Um­fra­gen ver­sus Wirk­lich­keit

Sta­tis­ti­kern zu­fol­ge ist die Uni­on be­liebt wie nie – zu­gleich ste­hen Mer­kel-kri­ti­sche Sach­bü­cher auf den Best­sel­ler­lis­ten. Wie passt das zu­sam­men?

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - Chris­toph Schwen­ni­cke ist Chef­re­dak­teur des „Ci­ce­ro“und schreibt re­gel­mä­ßig an die­ser Stel­le im Rah­men ei­ner Ko­ope­ra­ti­on. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rhei­ni­sche-post.de

Zwei­mal in re­la­tiv kur­zer Fol­ge hat der „Spie­gel“un­be­zahl­ba­re Wer­bung für ein Buch ge­macht, das sei­ne Füh­rung für ge­fähr­lich hält. Erst hat­te ein Re­dak­teur Rolf Pe­ter Sie­fer­les „Fi­nis Ger­ma­nia“auf ei­ne ku­ra­tier­te Lis­te des NDR ge­hievt, wo­von sich die Chef­re­dak­ti­on in ei­nem recht bei­spiel­lo­sen Vor­gang dis­tan­zier­te. Dann ver­an­lass­te die Füh­rung des Blat­tes, das Buch von der ei­ge­nen Best­sel­ler­lis­te her­un­ter­zu­neh­men.

Er­geb­nis: „Fi­nis Ger­ma­nia“steht bei Amazon wie fest­ge­na­gelt auf Platz eins der Best­sel­ler­lis­te. Und Sie­fer­les an­de­res Ver­mächt­nis, „Das Mi­gra­ti­ons­pro­blem“, hat sich im Sog des Skan­dals zwi­schen­zeit­lich auf Platz sechs vor­ge­ar­bei­tet. Auf der Amazon-Lis­te ran­gie­ren ge­ne­rell seit ei­ni­ger Zeit schon po­li­ti­sche Sach­bü­cher sehr weit oben, die sich kri­tisch mit An­ge­la Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik oder ih­rer zwölf­jäh­ri­gen Kanz­ler­schaft be­fas­sen.

Nor­ma­ler­wei­se sucht man po­li­ti­sche Sach­bü­cher ver­ge­bens in die­sen uni­ver­sa­len Lis­ten, auf de­nen sie mit Glücks­fi­beln, Koch­bü­chern und Sex-Rat­ge­bern kon­kur­rie­ren. Der Best­sel­ler „Die Ge­trie­be­nen“, in dem „Welt“-Kor­re­spon­dent Ro­bin Alex­an­der die ent­schei­den­den Ta­ge CHRIS­TOPH SCHWEN­NI­CKE und Wo­chen der Kanz­le­rin und der Ko­ali­ti­on in der Flücht­lings­kri­se akri­bisch pro­to­kol­liert, hat sich dem Ver­neh­men nach schon 150.000 Mal ver­kauft. Zur Ei­n­ord­nung: Ein po­li­ti­sches Sach­buch gilt nor­ma­ler­wei­se schon mit 5000 ver­kauf­ten Ex­em­pla­ren als acht­ba­rer Er­folg.

Die­se Plat­zie­run­gen las­sen sich nicht oh­ne Wei­te­res in Ein­klang brin­gen mit den Um­fra­ge­wer­ten der Uni­on und der Kanz­le­rin, die in­zwi­schen teil­wei­se wie­der bei 40 Pro­zent lie­gen, Ten­denz stei­gend. Schwer in Ein­klang zu brin­gen mit Mer­kels Hö­hen­flug sind auch all die Le­ser­kom­men­ta­re un­ter ein­schlä­gi­gen On­line-Ar­ti­keln, zu­letzt je­nen über den is­la­mis­ti­schen Mes­ser­mör­der von Ham­burg, der im Zu­ge der Flücht­lings­wel­le oh­ne Pa­pie­re nach Deutsch­land ge­kom­men war. Wei­test­ge­hend ein­hel­lig sind die Mei­nungs­äu­ße­run­gen dort.

Gibt es da drau­ßen ei­ne an­de­re Wirk­lich­keit, ei­ne an­de­re Stim­mung, ei­ne grö­ße­re und hart­nä­cki­ge­re Ab­nei­gung ge­gen die Kanz­le­rin und ih­re Po­li­tik, als es die Um­fra­gen im Mo­ment ab­bil­den? Oder sind die Da­ten im Netz ver­zerrt, weil dort AfD-af­fi­ne Kli­en­tel über­pro­por­tio­nal un­ter­wegs ist und Bü­cher auch als Best­sel­ler in so klei­nen ab­so­lu­ten Men­gen ge­kauft wer­den, dass die Top-Plat­zie­run­gen der kri­ti­schen Mer­kel-Li­te­ra­tur nichts aus­sag­ten?

Ent­we­der ist das al­les Ver­zer­rung und Bla­se. Oder die Re­pu­blik schaut am 24. Sep­tem­ber um 18 Uhr er­staunt und ver­dutzt auf die ers­ten Bal­ken­dia­gram­me im Fern­se­hen.

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