Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Mit ei­nem Mal kam ihm das Spiel, das er mit Lo­max ge­trie­ben und auf selt­sa­me Wei­se auch ge­nos­sen hat­te, be­lang­los und ge­mein vor. Ei­ne all­ge­mei­ne Mat­tig­keit er­fass­te ihn, als er Lo­max di­rekt an­schau­te und mü­de sag­te: „Ich dach­te, nach all die­sen Jah­ren wür­den Sie mich bes­ser ken­nen, Hol­ly. Mich hat es noch nie im Min­des­ten ge­küm­mert, was Sie mei­nen, mir ,ge­ben’ zu kön­nen, oder was Sie glau­ben für mich ,tun’ zu kön­nen.“Er hielt in­ne, da er doch mü­der war, als er ge­glaubt hat­te. Dann fuhr er mit ei­ni­ger An­stren­gung fort: „Dar­um geht es nicht, ist es noch nie ge­gan­gen. Sie sind ein gu­ter Mensch, den­ke ich, je­den­falls ein gu­ter Do­zent, an­de­rer­seits aber sind Sie auch ein igno­ran­ter Drecks­kerl.“Wie­der schwieg er kurz. „Ich weiß nicht, was Sie sich er­hofft ha­ben, aber ich ge­he nicht in den Ru­he­stand – nicht am En­de die­ses Jah­res und nicht am En­de des nächs­ten Jah­res.“Er er­hob sich lang­sam und blieb ei­nen Mo­ment ste­hen, um sei­ne Kraft zu sam­meln. „Wenn die Her­ren mich nun bit­te ent­schul­di­gen wol­len, ich bin ein we­nig mü­de. Ich über­las­se es Ih­nen zu be­spre­chen, was Sie noch zu be­spre­chen ha­ben.“

Er wuss­te, dass die Sa­che da­mit noch nicht aus­ge­stan­den war, aber das scher­te ihn nicht. Als Lo­max auf der letz­ten all­ge­mei­nen Fach­be­reichs­kon­fe­renz des Jah­res an­kün­dig­te, dass Pro­fes­sor Wil­li­am Sto­ner En­de nächs­ten Jah­res in den Ru­he­stand ge­hen wür­de, er­hob er sich und in­for­mier­te die Fa­kul­tät, dass Pro­fes­sor Lo­max sich ir­re, da er sich erst zwei Jah­re nach dem von Lo­max ge­nann­ten Zeit­punkt von der Uni­ver­si­tät zu­rück­zie­hen wer­de. Zu Be- ginn des Herbst­se­mes­ters lud der neue Prä­si­dent der Uni­ver­si­tät Sto­ner zum Nach­mit­tags­tee zu sich nach Hau­se ein und ließ sich weid­lich über sei­ne Di­enst­jah­re aus, über die wohl­ver­dien­te Ru­he und die Dank­bar­keit, die sie al­le für ihn emp­fan­den; Sto­ner gab sich so ver­schro­ben, wie er nur konn­te, nann­te den Prä­si­den­ten ei­nen ,jun­gen Mann’ und tat, als hör­te er schlecht, so­dass der jun­ge Mann ihn zu­letzt auf die ver­söhn­lichs­te Wei­se, die ihm nur ir­gend mög­lich war, an­schrie.

Sei­ne An­stren­gun­gen aber, so be­schei­den sie auch wa­ren, er­mü­de­ten ihn stär­ker, als er er­war­tet hat­te, wes­halb er zur Weih­nachts­zeit ziem­lich er­schöpft war. Er sag­te sich, dass er tat­säch­lich alt wur­de und dass er es lang­sam an­ge­hen muss­te, wenn er auch im ver­blei­ben­den aka­de­mi­schen Jahr gu­te Ar­beit leis­ten woll­te. Wäh­rend der zehn Tage Weih­nachts­fe­ri­en ruh­te er sich aus, als könn­te er wie­der Ener­gie tan­ken, und als er für die letz­ten Se­mes­ter­wo­chen zu­rück­kehr­te, ging er sei­ne Auf­ga­ben mit ei­ner Kraft und ei­nem Elan an, die ihn selbst über­rasch­ten. Die Fra­ge sei­ner Eme­ri­tie­rung schien sich vor­erst er­le­digt zu ha­ben, und er mach­te sich nicht die Mü­he, noch län­ger dar­an zu den­ken.

En­de Fe­bru­ar über­kam ihn er­neut ei­ne gro­ße Mat­tig­keit, die er nicht ab­zu­schüt­teln ver­moch­te; er ver­brach­te viel Zeit zu Hau­se und er­le­dig­te ei­nen Groß­teil sei­ner schrift­li­chen Ar­bei­ten auf dem Ru­he­bett in sei­nem klei­nen Hin­ter­zim­mer. Im März be­gann er ei­nen dump­fen, un­spe­zi­fi­schen Schmerz in Ar­men und Bei­nen zu spü­ren, sag­te sich, dass er mü­de war und es ihm ge­wiss bes­ser ge­hen wer­de, wenn die war­men Früh­lings­ta­ge an- fin­gen, dass er nur Ru­he brauch­te. Im April kon­zen­trier­te sich der Schmerz auf den Un­ter­leib; manch­mal ließ Sto­ner ein Se­mi­nar aus­fal­len, und ihm fiel auf, dass es ihn enor­me Kraft kos­te­te, nur von ei­nem Se­mi­nar­raum zum an­de­ren zu ge­hen. An­fang Mai wur­de der Schmerz so hef­tig, dass er ihn nicht län­ger als läs­ti­ge Ba­ga­tel­le ab­tun konn­te. Er ließ sich ei­nen Ter­min bei ei­nem Arzt am Uni­ver­si­täts­kran­ken­haus ge­ben.

Tests und Un­ter­su­chun­gen wur­den ge­macht so­wie Fra­gen ge­stellt, de­ren Be­deu­tung Sto­ner va­ge er­ahn­te. Man ver­schrieb ihm ei­ne spe­zi­el­le Di­ät, Ta­blet­ten ge­gen den Schmerz und sag­te, er sol­le am Be­ginn der nächs­ten Wo­che wie­der zur Sprech­stun­de kom­men, da dann die Tes­t­er­geb­nis­se vor­lä­gen. Er fühl­te sich bes­ser, doch die Mat­tig­keit blieb.

Sein Arzt war ein jun­ger Mann na­mens Ja­mi­son, der Sto­ner er­zählt hat­te, dass er nur ei­ni­ge Jah­re an der Uni­ver­si­täts­kli­nik ar­bei­te, um dann ei­ne ei­ge­ne Pra­xis auf­zu­ma­chen. Er hat­te ein ro­si­ges, run­des Ge­sicht, trug ei­ne rand­lo­se Bril­le und be­weg­te sich mit ei­ner ner­vö­sen Un­be­hol­fen­heit, der Sto­ner ver­trau­te.

Sto­ner kam ei­ni­ge Mi­nu­ten zu früh zu sei­nem Ter­min, doch sag­te man ihm am Emp­fang, dass er gleich durch­ge­hen kön­ne. Al­so ging er über den lan­gen, schma­len Kran­ken­haus­flur zu der klei­nen Ka­bi­ne, in der Ja­mi­son sein Bü­ro hat­te.

Der Arzt war­te­te auf ihn, und Sto­ner sah, dass er dies schon seit ei­ner Wei­le tat. Ak­ten­blät­ter, Rönt­gen­auf­nah­men und No­ti­zen la­gen ak­ku­rat ge­ord­net auf dem Tisch. Ja­mi­son stand auf, lä­chel­te ab­rupt und wies ner­vös mit aus­ge­streck­ter Hand auf ei­nen Stuhl vor sei­nem Tisch. – „Pro­fes­sor Sto­ner“, sag­te er. „Set­zen Sie sich doch. Set­zen Sie sich.“– Sto­ner setz­te sich.

Ja­mi­son be­trach­te­te stirn­run­zelnd die An­ord­nung auf sei­nem Tisch, strich ein Blatt Pa­pier glatt und nahm dann Platz. „Nun“, sag­te er, „es gibt da of­fen­sicht­lich ei­ne Art Blo­cka­de im un­te­ren Darm­trakt, so viel ist klar. Auf dem Rönt­gen­bild ist kaum et­was zu se­hen, aber das muss nichts be­deu­ten. Na ja, ein klei­ner Schat­ten, aber das hat nicht un­be­dingt et­was zu sa­gen.“Er dreh­te sich mit dem Stuhl um, hef­te­te ei­ne Rönt­gen­auf­nah­me in ei­nen Rah­men, knips­te ein Licht an und deu­te­te un­be­stimmt auf das Bild. Sto­ner sah hin, konn­te aber nichts er­ken­nen. Ja­mi­son mach­te das Licht wie­der aus, dreh­te sich er­neut zum Schreib­tisch um und fuhr ganz ge­schäfts­mä­ßig fort: „Ih­re Blut­wer­te sind ziem­lich nied­rig, doch scheint es kei­ne Ent­zün­dung zu ge­ben; die Blut­sen­kung liegt un­ter nor­mal, und der Blut­druck ist zu nied­rig. Es gibt ei­ne in­ne­re Ge­schwulst, die mir nicht ge­fällt, und Sie ha­ben deut­lich an Ge­wicht ver­lo­ren – tja, bei die­sen Sym­pto­men und dem, was ich dar­aus fol­ge­re“– er wies auf den Schreib­tisch –, „wür­de ich sa­gen, dass uns nur ei­nes zu tun bleibt.“Mit star­rem Lä­cheln und be­müh­ter Leut­se­lig­keit sag­te er: „Wir müs­sen Sie auf­ma­chen und nach­se­hen, was da los ist.“Sto­ner nick­te. „Al­so ist es Krebs.“„Nun“, sag­te Ja­mi­son, „das ist ein sehr mäch­ti­ges Wort und kann ziem­lich viel be­deu­ten. Ich bin mir ei­gent­lich si­cher, dass Sie da ei­nen Tu­mor ha­ben, aber – na ja, mit Be­stimmt­heit kön­nen wir das nur sa­gen, wenn wir nach­se­hen.“

„Wie lan­ge ha­be ich ihn schon?“ (Fort­set­zung folgt)

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