Büd­chen-Kul­tur in Düsseldorf

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STADTTEIL-NACHRICHTEN -

Es ist mitt­ler­wei­le vie­le Jahr­zehn­te her, als ich Ar­beit und Woh­nung in Düsseldorf fand. Beim Sich­ver­traut­ma­chen mit dem Stadt­teil Bilk, in dem ich sei­ner­zeit wohn­te, fiel mir auf, dass sich an fast je­der Ecke ein Büd­chen be­fand. Häu­fig sah ich vor und in den Büd­chen Kon­su­men­ten mit ei­ner Fla­sche Bier in der Hand oder auch ei­nem Plas­tik­täss­chen Kaf­fee, manch­mal be­glei­tet von ei­nem Schnaps­fläsch­chen. Das fand ich ir­gend­wie be­fremd­lich, um ehr­lich zu sein: aso­zi­al. „Da in die­ser son­der­ba­ren Groß­stadt im Rhein­land gibt es ech­te Pen­ner­büd­chen“, er­zähl­te ich zu Hau­se und war weit da­von ent­fernt, dort je im Le­ben ein­zu­kau­fen.

Dann ka­men abends die Sü­ßig­keit­sat­ta­cken, und was lag nä­her, als die­sen Ge­lüs­ten nach­zu­ge­ben im na­he­ge­le­ge­nen Büd­chen, wo ich dann schnell wie­der hin­aus­eil­te, um nicht Ge­fahr zu lau­fen, an­ge­steckt zu wer­den vom Al­ko­hol­kon­sum der spä­ten Gäs­te. Es ka­men auch manch­mal am Abend un­ein­ge­la­de­ne Gäs­te, und um ih­nen et­was bie­ten zu kön­nen, blieb nur das Büd­chen. Ich wur­de mit der Zeit ein we­nig ver­söhn­li­cher mit der Büd- chen­kul­tur, und bei ei­nem Be­such in Dä­ne­mark stell­te ich fest, dass sich dort am Abend al­le Durs­ti­gen im Ha­fen­büd­chen ih­re Bie­re kauf­ten und sich drau­ßen auf Bän­ken ge­müt­lich der Ent­span­nung ent­ge­gen­tran­ken.

Als wir uns an Sil­ves­ter ent­schie­den hat­ten, zu Hau­se zu fei­ern und im na­he ge­le­ge­nen Büd­chen Nach­schub kau­fen woll­ten, wur­de ich voll­ends ver­söhnt mit die­ser „Un­kul­tur“. Net­te Nach­barn aus den um­lie­gen­den Häu­sern, die eben­falls auf gro­ße Par­ty ver­zich­te­ten, stan­den dort, tran­ken ih­re Alt­bie­re. Wir ka­men ins Ge­spräch und in den Ge­nuss ei­ner lan­gen Büd­chen-Sil­ves­ter-Fei­er, die sich hin­zog bis tief in die Nacht hin­ein.

Da­mals war ich um­ge­ben von drei Büd­chen, in de­nen seit Jah­ren net­te Da­men aus der 50-plus-Ge­ne­ra­ti­on das Zep­ter schwan­gen, und im­mer öf­ter kauf­te ich ab­wech­selnd bei der ein oder an­de­ren ein: Zei­tun­gen, Wein oder Sü­ßig­kei­ten und manch­mal auch fri­sche Eier vom Land und halt­ba­re Milch, um noch spä­te Pfann­ku­chen zu ba­cken, wenn im Kühl­schrank die Mäu­se mal wie­der mit Trä­nen in den Au­gen her­um­lie­fen. Je­de der Da­men er­zähl­te mir, dass sie schon mehr­mals über­fal­len wor­den sei. Ob sie kei­ne Angst hät­ten ? Doch – aber et kütt, wie et kütt. Mitt­ler­wei­le ha­ben sich die­se Büd­chen ver­än­dert – ei­nes ist ein In­ter­net­ca­fé, das an­de­re ein Be­er­di­gungs­in­sti­tut und das drit­te hat sich her­aus­ge­mau­sert zu ei­nem gro­ßen Ki­osk mit ei­nem brei­ten Sor­ti­ment. Mein jet­zi­ger Büd­chen­mann ist in Grie­chen­land be­hei­ma­tet, schaut Tag und Nacht Fuß­ball und freu­te sich, als vor ei­ni­gen Jah­ren die Grie­chen die EM ge­won­nen hat­ten. Ich freu­te mich mit ihm – konn­ten wir das End­spiel dort al­le ge­mein­sam schau­en.

Die Büd­chen­kul­tur ist ei­ne le­ben­di­ge Nach­bar­schafts­kul­tur, und ich wün­sche mir, dass sie nicht zum Er­lie­gen kommt durch die lan­gen Öff­nungs­zei­ten der Su­per­märk­te und den Tag-und Nacht­be­trieb der Tank­stel­len. Da­mit mei­ne Büd­chen­män­ner und -frau­en auch wei­ter­hin ihr Über­le­ben si­chern kön­nen, kau­fe ich ger­ne dort ein. Wenn Sie an Sil­ves­ter mal nichts vor­ha­ben: Schau­en Sie doch mal vor­bei beim Büd­chen. Da ist vi­el­leicht was los.

FO­TO: AR­CHIV

Pro­mi­nen­ter Büd­chen-Be­sit­zer: Sha­ne.

Ri­cky

Von KARIN MICHAE­LI (59), Psy­cho­the­ra­peu­tin aus Düsseldorf. OPINIONick: catth­ma­ry.

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