­niers gern „dank­bar“nen­nen.

Auch die­se „Urauf­füh­rung“vom 26. No­vem­ber 1937 kann man nun wie­der hö­ren, oh­ne die ein­lei­ten­den Wor­te von Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Go­eb­bels zu Be­ginn die­ser „Kraft durch Freu­de“-Ver­an­stal­tung in Ber­lin. Ge­org Ku­len­kampff hetzt durch den ers­ten Satz wie durch ei­ne Zir­kus­num­mer, den letz­ten Satz hat er von Schu­manns Me­tro- nom­zahl 63 auf 104 hoch­ge­dreht, und der lang­sa­me Satz ver­sinkt zum Glück im spa­ci­gen Zir­beln der In­ter­fe­ren­zen und Da­ten­ver­lus­te, die sich beim Über­spie­len wel­ker Wachs­plat­ten auf Band er­ga­ben. Ob­wohl auch Ye­hu­di Men­u­hin das Werk we­nig spä­ter in den USA spiel­te, hat­te es nun ei­nen brau­nen Schat­ten zu­sätz­lich zum Zer­rüt­tungs­ver­dacht. Wirk­lich ver­läss­li­che No­ten­aus­ga­ben gibt erst seit knapp zehn Jah­ren.

Die­se lan­ge Ge­schich­te ist wie weg­ge­bla­sen, wenn das fa­mo­se Cham­ber Orches­tra of Eu­ro­pe di­ri- gen­ten­los in den ers­ten Satz ein­steigt, schnel­ler als von Schu­mann ge­dacht, vol­ler Sturm und Drang. Die lee­ren E-Sai­ten der Gei­gen wer­den be­wusst ex­pres­siv, fast schmerz­haft ein­ge­setzt, was die Nach­denk­lich­keit der So­lis­tin um so deut­li­cher macht. Den hal­ben No­ten zwi­schen ih­ren Sech­zehn­teln sinnt Ca­ro­lin Wid­mann wie mit wei­ten Bli­cken nach, wäh­rend Ko­patchin­ska­ja die­se Tö­ne ank­rallt, hin­schmeißt, fast wü­tend, und Isa­bel­le Faust lan­ge und kur­ze No­ten in Schön­heit ver­bin­det – nu­an­cen­reich, nicht ober­fläch­lich.

Das Frei­bur­ger Ba­rock­or­ches­ter, von Pa­blo He­ras-Ca­sa­do ge­lei­tet, ent­wi­ckelt da­bei nicht so viel Sog wie das Cham­ber Orches­tra of Eu­ro­pe, lässt aber Re­gis­ter­wech­sel, Farb­kon­tras­te deut­li­cher wer­den und ist tro­cke­ner auf­ge­nom­men. Das grö­ßer be­setz­te WDR-Sin­fo­nie­or­ches­ter un­ter Heinz Hol­li­ger, als Au­tor ein kom­pe­ten­ter und sub­ti­ler Schu­mann-Ver­ste­her, wirkt da­ge­gen et­was ge­de­ckelt und un­ter­spannt – in ku­rio­sem Kon­trast zur Gei­ge­rin Patricia Ko­patchin­ska­ja, der ihr Ei­gen­sinn öf­ter wich­ti­ger ist als das poe­ti­sche Po­ten­zi­al der Mu­sik. Kra­chen­de Ton­bil­dung im For­te und Pia­nis­si­mi an der Gren­ze der Hör­bar­keit kön­nen durch­aus ner­ven, auch wenn man ihr al­le Ak­tio­nen glaubt und sich oft fragt, was ihr wohl als nächs­tes ein­fällt. Sie gibt ein biss­chen das „bad girl“.

Die Über­ra­schun­gen ih­rer Kol­le­gin­nen lie­gen in dem, was sie bei Schu­mann ent­de­cken. Wäh­rend Isa­bel­le Faust ihn be­hut­sam mit der wei­ten Welt ver­bin­det, geht Ca­ro­lin Wid­mann ins In­ne­re und be­schert uns im lang­sa­men Satz die zärt­lichs­ten Tö­ne, un­fass­bar in­tim. Ih­re schlich­ten lei­sen Syn­ko­pen in Takt 13 und 14 wagt man kaum ein zwei- tes Mal zu hö­ren, so et­was Un­wie­der­bring­li­ches ha­ben sie. Da­bei hilft frei­lich ei­ne Aus­steue­rung, die die So­lo­vio­li­ne auch bei lei­ses­ten Tö­nen un­ter­stützt, wäh­rend Isa­bel­le Faust rea­lis­ti­scher auf­ge­nom­men wur­de, tie­fer im Ge­flecht der um­ge­ben­den Tö­ne. Ge­nau das hat man Schu­mann – im bor­nier­ten Ver­gleich mit Gen­re­stan­dards – vor­ge­wor­fen: Sein So­lo­part be­we­ge sich zu oft im Schat­ten tie­fe­rer La­gen.

Viel­leicht nimmt sich da ein­fach ein Sub­jekt zu­rück? Im Fi­na­le gilt das al­ler­dings auch fürs Ge­nie. Viel­leicht war es Zeit­druck, der Schu­mann hier auf die „Images der Po­len­ro­man­tik“(so der Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Rein­hard Kapp) ver­trau­en ließ: Ei­ne gi­gan­ti­sche Po­lo­nai­se tritt auf der Stel­le, Holz­blä­ser ver­brei­ten schau­er­li­chen säch­si­schen Hu­mor und die Gei­ge spinnt fin­ger­bre­che­ri­sche Gir­lan­den. Soll man das ein­fach schnell hin­ter sich brin­gen? Wid­mann und Ko­patchin­ska­ja dre­hen das Tem­po auf 80 hoch, nur Faust lässt sich (fast) auf Ro­berts An­ga­be ein, und prompt scheint die Vio­li­ne doch et­was zu sa­gen. Nur was? Rät­sel hin­ter ei­ner lä­cheln­den Mas­ke: Wir soll­ten nicht glau­ben, ihn jetzt zu ken­nen.

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