Ein­sich­ten und Im­pul­se – ei­ne ers­te Bi­lanz

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON MAR­TI­NA WASSERLOOS-STRUNK MAR­TI­NA WASSERLOOS-STRUNK IST LEI­TE­RIN DER PHILIPPUS-AKA­DE­MIE DES EVAN­GE­LI­SCHEN KIR­CHEN­KREI­SES

End­lich ge­schafft! Das Re­for­ma­ti­ons­ju­bel­jahr geht lang­sam zu En­de, und wir kön­nen all­mäh­lich wie­der mit dem all­täg­li­chen Ge­schäft be­gin­nen. Die Fra­ge „Was wird es brin­gen?“hat sich ge­wan­delt in: „Was hat es ge­bracht?“Um das vor­weg­zu­neh­men – Fei­er­lich­kei­ten, Ver­an­stal­tun­gen, Got­tes­diens­te, Vor­trä­ge, Lie­der­aben­de, Lu­ther­mah­le, öku­me­ni­schen Ver­samm­lun­gen, Buch­neu­er­schei­nun­gen, Cho­ral­be­ar­bei­tun­gen, Dis­kus­si­ons­run­den, Ex­kur­sio­nen, theo­lo­gi­schen Neu­be­wer­tun­gen – es war ei­ne ab­wechs­lungs­rei­che Zeit.

Da­bei hat­te zu An­fang al­les un­ter dem Vor­be­halt ge­stan­den: kos­tet ei­ne Men­ge Geld, er­reicht wahr­schein­lich nur die Kern­ge­mein­den, Lu­ther hät­te es nicht ge­wollt, und die an­de­ren Re­for­ma­to­ren wer­den gar nicht er­wähnt. Ab­seits der zahl­rei­chen Spaß­an­ge­bo­te im Re­for­ma­ti­ons­jahr, der Lu­ther­so­cken und „Vit­amin­lu­the­ret­ten“– mit de­nen wir uns an den Rand der völ­li­gen Lä­cher­lich­keit be­ge­ben ha­ben – ha­ben wir über vie­les neu nach­ge­dacht und uns un­se­rer Wur­zeln und Wer­te ver­ge­wis­sert: Frei­heit des Glau­bens, kei­ne Macht über das Ge­wis­sen des Ein­zel­nen, Bil­dung für al­le, ei­ne Kir­chen­ord­nung, die häu­fig als Grund­la­ge der De­mo­kra­tie be­zeich­net wird – das ist schon was!

Was man jetzt schon im Rück­blick sa­gen kann: Wir sind nicht mehr die, die vor ei­nem Jahr in den Fest­tru­bel ge­star­tet sind. Wir ha­ben viel ent­deckt – zum Bei­spiel, dass es ei­ne gan­ze Men­ge klu­ger Frau­en der Re­for­ma­ti­on ge­ge­ben hat, die selbst­stän­dig für die re­for­ma­to­ri­schen Ge­dan­ken ein­ge­tre­ten sind und da­für ei­ni­ges auf sich ge­nom­men ha­ben. Wir ha­ben auch ge­lernt, dass die Ge­schwis­ter der rö­mi­schen Kir­che die Re­for­ma­ti­on nicht als „Ab­fall vom rich­ti­gen Glau­ben“ver­ste­hen, so wie wir evan­ge­lisch-muf­fe­lig es oft ge­mut­maßt ha­ben, son­dern als ei­ne kon­fes­si­ons­über­grei­fen­de Auf­for­de­rung an die Kir­che, sich selbst zu über­den­ken und zu re­for­mie­ren.

Lei­der hat das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­ums-Bil­dungs­pro­gramm wahr­schein­lich wie­der nur die er­reicht, die so was im­mer er­reicht: pro­tes­tan­ti­sche und sons­ti­ge Bil­dungs­bür­ger – al­le an­de­ren ha­ben da­bei lei­der ein we­nig vor der Tür ge­stan­den. Aber das ist nur mein per­sön­li­cher Ein­druck. Dass Kir­che in der sä­ku­la­ren Welt über­haupt nicht mehr selbst­ver­ständ­lich, son­dern im­mer und über­all er­klä­rungs­be­dürf­tig ist, das ha­ben wir viel­leicht ge­ahnt, aber in die­sem Jahr von vie­len Men­schen „au­ßer­halb“der Kir­che auch ziem­lich klar ge­sagt be­kom­men. Ei­ne Chan­ce, aber auch ei­ne gro­ße An­stren­gung, das ist in vie­len Ge­sprä­chen sehr deut­lich ge­wor­den. Dann, wenn wir er­klä­ren soll­ten, was wir ei­gent­lich glau­ben und war­um un­ser Glau­be Ein­fluss hat auf un­ser Han­deln. Vie­le an­de­re Ein­sich­ten und Im­pul­se für die nächs­ten Jah­re ha­ben sich er­ge­ben – die Re­for­ma­ti­on ist „auf dem Markt“und soll jetzt wei­ter wir­ken.

Bei al­lem, was man Po­si­ti­ves sa­gen kann, jetzt, im vor­sich­ti­gen ers­ten Rück­blick: Manch­mal hat­te ich in die­sem Jahr auch das Ge­fühl, dass wir uns ge­nuss­voll selbst ge­fei­ert ha­ben und der kri­ti­sche Blick et­was an den Rand ge­tre­ten ist. Ist ja auch klar – wenn man ei­nen gro­ßen Fa­mi­li­en­ge­burts­tag fei­ert, dann pas­sen die ewig glei­chen blö­den Ge­schich­ten nicht. Und wer sie aus­gräbt, ist der Spaß­ver­der­ber, mit dem kei­ner Ku­chen es­sen will.

Ob das „Me­gaevent Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um“am En­de da­zu führt, dass die Kir­chen wie­der voll und die Got­tes­diens­te gut be­sucht sind – das wa­ge ich zu be­zwei­feln. In der Men­ge der Sinn-An­ge­bo­te ist das kirch­li­che An­ge­bot lei­der ei­nes un­ter vie­len, das muss man ehr­li­cher­wei­se sa­gen, auch wenn uns das nicht ge­fällt. Den­noch, trotz­dem und ge­ra­de des­halb: Kir­che ist ein Ak­teur der Zi­vil­ge­sell­schaft und steht heu­te mehr in der Ver­ant­wor­tung denn je. Es reicht nicht mehr, an­zu­ord­nen, und das Kir­chen­volk folgt. Es reicht auch nicht mehr und hat wahr­schein­lich nie ge­reicht, ei­ne Macht­po­si­ti­on aus ver­meint­lich hö­he­ren Wei­hen ab­zu­lei­ten. Das ha­ben die Re­for­ma­to­ren klar er­kannt.

Re­for­ma­ti­on be­deu­tet heu­te wie zu al­len Zei­ten: po­si­ti­ve Ein­fluss­nah­me oh­ne Macht, Vor­bild­funk­ti­on in al­len ei­ge­nen Be­rei­chen – von kirch­li­chen Mit­ar­bei­ten­den bis zu theo­lo­gi­schen Hoch­schu­len. Kri­ti­sche Re­fle­xi­on über das, was man tut und sagt. Of­fen­heit ge­gen­über dem Zeit­geist, aber nicht Un­ter­ord­nung. Klar­heit in der Po­si­ti­on, auch wenn es manch­mal ge­gen Wi­der­stän­de geht und Ver­bind­lich­keit und of­fe­ne Tü­ren, für al­le die kom­men – auch wenn sie uns erst­mal ir­ri­tie­ren. Wenn wir das in der Zeit bis zum nächs­ten Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um ernst neh­men und um­set­zen, dann hat sich je­der Cent ge­lohnt – und die „Vit­amin­lu­the­ret­ten“sind bis da­hin so­wie­so ver­ges­sen.

RP-AR­CHIV: ILGNER (2), RAUPOLD

Auch die­se Fo­to­be­le­ge ge­hör­ten zum Re­for­ma­ti­ons­jahr: Links das Kunst­pro­jekt „re­FOR­Ma­ti­on-trans­FOR­Ma­ti­on“mit Mu­se­ums­di­rek­to­rin Su­san­ne Titz und Pfar­rer Ste­phan De­d­ring in der Rhe­ydter Haupt­kir­che. Auf dem Fo­to oben rechts un­ter­zeich­nen bei der Re­for­ma­ti­ons­syn­ode in Rhe­ydt Bi­schof Hel­mut Die­ser (l.) und Prä­ses Man­fred Rekowski in der Rhe­ydter Haupt­kir­che ei­nen „Öku­me­ni­schen Brief“. Die­se Syn­ode wur­de un­ter an­de­rem von der Au­to­rin des Gast­bei­trags, Mar­ti­na Was­ser­loosS­trunk (3.v.l.), vor­be­rei­tet. Das Fo­to rechts un­ten zeigt sie mit dem Or­ga­ni­sa­ti­ons­team (v.l.) Ute Dorn­bach-Nen­sel, Su­per­in­ten­dent Dietrich Den­ker, Jens-Pe­ter Bent­zin (Pfar­rer in Mon­schau), Bet­ti­na Furch­heim und Frie­de­ri­ke Lam­brich.

RP-AR­CHIV: KNAP­PE

Die 25-köp­fi­ge „Ten Sing“-Grup­pe der Ju­gend­kir­che Rhe­ydt stell­te mit der Show „Lu­ther bei die Fi­sche“Le­ben und Wir­ken des Re­for­ma­tors nach.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.