Was Mi­gran­ten zur Volks­wirt­schaft bei­tra­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON THO­MAS REISENER

DÜSSELDORF Auch ei­nen gu­ten Mo­nat nach Aus­bruch der Sar­ra­zinDe­bat­te bleibt ei­ne Fra­ge of­fen: Scha­den oder nut­zen Aus­län­der der deut­schen Volks­wirt­schaft? Die pro­vo­ka­ti­ve For­mu­lie­rung der Fra­ge er­klärt, war­um sich öf­fent­lich fast nie­mand da­mit aus­ein­an­der­set­zen will. Fol­gend ei­ni­ge Fak­ten: Fir­men­grün­der Der Sach­ver­stän­di­gen­rat deut­scher Stif­tun­gen für In­te­gra­ti­on und Mi­gra­ti­on (SVR) zählt in Deutsch­land 587000 Selbst­stän­di­ge mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Die größ­te Wirt­schafts­kraft dar­un­ter er­zie­len laut SVR die Tür­ken mit 25 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr, ge­folgt von den Ita­lie­nern (15 Mil­li­ar­den) und den Grie­chen (neun Mil­li­ar­den). Ur­sa­che die­ses „Mi­ni-Ran­kings“ ist nicht das be­son­de­re un- ter­neh­me­ri­sche Ta­lent der Tür­ken, son­dern die Tat­sa­che, dass sie in Deutsch­land die größ­te Mi­gra­ti­ons­grup­pe bil­den. Ilo­na Rie­sen vom In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft (IW) hat die Zah­len um die­sen Ef­fekt be­rei­nigt. Er­geb­nis: Die stärks­te Nei­gung zu Fir­men­grün­dun­gen ha­ben hier­zu­lan­de Po­len, ge­folgt von Tür­ken und Mi­gran­ten aus der Ex-So­wjet­uni­on. Ar­beit­ge­ber Die­ser Aspekt der Mi­gra­ti­ons­öko­no­mie ist des­halb be­deut­sam, weil Un­ter­neh­mens­grün­der po­ten­zi­el­le Ar­beit­ge­ber sind. Die Mi­gra­ti­ons-Un­ter­neh­mer ha­ben in Deutsch­land 2,5 Mil­lio­nen Jobs ge­schaf­fen. Ar­beits­lo­sig­keit In Deutsch­land le­ben 7,6 Mil­lio­nen Er­werbs­fä­hi­ge mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, von de­nen wie­der­um 6,6 Mil­lio­nen Ar­beit ha­ben, al­so Steu­ern und So­zi­al- ab­ga­ben zah­len. Mit 13 Pro­zent ist die Er­werbs­lo­sen­quo­te un­ter Mi­gran­ten et­wa dop­pelt so hoch wie im Bun­des­durch­schnitt. Jobs Über­durch­schnitt­lich oft wer­den Aus­län­der in der Pro­duk­ti­on und in ein­fa­chen Jobs ein­ge­setzt. Grund ist die Aus­bil­dungs­quo­te: 62 Pro­zent der er­werbs­fä­hi­gen Mi­gran­ten ha­ben ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, bei Nicht-Mi­gran­ten be­trägt der Wert 89 Pro­zent. „Bis in die 1970er Jah­re hat Deutsch­land ge­zielt un­ge­lern­te Kräf­te an­ge­wor­ben“, er­klärt Ilo­na Rie­sen das Bil­dungs­ge­fäl­le. Ar­mut Je­der vier­te Mi­grant in Deutsch­land gilt laut IW als arm: Sein ver­füg­ba­res Ein­kom­men liegt un­ter 1000 Eu­ro im Mo­nat. Von den Nicht-Mi­gran­ten lebt nur et­was mehr als je­der Zehn­te in die­ser fi­nan­zi­el­len Ge­fah­ren­zo­ne. Aka­de­mi­ker Sor­ge be­rei­tet der Bun­des­re­gie­rung, dass aus­län­di­sche Stu­den­ten nach ih­rem Stu­di­um wie­der in ih­re Hei­mat zu­rück­keh­ren. „Wir brau­chen je­den klu­gen Kopf in un­se­rem Land“, sagt da­zu die Bun­des-In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te Ma­ria Böh­mer. Sie zitiert ei­ne Um­fra­ge, der­zu­fol­ge zum Bei­spiel 38 Pro­zent der tür­ki­schen Aka­de­mi­ker wie­der in die Tür­kei wol­len. Kos­ten/Nut­zen Die Ein­gang­fra­ge kann in Deutsch­land kei­ne ernst­zu­neh­men­de Stu­die be­ant­wor­ten. Wel­chen Zei­t­raum be­trach­tet man? Sind Schul­plät­ze für kin­der­rei­che Fa­mi­li­en Kos­ten? Oder doch eher ein spä­te­rer Nut­zen? Wer­den al­le Mi­gran­ten be­trach­tet? Oder nur sol­che, die (noch) kei­nen deut­schen Pass ha­ben? „Die Ant­wort auf die­se Fra­ge schei­tert an der Viel­schich­tig­keit der Be­trach­tungs- grup­pe“, sagt Ilo­na Rie­sen. Das The­ma ist zu kom­pli­ziert. Po­li­tik Weit­ge­hen­de Ei­nig­keit in der Wis­sen­schaft be­steht aber dar­in, dass die Ein­wan­de­rungs­po­li­tik in Deutsch­land an öko­no­mi­schen In­ter­es­sen aus­ge­rich­tet wer­den könn­te – wenn denn po­li­tisch ge­wollt. Da­für müss­te Deutsch­land die Gren­zen für klu­ge und gut aus­ge­bil­de­te Ein­wan­de­rer wei­ter als für we­ni­ger klu­ge und un­ge­lern­te Kräf­te öff­nen. Der Fi­nanz-Pro­fes­sor Bernd Raf­fel­hü­s­chen von der Uni­ver­si­tät Frei­burg for­mu­liert das ge­gen­über un­se­rer Zei­tung so: „Ei­nen ech­ten Bei­trag zur Kon­so­li­die­rung der Staats­fi­nan­zen wür­de nur ei­ne nach dem Qua­li­fi­ka­ti­ons­grad se­lek­tier­te Zu­wan­de­rung leis­ten. Zu­wan­de­rung in die so­zia­len Si­che­rungs­sys­te­me statt in den Ar­beits­markt macht schlicht kei­nen Sinn.“

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