Wenn der Hund Angst vor dem Tier­arzt hat

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SERIE / ROMAN - VON JENS M. DIEL

Der Tier­arzt­be­such steht vor der Tür, Vor­sor­ge­un­ter­su­chung und Imp­fung sind fäl­lig. Lei­der ist in man­chen Fäl­len das Ver­hält­nis zwi­schen Tier­arzt und Hund we­nig eu­pho­risch. Mit hän­gen­den Schul­tern und de­pres­si­vem Ge­sichts­aus­druck schleicht Hund zum Be­hand­lungs­tisch. Na­tür­lich gibt es auch Tie­re, die vol­ler Vor­freu­de auf das zu er­war­ten­de Le­cker­chen in den Be­hand­lungs­raum ge­stürmt kom­men, al­ler­dings kann de­ren Be­we­gungs­drang auch zum Pro­blem wer­den. Der idea­le Pa­ti­ent zeich­net sich durch stoi­sche Ge­las­sen­heit aus – und das kann man trai­nie­ren. Die meis­ten Tä­tig­kei­ten ei­nes Tier­arz­tes sind nur we­nig un­an­ge­nehm, rich­tig schmerz­haf­te Pro­ze­du­ren wer­den un­ter Lo­kala­n­äs­the­sie oder so­gar Voll­nar­ko­se durch­ge­führt. Es be­steht al­so kein Grund für Pa­nik. Nur muss das Tier das ler­nen.

Idea­ler­wei­se fängt man mit dem Tier­arzt-Trai­ning be­reits im Wel­pe­n­al­ter an und übt mit dem neu­en Fa­mi­li­en­mit­glied. Da­bei wer­den re­gel­mä­ßig Oh­ren, Au­gen und Maul „un­ter­sucht“, die Pfo­ten durch­ge­tas­tet und der Bauch sanft durch­ge­fühlt. Vie­le Wel­pen ge­nie­ßen die­se Be­rüh­run­gen und ent­span­nen sich so­gar. Auch der Be­sit­zer lernt da­bei et­was. Er er­fährt, wie sich sein ge­sun­der Hund an­fühlt. So fal­len Ve­rän­de­run­gen wie Kno­ten oder Ver- här­tun­gen spä­ter leich­ter auf. Wenn der Wel­pe be­reit­wil­lig mit­spielt, gibt es ei­ne Be­loh­nung, falls es noch nicht so gut klappt, wird eben wei­ter­ge­übt.

Wenn sich der zu­künf­ti­ge Pa­ti­ent da­heim be­reit­wil­lig un­ter­su­chen lässt, ist der nächs­te Schritt ein Be­such beim Tier­arzt. Man­che Pra­xen bie­ten an, die zu­künf­ti­gen Tier­arzt­gän­ger erst ein­mal zu wie­gen, zu be­stau­nen, ih­nen ein Le­cker­chen zu ge­ben und so das Ver­trau­en der Tie­re zu ge­win­nen. Der ers­te Tier­arzt­be­such soll­te ein an­ge­neh­mer sein, das heißt oh­ne Be­hand­lungs­grund. Da­mit der Tier­arzt ei­nen gu­ten Ein­druck hin­ter­lässt, be­darf er der Hil­fe des Be­sit­zers. Oft wird der Wel­pe auf dem Be­hand­lungs­tisch doch un­ru­hig, fängt an zu zap­peln und lässt sich plötz­lich die sorg­sam ein­stu­dier­ten Un­ter­su­chungs­gän- ge nicht mehr ge­fal­len. Und was pas­siert? Die meis­ten Hun­de­be­sit­zer fan­gen an, dem ar­men Tier gut zu­zu­re­den, es zu strei­cheln oder es mit Le­cke­rei­en zu ver­sor­gen. Doch da­durch fühlt sich der Hund nur in sei­ner Angst be­stä­tigt. Er be­kommt ja schließ­lich für sein ängst­li­ches und un­si­che­res Ver­hal­ten ei­ne Be­loh­nung in Form von Auf­merk­sam­keit und Zu­spruch. Die be­ru­hi­gen­de Wir­kung, wie sie bei ei­nem Kind an­ge­bracht wä­re, ver­fehlt hier lei­der gänz­lich ihr Ziel.

Rich­tig wä­re in so ei­ner Si­tua­ti­on ei­ne „po­si­ti­ve Kon­di­tio­nie­rung“. Dies be­deu­tet, die Be­loh­nung in Form von An­spra­che und Strei­chel­ein­hei­ten nur dann zu ge­wäh­ren, wenn der Hund in der Si­tua­ti­on wunsch­ge­mäß re­agiert und sich beim Tier­arzt ru­hig und ge­las­sen un­ter­su­chen lässt. Im Ide­al­fall soll- te der Tier­arzt­be­such ei­ne Aus­nah­me im Hun­de­le­ben sein, den­noch gibt es In­ter­val­le, in de­nen man sei­nen Hund vor­stel­len soll­te. Im Rah­men der jähr­li­chen Imp­fung bzw. Vor­sor­ge­un­ter­su­chung kann der Tier­arzt den Hun­de­pa­ti­en­ten kom­plett un­ter­su­chen und auf an­ste­hen­de oder sich ent­wi­ckeln­de ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me hin­wei­sen. Ein äl­te­rer Hund soll­te so­gar halb­jähr­lich vor­ge­stellt wer­den. Au­ßer­dem soll­ten ab dem ach­ten Le­bens­jahr Vor­sor­ge­ter­mi­ne auch Blut­und Ul­tra­schall­un­ter­su­chun­gen des Bauch­rau­mes um­fas­sen. So kön­nen vie­le Krank­hei­ten früh dia­gnos­ti­ziert und er­folg­rei­cher be­han­delt wer­den. Auch bei Tie­ren wird die Vor­sor­ge im­mer wich­ti­ger.

Un­ser Ex­per­te S eit lan­gem sind Pi­ti und Sen­ter ein Paar. Des­halb su­chen die bei­den zehn­jäh­ri­gen Bea­gles auch zu­sam­men ein Zu­hau­se. Sie gel­ten als sehr lieb, an­häng­lich, un­kom­pli­ziert und so­zi­al. Au­ßer­dem lie­ben sie aus­ge­dehn­te Spa­zier­gän­ge. Ins Tier­heim ka­men sie vor gut ei­nem Jahr, nach­dem bei ei­ner Kon­trol­le ein spa­ni­scher Trans­por­ter mit 41 Hun­den auf­ge­fal­len war. Da wa­ren Pi­ti, Sen­ter und die an­de­ren Hun­de schon drei Ta­ge oh­ne Was­ser und Fut­ter un­ter­wegs. Dass das lie­bens­wer­te Pär­chen noch im Tier­heim wohnt, liegt vor al­lem dar­an, dass die bei­den in sehr kur­zen Ab­stän­den Gas­si ge­hen müs­sen. Die neue Fa­mi­lie für Pi­ti und Sen­ter soll­te ge­dul­dig sein und to­le­rant, falls doch mal ei­ne Pi­pip­füt­ze ent­ste­hen soll­te. Die bei­den leb­ten frü­her drau­ßen und ha­ben es nicht an­ders ge­lernt.

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