Das statt­lichs­te In­dus­trie­schloss Deutsch­lands

Das Be­rufs­kol­leg Platz der Re­pu­blik hat ei­ne be­weg­te Ge­schich­te: Ein His­to­ri­ker schreibt über die „Glad­ba­cher Spin­ne­rei und We­be­rei AG“.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON HANS SCHÜ­RINGS

Es war im Jahr 1855, als am heu­ti­gen Platz der Re­pu­blik hin­ter dem Haupt­bahn­hof das an­geb­lich „statt­lichs­te In­dus­trie­schloss“Deutsch­lands in Be­trieb ge­nom­men wur­de. Wenn es ei­nen Start­punkt für die In­dus­tria­li­sie­rung in Mönchengladbach gibt, dann war es die­ses Da­tum. Die Grün­dung der Ak­ti­en­ge­sell­schaft „Glad­ba­cher Spin­ne­rei und We­be­rei“war am 12. Mai 1853 er­folgt. Auf­grund von Eng­päs­sen bei der Garn­lie­fe­rung ta­ten sich da­mals elf aus­nahms­los evan­ge­li­sche Tex­til­un­ter­neh­mer aus der mehr­heit­lich ka­tho­li­schen Re­gi­on zu­sam­men und grün­de­ten die­se Ak­ti­en­ge­sell­schaft. Es ent­stand der größ­te Spin­ne­rei- und We­be­rei­be­trieb der Stadt – und be­sag­tes, da­mals statt­lichs­tes Fa­b­rik­ge­bäu­de Deutsch­lands.

Da­bei war die Or­ga­ni­sa­ti­ons­form der AG im Hin­blick auf die Tex­til­fa­brik­grün­dun­gen im Rhein­land eher die Aus­nah­me. Zu­nächst wa­ren die meis­ten Pro­duk­ti­ons­grün­dun­gen die­ser Zeit Spin­ne­rei­en, da hier die Mecha­ni­sie­rungs­vor­tei­le am größ­ten wa­ren. Ge­si­cher­te Kennt­nis­se über den Ent­wer­fer oder Kon­struk­teur des Ge­bäu­de­kom­ple­xes gibt es nicht. Ver­mu­tun­gen ge­hen da­von aus, dass die Ar­chi­tek­tur in En­g­land, ins­be­son­de­re Man­ches­ter, stu­diert und ko­piert wur­de. Qui­rin Croon (1788-1854), trei­ben­de Kraft bei der Ein­füh­rung der me­cha­ni­schen Tex­til­pro­duk­ti­on, war mehr­fach in Man­ches­ter ge­we­sen. Eben­falls sol­len tra­gen­de sta­ti­sche Ele­men­te der De­cken und Stüt­zen­kon­struk­ti­on von dort ge­kom­men sein.

Er­rich­tet wur­de der drei- be­zie­hungs­wei­se vier­ge­schos­si­ge Ge­bäu­de­kom­plex mit Eck­tür­men schon da­mals un­mit­tel­bar in Ei­sen­bahn­nä­he. Dies hat­te sei­ner­zeit zwei schla­gen­de Vor­tei­le: die An­lie­fe­rung der Roh­baum­wol­le für die Pro­duk­ti­on und der Koh­le für den An­trieb der Dampf­ma­schi­nen. Ei­ne star­ke Dif­fe­renz be­steht zwi­schen dem äu­ße­ren, be­ein­dru­cken­den Er­schei­nungs­bild und der in­ne­ren, tech­no­iden Trag­werk­kon­struk­ti­on. Die Back­stein­go­tik er­in­nert an go­ti­sche Schloss­ar­chi­tek­tur, ei­ne Re­mi­nis- zenz nicht nur an den Adel und Aus­druck der über­nom­me­nen Macht des Bür­ger­tums, son­dern auch Re­likt der Ro­man­tik. Tho­mas Ko­sche schreibt zum Zwie­spalt zwi­schen funk­tio­na­ler In­nen­kon­struk­ti­on und äu­ße­rem Er­schei­nungs­bild, al­so der Back­stein­hül­le der Ak­ti­en­spin­ne­rei und -we­be­rei: „Mit ih­ren ro­man­ti­schen, der Go­tik ent­lehn­ten Zier­for­men – Tür­me, fia­len­ar­ti­ge Schmuck­türm­chen, Zin­nen, Ge­sim­se und Frie­se – ver­an­schau­licht sie Sta­tus­an­sprü­che, Selbst­ver­ständ­nis, wohl auch Ge­schmack und Form­ge­fühl der Grün­der.“

Die Pro­duk­ti­on fand auf vier Eta­gen statt. Der Spin­ne­rei­trakt mit rund 110 x 21 Me­tern „ent­hielt in je­dem Ge­schoss ei­nen of­fe­nen Saal, der von zwei Säu­len­rei­hen in drei fast glei­che Fel­der ge­teilt wur­de“. In der Früh­zeit der In­dus­tria­li­sie­rung wur­de in der Mehr­zahl, auch in Mönchengladbach, die­ses mehr­ge­schos­si­ge Pro­duk­ti­ons­mo­dell fa­vo­ri­siert. Im wei­te­ren Ver­lauf der In­dus­tria­li­sie­rung nahm man ins­be­son­de­re in der Tex­til­in­dus­trie­ar­chi­tek­tur im­mer mehr da­von Ab­stand. Spin­ne­rei und We­be­rei wa­ren in ge­trenn­ten Ge­bäu­de­be­rei­chen un­ter­ge­bracht, dem Nord- und dem Süd­flü­gel. Im Äu­ße­ren un­ter­schie­den sie sich pri­mär da­durch, dass der Spin­ne­rei-Trakt ur­sprüng­lich mit ei­nem Walmdach ab­ge­schlos­sen wur­de, wäh­rend die We­be­rei ein Flach­dach er­hielt. Die all­ge­mein spä­ter üb­li­che Sheddach-Kon­struk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­hal­len sucht man hier noch ver­geb­lich.

Die Pro­duk­ti­on be­gann 1855 mit rund 800 Ar­beits­kräf­ten, 71 Pro­zent da­von Ar­bei­te­rin­nen, und stei­ger­te sich bis 1874 auf 1100 Be­schäf­tig­te. Die na­he Bahn­an­bin­dung war so­wohl für die Be­reit­stel­lung der Rohstoffe als auch für den Ver­trieb der her­ge­stell­ten Gar­ne und Stof­fe wich­tig. Be­reits vor dem Ers­ten Welt­krieg soll es auf­grund von Ma­nage­ment­feh­lern zu wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men ge­kom­men sein, 1915 fand die Li­qui­da­ti­on der Fa­b­rik­an­la­ge statt. Die ge­nau­en Grün­de hier­für sind nicht be­kannt – ei­ne Fir­men­ge­schich­te ist wohl nie ver­fasst wor­den. Der Nord­trakt wur­de auf­ge­ge­ben. Nur der klei­ne­re We­be- rei-Trakt im Sü­den wur­de wei­ter als tex­ti­le Pro­duk­ti­ons­stät­te ge­nutzt. Bis 1974/78 tren­nen sich die Schick­sa­le von Nord- und Süd­flü­gel.

Es be­gann nach der Still­le­gung 1915, si­cher­lich auch zeit­be­dingt (Krieg, In­fla­ti­on, Be­sat­zung, Wei­ma­rer Re­pu­blik), ei­ne lan­ge Dis­kus­si­on über die Ver­wen­dung des Nord­trak­tes. Nach dem lu­kra­ti­ven Er­werb die­ses grö­ße­ren Bau­tei­les durch die Stadt in der Wei­ma­rer Re­pu­blik wur­de das Ge­bäu­de 1927-29 für ei­ne ge­werb­li­che und ei­ne kauf­män­ni­sche Be­rufs­schu­le so­wie ei­ne Mit­tel­schu­le um­ge­baut und im Mai 1929 über­ge­ben. Die In­dus­trie­an­la­ge wur­de „von al­len Schorn­stei­nen, An-, Aus- und Ne­ben­bau­ten be­freit“. Ein vier­tes Voll­ge­schoss mit Ei­sen­be­ton­de­cken und zwei Au­len an den Sei­ten wur­den hin­zu­ge­fügt, die guss­ei­ser­nen Säu­len im In­nern um­mau­ert. Die Au­ßen­ar­chi­tek­tur wur­de dem Zeit­ge­schmack an­ge­passt „(…) und da­bei im Sin­ne der Bau­h­aus­zeit pu­ri­fi­ziert und er­gänzt. Nach den Zer­stö­run­gen des Zwei­ten Welt­krie­ges wur­de es noch wei­ter ver­ein­facht (…).“Vom eins­ti­gen In­dus­trie­schloss blieb kaum et­was üb­rig. Ei­ne wei­te­re Um­bau­maß­nah­me er­folg­te im Rah­men des Kon­junk­tur­pa­ke­tes II in den Jah­ren 2009/2010, bei der auch die zwei­te, 1927 hin­zu­ge­füg­te Au­la ab­ge­ris­sen wur­de. Die­ser Bau­teil (Nord­flü­gel) steht bis heu­te nicht un­ter Denk­mal­schutz – war­um dies so ist, ist le­dig­lich auf den ers­ten Blick er­klär­bar, je­doch bei ei­ner in­ten­si­ven Be­trach­tung des Ge­samt­kom­ple­xes nicht nach­voll­zieh­bar. Dem­ge­gen­über wur­de der Süd-Trakt, die ehe­ma­li­ge We­be­rei, erst 1973 auf­ge­ge­ben. Der Um­bau er­folg­te 1974/78 na­he­zu stil­ge­treu eben­falls zur Städ­ti­schen Be­rufs­schu­le (heu­te Be­rufs­kol­leg) und wur­de am 2. Ju­ni 1987 un­ter Denk­mal­schutz ge­stellt. Der Text ist Teil ei­nes Auf­sat­zes „Tex­til­in­dus­trie­kul­tur in Mönchengladbach“, der im Sep­tem­ber 2017 er­scheint in: Bu­sch­mann, Wal­ter (Hg.): In­dus­trie­kul­tur, Kl­ar­text-Ver­lag, ISBN: 978-3-8375-1806-1. Der Au­tor wid­met den Bei­trag dem jüngst ver­stor­be­nen Stadt­ar­chi­var Dr. Chris­ti­an Wolfs­ber­ger.

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