Af­gha­ni­scher Fil­me­ma­cher wird Op­ti­ker

Rheinische Post Moers - - KAMP-LINTFORT - VON PE­TER GOTTSCHLICH

Say­ed Is­lam Sa­dat hat ei­ne Aus­bil­dung zum Au­gen­op­ti­ker bei Blick­win­kel in Kamp-Lint­fort be­gon­nen. Er floh vor zwei Jah­ren aus Af­gha­nis­tan nach Deutsch­land, weil sein Film „Et­hics of Lo­ve“durch die Ta­li­ban-Zen­sur fiel.

KAMP-LINT­FORT Sein Film „Et­hics of Lo­ve“macht der­zeit die Run­de am Nie­der­rhein. Er war in Rheurdt und Rheinberg zu se­hen. Am Don­ners­tag wur­de er im Sons­be­cker Ka­s­tell ge­zeigt. Die nächs­te Ge­le­gen­heit, „Ver­bo­te­ne Lie­be“, wie sein Strei­fen auf Deutsch heißt, zu se­hen, be­steht am Frei­tag, 17. No­vem­ber, um 19 Uhr im Kriem­hilds­saal im Xan­te­ner Ni­be­lun­gen­mu­se­um. Dar­in spielt Say­ed Is­lam Sa­dat, der auch Au­tor und Pro­du­zent ist, ei­nen jun­gen Mus­lim na­mens Sa­mir, der sich in Ka­bul in die jun­ge Hin­du na­mens Sim­ran ver­liebt. Das ruft im Film die ver­fein­de­ten Fa­mi­li­en auf den Plan, wie beim Sha­ke­speare-Klas­si­ker Ro­meo und Ju­lia. In der Wirk­lich­keit ließ das au­ßer­dem die stil­len Macht­ha­ber in der af­gha­ni­schen Haupt­stadt aufs Ta­bleau kom­men, wahr­schein­lich auch, weil sich der Film ne­ben der jun­gen Lie­be um die Kor­rup­ti­on in Af­gha­nis­tan dreht.

Nach­dem 2013 ei­ni­ge Jour­na­lis­ten den Strei­fen ge­se­hen hat­ten, um dar­über po­si­tiv im Fern­se­hen zu be­rich­ten, be­kam der Va­ter von Say­ed Is­lam Sa­dat sei­nen ers­ten Be­such von Ta­li­ban-Freun­den. „Sie ha­ben ihm ge­sagt, ich sol­le den Film nicht öf­fent­lich zei­gen“, er­zählt der 26jäh­ri­ge Fil­me­ma­cher, wäh­rend er im­mer ver­mei­det, das Wort Ta­li­ban über sei­ne Lip­pen schrei­ten zu las- sen. „Ein Mus­lim dür­fe sich nicht in ei­ne Hin­du ver­lie­ben.“

Der Ka­bu­ler ris­kier­te es nicht, den Strei­fen ein zwei­tes Mal vor­zu­stel­len „Sie tö­ten Men­schen für viel ein­fa­che­re Din­ge“, stellt der jun­ge Mann nüch­tern fest.

Im Au­gust 2015 flog er von Af­gha­nis­tan in die Tür­kei, um über Grie­chen­land, Ma­ze­do­ni­en und Ös­ter­reich Deutsch­land zu er­rei­chen. En­de 2015 kam er nach Al­pen, wo er die Un­ter­stüt­zung der Flücht­lings­hil­fe schnell zu schät­zen lern­te.

„Die Flücht­lings­hil­fe hat mir ei­nen Deutsch-In­te­gra­ti­ons­kurs fi- nan­ziert“, blickt der Wahl-Al­pe­n­er zu­rück. „Ein sol­cher Kurs steht ei­nem Flücht­ling aus Af­gha­nis­tan nicht so­fort zu.“

Über Ur­su­la Arens, ei­ne Ak­ti­ve der Flücht­lings­hil­fe Al­pen, kam er mit As­trid Ters­tee­gen in Kon­takt. „Sie ist ei­ne sehr gu­te Kun­din von mir“, er­zählt die 51-jäh­ri­ge Au­gen­op­ti­ker­meis­te­rin aus Ho­erst­gen, die in Kamp-Lint­fort und Issum un­ter dem Na­men „Blick­win­kel“Bril­len ver­kauft, an­passt und re­pa­riert. „Im April war Say­ed Is­lam Sa­dat drei Ta­ge bei uns im Ge­schäft und in der Werk­statt. Im Au­gust hat er die Aus- bil­dung zum Au­gen­op­ti­ker an­ge­fan­gen. Sei­ne Aus­bil­dung zum Bank­kauf­mann in Af­gha­nis­tan wur­de hier nicht ak­zep­tiert, ge­nau­so we­nig sein Abitur und sein Füh­rer­schein.“

Des­halb hat der Al­pe­n­er kein Au­to. So fährt er je­den Mor­gen mit dem Zug von Al­pen nach Mo­ers, um mit dem Bus nach Kamp-Lint­fort zu kom­men, wo er zur­zeit vor al­lem in der Werk­statt ar­bei­tet. „Wel­cher Aus­zu­bil­den­de nimmt schon drei St­un­den Fahrt in Kauf?“, freut sich Rein­hard Ters­tee­gen über den Ein­satz von Say­ed Is­lam Sa­dat. „Wir sind mit ihm sehr zu­frie­den.“ Gleich­zei­tig ist der Aus­zu­bil­den­de sei­ner Che­fin mehr als dank­bar. „Sie hat mir die­se Chan­ce ge­ge­ben“, sagt der ge­lern­te Bank­kauf­mann, der sein Deutsch noch nicht für per­fekt hält. „Hier herrscht ei­ne sehr net­te At­mo­sphä­re, mit ihr und den Kol­le­gin­nen.“

Wenn er die Aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen hat, will er als Au­gen­op­ti­ker ar­bei­ten. Au­ßer­dem hat er den Plan, ei­nen zwei­ten Film dre­hen. Die Idee da­zu steckt be­reits in sei­nem Kopf. Die Be­zie­hung ei­ner Mut­ter zu ih­rem Sohn soll im Mit­tel­punkt ste­hen.

RP-FO­TO: CHRIS­TOPH REICHWEIN

We­gen ei­nes Film über ei­ne un­er­laub­te Lie­be wur­de Say­ed Is­lam Sa­dat in sei­ner Hei­mat ver­folgt. Jetzt hat er am Nie­der­rhein Fuß ge­fasst.

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