Kon­ser­va­ti­ve ge­sucht

Die De­bat­te um Sar­ra­zin und St­ein­bach hat ein Wäh­ler­po­ten­zi­al von 20 Pro­zent für ei­ne Par­tei rechts der Uni­on sicht­bar ge­macht. Die CDU-Obe­ren hal­ten das für vir­tu­ell. Doch War­nun­gen wer­den lau­ter.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON GREGOR MAYNTZ

BERLIN Die Christ­de­mo­kra­tie quält sich mit ei­ner neu­en K-Fra­ge. Die­ses Mal geht es nicht um die Kanz­ler­kan­di­da­tur. Die­ses Mal dreht es sich im­mer in­ten­si­ver um den in­ners­ten Mar­ken­kern der Uni­on, um die Fra­ge, ob die Uni­on über­haupt noch kon­ser­va­tiv ist. Und ob ihr die Wäh­ler scha­ren­wei­se da­von­lau­fen, wenn rechts ne­ben ihr ein neu­er La­den auf­macht.

„Der Kern die­ser Par­tei wird nicht rich­tig be­dient“

Eri­ka St­ein­bach und Thi­lo Sar­ra­zin ha­ben der Uni­on die neue K-Fra­ge be­schert. Vie­le Men­schen an der Ba­sis von CDU und CSU wür­den tei­len, was der vom Aus­schluss be­droh­te So­zi­al­de­mo­krat Sar­ra­zin da über die Ver­säum­nis­se der In­te­gra­ti­ons­po­li­tik ge­schrie­ben ha­be, sag­te St­ein­bach in der Frak­ti­ons­klau­sur der Uni­on – und ging dann die Par­tei­vor­sit­zen­de An­ge­la Mer­kel fron­tal an. Die Be­tei­li­gung der CDU an die­ser „He­xen­jagd“ auf Sar­ra­zin sei „grot­ten­ver­kehrt“ ge­we­sen.

Wie St­ein­bach aus dem Spek­trum der (kon­ser­va­ti­ven) Ver­trie­be­nen legt Mar­tin Loh­mann aus dem Spek­trum der (kon­ser­va­ti­ven) Chris­ten den Fin­ger in die Wun­de: „Der Kern die­ser Par­tei wird nicht rich­tig be­dient“, gibt der Chef des Ar­beits­krei­ses En­ga­gier­ter Ka­tho­li­ken in der CDU zu Pro­to­koll. Vie­le Men­schen auf der Su­che nach ei­ner po­li­ti­schen Hei­mat lan­de­ten nicht bei der CDU, son­dern „ir­gend­wo im Nir­wa­na“. Er be­fürch­tet, dass sich „ir­gend­wann“ ei­ne neue Par­tei bil­det und erst dann die CDU-Spit­ze auf­wacht, aber „dann könn­te es zu spät sein“.

Tat­säch­lich be­schei­ni­gen De­mo­sko­pen ei­ner neu­en Rechts­par­tei ein be­trächt­li­ches Wäh­ler­po­ten­zi­al. 18 bis 20 Pro­zent könn­ten sich ent­schlie­ßen, kon­ser­va­ti­ve In­te­gra­ti­ons­skep­ti­ker zu wäh­len, wenn die­se ein at­trak­ti­ves personelles An­ge­bot ma­chen wür­den.

Ge­nau dar­an ge­bricht es je­doch. Für vie­le ist Sar­ra­zin be­reits die ge­bo­re­ne In­te­gra­ti­ons­fi­gur für al­le, die mit Mul­ti­kul­ti in Deutsch­land frem­deln. Doch mit sei­ner Vi­ta – Ko­ali­ti­ons­part­ner der Lin­ken in Berlin – nicht un­be­dingt ein Aus­hän­ge­schild. Gro­ße Hoff­nun­gen gibt es in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen im­mer noch auf Fried­rich Merz. Der Sau­er­län­der müss­te nur au­ßer­halb der Uni­on mit dem Fin­ger schnip­sen – und das Er­geb­nis wä­re ei­ne wah­re Völ­ker­wan­de­rung über die Par­tei­gren­zen hin­weg.

Doch dem an Mer­kel ge­schei­ter­ten, blitz­ge­schei­ten Fi­nanz­ex­per­ten wird nicht nach­ge­sagt, not­falls auch die Mü­hen ei­ner Par­tein­eu­grün­dung auf sich zu neh­men – mit der Ge­fahr, auf Ama­teu­re und Sek­tie­rer zu tref­fen. Er hält sich eher be­reit, für den Fall X am Tag Y auch für ganz ho­he Jobs noch ein­mal ge­ru­fen zu wer­den. Im Kl­ar­text: So lan­ge Mer­kel re­giert, wird es kei­nen ak­ti­ven Po­li­ti­ker Merz ge­ben.

Auch Ro­land Koch, spä­tes­tens seit sei­ner Dop­pel­pass- Kam­pa­gne fest im kon­ser­va­ti­ven Mi­lieu ver­wur­zelt, ist ei­ner, der je­der­zeit aus dem Stand Sä­le, Sit­zun­gen und Wäh­ler mit­rei­ßen kann. Sein Aus­schei­den ist in der Uni­on von vie­len be­dau­ert wor­den. Die­ses Be­dau­ern wird noch zu­neh­men, wenn er in die­sem Herbst sein po­li­ti­sches Ver­mächt­nis in Buch­form vor­legt. „Kon­ser­va-

So­lan­ge Mer­kel re­giert, wird es kei­nen ak­ti­ven Po­li­ti­ker Merz ge­ben

tiv.“ ist der Ti­tel, der in der neu­en K-Fra­ge der Uni­on ein­deu­tig Po­si­ti­on be­zieht.

In die auf­bran­den­de De­bat­te hin­ein er­in­ner­te Mer­kel in der CDU-Prä­si­di­ums­klau­sur am Wo­che­n­en­de selbst an das Ver­mächt­nis von Franz Jo­sef Strauß, dass es nie­mals ei­ne de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Par­tei rechts von der Uni­on ge­ben dür­fe. Mer­kel ana­ly­siert es ge­nau so. Sie hat da­bei die gran­dio­sen Er­fol­ge auch von Ed­mund Stoi­ber vor Au­gen, der es mit ei­nem mo­der­nen Kon­ser­va­tis­mus aus „Lap­top und Le­der­ho­se“ schaff­te, in Bay­ern ein 60-Pro­zent-Er­geb­nis für die CSU ein­zu­fah­ren.

Es sind da­her si­cher kei­ne Zu­fäl­le, dass die CDU-Obe­ren ges­tern uni­so­no be­kräf­tig­ten, dass die Kon­ser­va­ti­ven wei­ter­hin ih­re Hei­mat in der Uni­on hät­ten und je­des Ge­re­de über ei­ne neue Par­tei rechts von ihr le­dig­lich „vir­tu­el­len“ Cha­rak­ter ha­be. Selbst bei Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der fällt auf, dass er sei­ne Wort­wahl er­neut ge­wech­selt hat. Vor zwei Jah­ren war er noch über­zeugt da­von, dass die CDU ei­ne christ­lich­de­mo­kra­ti­sche und „kei­ne kon­ser­va­ti­ve“ Par­tei sei. Nun be­dient er auch die Sehn­sucht nach dem Kon­ser­va­ti­ven in der Uni­on.

CDU-Ana­lys­ten ver­wei­sen in­des dar­auf, dass die­se K-Fra­ge im­mer schon un­ter der Ober­flä­che bro­del­te und kein Spe­zi­al­fall der ost­deutsch-mo­der­nis­ti­schen Mer­kel sei. Auch Kohl ha­be nach Wahl­nie­der­la­gen in den Län­dern wie­der­holt vor dem Pro­blem ge­stan­den, in­ner­par­tei­li­chen Kri­ti­kern er­klä­ren zu müs­sen, wo denn sei­ne Po­li­tik über­haupt noch kon­ser­va­tiv sei. Ein Prä­si­de bringt es auf den Punkt: „Bei uns geht Er­folg vor Ideo­lo­gie.“ Wenn Mer­kel wie­der Wah­l­er­fol­ge ein­fah­re, sei die K-Fra­ge schnell wie­der be­en­det. Nur bei wei­te­ren Nie­der­la­gen wer­de es ge­fähr­lich.

Ed­mund Stoi­ber

FO­TOS: RTR, AP, DDP, AC­TION PRESS

Franz-Jo­sef Strauss

Be­rühm­te Kon­ser­va­ti­ve: Ro­land Koch

Fried­rich Merz

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