Smar­te Tex­ti­li­en sind die Zu­kunft

Die Pro­fes­so­rin­nen er­klä­ren, was Tex­ti­li­en bald kön­nen, war­um Deutsch­land Tech­no­lo­gie­füh­rer ist – und wor­auf sie beim Klei­der­kauf ach­ten.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - DE­NI­SA RICH­TERS UND JAN SCHNETTLER FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW.

Frau Schwarz-Pfeif­fer, was kön­nen Tex­ti­li­en heu­te be­reits al­les? Sie ar­bei­ten ja an so­ge­nann­ten Smart Tex­ti­les, al­so in­tel­li­gen­ten Tex­ti­li­en. AN­NE SCHWARZ-PFEIF­FER Smart Tex­ti­les, al­so sol­che, die ei­ne be­stimm­te Funk­ti­on er­fül­len, kön­nen heu­te bei­spiels­wei­se be­reits leuch­ten oder die Herz­fre­quenz mes­sen. Das kennt man et­wa von EKG-Shirts im Sport­be­reich, die bio­elek­tro­ni­sche Da­ten auf­zeich­nen. Über­spitzt ge­fragt: Gibt es ir­gend­wann ei­nen Schlaf­an­zug, der sei­nem Trä­ger mit­teilt, dass er Vit­amin C be­nö­tigt – oder ein T-Shirt, das vom letz­ten Bier des Abends ab­rät? SCHWARZ-PFEIF­FER Grund­sätz­lich ist so et­was denk­bar. Sen­so­ren in Fo­li­en­form oder auf Pla­ti­nen könn­ten ir­gend­wann in Tex­ti­li­en in­te­griert, auf­ge­stickt, ein­ge­webt oder ein­ge­strickt wer­den. Das ist aber noch Zu­kunfts­mu­sik. Wo geht der Weg denn hin? Was kön­nen Tex­ti­li­en in zehn, 20 Jah­ren? SCHWARZ-PFEIF­FER Ge­ne­rell gibt es ei­nen Trend zu leich­te­ren, funk­tio­na­le­ren Ma­te­ria­li­en. Mem­bran­tex­ti­li­en im Sport sind be­reits zu­gleich re­gen­ab­wei­send und kom­for­ta­bel, sol­che Ent­wick­lun­gen wer­den sich fort­set­zen. Selbst­leuch­ten­de Fahr­r­ad­ja­cken könn­ten sich bald eta­bliert ha­ben. Zu­kunfts­mu­sik ist bei­spiels­wei­se noch, dass man Tex­ti­li­en zur Herz­un­ter­stüt­zung ein­setzt. Das sä­he dann so aus, dass man ein tex­ti­les Netz um das Herz legt, in dem an je­dem Kreu­zungs­punkt ei­ne Sti­mu­la­ti­ons­elek­tro­de in­te­griert ist, die von au­ßen an­ge­steu­ert wer­den kann. Das wä­re ei­ne neue Form des Herz­schritt­ma­chers und viel scho­nen­der als al­les, was es heu­te gibt. MAI­KE RA­BE Die­se Ent­wick­lung, dass es ei­ner­seits hoch­prei­si­ge Spe­zia­li­tä­ten gibt und an­de­rer­seits sehr, sehr bil­li­ge Wa­re, die un­ter men­schen­un­wür­di­gen Um­stän­den pro­du­ziert wur­de, muss man da­bei je­doch drin­gend ab­wen­den. Zu­künf­tig wird es wich­ti­ger wer­den, dass al­le Ge­sell­schafts­schich­ten Zu­gang zu in­di­vi­du­el­ler Mo­de ha­ben kön­nen, oh­ne dass da­für ir­gend­wo in Nied­rig­lohn­län­dern Men­schen un­ter skla­ven­ar­ti­gen Be­din­gun­gen pro­du­zie­ren. Um­welt­schutz und so­zia­le Ar­beits­be­din­gun­gen – auch das sind zen­tra­le Aspek­te, wenn man über die Tex­ti­li­en der Zu­kunft spricht. Ha­ben Sie die Mög­lich­keit, mit Ih­rer Ar­beit dies­be­züg­lich et­was zu ver­än­dern? RA­BE Ja, über die Leu­te, die wir aus­bil­den, und über For­schungs­pro­jek­te. Un­ser Fach­be­reich hat 2000 Stu­die­ren­de, und vie­le von ih­nen wer­den zu­künf­tig bei Ent­schei­dern ar­bei­ten, die et­was an den Be­din­gun­gen än­dern kön­nen, ob es nun Kik, Peek & Clop­pen­burg oder Ger­ry We­ber ist, oder sie wer­den dort sel­ber Ent­schei­der sein. Un­se­re Bot­schaft ist des­we­gen im­mer, dass Al­ter­na­ti­ven zu Mensch und Um­welt aus­beu­ten­den Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen ge­schaf­fen wer­den müs­sen. Die Welt än­dert sich ja be­reits. RA­BE Ja, Chi­na et­wa ist schon raus aus der Bil­lig­fer­ti­gung, die su­chen sich jetzt ih­re ei­ge­nen Bil­lig­lohn­re­gio­nen oder -län­der. In zehn Jah­ren so et­was wie ei­ne glo­ba­le Ethik dies­be­züg­lich zu ha­ben, wä­re schön. Aber wahr­schein­lich il­lu­so­risch. SCHWARZ-PFEIF­FER Wir sind als Hoch­schu­le an et­li­chen Pro­jek­ten be­tei­ligt, die so­zia­le und öko­lo­gi­sche Aspek­te im Blick ha­ben, et­wa den Was­ser­ver­brauch bei der Baum­woll­pro­duk­ti­on. Ein an­de­res Pro­jekt un­ter Fe­der­füh­rung des Deut­schen Aka­de­mi­schen Aus­tausch­diens­tes rückt Nord­afri­ka in den Fo­kus: Im Zu­sam­men­spiel zwi­schen In­dus­trie und Lehr- und Aus­bil­dungs­ein­rich­tun­gen sol­len in Nord­afri­ka Struk­tu­ren ge­schaf­fen wer­den, da­mit dort Ar­bei­ten auf ho­hem Ni­veau statt­fin­den kön­nen. Weil die Tür­kei als Part­ner weg­zu­fal­len droht? RA­BE Auch we­gen der lan­gen Lie­fer­stre­cken aus Süd­ost­asi­en und der wie­der­keh­ren­den Pro­ble­me mit dem Trans­port durch den Su­ez­ka­nal. Aber ja, die Tex­til- und Be­klei­dungs­in­dus­trie ist schon im­mer so et­was wie das Fie­ber­ther­mo­me­ter für geo­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen. Spre­chen wir über For­schung an der Hoch­schu­le. Wie wich­tig ist sie? RA­BE Im­mens wich­tig. Denn an der Fach­hoch­schu­le for­schen wir ja nicht für den pu­ren Er­kennt­nis­ge- winn, son­dern da­mit am En­de ein kon­kre­tes Pro­dukt her­aus­kommt. Da­für be­darf es des Dia­logs mit der In­dus­trie, da­mit man nicht am Be­darf vor­bei ent­wi­ckelt. Für die Hoch­schu­le Nie­der­rhein war die Zu­wen­dung zur For­schung ein Ent­wick­lungs­pro­zess, den sie aber sehr, sehr gut hin­be­kom­men hat. In­wie­fern? RA­BE Fach­hoch­schu­len ha­ben ja erst seit dem Bo­lo­gna-Prozess, der eu­ro­pa­wei­ten Har­mo­ni­sie­rung von Stu­di­en­gän­gen und -ab­schlüs­sen, ex­pli­zit die Auf­ga­be, Leh­re und For­schung mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen. Vorher gab es ei­gent­lich nur ei­nen Lehr­auf­trag, auch wenn die ge­mein­sa­me Ent­wick­lung mit der In­dus­trie schon im­mer Stan­dard ge­we­sen ist. Heu­te wird ge­nau das im gro­ßen Stil be­trie­ben, und da­bei ist For­schung ein zen­tra­les Ele­ment, auch um sel­ber Wis­sen zu ge­ne­rie­ren. Das macht den Job at­trak­ti­ver, aber auch uns als Pro­fes­so­ren und Lehr­kräf­te, weil wir im­mer wie­der In­no­va­tio­nen in die Leh­re ein­brin­gen kön­nen. Spielt die Hoch­schu­le Nie­der­rhein in­zwi­schen im Kon­zert der Gro­ßen mit? RA­BE Dass wir 6,3 Mil­lio­nen Eu­ro aus der För­der­initia­ti­ve „In­no­va­ti­ve Hoch­schu­le“des Bun­des­for­schungs­mi­nis­te­ri­ums er­hal­ten ha­ben, ist ei­ne ech­te Aus­zeich­nung. Das zeigt, dass wir ei­ne Vor­bild­hoch­schu­le sind, wenn es dar­um geht, Leh­re, For­schung und den Trans­fer in die In­dus­trie zu be­werk­stel­li­gen. Sind Sie auf Au­gen­hö­he mit den Uni­ver­si­tä­ten? RA­BE Wir sind Ih­nen so­gar vor­aus – auf je­den Fall, was den Dia­log mit der In­dus­trie an­geht. In der For­schung ins­ge­samt ar­bei­ten wir uns Stück für Stück vor­an. Es ist auch fest­zu­hal­ten, dass in ei­ner sehr viel­fäl­ti­gen Bran­che wie der Tex­til- und Be­klei­dungs­in­dus­trie ver­schie­de­ne Au­s­prä­gun­gen von For­schung und Ent­wick­lung ne­ben­ein­an­der exis­tie­ren müs­sen. Hier ver­bes­sert der Wett­be­werb auch die in­di­vi­du­el­len Leis­tun­gen. Wie wich­tig ist die Dritt­mit­tel­ak­qui­se? RA­BE Für rund 20 Pro­zent der For­schungs­ar­beit hat man ei­ne För­de­rung aus der In­dus­trie. Der Lö­wen­an­teil – und das ist das, was uns wich­tig ist – ent­fällt auf Pro­jek­te, bei de­nen ein In­dus­trie­be­trieb und Wis­sen­schaft­ler ge­för­dert wer­den. Da bringt je­der von uns sei­ne Netz­wer­ke ein, um in­no­va­ti­ve Pro­jek­te zu pla­nen und auch zu ge­win­nen. Wo­mit be­schäf­ti­gen Sie sich in Ih­rer täg­li­chen Ar­beit, Frau Ra­be? RA­BE Mit Funk­tio­na­li­sie­rungs­as­pek­ten – im Prin­zip mit der Vor­stu­fe von dem, was Frau Schwar­zP­feif­fer macht. Be­vor sie im Be­reich Smart Tex­ti­les be­stimm­te Ef­fek­te ge­ne­riert, da­mit ei­ne Ober­flä­che bei­spiels­wei­se schmutz­ab­wei­send oder an­ti­mi­kro­bak­te­ri­ell sein kann, muss sich je­mand über­le­gen, wie die Ober­flä­che da­für ent­spre­chend struk­tu­riert sein muss. Was müs­sen Stu­die­ren­de ge­ne­rell mit­brin­gen, um bei Ih­nen er­folg­reich zu sein? SCHWARZ-PFEIF­FER Ex­pe­ri­men­tier­freu­de, En­thu­si­as­mus, die Lust, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren. Bei 1400 Be­wer­bern auf 300 Plät­ze gibt es na­tür­lich auch ei­nen Nu­me­rus clau­sus, der al­ler­dings zu schaf­fen ist, und für den ge­stal­te­ri­schen Be­reich ei­ne Eig­nungs­fest­stel­lungs­prü­fung... RA­BE ...idea­ler­wei­se soll­te man auch na­tur­wis­sen­schaft­lich und in­ge­nieur­wis­sen­schaft­lich nicht gänz­lich un­be­leckt sein. Wie hoch ist der Frau­en­an­teil an Ih­rem In­sti­tut? RA­BE Un­ter den Stu­die­ren­den bei 80 Pro­zent. Am For­schungs­in­sti­tut mit 20 Kräf­ten et­wa Hälf­te/Hälf­te, bei den rund 160 wis­sen­schaft­li­chen Hilfs­kräf­ten eben­falls. Da­mit dürf­ten wir üb­ri­gens das frau­en­las­tigs­te In­sti­tut an ei­ner deut­schen Hoch­schu­le im Tex­til­be­reich sein. Frau Schwarz-Pfeif­fer, Sie for­schen un­ter an­de­rem an sen­sor­ge­stütz­ten, stich­si­che­ren Strick­ja­cken – ist das ein Spie­gel­bild un­se­rer Ge­sell­schaft? SCHWARZ-PFEIF­FER Be­stimmt. Es gibt den Trend, dass Men­schen im Öf­fent­li­chen Di­enst grö­ße­ren Ge­fah­ren aus­ge­setzt sind als frü­her, das be­le­gen Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts. Der Im­puls, in die­sem Be­reich zu for­schen, kam aber vom Ma­te­ri­al­her­stel­ler selbst. Er woll­te wis­sen, wie sei­ne stich­hem­men­den Hoch­leis­tungs­gar­ne wir­ken, wenn man sie ver­strickt. Es könn­te tat­säch­lich sein, dass so et­was für be­stimm­te Be­rufs­grup­pen mal in Se­rie ge­hen wird. Für die Ge­samt­be­völ­ke­rung na­tür­lich hof­fent­lich nicht. Die­ses Pro­jekt ist ein gu­tes Bei­spiel für un­se­re in­ter­dis­zi­pli­nä­re Ar­beit, so kann ich in der For­schung auf Ent­wick­lungs­ar­bei­ten mei­nes Kol­le­gen aus der Strick­tech­no­lo­gie mit Smart Tex­ti­les her­vor­ra­gend auf­bau­en. RA­BE Da ist auch der Be­zug zum The­ma Kon­fek­ti­on nicht ganz un­er­heb­lich – die in­dus­tri­ell im­mer gleich her­ge­stell­te Wes­te tut es da nicht, sie muss in­di­vi­du­ell auf den je­wei­li­gen Kör­per an­ge­passt sein, um ma­xi­ma­le Si­cher­heit zu bie­ten. Über die Strick­tech­nik be­kommt man das hin. Des­we­gen gibt es von Be­hör­den­sei­te tat­säch­lich Kon­tak­te zu un­se­rer Hoch­schu­le, um ge­ra­de im Be­reich Da­men­ober­be­klei­dung in­di­vi­du­el­le Fer­ti­gun­gen hin­zu­be­kom­men, et­wa fürs Mi­li­tär. Wie be­deut­sam wird der 3D-Druck für die Tex­til­her­stel­lung wer­den? RA­BE Ich glau­be dar­an und be­trei­be ein ei­ge­nes For­schungs­pro­jekt da­zu. Es kann sein, dass man die bis­he­ri­ge Pro­duk­ti­on da­mit ei­nes Ta­ges er­set­zen oder er­gän­zen wird. Bis­her geht es bei uns aber nur um 3D-Druck auf tex­ti­len Trä­gern, qua­si als di­gi­ta­le Be­schich­tung. Wir ar­bei­ten dar­an, die Ei­gen­schaf­ten po­ly­me­rer Werk­stof­fe zu ver­bes­sern, dass die Dru­cke so gut wer­den wie das Tex­til selbst. Kön­nen tech­ni­sche Tex­ti­li­en zu ei­ner Re­nais­sance der Tex­til­in­dus­trie in Deutsch­land füh­ren? RA­BE Das ist zu­min­dest ei­ne gro­ße Chan­ce für den Tex­til­stand­ort Deutsch­land. Tex­ti­li­en drän­gen heu­te in fast al­le Be­rei­che der klas­si­schen in­dus­tri­el­len Fer­ti­gung hin­ein, von der Ar­chi­tek­tur bis zur Me­di­zin. Wind­kraft ist ein tex­ti­les The­ma – die Flü­gel sind aus fa­ser­ver­stärk­tem Kunst­stoff. E-Mo­bi­li­tät eben­falls. Der Stand­ort Deutsch­land hat den Vor­teil, dass vie­le In­dus­trie­zwei­ge hier noch vor Ort ver­tre­ten sind, vom Fa­ser­her­stel­ler über den Ma­schi­nen­bau­er bis zum An­wen­der. Deutsch­land ist im Tex­til­be­reich Tech­no­lo­gie­füh­rer, weil al­le tra­di­tio­nel­len Tex­til­re­gio­nen – auch der Nie­der­rhein mit Mön­chen­glad­bach – aus der Not ei­ne Tu­gend ma­chen und in die­se neu­en Be­rei­che rein­ge­gan­gen sind. Zu gu­ter Letzt Hand aufs Herz: Wor­auf ach­ten Sie beim Klei­der­kauf? RA­BE Ich ha­be ei­ne per­sön­li­che Zehn-Pro­zent-Quo­te für Bio- und Öko-Tex­ti­li­en. Ich schaue erst: Gibt es das auch in nach­hal­tig? Wenn ja, kau­fe ich es, aber im­mer geht das nicht. Dann le­ge ich die klas­si­schen Kri­te­ri­en an: Op­tik, Qua­li­tät und Preis. SCHWARZ-PFEIF­FER Ich schaue auf die Op­tik und dar­auf, ob es wasch­bar ist und prak­tisch im All­tag ist.

FO­TO: DET­LEF IL­G­NER

Die bei­den Pro­fes­so­rin­nen An­ne Schwarz-Pfeif­fer (links) und Mai­ke Ra­be leh­ren an der Hoch­schu­le Nie­der­rhein und for­schen un­ter an­de­rem an der Wei­ter­ent­wick­lung von Ein­satz­mög­lich­kei­ten und Her­stel­lung von Tex­ti­li­en.

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