Mil­lio­nen­be­trü­ger ist of­fen­bar tot

Mit 62 Jah­ren soll Lutz Pil­ling auf Mallor­ca ge­stor­ben sein. Aber bei dem Mann, der einst als „Alt­meis­ter der Ab­zo­cke“ 250 Mil­lio­nen Eu­ro er­gau­nert hat­te, will das Amts­ge­richt jetzt amt­li­che Be­wei­se. Denn laut neu­er An­kla­ge soll er zu­letzt noch ein­mal ein

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON WULF KANNEGIESSER

Mit der Wahr­heit hat sich Lutz Pil­ling wohl nie rich­tig an­ge­freun­det. Als ei­ner der ers­ten An­la­ge­be­trü­ger, die in Düsseldorf we­gen drei­stel­li­ger Mil­lio­nen­beu­te an­ge­klagt wur­den, war Pil­ling im No­vem­ber 1996 zu fast sechs Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den. 250 Mil­lio­nen Eu­ro hat­te er über die In­ter­con­ti­nen­tal Bro­ker­a­ge Gm­bH (ICB) durch den Ver­kauf ame­ri­ka­ni­scher Bil­li­gak­ti­en (wert­lo­se „pen­ny stocks“) bis An­fang 1990 er­gau­nert. Dann ver­schwand der da­mals 41-Jäh­ri­ge spur­los. Erst durch Tricks, die sonst nur in Ja­mes-Bond-Fil­men vor­kom­men, wur­de er sechs Jah­re spä­ter in Spa­ni­en ge­fasst. Ob Pil­ling jetzt, wie be-

In den 1990ern soll Pil­ling so­gar sei­nen Straf­ver­tei­di­ger

be­tro­gen ha­ben

rich­tet wird, auf Mallor­ca wirk­lich ei­nem Le­ber­lei­den er­lag, lässt das Amts­ge­richt nun vom Deut­schen Kon­su­lat in Pal­ma prü­fen. Denn ge­gen Pil­ling gibt es ein neu­es Be­trugs­ver­fah­ren.

Ge­ra­de erst aus der mehr­jäh­ri­gen Haft we­gen des ICB-Schwin­dels auf Be­wäh­rung frei­ge­kom­men, soll Pil­ling nach ak­tu­el­lem Stand von Au­gust 2001 bis Ju­li 2003 eu­ro­pa­weit min­des­tens zwölf neue In­ves­to­ren bei Im­mo­bi­li­en­ge­schäf­ten wie­der um fast ei­ne Vier­tel­mil­li­on Eu­ro ge­prellt ha­ben. Als Be­voll­mäch­tig­ter ei­ner spa­ni­schen Fir­ma (mit Fi­lia­le an der Düs­sel­dor­fer Graf-Adol­fStra­ße) ha­be er gut­gläu­bi­gen In­ves­to­ren da­zu ver­lei­tet, auf ih­re spa­ni­schen Häu­ser Kre­di­te auf­zu­neh­men und ihm das Geld zu über­las­sen. Wie­der ver­sprach er hor­ren­de Zin­sen – doch wie­der gin­gen die Kun­den leer aus, so die neu­en Vor­wür­fe. Ein Jahr Be­wäh­rungs­stra­fe wur­de ge­gen Pil­ling da­für fest­ge­setzt, doch er leg­te Wi­der­spruch ein. Aber ver­han­deln konn­te das Amts­ge­richt dar­über im April 2010 nicht. Pil­ling ließ sich ent­schul­di­gen. Er sei nicht rei­se-oder ver­hand­lungs­fä­hig, müs­se in ei­ner Kli­nik auf Mallor­ca blei­ben.

Als die Rich­te­rin jetzt vor we­ni­gen Ta­gen nach­frag­te, teil­te sein An­walt mit, Pil­ling sei am 8. Ju­ni auf der Fe­ri­en­in­sel ge­stor­ben. Der An­walt leg­te aber nur die Be­schei­ni­gung ei­ner Ei­n­äsche­rung vor. Al­so bat die Rich­te­rin jetzt das Deut­sche Kon­su­lat auf Pal­ma um De­tails. Denn in den 1990er Jah­ren hat­te Pil­ling nicht nur rund tau­send In­ves­to­ren mit sei­nen Bil­li­gak­ti­en ge­täuscht und in den Ru­in ge­trie­ben, son­dern soll spä­ter so­gar sei­nen Straf­ver­tei­di­ger aus dem ICB-Ver­fah­ren ge­blen­det und um et­li­che tau­send Eu­ro ab­ge­zockt ha­ben.

Bis je­ner ICB-Pro­zess be­gin­nen konn­te, hat­te das Lan­des­kri­mi­nal­amt (LKA) da­mals al­ler­dings sechs Jah­re lang nach Pil­ling su­chen müs­sen. Dann wur­de er un­ter un­frei­wil­li­ger Mit­hil­fe sei­ner Mut­ter in ei­ner spa­ni­schen Bar doch noch auf­ge­stö­bert. Die Mut­ter hat­te ihn in sei- nem Ver­steck da­mals be­su­chen wol­len – und hat­te nicht be­merkt, dass LKA-Be­am­te heim­lich ei­nen Peil­sen­der an ih­rem Au­to be­fes­tigt hat­ten. So führ­te sie die Fahn­der un­ge­wollt di­rekt zu ih­rem mit in­ter­na­tio­na­lem Haft­be­fehl ge­such­ten Sohn.

Im Pro­zess hat­te Pil­ling über­ra­schend ein Pau­schal­ge­ständ­nis ab­ge­legt. Im Ge­gen­zug und weil die Jus­tiz nicht mehr je­den Ein­zel­fall des Be­tru­ges über­prü­fen und nach­wei­sen muss­te, kam er dann be­reits nach der Hälf­te der ver­häng­ten Stra­fe (von ei­gent­lich fünf Jah­ren und zehn Mo­na­ten) auf Be­wäh­rung wie­der frei. Soll­ten die neu­en Vor­wür­fe zu­tref­fen, müss­te er di­rekt da­nach die nächs­te Be­trugs­se­rie ge­star­tet ha­ben.

Und zwar so un­be­merkt von den deut­schen Jus­tiz­be­hör­den, dass par­al­lel da­zu sei­ne Be­wäh­rungs­zeit in Düsseldorf im Ja­nu­ar 2003 of­fi­zi­ell für be­en­det er­klärt und das hie­si­ge Ver­fah­ren um den ICB-Mil­lio­nen­be­trug end­gül­tig ab­ge­schlos­sen wur­de. Ob die neue Ak­te mit den Vor­wür­fen des ge­werbs­mä­ßi­gen Im­mo­bi­li­en­be­tru­ges nun aber tat­säch­lich zu­ge­klappt wer­den muss, hängt ganz da­von ab, ob das Amts­ge­richt dem­nächst ei­ne of­fi­zi­el­le Ster­be­ur­kun­de aus Pal­ma er­hält. An­dern­falls müss­ten LKAFahn­der wohl er­neut nach Spa­ni­en auf­bre­chen.

FO­TO: BILD DÜSSELDORF

In die­ser

Vil­la

auf Mallor­ca leb­te Lutz Pil­ling, da­vor sein Ge­län­de­wa­gen.

FO­TO: AR­CHIV

Lutz Pil­ling

im Jahr 1991

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