Bei uns funk­tio­niert Fuß­ball emo­tio­nal

Der Sport­de­zer­nent hofft auf ei­nen Er­folg der EM-Be­wer­bung Mön­chen­glad­bachs und glaubt an die Sport­ver­ei­ne in der Stadt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - GE­ORG AMEND, KARSTEN KELLERMANN, DE­NI­SA RICH­TERS UND AN­GE­LA RIETDORF FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

So ei­ne Viel­falt und Band­brei­te im Zu­stän­dig­keits­be­reich ha­ben Bei­ge­ord­ne­te sel­ten zu bie­ten: Gert Fi­scher ver­ant­wor­tet im Rat­haus die De­zer­na­te für Kul­tur, Schu­le und Sport. The­men gä­be es al­so vie­le. Doch dies­mal geht es nur um eins: den Sport, so­wohl als Groß­er­eig­nis als auch an der Ba­sis mit den vie­len Ver­ei­nen in der Stadt. Ein biss­chen Kul­tur spielt doch hin­ein. Denn der De­zer­nent aus Mön­chen­glad­bach hat ei­ne deut­li­che Ähn­lich­keit mit dem Mann auf dem Co­ver des Al­bums „The Ve­ry Best of The Smiths“. Fin­det zu­min­dest der wohl größ­te Fan der bri­ti­schen Band un­ter den RP-Re­dak­teu­ren. Herr Fi­scher, jetzt mal ehr­lich: Wie sind Sie auf das Smiths-Co­ver ge­kom­men? FI­SCHER Ich hof­fe, dass ich nicht so aus­se­he. Das ist ein bri­ti­scher Schau­spie­ler, der auch in der „Car­ry On“-Se­rie da­bei war. (Charles Haw­trey, d. Red.) Aha, wie im­mer gut in­for­miert. Ähn­lich­keit ist aber da. Sie sind ak­ti­ver Schach­spie­ler – wur­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die rich­ti­gen Rocha­den für die­sen Sport in der Stadt ge­macht? FI­SCHER Es gab im­mer ei­nen gu­ten Plan. Das meis­te wur­de auch um­ge­setzt, manch­mal hat al­ler­dings das Geld ge­fehlt. Aber das hat nicht im­mer ge­scha­det. Es ist ei­ne Mön­chen­glad­ba­cher Spe­zia­li­tät, Din­ge um­zu­set­zen, oh­ne die Ta­schen vol­ler Geld zu ha­ben. Mön­chen­glad­bach hat sich für die EM 2024 be­wor­ben. Wie wich­tig sind Groß­er­eig­nis­se für den Sport? FI­SCHER Zual­ler­erst nut­zen sol­che Groß­er­eig­nis­se dem Pres­ti­ge der je­wei­li­gen Sport­art ins­ge­samt und der Stadt, in der sie statt­fin­den. Für die Nach­wuchs­ge­win­nung der lo­ka­len Ver­ei­ne ist es – glau­be ich – un­er­heb­lich, ob man Spiel­ort ist oder nicht. Wie ste­hen die Chan­cen für Mön­chen­glad­bach? In Düs­sel­dorf wa­ren die Gut­ach­ter schon. In Mön­chen­glad­bach auch? FI­SCHER Ja, die Her­ren wa­ren schon da, aber sie sind nicht das Ent­schei­dungs­gre­mi­um. Sie hat­ten ei­nen Berg von De­tail­fra­gen. Da ging es et­wa um Ka­bel­tras­sen oder den Qu­er­schnitt von Lei­tun­gen. Was un­se­re Chan­cen an­geht, so wis­sen wir, dass wir ei­nes der mo­derns­ten Sta­di­en in Deutsch­land ha­ben. Wir sind top drauf. Er­höht es die Chan­cen, dass Mön­chen­glad­bach un­ter al­len Be­wer­ber­städ­ten von den Fans auf Platz 4 ge­wählt wur­de? FI­SCHER Das kann ich wirk­lich nicht ab­schät­zen. Das Er­geb­nis des Ran­kings kam für mich aber nicht über­ra­schend. Dass der Bo­rus­sia­park at­mo­sphä­risch funk­tio­niert, weiß je­der, der mal dort war. Das Sta­di­on ist in ganz Deutsch­land sehr po­si­tiv be­setzt. Was spricht für Mön­chen­glad­bach? FI­SCHER Mön­chen­glad­bach ist ei­ner der Or­te, an de­nen Fuß­ball wirk­lich ge­lebt wird. Fuß­ball ist hier im­mer ein Fest. Die EM wä­re bei uns nicht ein Event un­ter vie­len, son­dern „das Ding“. Das wür­den auch die Gäs­te mer­ken. Stimmt es, dass es Be­wer­bern ei­nen Vor­teil bringt, wenn sie auf der Wet­ter­kar­te der Ta­ges­schau ste­hen? FI­SCHER Das sa­gen Zy­ni­ker. Auf der Wet­ter­kar­te ste­hen na­tür­lich nur die ganz gro­ßen Städ­te. Aber es gibt hof­fent­lich noch an­de­re Be­wer­tungs­kri­te­ri­en. Zählt für die Ue­fa auch das Herz? FI­SCHER Wir kön­nen nicht wis­sen, was für die Ue­fa zählt. So weit sind wir ja auch noch nicht. Im Au­gen­blick steht die deutsch­land­in­ter­ne Ent­schei­dung an. Der DFB sucht zehn Spiel­or­te. Für uns spricht zum Bei­spiel, dass wir noch nie Aus­tra­gungs­ort wa­ren und dass wir der „eu­ro­päischs­te“Spiel­ort wä­ren. Wir sind sehr na­he an Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den und ha­ben durch das JHQ al­te Ver­bin­dun­gen auf die bri­ti­schen In­seln. Das wür­den wir auch in den Mit­tel­punkt ei­nes Rah­men­pro­gramms stel­len. Die Ue­fa ist nicht ge­ra­de da­für be­kannt, in ers­te Li­nie um das fi­nan­zi­el­le Wohl der Aus­tra­gungs­or­te be­sorgt zu sein. Wie groß sind die Zu­ge­ständ­nis­se, die die Stadt ma­chen müss­te? Wie groß ist das fi­nan­zi­el­le Ri­si­ko? FI­SCHER Dar­um kreist die Dis­kus­si­on übe­r­all. Die Kos­ten des Jah­res 2024 sind heute nicht prä­zi­se ab­zu­schät­zen. Wich­ti­ger ist aber der Grad der Re­fi­nan­zie­rung. Die Er­fah­run­gen der WM 2006 zei­gen, dass die meis­ten Städ­te da­mals dar­an so­gar noch ver­dient ha­ben. Die Sche­re geht auf, wenn ho­he In­ves­ti­ti­ons­kos­ten nö­tig sind. Das wä­re bei uns nicht der Fall. Kommt es der Stadt zu­gu­te, Aus­tra­gungs­ort der Frau­en-WM ge­we­sen zu sein? FI­SCHER Ab­so­lut. Wir konn­ten üben und hat­ten da­mals ei­nen an­ge­neh­men Um­gang mit dem DFB und der manch­mal viel­ge­schol­te­nen FIFA. Es wur­den im­mer Lö­sun­gen ge­fun­den, wenn es mal Pro­ble­me gab. Gibt es Auf­la­gen, die die Stadt er­fül­len muss? Fan-Zo­nen zum Bei­spiel? FI­SCHER Wir sind ge­hal­ten, zwei FanZo­nen aus­zu­wei­sen. Wir ha­ben den Ka­pu­zi­ner­platz und den Rhe­ydter Markt ge­nannt. Bei­de ha­ben bei Groß­er­eig­nis­sen im­mer gut funk­tio­niert. Auch für Olym­pia will sich Mön­chen­glad­bach be­wer­ben. Wie ste­hen da die Chan­cen? FI­SCHER Da ist die Si­tua­ti­on ei­ne völ­lig an­de­re. Bei der EM ha­ben wir ei­ne Be­wer­bung ab­ge­ge­ben. Bei Olym­pia setzt sich ei­ne Pri­vat­in­itia- ti­ve für ei­ne Be­wer­bung ein. Das ist gut, steckt aber noch in den An­fän­gen. Mön­chen­glad­bach wä­re ein lo­gi­scher Aus­tra­gungs­ort für Ho­ckey. Wir ha­ben im­mer noch das schöns­te Ho­ckey­sta­di­on Eu­ro­pas. Der Deut­sche Ho­ckey­bund ist seit mehr als zehn Jah­ren in der Stadt an­ge­sie­delt, aber nicht sehr prä­sent. Der Ho­ckey­park wird mehr als Ver­an­stal­tungs­ort ge­nutzt. Nun soll ein na­tio­na­les Leis­tungs­zen­trum kom­men. FI­SCHER Es ist na­tür­lich wich­tig, dass das Sta­di­on auch zu­künf­tig für Ho­ckey ge­nutzt wird. Durch das Leis­tungs­zen­trum wür­de das Ho­ckey­ele­ment ge­stärkt. Es wä­re auch für den Nord­park wich­tig, denn der Bo­rus­sia- und der Ho­ckey­park bil­den so­zu­sa­gen sei­ne bei­den Herz­kam­mern. Ob es zu dem Leis­tungs­zen­trum kommt, hängt da­von ab, wie die Struk­tu­ren der Sport­för­de­rung zwi­schen dem Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um, den Spit­zen­ver­bän­den des Sports und dem Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bund ab­ge­stimmt wer­den. Das Land NRW, die Stadt und die EWMG ste­hen be­reit. Kom­men wir zur sport­li­chen Ba­sis der Stadt: im Ge­gen­satz zu den Au­ßen­sport­an­la­gen sieht es bei den Hal­len nicht so gut aus. Wel­che No­ten wür­den Sie den Sport­hal­len der Stadt ge­ben? FI­SCHER Auch im Hal­len­be­reich ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel in­ves­tiert und viel sa­niert wor­den. Das ist für die po­li­ti­schen Gre­mi­en und die Me­di­en nicht so sicht­bar. Al­lein in die­sem Jahr sind wie­der fünf Hal­len zur Sa­nie­rung vor­ge­se­hen. Ins­ge­samt wür­de ich den Sport­hal­len ei­ne Drei plus ge­ben. Für grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen im Hal­len­sport­be­reich gibt es ei­gent­lich nur die Jahn­hal­le. Braucht die Stadt nicht ei­ne Sport­hal­le mit, sa­gen wir mal, 5000 Plät­zen? FI­SCHER Den Be­darf für ei­ne gro­ße Sport­hal­le mit 5000 oder auch nur 2000 Plät­zen se­he ich im Mo­ment nicht. Die Sport­ar­ten, die sie re­gel­mä­ßig fül­len wür­den, sind bei uns nicht ent­spre­chend ent­wi­ckelt. Au­ßer­dem: Wer soll das be­zah­len? Kon­zen­trie­ren wir uns lie­ber auf die Ba­sis. Die Ver­bes­se­run­gen im Au­ßen­sport­be­reich sprin­gen ins Au­ge. An­la­gen wie die Bel­ler­müh­le und die Rad­renn­bahn wur­den auf­ge­rüs­tet. Auch für Rand­sport­ar­ten wie Ska­ter gibt es An­ge­bo­te. Sind Sie zu­frie­den? FI­SCHER Wir müs­sen im­mer se­hen, wer wel­che An­ge­bo­te wirk­lich braucht. Die BMX-An­la­ge an den Hol­ter Sport­stät­ten zum Bei­spiel ist schön, wird aber lei­der schlech­ter an­ge­nom­men, als er­war­tet. Die Bolz­plät­ze da­ge­gen, bei de­nen wir mit der Bo­rus­sia zu­sam­men­ar­bei­ten, wer­den wirk­lich gut ge­nutzt. Die Ver­eins­land­schaft in Mön­chen­glad­bach ist viel­fäl­tig und hat auch Klein- und Kleinst­ver­ei­ne. Ist sie auch für die Zu­kunft gut auf­ge­stellt? Der Vor­sit­zen­de des Fuß­ball­aus­schus­ses MG/Vier­sen Tho­mas Klin­gen et­wa for­dert, dass die Ver­ei­ne mehr ko­ope­rie­ren müs­sen. Ist das Kirch­turm­den­ken al­so oft zu groß? FI­SCHER Manch­mal ja, aber vie­le Ver­ei­ne rich­ten ih­ren Blick mit Klug­heit auf die Zu­kunft. Aber in der Tat ist die Nach­wuchs­fra­ge für Ver­ei­ne ei­ne Über­le­bens­fra­ge. Bei Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen Schu­len und Ver­ei­nen kann die Stadt nur die Tü­ren öff­nen. Wir ar­bei­ten da im Gleich­klang mit dem Stadt­sport­bund. Die Ver­ei­ne müs­sen die Mög­lich­kei­ten dann nut­zen. Mön­chen­glad­bach hat mit dem Gym­na­si­um Rhein­dah­len ei­ne NRW-Sport­schu­le. Ist auch ein In­ter­nat mög­lich? FI­SCHER Es gibt ja das Sport-Teil­in­ter­nat, mit dem das Gym­na­si­um Rhein­dah­len ko­ope­riert. Für ein kom­plet­tes Sport­in­ter­nat müss­ten un­se­re Pro­fil-Sport­ar­ten Ju­do, Ho­ckey und Schwim­men deut­lich mehr jun­ge „Ka­der­sport­ler“ha­ben. Beim Fuß­ball er­fül­len wir dank der Bo­rus­sia na­tür­lich al­le Vor­aus­set­zun­gen. Zum Schluss noch ei­ne per­sön­li­che Fra­ge: Wel­che Sport­ar­ten se­hen Sie sich im Fern­se­hen an? FI­SCHER Ich bin von ei­ni­gen Aus­wüch­sen im Spit­zen­sport we­nig be­geis­tert und schal­te da­her den Fern­se­her für Sport­über­tra­gun­gen deut­lich sel­te­ner ein als frü­her.

FO­TO: HANS-PE­TER REICHARTZ

Sport­de­zer­nent Gert Fi­scher beim In­ter­view im Raum Lu­xem­burg im Bo­rus­sia-Sta­di­on. Das Bild im Hin­ter­grund zeigt den Hand­schlag der da­ma­li­gen Ka­pi­tä­ne Gün­ter Net­zer und San­dro Maz­zo­la (In­ter Mai­land).

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