Die Hun­dert­jäh­ri­ge, die in den Gar­ten geht und dort jun­ges Ge­mü­se zieht

Hil­de­gard Fran­ken ist das äl­tes­te Ver­eins­mit­glied der Klein­gar­ten­sied­lung Pongs. Je­den Tag geht sie in ih­ren Gar­ten. Kraft ge­ben ihr Obst und Ge­mü­se von dort.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON LI­SA KREUZMANN

Mit 100 Jah­ren? „Al­les wie im­mer“, sagt Hil­de­gard Fran­ken, spitzt ih­re Lip­pen, hebt die Mund­win­kel, fun­kelt mit den Au­gen und schiebt ih­ren Rol­la­tor we­ni­ge Zen­ti­me­ter wei­ter. Vor­bei an Gur­ken, Möh­ren, Ro­te Be­te, Kohl­ra­bi und Spar­gel. „So vie­le fau­le Äp­fel – die müs­sen mal weg“, sagt Hil­de­gard Fran­ken. So laut, dass es ihr Sohn hö­ren kann, und so be­stimmt, dass man ver­ste­hen kann: Ich ha­be hier al­les im Blick.

In zwei Mo­na­ten wird Hil­de­gard Fran­ken 101 Jah­re alt. Von ih­rem Schre­ber­gar­ten an der Schüt­zen­stra­ße 61 wohnt sie nur we­ni­ge Me­ter ent­fernt. Von ih­rem Kü­chen­fens­ter aus kann sie ei­ne der Deutsch­land­fah­nen in der Klein­gar­ten­an­la­ge se­hen. Wenn ihr der Sinn da­nach steht, schiebt sie ih­ren Rol­la­tor in den Auf­zug, fährt nach un­ten und geht die we­ni­gen Schrit­te in ih­ren Gar­ten. „Ich woll­te mich ge­sund er­näh­ren“, sagt die ge­bür­ti­ge Rhe­ydte­rin. „Ich woll­te raus, ich woll­te ins Freie.“

Hil­de­gard Fran­ken ist 1916 ge­bo­ren. Als jun­ge Frau hat sie als Er­zie­he­rin für schwer er­zieh­ba­re Ju­gend­li­che ge­ar­bei­tet, im Zwei­ten Welt­krieg ha­ben Flie­ger­bom­ben die Schrei­ner­werk­statt ih­res Va­ters zer- stört, mit 27 Jah­ren er­krank­te sie an Le­ber­zir­rho­se, 1950 kam ihr Sohn Fried­helm zur Welt, vier Jah­re spä­ter ihr zwei­ter Sohn Da­ni­el. Hil­de­gard Fran­ken ist zu­frie­den. „Ich wün­sche mir nichts“, sagt sie. „Es war schon gut so.“

Heu­te Mit­tag kocht die Hun­dert­jäh­ri­ge Brok­ko­li­ge­mü­se für sich und ih­ren Sohn. Fried­helm Fran­ken ist 66 Jah­re alt und be­treut sei­ne Mut­ter. Nach dem Tod des Va­ters An­fang der 80er Jah­re ha­ben Mut­ter und Sohn be­schlos­sen: Wir brau­chen ei­nen Gar­ten. Num­mer 21, ein Eck­grund­stück. Ein nied­ri­ger Ma­schen­draht­zaun lässt Nach­barn am Na­tur­er­leb­nis teil­ha­ben. Mehr als 300 Qua­drat­me­ter Bo­den, auf dem Ka­pu­zi­ner­kres­se, Stock­ro­sen und Schwar­ze Jo­han­nis­bee­ren ge­dei­hen. Die Bee­ren isst die 100-Jäh­ri­ge je­den Mor­gen zum Früh­stück. „Aufs Müs­li“, sagt Hil­de­gard Fran­ken. „Die sol­len ja so ge­sund sein.“Das Obst und Ge­mü­se aus ih­rem ei­ge­nen Gar­ten mag sie am liebs­ten. „Die sprit­zen so viel“, sagt sie. „Die“sind die an­de­ren, die Land­wir­te, die In­dus­trie­ge­sell­schaft, die Welt, wie sie 2017 ist, die, mit de­nen die 100-Jäh­ri­ge nicht viel zu tun hat. Hil­de­gard Fran­ken ist ei­ner Zeit auf­ge­wach­sen, in der sich die Men­schen selbst ver­sorgt ha­ben. „Ko­chen ist wich­tig“, sagt Hil­de­gard Fran­ken. „Aber heu­te ko­chen die ja nicht mehr, nicht?“.

Die Hun­dert­jäh­ri­ge hat kei­nen Fern­se­her, kein In­ter­net. Mit dem Han­dy sei sie nicht zu­recht­ge­kom­men, er­zählt er Sohn. Aber dass sich die Stadt ver­än­dert, das mer­ke sie wohl. „Die Ge­schäf­te von frü­her gibt es nicht mehr“, sagt die Rhe­ydte­rin. Dass sich die Welt um sie in­zwi­schen viel schnel­ler dreht, be­kom­me sie nicht mit, sagt der Sohn. „Mei­ne Mut­ter lebt mehr in der Ver­gan­gen­heit.“An den Krieg den­ke sie aber nicht mehr, sagt Hil­de­gard Fran­ken. „Das ist vor­bei.“

Was sie aber ihr Le­ben lang be­glei­tet, sind der Wunsch und auch die Not­wen­dig­keit, sich und ih­rem Kör­per mit ge­sun­dem Es­sen Gu­tes zu tun. Seit ih­rer Dia­gno­se mit En­de 20 hält die Rhe­ydte­rin Di­ät. Schon­kost, we­nig Fleisch. „Wir kau­fen nichts da­zu“, sagt Fried­helm Fran­ken. In ih­rem Gar­ten ha­ben die bei­den al­les, was sie brau­chen: Zuc­chi­ni, Lauch, Pe­ter­si­lie, Kar­tof­feln, Weiß­kohl, To­ma­ten, Pa­pri­ka, Rha­bar­ber, Hei­del­bee­ren, Brom­bee­ren, Cr­an­ber­ries – so­gar ei­nen Pfir­sich­baum gibt es. Die Pfir­si­che vom Nach­barn sei­en aber die­ses Jahr bes­ser. „Nur noch ein biss­chen fest“, ruft der Schre­ber­gar­ten-Nach­bar über den Zaun.

66 Klein­gar­ten-Ein­hei­ten gibt es in dem Rhe­ydter Ver­ein. Die Sied­lung gibt es seit mehr als 70 Jah­ren. Wer sich hier auf­hält, sucht nicht nur die Na­tur, son­dern auch ei­ne Be­schäf­ti­gung. Hil­de­gard Fran­ken ist, wenn sie kann, je­den Tag in ih­rem Gar­ten. Sie fegt die Hüt­te und hilft ih­rem Sohn bei der Gar­ten­ar­beit. Im Haus­halt macht sie die Wä­sche. „Das ist selbst­ver­ständ­lich“, sagt die 100-Jäh­ri­ge. Be­schwer­lich sei die Haus­ar­beit nicht. „Ich füh­le mich gut.“

Mit 93 Jah­ren ist Hil­de­gard Fran­ken an Darm­krebs er­krankt und wur­de ope­riert. Mit 95 Jah­ren hat­te sie ei­nen Schlag­an­fall. Schmer­zen oder Pro­ble­me ha­be sie heu­te aber nicht. Je­den Nach­mit­tag möch­te sie ins Au­to stei­gen und von ih­rem Sohn her­um­ge­fah­ren wer­den. An die Or­te ih­rer Kind­heit, zur Dal­hei­mer Müh­le, in den Hard­ter Wald. „Da ist un­ser Va­ter mit uns Kin­dern frü­her spa­zie­ren­ge­gan­gen“, er­zählt Hil­de­gard Fran­ken. Vier Schwes­tern hat­te die ge­bo­re­ne Hil­de­gard Ot­ten. Ei­ne der Schwes­tern ist heu­te 96 Jah­re alt, die an­de­ren bei­den er­reich­ten mit über 90 Jah­ren eben­falls ein ho­hes Al­ter. Auch die Mut­ter wur­de 92 Jah­re alt. Gu­te Ge­ne? Die 100-Jäh­ri­ge zuckt mit den Schul­tern und grinst. Vi­el­leicht al­so.

RP-FO­TO: HANS-PE­TER REICHARTZ

Hil­de­gard Fran­ken ist im Klein­gar­ten Pongs et­was Be­son­de­res: „Es wird ja nicht je­der 100, nicht?“, sagt die Rhe­ydte­rin.

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