Von Hil­fe für Kriegs­op­fer zum So­zi­al­ver­band

Der VdK Oden­kir­chen fei­er­te sein 70-jäh­ri­ges Be­ste­hen. In den Jahr­zehn­ten hat sich die Art der Be­ra­tung ver­än­dert. Wa­ren es zu Be­ginn Fra­gen zur Kriegs­ver­sehrt­heit, ist es jetzt vor al­lem die Ren­te.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON MAREI VITTINGHOFF

Es war das Jahr 1952, als Hans Seg­schnei­der zum Ver­sor­gungs­amt ging, um sich sei­ne Schwer­ver­let­zung be­stä­ti­ge zu las­sen. Vier­mal wur­de er im Krieg ver­wun­det, am 28. Fe­bru­ar 1944 – Seg­schnei­der kennt das Da­tum noch ganz ge­nau – so­gar so stark, dass die Ärz­te über­leg­ten, ihm bei­de Bei­ne ab­zu­neh­men. 22 Split­ter be­fan­den sich in sei­nem Kör­per – die Ant­wort, die er vom Ver­sor­gungs­amt er­hielt, aber war er­nüch­ternd: „Sie sind Leh­rer, bei Ih­nen macht das nichts aus. Das biss­chen, das sie an Sport un­ter­rich­ten, schaf­fen Sie auch so.“Seg­schnei­der mach­te sich zu­nächst nichts draus, „es gibt Schlim­me­res“, sag­te ihm sein Va­ter. Als 1964 die Schmer­zen stär­ker wur­den, wur­de der Rhe­ydter Mit­glied im VdK und wur­de vor dem So­zi­al­ge­richt ver­tre­ten – mit Er­folg. Die ver­min­der­te Er­werbs­fä­hig­keit wur­de be­stä­tigt.

Seg­schnei­ders Bei­spiel ei­ner wirk­sa­men Ver­tre­tung durch den VdK ist nur ei­nes von vie­len. Die­ses Jahr fei­ert der VdK Oden­kir­chen sein 70-jäh­ri­ges Be­ste­hen. Mit dem, was er zu sei­ner Grün­dungs­zeit ein­mal war, hat der Ver­band heu­te nur noch we­nig ge­mein. Seg­schnei­der hat die Ent­wick­lung des VdK vom Kriegs­op­fer­ver­band zum mo­der­nen So­zi­al­ver­band in ei­nem Heft nie­der­ge­schrie­ben.

Als im Mai 1945 die Waf­fen schwei­gen und die Men­schen vor ih­ren kör­per­li­chen und see­li­schen Trüm­mern ste­hen, macht sich Mut­lo­sig­keit un­ter den Bür­gern breit. Die Kriegs­op­fer sind auf So­zi­al­hil­fe an­ge­wie­sen, ei­ne Ver­sor­gung je­doch gibt es nur für Schwer­be­schä- dig­te. Die meis­ten sind jung, ha­ben nicht in die Ren­ten­ver­si­che­rung ein­ge­zahlt. Kriegs­ver­sehr­te, Bom­ben­op­fer, Wai­sen und Wit­wen tun sich zu­sam­men, um ge­mein­sam An­er­ken­nung zu er­kämp­fen und das Recht auf Ver­sor­gung ein­zu­kla­gen. Als Ver­ei­ni­gung soll das Ren­ten- und Ent­schä­di­gungs­recht ge­stal­tet wer­den. Im­mer mehr Selbst­hil­fe­grup­pen bil­den sich, in Mön­chen­glad­bach und Rhe­ydt ent­steht je ein „Bund für Kör­per­be­hin­der­te“– der Be­griff „Kriegs­op­fer“war von der Bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung nicht ge­neh­migt wor­den.

Die Zahl der Hil­fe­su­chen­den stieg. In Rhe­ydt gab es bald acht Orts­grup­pen mit mehr als 3000 Mit­glie­dern – aus Hilf­lo­sig­keit war Hilfs­be­reit­schaft ge­wor­den. 1947, als die Ver­sor­gung der Kriegs­op­fer durch ei­ne So­zi­al­ver­si­che­rungs­di- rek­ti­ve ge­re­gelt wur­de, be­nann­te sich der „Bund der Kör­per­be­hin­der­ten“in den „Reichs­bund der Kriegs­be­schä­dig­ten und Hin­ter­blie­be­nen“um. Im sel­ben Jahr wur­de der „Ver­band der Kriegs­be­schä­dig­ten, Hin­ter­blie­be­nen und Rent­ner Deutsch­lands e.V.“ge­grün­det – der VdK war ge­bo­ren.

Auch nach­dem 1950 die Ver­sor­gung durch das Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz ein­heit­lich ge­re­gelt wor­den war, kämpf­te man in den Ort­ver­bän­den ge­mein­sam ge­gen die Not und die Ver­ein­sa­mung an. In den 1970er Jah­ren ge­hen die Auf­ga­ben des Ver­ban­des weit über die Be­treu­ung der Kriegs­op­fer hin­aus, die Mit­glie­der wer­den äl­ter, die neue Ge­ne­ra­ti­on ist nicht mehr mit dem Krieg auf­ge­wach­sen. Wer nun ein­tritt, ist im meist am Kampf um die Ren­ten­rech­te in­ter­es­siert.

Heu­te zählt der Oden­kir­che­ner Orts­ver­band mehr als 450 Mit­glie­der, im Kreis­ver­band sind es so­gar über 4400. „Die Mit­glie­der­zah­len sind ste­tig stei­gend“, weiß Pe­ter Lan­gen­berg. „Das Be­wusst­sein der Men­schen hat sich ge­än­dert. Die Leu­te sind wa­cher ge­wor­den und wis­sen, dass es Mög­lich­kei­ten gibt, sein Recht durch­zu­set­zen.“Ob Pfle­ge­be­dürf­ti­ge, Rent­ner, Men­schen mit Be­hin­de­run­gen oder Op­fer von Ge­walt: Der VdK be­rät in al­len Fra­gen des So­zi­al­rechts, ver­tritt sei­ne Mit­glie­der wei­ter­hin vor Ge­richt, bringt als Men­schen mit ähn­li­chen Pro­ble­men ins Ge­spräch und ver­tritt sei­ne In­ter­es­sen un­ab­hän­gig vor Po­li­tik und Wirt­schaft.

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