Das Hand­werk baut auf Flücht­lin­ge

Rheinische Post Moers - - UNTERHALTUNG - VON JO­SEF POGORZALEK

Be­trie­be ha­ben Pro­ble­me, Lehr­stel­len zu be­set­zen. Mit Qua­li­fi­zie­rungs­kur­sen für jun­ge Flücht­lin­ge, wie jetzt im Mo­er­ser Vre­den­hof, zie­hen die Kreis­hand­wer­ker­schaf­ten We­sel und Duisburg des­halb selbst Nach­wuchs her­an.

MO­ERS Im Vre­den­hof an der Rö­mer­stra­ße lernt Se­dik Red­jouzh den Um­gang mit der Mau­rer­kel­le. Ge­ra­de hat er ei­ne Rei­he Kalk­sand­stei­ne auf ei­ne an­de­re ge­setzt. Aus­bil­der Andre­as Läm­mer­zahl ist noch nicht zu­frie­den. „Hier Mör­tel, hier Mör­tel, hier Mör­tel . . .“sagt er und zeigt auf die Fu­gen. „Sonst sind die spä­ter hohl und das Haus stürzt ein.“Red­jo­uh ist vor zwei Jah­ren als Flücht­ling aus Al­ge­ri­en nach Deutsch­land ge­kom­men. Seit Au­gust nimmt er an ei­ner Bil­dungs­maß­nah­me teil, mit der die Kreis­hand­werk­schaf­ten We-

Frank Brux­mei­er sel und Duisburg ge­zielt Flücht­lin­ge als Nach­wuchs fürs Hand­werk gewinnen wol­len. „Per­spek­ti­ven für jun­ge Flücht­lin­ge im Hand­werk“heißt Pro­gramm, das die Agen­tur für Ar­beit fi­nan­ziert und der „In­te­gra­ti­on Po­int“des Job­cen­ters be­glei­tet. „Wir ha­ben Pro­ble­me, die Aus­bil­dungs­stel­len zu be­set­zen“, sagt Kreis­hand­werks­meis­ter Gün­ter Bo­de. Zwar ha­ben in die­sem Jahr kreis­weit rund 600 jun­ge Leu­te Aus­bil­dun­gen in Hand­werks­be­ru­fen an­ge­tre­ten; das sind zehn Pro­zent mehr als im letz­ten Jahr. Aber im­mer noch sei­en min­des­ten 350 Stel­len un­be­setzt, sagt Bar­ba­ra Os­sy­ra von der Agen­tur für Ar­beit. Dank der „Per­pek­ti­ven“ist die Lü­cke be­reits et­was klei­ner ge­wor­den. Acht­mal hat das Pro­gramm bis­her statt­ge­fun­den. „Wir konn­ten be­reits 30 Flücht­lin­ge in Aus­bil­dung brin­gen“, freut sich Frank Brux­mei­er von der Kreis­hand­wer­ker­schaft Duisburg. In der In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen auf dem Ar­beits­markt sei die Re­gi­on Vor­rei­ter: „Lan­des­weit, wenn nicht so­gar bun­des­weit.“

Die neun­te Run­de der „Per­spek­ti­ven“ist die ers­te, die in Mo­ers statt­fin­det und die ers­te, die aus­schließ­lich Bau­be­ru­fen vor­be­hal­ten ist. Im Mo­er­ser Vre­den­hof hat die Bau­ge­werks­in­nung ei­nen Lehr­bau­hof. Acht Män­ner aus Eri­trea, Ma­li, Al­ge­ri­en, Af­gha­nis­tan, Al­ge­ri­en und Ma­rok­ko schnup­pern dort mon­tags bis frei­tags, je­weils von 8.15 bis 15 Uhr, in Bau­be­ru­fe wie Mau­rer, Tro­cken- bau­er, Flie­sen­le­ger oder Ma­ler rein. Die Teil­neh­mer, 18 bis 21 Jah­re alt, wer­den von zwei Aus­bil­dern und ei­nem So­zi­al­päd­ago­gen be­treut. Ne­ben der Be­rufs­pra­xis ste­hen zwei­mal die Wo­che Ma­the­ma­tik und Deutsch auf dem Lehr­plan. Auch ein mehr­wö­chi­ges Be­triebs­prak­ti­kum ist Teil der sechs Mo­na­ten lan­gen Maß­nah­me. Stel­len sich die Flücht­lin­ge gut an, kön­nen sie an­schlie­ßend ei­ne Lang­zeit­qua­li­fi­zie­rung in ei­nem Be­trieb an­tre­ten – mit dem Ziel, sie zum 1. Au­gust 2018 in ei­ne Aus­bil­dung zu ver­mit­teln. „Wir sind froh, un­se­ren Be­trie­ben ge­eig­ne­te Lehr­lin­ge an­bie­ten zu kön- nen“, sagt Bau­ge­werks-Ober­meis­ter Ru­dolf Ro­sen­ber­ger. Die Flücht­lin­ge sei­en pünkt­lich, zuverlässig und hoch­mo­ti­viert.

Vor al­lem Flücht­lin­ge aus „si­che­ren Dritt­staa­ten“sei­en sehr In­ter­es­siert an ei­ner Aus­bil­dung, sagt Bar­ba­ra Os­sy­ra. Denn die­se er­öff­ne ih­nen ei­ne Blei­be­per­spek­ti­ve in Deutsch­land: Nach der „drei plus zwei“-Re­ge­lung wird Flücht­lin­gen ein Blei­be­recht für die Dau­er der Aus­bil­dung und zwei Jah­re Be­schäf­ti­gung ga­ran­tiert. Brux­mei­er und Bo­de ge­hen da­von aus, dass ei­ni­gen Teil­neh­mern der Maß­nah­me in ein paar Jah­ren die Ab­schie­bung droht. Doch das sei nicht schlimm. „Dann ha­ben wir ei­nen Mehr­wert für die Hei­mat­län­der ge­schaf­fen.“

Viel lie­ber wä­re es Frank Brux­mei­er je­doch, wenn sich die Ge­set­zes­la­ge än­der­te. „Ich hof­fe, dass Ja­mai­ka das et­was ent­spann­ter sieht“, sagt er mit Blick auf die neue Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on in Berlin. Er ist zu­ver­sicht­lich: Aus den jun­gen Flücht­lin­ge, de­nen die Hand­wer­ker­schaft heu­te be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven er­öff­net, kön­nen mor­gen so­gar Fa­chund Füh­rungs­kräf­te wer­den. „Was wir ma­chen, ist Wirt­schafts­för­de­rung. Wir in­ves­tie­ren in das Per­so­nal von mor­gen.“

„Wir in­ves­tie­ren in das Per­so­nal von mor­gen“

Kreis­hand­wer­ker­schaft Duisburg

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