Frau Bau­mann trai­niert den Kopf

Die Hür­den­läu­fe­rin fin­det, dass der Wert des men­ta­len Trai­nings in Deutsch­land un­ter­schätzt wird.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON STE­FAN KLÜTTERMANN

LON­DON Heute vor 25 Jah­ren saß Deutsch­land vor dem Fern­se­her und sah Die­ter Bau­mann da­bei zu, wie er in Bar­ce­lo­na auf der Ziel­ge­ra­den zu Olym­pi­schem Gold über 5000 Me­ter sprin­te­te. Der 8. Au­gust 1992 ist seit­her ein Da­tum der deut­schen Sport­ge­schich­te. Wer nun 25 Jah­re spä­ter Die­ter Bau­manns Toch­ter Ja­ckie fragt, wel­che Be­deu­tung sie die­sem Tag mit Blick auf ihr ei­ge­nes Le­ben bei­mes­se, der er­hält ei­ne kla­re, knap­pe Ant­wort: „Gar kei­ne.“Es sind zwei Wör­ter, die nur auf den ers­ten Blick über­ra­schen. Auf den zwei­ten Blick spie­geln sie ein­fach das wi­der, was Ja­ckie Bau­mann von ih­rem Da­sein als Leicht­ath­le­tin er­war­tet: ei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te zu schrei­ben, nicht die des pro­mi­nen­ten Va­ters um die ei­ge­ne ver­län­gern. „Vor 25 Jah­ren war ich ja noch gar nicht auf der Welt. Es gibt Mo­men­te in mei­nem Le­ben, die mich mehr be­ein­druckt ha­ben, weil ich sie selbst mit­er­lebt ha­be. Zum Bei­spiel der Welt­re­kord von Usain Bolt 2009 in Sta­di­on in Berlin.“

Bau­mann ist 21 und zwei­fa­che Deut­sche Meis­te­rin über 400 Me­ter Hür­den. Ges­tern Abend star­te­te sie im Vor­lauf der Welt­meis­ter­schaft von Lon­don, schied je­doch in der ent­täu­schen­den Zeit von 57,59 Se­kun­den aus.

Sie hat nicht et­wa die Fin­ger von den 5000 Me­tern ge­las­sen, um nicht im­mer dem Ver­gleich mit dem Olym­pia­sie­ger in der Fa­mi­lie aus­ge­setzt zu sein, sie kann den Hür­den ein­fach ei­nen ganz be­son­de­ren Reiz ab­ge­win­nen. „400 Me­ter flach sind viel an­stren­gen­der als 400 Me­ter Hür­den. So ha­be ich zehn Auf­ga­ben, die ei­nen Rhyth­mus vor­ge­ben. An je­der Hür­de kann al­les pas­sie­ren. Je­der Fa­vo­rit kann an je­der Hür­de strau­cheln“, sagt die Tü­bin­ge­rin. Das fas­zi­niert sie. Hür­den über­win­den, auf der Bahn – genau wie im Kopf. „Wel­cher Sport­ler grü­belt nicht, wenn et­was nicht funk­tio­niert?“Das ge­hört da­zu. „Man darf sich dar­in aber nicht fest­fah­ren“, er­klärt Bau­mann.

Die Er­kennt­nis, dass die Hür­den beim Gr­ü­beln zu­wei­len zu hoch sind, um sie al­lei­ne zu über­win­den, muss­te Bau­mann erst ge­win­nen. Aber sie ge­wann sie ir­gend­wann. „Ich ha­be mich selbst lan­ge Zeit da­ge­gen ge­wehrt. Ich ha­be im­mer ge­sagt, ich be­kom­me das al­lei­ne hin. Aber jetzt will ich es auch gar nicht mehr al­lei­ne schaf­fen. War­um auch? Man kann doch sa­gen: So wie ich zu ei­nem Phy­sio­the­ra­peu­ten ge­he, so ar­bei­te ich auch mit ei­nem Psy­cho­lo­gen zu­sam­men. Für mich war die­ses Ein­ge­ständ­nis ei­ne Er­leich­te­rung“, sagt sie. An­de­ren Leicht­ath­le­ten kä­me die­ses Ein­ge­ständ­nis schwe­rer, man­chen un­ter kei­nen Um­stän­den über die Lip­pen. Noch im­mer gilt men­ta­les Trai­ning in der Sze­ne vie­len als Zei­chen von Schwä­che und nicht et­wa als Er­gän­zung des Trai­nings­all­tags, um Po­ten­zia­le bes­ser aus­zu­schöp­fen. „Das ist bei uns noch nicht so ak­zep­tiert wie zum Bei­spiel in Ame­ri­ka. Da­bei glau­be ich, dass man gera­de an die­ser Stell­schrau­be die Leis­tung noch stark ver­bes­sern kann“, sagt Bau­mann.

Zu Be­ginn die­ser Frei­luft­sai­son dreh­te die Hür­den­läu­fe­rin an den rich­ti­gen Stell­schrau­ben und schraub­te ih­re Best­zeit An­fang Ju­ni in Genf auf 55,72 Se­kun­den. Zu­vor war sie in Rehlin­gen schon 56,05 ge­lau­fen. Die WM-Norm war ge­knackt, die Ent­wick­lung Rich­tung Welt­spit­ze schien auf dem rich­ti­gen Weg. Doch es folg­te die U23-EM im pol­ni­schen Bydgosz­cz und ein ent­täu­schen­der sieb­ter Platz statt der er­hoff­ten Me­dail­le. „Ich dach­te, ich hät­te es ka­piert. Aber das muss­te ich wie­der re­vi­die­ren. Sta­bil ist das al­les noch nicht. Im Mo­ment ler­ne ich viel mehr aus Nie­der­la­gen als aus Er­fol­gen“, sagt Bau­mann, die von Mut­ter Isa­bel­le trai­niert wird.

Al­so pro­bier­te sie et­was an­de­res aus, um die Kur­ve wie­der Rich­tung Lon­don zu krie­gen. Kei­ne Brech­stan­ge, kein Druck, zu­rück zum Spaß an der Leicht­ath­le­tik. Da­zu ge­hör­te auch, den Sport mal an die Sei­te zu stel­len und dem Lehr­amts­stu­di­um von Ge­schich­te und Ma­the mehr Zeit ein­zu­räu­men. „Für mich als Kopf­mensch wä­re es schwie­rig, ne­ben dem Sport nichts an­de­res zu ma­chen, auf das man mal die Ge­dan­ken rich­ten kann. Da­für ha­be ich ne­ben dem Trai­ning ja auch ein­fach zu viel Zeit“, sagt sie.

So wie Ja­ckie Bau­mann ihr Le­ben der­zeit zwi­schen Sport und Stu­di­um split­tet, so kann sie auch aus je­dem der bei­den Be­rei­che ei­nen Traum für die Zu­kunft for­mu­lie­ren. Der sport­li­che lau­tet: „Viel­leicht bin ich ja in der La­ge, mal ei­ne Rol­le in Eu­ro­pa zu spie­len und auch mal ein Olym­pi­sches Fi­na­le zu be­strei­ten.“Der ge­schicht­lich mo­ti­vier­te ist noch ein biss­chen am­bi­tio­nier­ter: „Am liebs­ten wür­de ich Zeit rei­sen kön­nen und in al­len mög­li­chen Zei­ten le­ben“, sagt sie. Dann könn­te sie auch mal nach Bar­ce­lo­na rei­sen. Und zum 8. Au­gust 1992. Ein­fach mal zu­gu­cken, wie der Va­ter Olym­pia­sie­ger wird. Und die­sen Mo­ment dann doch noch zum Teil des ei­ge­nen Le­bens ma­chen.

FO­TO: DPA

Hür­den­lauf als Fas­zi­na­ti­on: Ja­ckie Bau­mann ist aber trotz ih­rer gro­ßen Be­geis­te­rung für die Dis­zi­plin ges­tern Abend im Vor­lauf aus­ge­schie­den.

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