Fall Sar­ra­zin bringt Wul­ff in Not

Der Bun­des­prä­si­dent hat sich of­fen­bar sehr viel in­ten­si­ver beim frei­wil­li­gen Ab­schied des Bun­des­bank­vor­stands Sar­ra­zin ein­ge­schal­tet als bis­her be­kannt. Die Op­po­si­ti­on for­dert von Wul­ff schnellst­mög­li­che Auf­klä­rung.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - VORDERSEITE - VON BIR­GIT MAR­SCHALL UND GREGOR MAYNTZ

BERLIN/FRANK­FURT/M. Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff hat of­fen­bar mas­siv auf ein frei­wil­li­ges Aus­schei­den von Thi­lo Sar­ra­zin aus dem Vor­stand der Bun­des­bank hin­ge­wirkt. „Die Deut­sche Bun­des­bank dankt dem Bun­des­prä­si­di­al­amt für sei­ne Ver­mitt­lung im Vor­feld der Re­ge­lung“, hieß es ges­tern in ei­ner of­fi­zi­el­len Er­klä­rung aus Frank­furt. Nach ei­nem Me­dien­be­richt sind die De­tails der hö­he­ren Pen­si­on für Sar­ra­zin und die Ein­zel­hei­ten der bei­der­sei­ti­gen Er­klä­run­gen im Prä­si­di­al­amt di­rekt zwi­schen Mit­ar­bei­tern des Prä­si­di­al­am­tes und Sar­ra­zins An­walt aus­ge­han­delt wor­den. Dar­an war dem Ver­neh­men nach kein Bun­des­bank-Ver­tre­ter un­mit­tel­bar be­tei­ligt. Das könn­te den Bun­des­prä­si­den­ten in Wi­der­spruch mit der grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ten Un­ab­hän­gig­keit der Bun­des­bank brin­gen, ver­mu­ten Ex­per­ten.

Wul­ffs Staats­se­kre­tär Lothar Ha­ge­b­öl­ling be­ton­te ges­tern, dass das Bun­des­prä­si­di­al­amt ei­ne „Rol­le als Me­dia­tor wahr­ge­nom­men“ ha­be. Bei­de Sei­ten sei­en an­ge­hört wor­den und hät­ten Zeit und Ge­le­gen­heit ge­habt, „Lö­sungs­an­sät­ze zu be­ra­ten“. Die zwi­schen Bun­des­bank und Sar­ra­zin er­ziel­te Ei­ni­gung „spie­gelt den Wil­len bei­der Ver­hand­lungs­part­ner wi­der“, un­ter­strich Ha­ge­b­öl­len.

In­di­rekt lässt sich dar­aus die Be­stä­ti­gung ab­le­sen, dass die Bun­des­bank letzt­lich das Er­geb­nis der Ver­hand­lun­gen zwi­schen den Ver­tre­tern Wul­ffs und Sar­ra­zins le­dig­lich über­mit­telt be­kam. Dem­nach war es das Bun­des­prä­si­di­al­amt, das die For­de­rung Sar­ra­zins nach un­ge­kürz­ter Pen­si­on als ers­tes ak­zep­tier­te. Die Re­ge­lung wur­de dann dem Bun­des­bank-Vor­stand vor­ge­legt und von die­sem ein­stim­mig ge­bil­ligt. Der 65-Jäh­ri­ge wird nach sei­nem Aus­schei­den En­de des Mo­nats ei­ne Al­ters­ver­sor­gung von rund 10000 Eu­ro im Mo­nat er­hal­ten. Dar­in ent­hal­ten sind auch die An­sprü­che, die Sar­ra­zin sich bei sei­nen vor­an­ge­gan­ge­nen Sta­tio­nen als Ber­li­ner Fi­nanz­se­na­tor, rhein­land-pfäl­zi­scher Staats­se­kre­tär und Be­am­ter des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums er­wor­ben hat.

In Ban­ken­krei­sen hieß es, zwi­schen der Bun­des­bank und Sar­ra­zin sei­en die Fron­ten so ver­här­tet ge­we­sen, dass Be­am­te des Prä­si­di­al­am­tes als Ver­mitt­ler ein­ge­sprun­gen sei­en. Es sei nicht un­ge­wöhn­lich, dass ein Me­dia­tor tä­tig wer­de, wenn di­rek­te Ver­hand­lun­gen zwi­schen zwei strei­ten­den Par­tei­en nicht mehr mög­lich sei­en. Die Bun­des­bank legt stets gro­ßen Wert dar­auf, ih­re Un­ab­hän­gig­keit zu be­wah­ren. Sie will des­halb den Ein­druck ver­mei­den, Sar­ra­zin oder Wul­ff ha­be der Bank die Be­din­gun­gen dik­tiert. Sar­ra­zin hat­te sich zu­vor in meh­re­ren Ge­sprä­chen mit dem Vor­stand en­er­gisch ge­gen ei­ne Ab­lö­sung ge­wehrt.

Of­fen­bar war Sar­ra­zin zu­nächst über­rascht da­von, dass die Bun­des­bank sei­ne Ab­be­ru­fung tat­säch­lich beim Bun­des­prä­si­den­ten be­an­trag­te. Am Mon­tag die­ser Wo­che kam er mit sei­nem frei­wil­li­gen Aus­schei­den ei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­prä­si­den­ten zu­vor. Es wird ver­mu­tet, dass Sar­ra­zins Rechts­be­ra­ter ihm am Wo­che­n­en­de we­nig Chan­cen für ei­nen Er­folg ei­ner Kla­ge ein­ge­räumt hat­ten.

Der am­tie­ren­de SPD-Frak­ti­ons­chef Joa­chim Poß rief Wul­ff da­zu auf, al­le Ver­dachts­mo­men­te auf­zu­klä­ren. „Wenn es zu­trifft, dass das Bun­des­prä­si­di­al­amt die Öf­fent­lich­keit über sei­ne Ein­fluss­nah­me auf die Bun­des­bank bei der Ent­las­sung Sar­ra­zins ge­täuscht hat, wä­re das un­er­hört“, sag­te Poß un­se­rer Zei­tung. So­wohl die Bun­des­bank als auch das Bun­des­prä­si­di­al­amt wä­ren be­schä­digt. „Nach den Tur­bu­len­zen um den Rück­tritt von Köh­ler und die schwie­ri­ge Wahl von Wul­ff wä­re dies ein er­heb­li­cher Scha­den für die Wür­de des Am­tes“, sag­te Poß. „Der Bun­des­prä­si­dent muss die­se Vor­wür­fe schnellst­mög­lich aus der Welt schaf­fen“, for­der­te der SPD-Po­li­ti­ker.

FO­TO: DAPD

Bun­des­prä­si­dent Wul­ff am Fens­ter sei­nes Amts­sit­zes Bel­le­vue.

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