Tan­zend ins drit­te Jahr­hun­dert

He­le­ne Pau­lu­ßen und Ger­trud Heid­rich brin­gen es zu­sam­men auf glat­te 200 Jah­re – ein Grund zum Fei­ern.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON AN­GE­LA RIETDORF

„Mit hun­dert fängt das Le­ben an“, sagt Ger­trud Heid­rich und lacht schel­misch. Wenn das wirk­lich so ist, dann muss sie noch ein we­nig war­ten – Ger­trud Heid­rich be­geht näm­lich erst ih­ren 99. Ge­burts­tag. Das feh­len­de Jahr borgt sie sich so­zu­sa­gen von ih­rer Nach­ba­rin: He­le­ne Pau­lu­ßen hat ih­ren hun­dert­un­der­s­ten Ge­burts­tag schon hin­ter sich. Ge­mein­sam fei­er­ten sie jetzt mit den an­de­ren Be­woh­ne­rin­nen und Be­woh­nern des Hel­mut-Kuh­len-Se­nio­ren­heims ih­ren 200. Ge­burts­tag.

Die bei­den Ge­burts­tags­kin­der sit­zen vor ei­ner bunt ge­schmück­ten Wand, las­sen sich Ge­schen­ke über­rei­chen, ein Ständ­chen nach dem an­de­ren brin­gen, und sie stim­men mun­ter mit ein, wenn al­le „Freut euch des Le­bens“sin­gen. Und sie He­le­ne Pau­lu­ßen 101 Jah­re mach­ten ih­re Scher­ze. „Gott sei Dank weiß nie­mand, dass ich Ge­burts­tag ha­be“, sagt Ger­trud Heid­rich la­chend, als Mecht­hild Schel­ho­ve vom So­zia­len Di­enst des Se­nio­ren­heims den bei­den ei­ne Ge­burts­tags­tor­te mit ei­ner „200“in Ker­zen­form über­reicht. Als der Ak­kor­de­on­spie­ler dann in die Tas­ten greift, gibt es kein Hal­ten mehr: Die bei­den äl­tes­ten Be­woh­ne­rin­nen des Hau­ses wie­gen sich im Takt der Mu­sik – Ger­trud Heid­rich im Arm ih­res Nef­fen, He­le­ne Pau­lu­ßen mit ih­rer Toch­ter. Es sei schon das zwei­te Mal in die­sem Mo­nat, dass ih­re Mut­ter tan­ze, stellt He­le­ne Pau­lu­ßens Toch­ter Wal­traud En­ge­len, fest. Schon beim Ok­to­ber­fest wur­de das Tanz­bein ge­schwun­gen. „Tan­zen war im­mer ihr Ein und Al­les“, er­klärt die Toch­ter.

He­le­ne Pau­lu­ßen wur­de am 24. Sep­tem­ber 1916 in Os­ter­feld in der Nä­he von Ober­hau­sen ge­bo­ren. Die ge­lern­te Schnei­de­rin leb­te zwi­schen­zeit­lich in Kre­feld, zog aber vor mehr als 60 Jah­ren nach Rhe­ydt. Ne­ben dem Tan­zen liebt sie den Kar­ne­val – Lei­den­schaf­ten, die be- son­ders zu Alt­wei­ber her­vor­ra­gend zu­sam­men­pas­sen. Seit sie­ben Jah­ren lebt sie im Se­nio­ren­heim, re­gel­mä­ßig be­sucht von ih­rer ein­zi­gen Toch­ter. Aber lang­wei­lig ist ihr auch sonst nicht. „Sie ist im­mer un­ter­wegs und nimmt an den Ak­ti­vi­tä­ten teil“, er­zählt Wal­traud En­ge­len. Fei­er­freu­dig ist sie auch im ho­hen Al­ter im­mer noch: Auch mit 101 greift sie lie­ber zum Gläs­chen Sekt als zum Oran­gen­saft.

Auch Ger­trud Heid­rich ist 2010 in das Awo-Se­nio­ren­heim an der Bend­he­cker Stra­ße ge­zo­gen – ein Ent­schluss, den sie nicht be­reut. „Ich bin hier so gut auf­ge­ho­ben.“Die 99-Jäh­ri­ge stammt aus Schle­si­en und er­in­nert sich noch gut an den Krieg. „Als die Rus­sen ka­men, hat­te ich sol­che Angst“, er­zählt sie. „Aber dann wur­de ich po­si­tiv über­rascht.“Als sie Schle­si­en ver­las­sen muss­te, ging sie erst nach Wi­en, dann nach Nord­rhein-West­fa­len. „Ich woll­te da­hin, wo viel Ar­beit ist.“

Ger­trud Heid­rich ar­bei­te­te vie­le Jah­re in ei­ner Zei­tungs­dru­cke­rei. „Ich ha­be die Zei­tung ex­pe­diert“, be­schreibt sie ih­re Auf­ga­be. Ihr Mann fiel im Krieg – noch ein­mal ge­hei­ra­tet hat sie nicht. „Er hat im­mer zu mir ge­sagt, ich sol­le es nicht glau­ben, wenn die Nach­richt von

Sie greift lie­ber zum Gläs­chen Sekt als zum Oran­gen­saft „Als die Rus­sen ka­men, hat­te ich sol­che Angst“

Ger­trud Heid­rich 99 Jah­re sei­nem Tod kommt, er kön­ne ja auch in Ge­fan­gen­schaft sein“, er­zählt sie. „Dar­an ha­be ich im­mer wie­der ge­dacht.“

Ger­trud Heid­rich nimmt eben­falls sehr ak­tiv am Le­ben im Se­nio­ren­heim teil. Oder sie geht spa­zie­ren oder legt Pa­ti­en­cen. „Aber da­zu ha­be ich meis­tens kei­ne Zeit“, sagt sie und lacht wie­der.

FO­TO: ANDRE­AS BAUM

Ger­trud Heid­rich, He­le­ne Pau­lu­ßen, Wal­traud En­ge­len und Mecht­hild Schel­ho­ve (v. l.) fei­er­ten ge­mein­sam.

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