Er macht die Fü­ße schön

Der Po­do­lo­ge Jörg Ber­nar­dy hat sei­ne Pra­xis in der Rhe­ydter In­nen­stadt. Am häu­figs­ten be­han­delt er Hüh­ner­au­gen. Sei­ne Pa­ti­en­ten sind zwi­schen 13 und 90 Jah­re alt. Nicht im­mer pas­se ein Fuß zum sons­ti­gen Er­schei­nungs­bild, sagt er.

Rheinische Post Moenchengladbach - - STADTTEILE - VON AR­NOLD KÜSTERS

RHE­YDT Sie kommt zu Fuß. Na, klar. Auch mit 86 ver­traut Wal­traud Her­ten ih­ren Fü­ßen. Wo­bei: „Ich bin froh, dass ich noch so lau­fen kann. Aber im Au­gen­blick sind die ziem­lich ram­po­niert we­gen der Hit­ze.“Um­stands­los setzt sie ih­re Hand­ta­sche ne­ben dem Be­hand­lungs­stuhl ab und macht es sich be­quem. „Nun wer­den sie wie­der schön ge­macht.“Sie ko­ket­tiert ein we­nig – mit Freu­de: „Heu­te sind mei­ne Fü­ße alt und se­hen klein und ma­ger aus. Die sind watt knub­be­lig. Aber frü­her wa­ren sie schön.“

Der Po­do­lo­ge Jörg Ber­nar­dy trägt be­reits Mund­schutz und zieht Ein­mal­hand­schu­he über. Er kennt sei­ne Pa­ti­en­tin schon ei­ne gan­ze Wei­le: „Ir­gend­was Be­son­de­res heu­te? Tut nix weh?“Nach ei­ner kur­zen Pau­se fügt er hin­zu: „Oh, ich ha­be ei­ne Druck­stel­le ent­deckt. Ein klei­nes Hüh­ner­au­ge. Hat das nicht ge­drückt?“„Nee, ich bin un­ver­wüst­lich“, kommt es la­pi­dar zu­rück.

Zum Ein­satz kom­men bei Wal­traud Her­ten ein „Kopf­schnei­der“zum Ent­fer­nen der Nä­gel und ein Ge­rät, das an ei­nen Dre­mel aus dem Bau­markt er­in­nert: „Da­mit frä­se und ent­gra­te ich, und tra­ge Horn­haut ab.“Ge­räu­sche macht das Fuß­pfle­ge­ge­rät wie ein Boh­rer beim Zahn­arzt. Je nach Be­darf greift der Fach­mann für Fü­ße auch auf sein Skal­pell mit den ver­schie­de­nen Klin­gen und das „Dop­pe­lin­stru­ment“zu­rück. Da­mit wer­den die seit­li­chen Na­gel­rän­der sau­ber­ge­macht. Die be­nutz­ten In­stru­men­te lan­den in ei­ner Scha­le, ähn­lich wie in ei­nem Ope­ra­ti­ons­saal.

Dies­mal dau­ert die Be­hand­lung kaum 30 Mi­nu­ten, sie kann aber auch schon über ei­ne drei­vier­tel St­un­de ge­hen, „wenn zum Bei­spiel noch Horn­haut ab­ge­tra­gen wer­den muss.“Die Se­nio­rin sagt es zu­frie­den so: „Die Fü­ße freu­en sich.“Be­vor Jörg Ber­nar­dy sei­ne nächs­te Pa­ti­en­tin emp­fängt, kehrt er die Na­gel­res­te zu­sam­men und legt ein fri- sches Be­hand­lungs­be­steck be­reit. Hy­gie­ne ist in sei­ner Pra­xis für Po­do­lo­gie obers­tes Ge­bot: „Wir nut­zen ein mehr­stu­fi­ges Ver­fah­ren für die Ste­ri­li­sa­ti­on des Be­stecks, das zu die­sem Zweck auch ein­ge­schweißt wird.“

Ber­nar­dy be­treibt sei­ne Pra­xis Fuss­fit na­he der Rhe­ydter In­nen­stadt seit bei­na­he zehn Jah­ren. Nach ei­ner Pha­se der Ar­beits­lo­sig­keit hat der ge­lern­te Be­triebs­wirt bei der Dia­ko­nie in Düsseldorf hos­pi­tiert, weil er ur­sprüng­lich Heil­prak­ti­ker wer­den woll­te: „Aber dann ha­be ich dort den Be­ruf des Po­do­lo­gen ken­nen­ge­lernt.“Be­reut hat er sei­ne Ent­schei­dung nicht. Zu sei­nen Pa­ti­en­ten pflegt er ein durch­aus fa­mi­liä­res Ver­hält­nis, ähn­lich ei­nem Fri­sör. Auch Jörg Ber­nar­dy er­fährt viel Pri­va­tes: „Ob es nun um die Ein­schu­lung der En­ke­lin geht, oder wer in der Fa­mi­lie ge­ra­de er­krankt ist.“

Seit­her sieht er am Tag rund ein Dut­zend Pa­ti­en­ten. Die jüngs­te ist 13, die äl­tes­ten sind um die 90 Jah­re alt. Meist be­han­delt er Cla­vus Du­rus: Hüh­ner­au­gen. Der über­wie­gen­de Teil der Pa­ti­en­ten kommt mit ei­ner Heil­mit­tel­ver­ord­nung – Dia­be­ti­ker mit Schä­den an den Fü­ßen. Wie der Pa­ti­ent, der sich ge­ra­de von Ber­nar­dys Kol­le­gin El­ke Mieh­le be­han­deln las­sen woll­te. Al­ler­dings schick­te sie ihn gleich zum Arzt. „Der Mann hat ein gro­ßes Loch un­ter dem Fuß. Dia­be­ti­ker mer­ken durch die neu­ro­lo­gi­schen Schä­den am Ge­we­be so et­was nicht“, er­klärt der Po­do­lo­ge die für­sorg­li­che Ent­schei­dung, „die Ge­fahr ei­ner In­fek­ti­on ist zu groß. Im Zwei­fels­fall kann es so­gar zur Am­pu­ta­ti­on kom­men.“

Jörg Ber­nar­dy ist nichts Men­sch­li­ches fremd. We­der ekelt sich der 52Jäh­ri­ge vor Ge­rü­chen noch vor Se­kre­ten. Er ha­be kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te. Da sei er schmerz­frei. Und er hü­tet sich längst, von der äu­ße­ren Er­schei­nung her auf die Fü­ße zu schlie­ßen: „Da kom­men wel­che wie aus dem Ei ge­pellt und dann sieht man ih­re Fü­ße“, schüt­telt er den Kopf. Sein Blick lässt kei­nen Zwei­fel, was er meint. Das war­me Wetter ist für ihn die bes­te Zeit für sei­ne ganz ei­ge­ne Be­stands­auf­nah­me der Glad­ba­cher Fü­ße. Sei­nem Po­do­lo­gen­blick ent­geht nichts, was sich nackt in San­da­len ver­steckt: „Dann den­ke ich oft, der oder die könn­te mal zur Fuß­pfle­ge ge­hen.“

War­um die Men­schen so we­nig Acht ge­ben auf ihr wich­tigs­tes Fort­be­we­gungs­mit­tel, dar­über muss der ge­bür­ti­ge Düs­sel­dor­fer nicht lan­ge nach­den­ken: „Das liegt dar­an, dass sie so weit weg sind vom Kopf. Und meist in So­cken und Schu­hen ver­steckt wer­den.“Lei­der kä­men vie­le, „wenn es schon zu spät ist und wun­dern sich dann, was sie al­les ha­ben.“Statt­des­sen soll­ten Fü­ße re­gel­mä­ßig in­spi­ziert und ge­pflegt wer­den, schließ­lich müs­sen sie ja lan­ge hal­ten. Jörg Ber­nar­dy emp­fiehlt, sie mehr­mals die Wo­che ein­zu­cre­men. Ein Rat, den er selbst be­folgt. Er ist ge­ra­de mit sei­ner Frau von ei­ner 500 Ki­lo­me­ter Wan­de­rung über den Ja­cobs­weg zu­rück, oh­ne Bla­sen an den Fü­ßen: „Wir ha­ben vor den Ta­ges­etap­pen mit Hirsch­talg ein­ge­rie­ben. Und auch da­nach.“

Die Aus­bil­dung zum Po­do­lo­gen, me­di­zi­ni­schen Fuß­pfle­ger, dau­ert in Voll­zeit zwei Jah­re, aber sie kann auch in Teil­zeit ab­sol­viert wer­den. In je­dem Fall muss sie aus ei­ge­ner Ta­sche fi­nan­ziert wer­den, im­mer­hin run­de 10.000 Eu­ro. Das mag auch der Grund sein, so Ber­nar­dy, „war­um es kaum Nach­wuchs gibt. Die Po­do­lo­gen in Mön­chen­glad­bach sind al­le­samt über­las­tet; auch weil im ver­gan­ge­nen Jahr ei­ni­ge Pra­xen ge­schlos­sen ha­ben.“Bei der Ver­ab­schie­dung hat­te Wal­traud Her­ten für ih­ren Po­do­lo­gen dem­ent­spre­chend ei­nen gu­ten Rat pa­rat: „Kom­men Sie gut durch den Som­mer – wir brau­chen gu­te Fü­ße.“

FOTO: ISA­BEL­LA RAUPOLD

Jörg Ber­nar­dy bei sei­ner täg­li­chen Ar­beit. In sei­ner Pra­xis für Po­do­lo­gie küm­mert er sich um die Fü­ße sei­ner Pa­ti­en­ten.

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