Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SERIE / ROMAN -

Vor uns auf dem Couch­tisch ste­hen zwei Glä­ser und ei­ne gut ge­kühl­te, mitt­ler­wei­le fast lee­re Fla­sche Weiß­wein. Im Hin­ter­grund spielt lei­se Mu­sik von Da­ve Brubeck. Nach un­se­rem ge­mein­sa­men Auf­tre­ten vor Ge­richt schien es ganz selbst­ver­ständ­lich, dass ich mit ihr hier­her kam. Es ist ei­ne küh­le Woh­nung mit wei­ßen Wän­den, di­cken hel­len Tep­pi­chen und sehr we­ni­gen, aber sehr teu­ren Mö­beln. Ich war noch nie hier.

„Ge­fällt mir, dei­ne Woh­nung, Ve­ra. Sie ist viel schö­ner als die, in der du mit Dick ge­wohnt hast.”

„Bist du noch nie hier ge­we­sen? Ach – na­tür­lich nicht. Vi­el­leicht magst du ja mal wie­der vor­bei­kom- men.”

„Ja. Oder du könn­test auch mal übers Wo­che­n­en­de nach Cam­bridge kom­men.” „Mal se­hen.” Als Ve­ra noch mit Dick ver­hei­ra­tet war, ha­be ich sie ein paar­mal be­sucht. Ihr Haus mit den po­lier­ten Mö­beln und den ex­qui­si­ten Ta­pe­ten fand ich prä­ten­ti­ös und be­drü­ckend.

„Was glaubst du, was es be­deu­tet, Ve­ra, dass Va­len­ti­na ih­ren An­trag zu­rück­zieht? Ob sie wirk­lich ganz auf­ge­ben will? Oder heißt es vi­el­leicht nur, dass sie ei­nen neu­en Ter­min ha­ben möch­te?”

„Vi­el­leicht taucht sie ein­fach ab in die kri­mi­nel­le Un­ter­welt, wo sie hin­ge­hört. Im­mer­hin kön­nen sie sie ja nur ab­schie­ben, wenn sie sie fin­den.” Ve­ra hat sich ei­ne Zi­ga­ret­te an­ge­zün­det und die Schu­he ab­ge­streift.

„Es könn­te aber auch be­deu­ten, dass sie zu­rück zu Pa­pa will, um ihn zu be­ar­bei­ten und da­zu zu brin­gen, die Schei­dungs­kla­ge zu­rück­zu­zie­hen. Ich bin mir ziem­lich si­cher, dass er es tun wür­de, wenn sie es nur rich­tig an­fängt.”

„Dumm ge­nug da­zu wä­re er.” Ve­ra be­trach­tet die im­mer län­ger wer­den­de Asche an ih­rer Zi­ga­ret­te. „Aber ich den­ke, sie wird un­ter­tau­chen. Sich ir­gend­wo ver­ste­cken und von er­gau­ner­ten Ge­schen­ken und Pro­sti­tu­ti­on le­ben.” Die Asche fällt laut­los in ei­nen Gla­sa­schen­be­cher. Ve­ra seufzt. „Und in ab­seh­ba­rer Zeit hat sie ein neu­es Op­fer an der An­gel.”

„Pa­pa kann sich auch in ih­rer Ab­we­sen­heit von ihr schei­den las­sen.”

„Hof­fent­lich. Die Fra­ge ist nur, wie viel er be­zah­len muss, um sie los­zu­wer­den.”

Wäh­rend wir re­den, las­se ich den Blick durchs Zim­mer wan­dern. Auf dem Ka­min­sims steht ei­ne Va­se mit präch­ti­gen Cal­las und da­ne­ben ei­ne Rei­he Fo­tos, meist von Ve­ra und Dick mit den Kin­dern, man­che in Far­be, man­che schwarz­weiß. Doch dann ent­de­cke ich noch ein an­de­res Bild, ein bräun­lich ge­tön­tes Fo­to in ei­nem Sil­ber­rah­men. Ich star­re es an. Ist es mög­lich? Ja, es ist mög­lich. Es ist das Fo­to von Mut­ter mit dem Hut. Ve­ra muss es aus der Schach­tel im Wohn­zim­mer ge­nom­men ha­ben. Aber wann? Und war­um hat sie nichts da­von ge­sagt? Ich mer­ke, dass mein Ge­sicht vor Zorn zu glü­hen be­ginnt. „Ve­ra, das Bild von Mut­ter . . .” „Ach ja. Wun­der­schön, nicht? So ein zau­ber­haf­tes Ding, die­ser Hut.” „Aber es ge­hört dir nicht.” „Was? Der Hut?” „Das Bild, Ve­ra. Die­ses Fo­to ge­hört nicht dir.”

Ich sprin­ge auf und sto­ße da­bei mein Wein­glas um. Ei­ne Pfüt­ze Sau­vi­gnon Blanc bil­det sich auf dem Tisch und tropft auf den Tep­pich hin­un­ter.

„Was ist denn los, Na­dia? Du lie­ber Him­mel, es ist doch nur ein Fo­to.”

„Ich muss jetzt ge­hen. Ich will den letz­ten Zug nicht ver­pas­sen.”

„Willst du nicht über Nacht blei­ben? Im klei­nen Zim­mer ist ein Bett für dich her­ge­rich­tet.”

„Nein, tut mir leid. Ich kann nicht hier blei­ben.”

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