Auf dem Weg zur Wahr­heits­fin­dung

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT LOKAL - VON JAN­NIK SORGATZ

Bei Bo­rus­sia spre­chen sie lie­ber von ei­ner „Er­leb­nis­welt“, die im Herbst 2018 im Neu­bau ne­ben dem Sta­di­on er­öff­net wer­den soll, als von ei­nem „Mu­se­um“. Statt ein­fach nur Re­li­qui­en der Ver­eins­ge­schich­te aus­zu­stel­len, soll es dy­na­misch und mo­dern zu­ge­hen. Wenn man die Schwär­me­rei­en der Mann­schafts­kol­le­gen von Lars St­indl ver­nimmt, wür­de es sich an­bie­ten, der „bes­ten In­nen­sei­te der Bun­des­li­ga“ei­ne Vi­deo-In­stal­la­ti­on zu wid­men. Os­car Wendt und Raf­fa­el ha­ben ih­ren Ka­pi­tän un­ab­hän­gig von­ein­an­der da­für ge­prie­sen.

Am Frei­tag nach dem 1:2 ge­gen Leices­ter Ci­ty sprach Chris­toph Kra­mer nun von ei­nem „nor­ma­ler­wei­se si­che­ren Tor“, das St­indl da lie­gen­ge­las­sen ha­be in der ers­ten Halb­zeit, der deut­lich bes­se­ren im letz­ten Test­spiel der Vor­be­rei­tung. Th­or­gan Ha­zard setz­te Ibra­hi­ma Tra­o­ré ge­fühl­voll auf der rech­ten Sei­te in Sze­ne, der Guineer leg­te fast von der Grund­li­nie zu­rück auf acht Me­ter, wo St­indl zen­tral lau­er­te. Doch der 28-Jäh­ri­ge ge­riet ein we­nig in Rü­cken­la­ge und setz­te den Ball drü­ber.

Der gu­te, aber un­voll­ende­te An­satz war sym­bol­träch­tig. So lief es häu­fig in den 720 Test­spiel­mi­nu­ten, die Bo­rus­sia in den ver­gan­ge­nen vier Wo­chen ab­sol­viert hat. „Wir hat­ten vie­le Ball­be­sitz­pas­sa­gen, in de­nen der Ball sehr flüs­sig in den Rei­hen lief. Das ist ja auch un­ser Spiel“, sag­te Trai­ner Die­ter He­cking. „Wir müs­sen ab und an nur noch et­was ef­fek­ti­ver und ziel­ge­rich­te­ter wer­den.“Zwei Drit­tel der Par­tie fand er gut, auch das lässt sich auf den Rest der Spie­le über­tra­gen, wenn­gleich die Er­geb­nis­se, wie Tor- wart Yann Som­mer noch ein­mal be­ton­te, oh­ne­hin „se­kun­där“sei­en.

Pri­mär gab es – in den 30 Mi­nu­ten pro Spiel, die nicht so gut lie­fen – ein paar De­fi­zi­te zu be­ob­ach­ten, die Bo­rus­sia auch in der ver­gan­ge­nen Sai­son be­glei­tet ha­ben. Mal gab es kei­ne Chan­cen wie ge­gen Niz­za, als die Mann­schaft nur zwei Tor­schüs­se ab­gab, ei­ner von Ha­zard aber aus 30 Me­tern in den Win­kel flog. Dann gab es Ab­schnit­te wie beim 2:2 in Eu­pen, beim 2:1 ge­gen Mála­ga und beim 1:2 ge­gen Leices­ter, in de­nen Glad­bach häu­fig aus­sichts­reich zum Ab­schluss kam, aber zu we­nig dar­aus mach­te. Al­le 80 Mi­nu­ten ein Tor – das ist höchst aus­bau­fä­hig.

„Je­des Lob lässt sich mit ei­nem Aber ver­se­hen, je­de ne­ga­ti­ve Kri­tik mit ei­nem po­si­ti­ven Aspekt ent­schär­fen. Hin­ter Bo­rus­sia liegt die Sai­son der 100 Wahr­hei­ten“, schrie­ben wir En­de Mai. Die Mann­schaft müs­se ih­ren Wan­kel­mut ab­le­gen, um die Deu­tungs­ho­heit über ih­re Leis­tun­gen zu­rück­zu­ge­win­nen. An­fang Au­gust sieht es im­mer noch so aus. Bei al­len drei Nie­der­la­gen ging Bo­rus­sia in Füh­rung und ver­lor noch 1:2. Leices­ter war er­neut so ein Bei­spiel für di­ver­se In­ter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten: Zum ei­nen schien der Schock tief zu sit­zen, nach­dem To­bi­as Strobl schwer ver­letzt vom Platz ge­tra­gen wor­den war. Zum an­de­ren ver­lo­ren Spie­ler wie Jan­nik Ves­ter­gaard, der sich ein Schar­müt­zel mit Ja­mie Var­dy lie­fer­te, un­ab­hän­gig da­von den Fo­kus.

Rein er­geb­nis­tech­nisch könn­te die Bi­lanz am En­de der Vor­be­rei­tung zwei­fel­los bes­ser aus­se­hen. Aber Kra­mer wies nicht zu Un­recht auf ein Phä­no­men die­ses Som­mers hin: „Ge­fühlt ha­ben al­le im­mer nur auf die Fres­se be­kom­men.“In den ver­blei­ben­den Ta­gen bis zum Sai­son­start tippt Fuß­ball-Deutsch­land wie­der sei­ne Ab­schluss­ta­bel­len. Wer sich da nur auf Test­spiel-Er­geb­nis­se ver­lässt, wird höchst ku­rio­se Re­sul­ta­te er­hal­ten.

Nach der Nie­der­la­ge ge­gen Nürn­berg hat­te He­cking mehr Gier von sei­nen Spie­lern ein­ge­for­dert, ei­ne Wo­che spä­ter ge­gen Mála­ga lie­fer­ten sie. Nun mo­nier­te der Trai­ner, sie sei­en „nicht aus dem Freund­schafts­spiel-Mo­dus raus­ge­kom­men“, als Leices­ter eng­li­sche Här­te zeig­te. Am Frei­tag im DFB-Po­kal bei Rot-Weiss Es­sen hat Bo­rus­sia gar kei­ne an­de­re Wahl, als auf 100 Pro­zent in al­len Be­lan­gen um­zu­schal­ten – zur Pflicht­er­fül­lung.

Im­mer­hin: Die Start­elf scheint auf al­len Po­si­tio­nen bis auf den rech­ten Flü­gel zu ste­hen und sieht bis auf die Zu­gän­ge Mat­thi­as Gin­ter (für Andre­as Chris­ten­sen) und De­nis Za­ka­ria (für Mo Dahoud) genau­so aus, wie ei­ne ge­sun­de Bo­rus­sia in der ver­gan­ge­nen Rück­run­de aus­ge­se­hen hät­te. 28 Punk­te hol­te sie in 17 Spie­len – die Mar­ke muss in der Hin­run­de der Ori­en­tie­rungs­punkt sein. Denn das Po­ten­zi­al ist da.

FO­TO: IMA­GO

Lars St­indl ist nach nur zwei Trai­nings­wo­chen er­staun­lich fit, war­tet aber noch auf ein Er­folgs­er­leb­nis. Wie sei­ne Kol­le­gen kann er am Frei­tag in Es­sen be­wei­sen, dass er sich das für die ent­schei­den­den Mo­men­te auf­ge­ho­ben hat.

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