Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Des­halb hat er sich auch sechs Mo­na­te frü­her zur Ar­mee ge­mel­det, als er ei­gent­lich muss­te, bloß um weg­zu­kom­men. Ich fürch­te, ich ha­be ihn auf dem Ge­wis­sen; er war so ein lie­ber Jun­ge, da­bei ha­ben wir uns nicht ein­mal be­son­ders ge­mocht.“

Sie un­ter­hiel­ten sich bis zum Mor­gen­grau­en, als wä­ren sie al­te Freun­de. Und Sto­ner sah ein, dass sie, ganz, wie sie be­haup­tet hat­te, in ih­rer Ver­zweif­lung bei­na­he glück­lich war; sie wür­de ihr Le­ben ru­hig zu En­de le­ben, wür­de ein we­nig mehr trin­ken, Jahr um Jahr, und sich ge­gen das Nichts be­täu­ben, zu dem ihr Le­ben ge­wor­den war. Er war froh, dass sie we­nigs­tens das hat­te, dank­bar da­für, dass sie trin­ken konn­te.

Die Jah­re, die un­mit­tel­bar auf das En­de des Zwei­ten Welt­kriegs folg­ten, wa­ren sei­ne bes­ten Jah­re an der Uni­ver­si­tät und in man­cher Hin­sicht die glück­lichs­ten Jah­re sei­nes Le­bens. Die Kriegs­ve­te­ra­nen kehr­ten zu­rück und ver­än­der­ten das Le­ben auf dem Cam­pus, brach­ten ei­ne Qua­li­tät mit, die es vor­her nicht ge­ge­ben hat­te, ei­ne In­ten­si­tät und ei­nen Tru­bel, die zu ei­ner wahr­haf­ten Ver­wand­lung führ­ten. Er ar­bei­te­te wie nie zu­vor; die ihm ei­gen­ar­tig er­wach­sen schei­nen­den Stu­den­ten wa­ren un­ge­heu­er ernst und ver­ach­te­ten al­les Tri­via­le. Mode oder Brauch in­ter­es­sier­ten sie nicht, und sie gin­gen ih­re Stu­di­en an, wie Sto­ner es sich ein­mal von sei­nen Stu­den­ten er­träumt hat­te – als wä­re ihr Stu­di­um das Le­ben selbst und nicht Mit­tel zum Zweck. Er wuss­te, nach die­sen we­ni­gen Jah­ren wür­de das Un­ter­rich­ten nie wie­der das­sel­be sein, und er über­ließ sich ei­nem glück­se­li­gen Zu­stand der Er­schöp- fung, von dem er hoff­te, er mö­ge nie­mals en­den. An die Ver­gan­gen­heit oder Zu­kunft, an de­ren Ent­täu­schun­gen und Freu­den dach­te er nur sel­ten, da er all sei­ne Energie auf je­nen Teil sei­ner Ar­beit kon­zen­trier­te, den er im Au­gen­blick gera­de leis­ten konn­te, und hoff­te, sich nun end­gül­tig al­lein über sein Tun zu de­fi­nie­ren.

Wäh­rend die­ser Jah­re wur­de er nur sel­ten von sei­ner Hin­ga­be an die Ar­beit ab­ge­lenkt. Wenn sei­ne Toch­ter nach Co­lum­bia zu Be­such kam, als wan­der­te sie ziel­los von ei­nem Zim­mer zum an­de­ren, emp­fand er manch­mal ein Ge­fühl von Ver­lust, das er kaum zu er­tra­gen ver­moch­te. Mit fünf­und­zwan­zig sah sie zehn Jah­re äl­ter aus und trank mit dem tief­sit­zen­den Selbst­zwei­fel ei­nes Men­schen, der bar al­ler Hoff­nung ist; au­ßer­dem wur­de deut­lich, dass sie ihr Kind mehr und mehr den Groß­el­tern in St. Lou­is über­ließ.

Nur ein­mal hör­te er et­was über Ka­the­ri­ne Dris­coll. Zu Be­ginn des Früh­jahrs 1949 er­hielt er vom Ver­lag ei­ner gro­ßen Uni­ver­si­tät an der Ost­küs­te ein Rund­schrei­ben, das die Pu­bli­ka­ti­on von Ka­the­ri­nes Buch mit­teil­te und ei­ni­ge In­for­ma­tio­nen über die Au­to­rin gab. Sie lehr­te an ei­nem an­ge­se­he­nen Col­le­ge für Geis­tes­wis­sen­schaf­ten in Mas­sa­chu­setts und war un­ver­hei­ra­tet. So rasch wie nur mög­lich be­sorg­te er sich ein Ex­em­plar. Als er es in Hän­den hielt, schie­nen sei­ne Fin­ger ein Ei­gen­le­ben zu ent­wi­ckeln und be­gan­nen so hef­tig zu zit­tern, dass er das Buch kaum auf­schla­gen konn­te. Er blät­ter­te die ers­ten Sei­ten um und las die Wid­mung: „Für W.S.“

Sein Blick ver­schwamm, und ei­nen Mo­ment lang saß er da, oh­ne sich zu rüh­ren. Dann schüt­tel­te er den Kopf, wid­me­te sich wie­der dem Buch und leg­te es erst wie­der hin, als er es zu En­de ge­le­sen hat­te. Es war so gut, wie er es ver­mu­tet hat­te, ein an­mu­ti­ger Stil, die Lei­den­schaft ge­tra­gen von ei­nem küh­len Ton und kla­ren Ein­sich­ten.

Er be­griff, dass es Ka­the­ri­ne selbst war, die er in dem er­kann­te, was er las, und es er­staun­te ihn, wie deut­lich er sie so­gar jetzt noch sah. Plötz­lich war ihm, als sei sie ne­ben­an und er ha­be sie gera­de erst ver­las­sen; die Hän­de krib­bel­ten, als hät­ten sie Ka­the­ri­ne noch eben be­rührt. Da brach sich das so lang auf­ge­stau­te Ver­lust­ge­fühl Bahn, über­flu­te­te ihn, und er ließ sich mit­rei­ßen, ver­lor al­le Be­herr­schung. Er woll­te nicht ge­ret­tet wer­den. Dann lä­chel­te er lie­be­voll wie über ei­ne Er­in­ne­rung, und ihm kam der Ge­dan­ke, dass er auf die sech­zig zu­ging, wes­halb er ei­gent­lich über sol­che Lei­den­schaf­ten er­ha­ben sein soll­te, über ei­ne sol­che Lie­be. Doch er wuss­te, er war es nicht und wür­de es nie sein. Jen­seits von Taub­heit, Ver­lust und Gleich­gül­tig­keit gab es sie, die­se Lei­den­schaft, stark und un­ge­schmä­lert, und sie war im­mer da ge­we­sen. In sei­ner Ju­gend hat­te er sie ver­schwen­de­risch und ge­dan­ken­los wei­ter­ge­ge­ben, hat­te sie dem Wis­sen zu­ge­wandt, das ihm – vor wie vie­len Jah­ren nun? – von Archer Slo­a­ne of­fen­bart wor­den war; er hat­te sie Edith ge­ge­ben in je­nen ers­ten när­ri­schen Ta­gen sei­ner Ver­liebt­heit und Ehe, und er hat­te sie Ka­the­ri­ne ge­schenkt, als wä­re sie nie zu­vor ge­ge­ben wor­den. Auf die ei­ne oder an­de­re Wei­se hat­te er sie je­dem Au­gen­blick sei­nes Le­bens ge­ge­ben und sie viel­leicht am reich­lichs­ten ge­ge­ben, wenn ihm dies gar nicht be­wusst ge­we­sen war. Die­se Lei­den­schaft war we­der ei­ne des Ver­stan­des noch des Flei­sches, son­dern viel­mehr ei­ne Kraft, die bei­des um­schloss, als wä­ren sie zu- sam­men nichts an­de­res als der Stoff, aus dem die Lie­be ist, ih­re ganz spe­zi­fi­sche Sub­stanz. An­ge­sichts ei­ner Frau, ei­nes Ge­dichts sag­te sie ein­fach: Sieh her! Ich le­be. Er hielt sich selbst nicht für alt. Wenn er mor­gens beim Ra­sie­ren manch­mal sein Bild im Spie­gel sah, fühl­te er sich un­eins mit dem Ge­sicht, das sei­nen Blick über­rascht aus kla­ren Augen in gro­tes­ker Mas­ke er­wi­der­te; es war, als trü­ge er aus schlei­er­haf­tem Grund ei­ne un­ge­heu­er­li­che Lar­ve, als könn­te er, wenn er nur woll­te, die bu­schi­gen wei­ßen Brau­en ab­strei­fen, das zer­zaus­te wei­ße Haar, die um spit­ze Kno­chen zu­sam­men­ge­sun­ke­ne Haut und die tie­fen Fal­ten, die Al­ter vor­gau­kel­ten. Doch wuss­te er, dass ihm sein Al­ter nicht vor­ge­gau­kelt wur­de. Er sah, wie krank die Welt und sein Land in den Jah­ren nach dem gro­ßen Krieg wa­ren; er sah, wie Hass und Miss­trau­en zu ei­ner Art Irr­sinn wur­den, der wie ei­ne Pest über das Land hin­weg­feg­te; er sah jun­ge Män­ner er­neut in den Krieg zie­hen, sah sie wie im Nach­klang ei­nes Alb­traums be­gie­rig sinn­lo­sem Un­ter­gang ent­ge­gen­mar­schie­ren. Und er emp­fand Mit­leid und Trau­er, die so alt wa­ren, so sehr Teil sei­ner Zeit, dass er selbst da­von schon bei­na­he un­be­rührt schien. Die Jah­re ver­flo­gen, und er spür­te sie kaum ver­ge­hen. Im Früh­jahr 1954 war er drei­und­sech­zig Jah­re alt, als ihm plötz­lich auf­ging, dass er höchs­tens noch vier Jah­re an der Uni­ver­si­tät leh­ren konn­te. Er ver­such­te, sich die Zeit da­nach vor­zu­stel­len, schei­ter­te aber und woll­te es ei­gent­lich auch nicht.

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