Vor­sicht, Fal­sch­nach­richt!

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON JES­SI­CA BALLEER

DÜS­SEL­DORF An­fang 2016 ver­schwin­det das russ­land­deut­sche Mäd­chen Li­sa aus Berlin und taucht erst 30 St­un­den spä­ter wie­der auf. Li­sa und die Po­li­zei er­klä­ren, die Schü­le­rin sei von süd­län­disch aus­se­hen­den Män­nern ver­schleppt und ver­ge­wal­tigt wor­den. Im In­ter­net ver­brei­tet sich Het­ze ge­gen Flücht­lin­ge. Bei ei­ner De­mo in Berlin ge­hen Hun­der­te Rechts­ex­tre­me, Sei­te an Sei­te mit Russ­land­deut­schen, auf die Stra­ßen. Selbst der rus­si­sche Au­ßen­mi­nis­ter Ser­gej La­w­row mischt sich ein. Er wirft deut­schen Be­hör­den vor, den Fall ver­tu­schen zu wol­len. Dann die Wen­dung: Die Ge­schich­te war er­fun­den. Li­sa hat­te ge­lo­gen.

Ei­ne Fal­sch­nach­richt, die aus ei­ner Lü­ge ent­stan­den ist. An­de­re so­ge­nann­te Fa­ke News wer­den aus Kal­kül ver­brei­tet. Die US-Wahl et­wa steht bis heute un­ter dem Ver­dacht, von Fa­ke News be­ein­flusst wor­den zu sein. Ist Do­nald Trump mit­hil­fe von Fal­sch­nach­rich­ten in sein Amt ge­kom­men? Die Er­mitt­lun­gen lau­fen. Aber uns auf­ge­klär­ten Deut­schen kann et­was Ähn­li­ches bei der Bun­des­tags­wahl ja nicht pas­sie­ren. Oder doch? Nun ja. Wie an­fäl­lig wir für Fa­ke News sind, zeig­te nicht nur der Fall Li­sa.

Das Me­dien­un­ter­neh­men Buz­zfeed hat ei­ne Lis­te der be­lieb­tes­ten Face­book-Bei­trä­ge 2016 ver­öf­fent­licht, in de­nen es um An­ge­la Mer­kel ging. Das Er­staun­li­che: Bei­trä­ge mit Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, höchst kri­ti­schen oder fal­schen Nach­rich­ten wa­ren am be­lieb­tes­ten. Ein Ar­ti­kel der Face­book-Sei­te „Your News­wire“ist vor­ne mit da­bei. Mer­kel wird dar­in be­zich­tigt, ein Sel­fie mit ei­nem Ter­ro­ris­ten ge­macht zu ha­ben. Nut­zer re­agier­ten mehr als 32.000 Mal dar­auf. Sie teil­ten und kom­men­tier­ten. Sie em­pör­ten sich. Der ur­sprüng­li­che Ar­ti­kel der Deut­schen Wel­le über die­ses Fo­to der Kanz­le­rin, auf dem sie in Wahr­heit mit ei­nem un­be­schol­te­nen Flücht­ling ab­ge­lich­tet ist, be­kam kei­ne 13.000 Re­ak­tio­nen. Da war das Kli­ma im Netz aber längst durch Em­pö­rung und Be­lei­di­gun­gen ver­gif­tet. Die Fal­sch­nach­richt hat­te ih­ren Zweck er­füllt, Mer­kel zu scha­den.

„Sen­der von Fal­sch­nach­rich­ten wol­len ent­we­der schlicht Geld ver­die­nen. Oder sie wol­len Drit­te be­ein­flus­sen“, sagt der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Phil­ipp Mül­ler (Uni­ver­si­tät Mainz). „In po­li­ti­schen Kam­pa­gnen soll Wir­kung in Wäh­ler­stim­men um­ge­münzt wer­den.“Op­fer kön­ne je­der wer­den. „Ent­schei­dend ist, dass die Nach­richt in das ei­ge­ne Welt­bild passt.“Die Buz­zfeed-Lis­te zeigt, dass Ma­ni­pu­la­ti­on dann greift, wenn sich schein­ba­re In­for­ma­tio­nen mit der ei­ge­nen Haltung ver­ein­ba­ren las­sen: Als die Flücht­lings­wel­le die Ge­sell­schaft in zwei po­li­ti­sche La­ger spal­te­te, lag genau die­ses The­ma im Fo­kus vie­ler Face­boo­kSei­ten, die Fal­sch­nach­rich­ten ver­brei­ten.

Neu an Fa­ke News ist nicht nur, dass sie im Netz na­he­zu gleich­ran­gig ne­ben Mel­dun­gen von Qua­li­täts­me­di­en ste­hen. Neu ist auch, dass es in den so­zia­len Netz­wer­ken ei­ge­ne Freun­de und Be­kann­te sind, die sie ver­brei­ten und da­zu – oh­ne jour­na­lis­ti­sche Ei­n­ord­nung – Stim­mung ma­chen. Hin­zu kommt die so­ge­nann­te Fil­ter­bla­se: Wer vie­le Bei­trä­ge ei­ner be­stimm­ten Qu­el­le an­klickt, be­kommt im­mer mehr In­hal­te die­ser Qu­el­le an­ge­zeigt und wird so von an­de­ren Mei­nun­gen iso­liert.

Auch wenn der Pro­test zu­nächst vir­tu­ell ab­läuft: Die Lust an der öf­fent­li­chen Em­pö­rung lebt. Um sie zu be­frie­di­gen, braucht es nicht ein­mal mehr ei­nen Stra­ßen­pro­test. Bei­trä­ge tei­len und kom­men­tie­ren, das ist das neue Auf­die-Stra­ße-ge­hen. Face­book und Twit­ter sind schnell, un­ge­fil­tert und je­dem zu­gäng­lich. Die Face­book-Chro­nik ist ein Stim­mungs­ba­ro­me­ter, der neue Stamm­tisch un­se­rer Ge­sell­schaft. „Wenn wir die In­for­ma­ti­ons­quel­le nicht ken­nen, hin­ter­fra­gen wir die Nach­richt. Nach ei­ner Wo­che aber ver­ges­sen wir die Qu­el­le, er­in­nern uns aber noch an die Bot­schaft und hal­ten sie für glaub­wür­dig“, sagt Wis­sen­schaft­ler Mül­ler.

Der ein­zi­ge Impf­stoff, der ge­gen Fa­ke News im­mu­ni­siert, ist die po­li­ti­sche Bil­dung

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.