Die Au­ra des Ric­car­do Chail­ly

Ein Gast­spiel des Ge­wand­haus­or­ches­ters un­ter der Lei­tung von Ric­car­do Chail­ly wur­de zu ei­ner Stern­stun­de in der Ton­hal­le. Auf dem Pro­gramm stand Schu­mann. Schwie­rig, aber schon nach we­ni­gen Tak­ten rest­los ver­ein­nah­mend.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON RE­GI­NE MÜL­LER

Kaum et­was ist schwe­rer zu er­klä­ren als ein mu­si­ka­li­sches Hoch­ge­fühl. Denn ob­wohl die­ses Emp­fin­den mit der größ­ten Ge­wiss­heit ge­seg­net ist, bleibt das Re­zept da­für ein Ge­heim­nis, ein Mys­te­ri­um. Und doch teilt es sich ganz un­mit­tel­bar mit. Wie jetzt in der Ton­hal­le beim Gast­spiel des Leip­zi­ger Ge­wand­haus­or­ches­ters un­ter der Lei­tung von Ric­car­do Chail­ly: Schon nach

Mah­ler woll­te durch Auf­rüs­tung mehr Trans­pa­renz er­zie­len

we­ni­gen Tak­ten setz­te wi­der­stands­lo­se Ver­ein­nah­mung ein.

Da­bei hat­ten die Leip­zi­ger ein schwie­ri­ges Pro­gramm im Ge­päck, näm­lich ei­ne mo­no­ga­me Schu­mann-Aus­wahl, oh­ne So­lo­kon­zert, rei­ne Sym­pho­nik. Und noch da­zu in der Fas­sung mit den nicht un­er­heb­li­chen In­stru­men­tal­re­tu­schen von Gus­tav Mah­ler. Wo heut­zu­ta­ge die Be­mü­hun­gen al­lent­hal­ben in die Ge­gen­rich­tung lau­fen und auf der Su­che nach dem au­then­ti­schen Klang seh­ni­ge Ver­schlan­kung an­stre­ben, mu­tet die Wie­der­be­le­bung von Mah­lers spät­ro­man­ti­schem Blick auf Schu­mann bei­na­he ana­chro­nis­tisch an.

Tat­säch­lich aber hat man den Ein­druck, dass Mah­ler Schu­mann so­gar plas­ti­scher klin­gen lässt, ja den Oh­ren gleich­sam ei­ne 3D-Bril­le ver­passt, denn er hat die in­stru­men­ta­len Kon­tras­te ge­schärft, Mit­tel­stim­men ver­stärkt, die Rhyth­mik zu­ge­spitzt und ge­le­gent­lich Klang­far­ben des frü­hen 20. Jahr­hun­derts er­gänzt. Es klingt pa­ra­dox, aber Mah­ler woll­te durch Auf­rüs­tung mehr Trans­pa­renz er­zie­len.

Na­tür­lich kön­nen sei­ne Re­tu­schen leicht auch das Ge­gen­teil be­wir­ken und den Ge­samt­klang in Ver­fet­tung er­sti­cken. Nicht aber bei den Leip­zi­gern, die sich über­haupt in je­der Hin­sicht als Aus­nah­me prä­sen­tier­ten.

Denn sie wi­der­spre­chen be­redt der all­ge­mein sich aus­brei­ten­den Kla­ge, dass die Spit­zen­or­ches­ter sich im Klang im­mer ähn­li­cher wür­den und dass ins­be­son­de­re der spe­zi­fisch „deut­sche“ Klang im Ver­schwin­den be­grif­fen sei. Die Leip­zi­ger ha­ben ihn sich be­wahrt, je­nen dun­kel grun­dier­ten, sat­ten, ge­er­de­ten Ton, den weich ge­run­de­ten Misch­klang, der den­noch nichts an Agi­li­tät und Bril­lanz ver­mis­sen lässt.

Mit be­rü­cken­der Em­pha­se er­klang zu Be­ginn die Ge­no­ve­vaOu­ver­tü­re, ein Fest der Far­ben und Nuan­cen und spre­chend in der Rhe­to­rik. Dann die ju­beln­de „Früh­lings­sym­pho­nie“, kraft­voll vor­an- ge­trie­ben von Chail­lys nicht nach­las­sen­der Ener­gie, die sich nie­mals mus­ku­lös, son­dern im­mer mit fe­dern­der Leich­tig­keit äu­ßert. Und wie an un­sicht­ba­ren Schnü­ren in- nigs­ten Ein­ver­ständ­nis­ses hän­gen sei­ne Mu­si­ker, stets hell­wach und be­geis­te­rungs­fä­hig. Das kras­se Ge­gen­bild zum Vor­ur­teil des Orches­ter­mu­si­kers in Gestalt ei­nes Mu­sik­be­am­ten.

Nach der Pau­se dann die „Man­fred-Ou­ver­tü­re“, drän­gend und so reich an dra­ma­ti­schen Hö­he­punk­ten wie an Mo­men­ten zar­tes­ter Poe­sie. Schließ­lich noch die drit­te, „Rhei­ni­sche“ Sym­pho­nie, mit be­herzt blit­zen­der Vi­ta­li­tät und schmel­zen­dem Schön­klang mu­si­ziert. Sel­ten hör­te man Schu­manns Geist, der so sehr dem Li­te­ra­ri­schen ver­pflich­tet war, so klar, so deut­lich und vol­ler Esprit spre­chen. Welch ein Irr­tum, Schu­mann auf den grü­beln­den Me­lan­cho­li­ker zu ver­kür­zen.

Gro­ßer Ju­bel für ein wah­res Schu­mann­fest, kei­ne Zu­ga­ben.

FO­TO: SU­SAN­NE DIES­NER

Ric­car­do Chail­ly di­ri­gier­te das Leip­zi­ger Ge­wand­hausorches­ter in der Ton­hal­le.

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