Er­in­ne­run­gen an Thur­rock

1951 fand der ers­te Schü­ler­aus­tausch mit der Ge­mein­de Thur­rock öst­lich von Lon­don statt. 1969 mün­de­ten die Ju­gend­kon­tak­te in ei­ne of­fi­zi­el­le Städ­te­part­ner­schaft mit Rhe­ydt. Doch ein Hap­py End hat die­se Er­folgs­ge­schich­te nicht – die Freund­schaft ist bis au

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON HEL­MUT MICHELIS

„Ver­gesst mir Thur­rock nicht!“, lau­tet der Ap­pell von Hanns-Joa­chim Pohl. Der Be­richt in der Rhei­ni­schen Post über das in­ter­kul­tu­rel­le Koch­pro­jekt „Meet and Eat“(„Tref­fen und es­sen“), das Mön­chen­glad­bachs Städ­te­part­ner­schaf­ten wie­der­be­le­ben soll, war An­lass für den Oden­kir­che­ner, sich an den völ­ker­ver­bin­den­den Aus­tausch mit der eng­li­schen Ge­mein­de am Nord­ufer der Them­se zu er­in­nern. Er führ­te we­ni­ge Jah­re nach dem Zwei­ten Welt­krieg ein Stück­chen zer­strit­te­nes Eu­ro­pa über die Ju­gend wie­der zu­sam­men.

„Zeit­gleich, welch ein Zu­fall, er­hielt ich ei­ne Mail von Carl Coa­tes, als Youth Of­fi­cer, als städ­ti­scher An­ge­stell­ter im Ju­gend­amt, mein da­ma­li­ges Ge­gen­über in En­g­land und heu­ti­ger en­ger Freund. Er be­rich­te­te mir, dass er im Ein­gang sei­nes Hau­ses ge­ra­de vier gro­ße Schwarz­wei­ßFo­tos des al­ten Rhe­ydt auf­ge­hängt hat, so dass je­der Be­su­cher sie als Ers­tes se­hen kön­ne“, sagt Pohl. Der ehe­ma­li­ge Leh­rer am Be­rufs­kol­leg Rhe­ydt-Mül­fort für Tech­nik nahm be­reits An­fang der 1960er Jah­re als Schü­ler an dem in­ten­si­ven deutsch­bri­ti­schen Aus­tausch­pro­gramm teil und über­nahm des­sen Lei­tung als jun­ger Päd­ago­ge En­de der 60er Jah­re selbst. „Die Über­schrift zur Carls Mail, ,Fo­re­ver Rhe­ydt’, al­so ,Auf ewig Rhe­ydt’, und die Stadt­an­sich­ten an der ro­sa­far­be­nen Wand fand ich na­tür­lich rüh­rend und schön.“

Die bei­den jun­gen Män­ner von einst, die sich als über­zeug­te Eu­ro­pä­er jah­re­lang so lei­den­schaft­lich für die Ver­söh­nung der ehe­ma­li­gen Kriegs­geg­ner ein­ge­setzt ha­ben, sind heu­te längst im Ru­he­stand: Carl Coa­tes ist 83, Pohl 75. „Zahl­rei­che Rhe­ydter der Jahr­gän­ge 1954 bis 1962 wer­den mei­nen Freund, der heu­te in Sh­ef­field lebt, noch in bes­ter Er­in­ne­rung ha­ben.“Pohl schmun­zelt: „Die ju­gend­li­chen Rei­se­teil­neh­mer, es wer­den meh­re­re Hun­dert ge­we­sen sein, müs­sen heu­te um die 60 Jah­re alt sein.“

Thur­rock mit rund 160.000 Ein­woh­nern ist ei­ne Bün­del­ge­mein­de mit vier Städ­ten und meh­re­ren Dör­fern. „Sie hat heu­te noch an Be­deu­tung ge­won­nen, weil im öst­li­chen Teil an der Them­se der neue Ha­fen der bri­ti­schen Haupt­stadt, der Con­tai­ner­ter­mi­nal ,Lon­don Ga­te­way’, ent­stan­den ist. Un­se­re Kon­tak­te lie­fen meist über die zu Thur­rock ge­hö­ren­de Stadt Grays“, er­in­nert sich der Oden­kir­che­ner.

Da­mals hat­te der Aus­tausch auf bei­den Sei­ten ei­nen ho­hen Stel­len­wert – so hoch, dass die Stu­den­ten Pohl und Ernst-Jo­sef Kehr­busch, Sohn des da­ma­li­gen Stadt­ju­gend­pfle­gers in Rhe­ydt, von Grays Bür­ger­meis­ter wäh­rend ei­ner pri­va­ten En­g­land-Rei­se so­gar of­fi­zi­ell emp­fan­gen wur­den: „Er ließ uns in ei­nem Rolls Royce ab­ho­len, was uns sehr be­ein­druck­te. Zum Glück hat­te ich ei­nen An­zug und ei­ne Kra­wat­te da­bei.“Um­ge­kehrt emp­fin­gen Rhe­ydts Stadt­spit­zen, zu­letzt Ober­bür­ger­meis­ter Fritz Rah­men und Ober­stadt­di­rek­tor Hel­mut Freu­en, bis 1975 re­gel­mä­ßig die Gäs­te von der In­sel.

Für Pohl war 1960 ei­ne Klas­sen­fahrt nach Lon­don „die Initi­al­zün­dung, dass ich Eng­lisch stu­dier­te“. Spä­ter un­ter­rich­te­te er zu­dem Deutsch und Sport, was man dem drah­ti­gen Pen­sio­när heu­te noch an­sieht. Die bis zu 40 Köp­fe star­ken Ju­gend­grup­pen hät­ten je­weils für zwei Wo­chen bei Gast­fa­mi­li­en mit et­wa gleich­alt­ri­gen Ju­gend­li­chen ge­wohnt. „Je­der Rhe­ydter ,Mut­ti’ über­ga­ben die Jun­gen und Mäd­chen aus En­g­land zum Ab­schied ei­ne Ro­se“, schrieb die Rhei­ni­sche Post im Au­gust 1970 über ei­ne Ab­schluss­fei­er im Ju­gend­heim an der Pes­ta­loz­zi­stra­ße. An­ders als heu­te war der Be­such in der Part­ner­stadt für vie­le der 16- bis 20Jäh­ri­gen die ers­te Aus­lands­rei­se. „Ent­spre­chend auf­re­gend wa­ren die Be­geg­nun­gen“, sagt Pohl. „Schnell ent­wi­ckel­te sich in den Grup­pen ein en­ger Kon­takt, ein ei­ge­nes ,Deng­lisch’ gar – ei­ne Spra­che, der Au­ßen­ste­hen­de kaum fol­gen konn­ten.“

In den An­fangs­jah­ren galt es, Kriegs­wun­den zu hei­len. Man­che En­g­län­der schau­ten an­fangs miss­trauisch auf die „Ger­m­ans“, die we­ni­ge Jah­re zu­vor noch Bom­ben auf ih­re Hei­mat ge­wor­fen hat­ten. Um­ge­kehrt wur­den die Bri­ten im Haupt­quar­tier Rhein­dah­len von vie­len noch als Be­sat­zer ver­ach­tet. „Aber das Eis war schnell ge­bro­chen“, meint Pohl. „Es ent­wi­ckel­ten sich zahl­rei­che Freund­schaf­ten über die Gren­zen, die­se Part­ner­schaft hat ge­lebt.“Die RP kom­men­tier­te das 1972 so: „Die Sa­che hat sich be­währt. Man er­kennt dies auch dar­an, dass die Re­den, die beim Kom­men und Ge­hen der Gäs- te ge­hal­ten wer­den, an Pa­thos ver­lo­ren ha­ben.“

Mit der kom­mu­na­len Neu­ord­nung zum 1. Ja­nu­ar 1975, die Glad­bach, Rhe­ydt und Wick­rath zur Groß­stadt Mön­chen­glad­bach ver­ei­nig­te, be­gann je­doch der Nie­der­gang der Städ­te­freund­schaft. Heu­te exis­tiert sie of­fen­bar nur noch auf dem Pa­pier und auf Schil­dern am Orts­ein­gang. Denn gleich er­nüch­ternd en­det die Spu­ren­su­che bei bei­den Städ­ten: „Es konn­te nichts ge­fun­den wer­den“, heißt es beim Be­griff „Thur­rock“im In­ter­net­an­ge­bot der In­ter­es­sen­ge­mein­schaft Städ­te­part­ner­schaft, die für Mön­chen­glad­bach die Kon­tak­te ins Aus­land pflegt. Städ­ti­sche Zu­schüs­se da­für gibt es seit Jah­ren nicht mehr. Auf der In­ter­net­sei­te von Thur­rock führt ei­ne Stich­wort­su­che nach Mön­chen­glad­bach oder Rhe­ydt eben­falls ins Lee­re.

„In Zei­ten, in de­nen viel über ein star­kes und ver­ein­tes Eu­ro­pa ge­spro­chen wird, lohnt es sich, über ei­ne Wie­der­be­le­bung un­se­rer Städ­te­part­ner­schaf­ten nach­zu­den­ken und ge­mein­sam ei­nen Bei­trag für ein frei­es, fried­li­ches und de­mo­kra­ti­sches Eu­ro­pa zu leis­ten“, meint OB Hans Wil­helm Rei­ners auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. „Um als Stadt neue Im­pul­se ge­ben und die Part­ner­schaf­ten auch of­fi­zi­ell pfle­gen zu kön­nen, müs­sen al­ler­dings Politik und Ver­wal­tung auch ei­ne fi­nan­zi­el­le Grund­la­ge schaf­fen.“

„Ge­mein­sam mit Carl Coa­tes ha­be ich vor ei­ni­gen Jah­ren noch ein­mal ver­sucht, ei­nen Schü­ler­aus­tausch ins Le­ben zu ru­fen. Es ha­ben sich aber kei­ne Ga­s­t­el­tern mehr ge­fun­den“, be­rich­tet Pohl. Der Kon­takt mit dem En­g­län­der aber hat den Wan­del über­dau­ert. „Seit­dem Carl nicht mehr für län­ger rei­sen kann, wer­den un­se­re Te­le­fon­ge­sprä­che im­mer län­ger.“Kurz­be­su­che in Oden­kir­chen und Tref­fen in Lon­don sei­en aber wei­ter­hin ge­plant. Thur­rock in das in­ter­kul­tu­rel­le Koch­pro­jekt „Meet and Eat“ein­zu­bin­den, hält Hanns-Joa­chim Pohl für schwie­rig. „Die eng­li­sche Kü­che emp­fan­den wir schon als ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. So gab es da­mals Fish and Chips in Zei­tungs­pa­pier und man muss­te dem Ver­käu­fer ganz schnell sa­gen: Bit­te kein Es­sig!“

„Die eng­li­sche Kü­che emp­fan­den wir als ge­wöh­nungs­be­dürf­tig“

Hanns-Joa­chim Pohl

FO­TOS: D. HENDERSON, H.-J.

Oben: Thur­rocks Stadt­di­rek­tor (Mit­te) be­grüßt am 20. Au­gust 1969 ei­ne Grup­pe aus Rhe­ydt, in der Mit­te (r.) der deut­sche De­le­ga­ti­ons­lei­ter Hanns-Joa­chim Pohl. Links: Ein Aus­schnitt aus der RP (Rhe­ydter Stadtpost) vom 28. Ok­to­ber 1970. Rechts: Carl Coa­tes (l.) im Ge­spräch. Un­ten: Rhe­ydter Stadt­an­sich­ten in Carl Coa­tes’ Haus in Sh­ef­field.

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