Auf­stand ge­gen Olym­pia

Die Be­wer­bung für die Win­ter­spie­le 2018 in München steht auf wack­li­gen Fü­ßen. Es gibt Bür­ger­pro­tes­te und stu­re Bau­ern. Zu­dem wird ein neu­er Front­mann ge­sucht.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON MAR­TIN BEILS

MÜNCHEN/DÜSSELDORF Chris­ti­an Neu­reu­ther winkt ab. „Ich kann mir die­ses Amt für mich nicht vor­stel­len“, sagt der ehe­ma­li­ge Sla­lom­fah­rer und Vor­zei­ge-Bayer, als er auf die Mög­lich­keit an­ge­spro­chen wird, an die Spit­ze der Münch­ner Be­wer­bung um die Olym­pi­schen Win­ter­spie­le 2018 zu tre­ten.

Nie­mand will sei­nen Na­men für ei­ne wack­li­ge

Be­wer­bung ris­kie­ren

Ähn­lich hat­ten sich schon Uli Ho­en­eß, Prä­si­dent des FC Bay­ern München, und Franz Be­cken­bau­er, der die Fuß­bal­lWM 2006 nach Deutsch­land hol­te, ge­äu­ßert. Es sieht aus, als wol­le nie­mand sei­nen gu­ten Na­men als Front­mann ei­ner wack­li­gen Olym­pia-Be­wer­bung ris­kie­ren.

Seit der Mo­de­ma­na­ger Wil­ly Bo­gner den Chef­pos­ten we­gen ei­ner Dar­mer­kran­kung – und Kri­tik an sei­ner Amts­füh­rung – ver­gan­ge­ne Wo­che ab­ge­ben muss­te, reißt die De­bat­te um die Füh­rung nicht ab. Bo­gner war be­reits die Num­mer drei an die­ser Stel­le. Sein Nach­fol­ger, Sport­funk­tio­när Bern­hard Schwank, gilt als flei­ßig und er­fah­ren, je­doch oh­ne Gla­mour. Da­für soll die frü­he­re Eis­kunst­läu­fe­rin Ka­ta­ri­na Witt als künf­tig noch prä­sen­te­re Ku­ra­to­ri­ums­vor­sit­zen­de sor­gen. Dass sie bei äl­te­ren Män­nern aus al­ler Welt, die letzt­lich über die Be­wer­bung ent­schei­den, gut an­kommt, steht au­ßer Zwei­fel. „Ich möch­te eher das Herz als das Ge­sicht der Spie­le sein“, be­tont sie. Ob ihr di­plo­ma­ti­sches Ge­schick reicht, wird hin­ge­gen be­zwei­felt.

Wie schwie­rig das Ge­schäft an den Aus­tra­gungs­stät­ten in Bay­erns Lan­des­haupt­stadt und den Berg­re­gio­nen ist, zeigt sich an jüngs­ten Rück­schlä­gen. Die Bi­ath­lon-und Lang­lauf-Wett­be­wer­be dür­fen nach Bür­ger- pro­tes­ten nicht wie ge­plant in Obe­r­am­mer­gau statt­fin­den und müs­sen aufs staat­li­che Haupt-und Lan­des­ge­stüt Gut Schwai­gan­ger bei Ohl­stadt aus­wei­chen. In Garmisch-Partenkirchen pro­ben stu­re Bau­ern den Auf­stand. Weil sie ih­re Grund­stü­cke par­tout nicht vor­über­ge­hend für Olym­pia­bau­ten her­ge­ben wol­len, muss­te die Münch­ner Staats­kanz­lei ein­grei­fen. Die Bit­te der Po­li­ti­ker, ei­nen Golf­platz auf dem Ter­rain der US-Ar­mee als Er­satz­stand­ort zu be­kom­men, wer­de vom Pen­ta­gon „wohl­wol­lend ge­prüft“, heißt es.

Dann ver­setz­te der Deut­sche Na­tur­schutz­ring der Be­wer­bung ei­nen schwe­ren Schlag. Der Dach­ver­band, zu dem nicht nur die Ak­ti­on Fi­schot­ter­schutz und die Ge­sell­schaft Deut­scher Tier­fo­to­gra­fen, son­dern auch Schwer­ge­wich­te wie Na­bu und der Deut­sche Al­pen­ver­ein ge­hö­ren, stieg aus der Fach­kom­mis­si­on Um­welt aus. Die Be­grün­dung: „Wir hal­ten die Durch­füh­rung der Spie­le in Garmisch-Partenkirchen mit sei­nen en­gen Ge­birgs­tä­lern und öko­lo­gisch be­deut­sa­men Flä­chen für nicht ver­ant­wort­bar.“ Da­bei galt der Um­welt­schutz als be­son­de­res Merk­mal der Be­wer­bung. Ori­gi­nell ist die Pres­se­infor­ma­ti­on nach dem Aus­schei­den der Um­welt­schüt­zer: „Die Be­wer­bungs­ge­sell­schaft re­agiert mit Dank für kon­struk­ti­ve Kri­tik auf das En­de der Zu­sam­men­ar­beit.“

Schwank sagt nun: „Wir müs­sen die Emo­tio­nen auf die Stra­ße brin­gen.“ An­ste­cken­de Be- geis­te­rung geht vom Al­pen­rand bis­lang nicht aus. Da­bei wird es höchs­te Zeit, das gan­ze Land auf dem Weg zum Fest auf Eis und Schnee mit­zu­neh­men. Mit­te Ja­nu­ar müs­sen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen beim In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tee (IOC) in Lau­sanne ein­ge­reicht wer­den. Kurz dar­auf schaut sich ei­ne Be­wer­tungs­kom­mis­si­on vor Ort um. Der Rück­halt der Be­völ­ke­rung gilt als wich­ti­ges Kri­te­ri­um bei der Ver­ga­be am 6. Ju­li 2011 im süd-

Be­geis­te­rung geht vom Al­pen­rand bis­lang nicht aus

afri­ka­ni­schen Dur­ban – in ei­ner Um­fra­ge spra­chen sich zu­letzt nur mit­tel­mä­ßi­ge 78,3 Pro­zent der Deut­schen für München aus. Pyeong­chang in Süd­ko­rea galt dank sei­ner Fi­nanz­kraft als Fa­vo­rit, Anne­cy (Frank­reich) als chan­cen­los.

Wirt­schaft­lich geht es lang­sam vor­an. Mor­gen prä­sen­tiert sich Lot­to Bay­ern als ach­ter na­tio­na­ler För­de­rer und gibt vor­aus­sicht­lich zwei Mil­lio­nen Eu­ro für das Be­wer­bungs­bud­get. An den 33 Mil­lio­nen, die ur­sprüng­lich oh­ne staat­li­ches Zu­tun zu­sam­men­kom­men soll­ten, feh­len aber im­mer noch acht Mil­lio­nen. Auf­sichts­rats­chef Michael Ve­sper zeig­te sich „op­ti­mis­ti­scher denn je, dass das ge­plan­te Bud­get aus pri­va­ten Mit­teln fi­nan­ziert wird“. Aber so rich­tig pri- vat ist die Staats­toch­ter Lot­to Bay­ern ge­nau­so we­nig wie der Spon­sor Flug­ha­fen München, der Bund, Land und Stadt ge­hört, oder die Mes­se München. Soll­te am En­de ei­ne De­ckungs­lü­cke blei­ben, muss die öf­fent­li­che Hand zah­len – so ist es ver­trag­lich ver­ein­bart. Die Kos­ten für die Durch­füh­rung der Spie­le wer­den auf 3,5 bis vier Mil­li­ar­den Eu­ro ge­schätzt.

Drei­mal schei­ter­ten deut­sche Olym­pia-Be­wer­bun­gen in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten kläg­lich. Berch­tes­ga­den woll­te die Win­ter­spie­le 1992, Berlin bla­mier­te sich im Wer­ben um die Som­mer­spie­le 2000, und Leip­zig fiel im olym­pi­schen Rin­gen um 2012 in der Vor­aus­wahl durch. Die Ma­cken der Münch­ner Be­wer­bung sit­zen zwar tief, müs­sen aber nicht ent­schei­dend sein. Denn wich­ti­ger als die vor­der­grün­di­gen Kri­te­ri­en sind in der Sport­po­li­tik die Ab­kom­men in den Hin­ter­zim­mern.

Das war schon 1972 so, als München die Som­mer­spie­le aus­rich­te­te. Im ge­ra­de er­schie­ne­nen Buch „The Mu­nich 1972 Olym­pics and the Ma­king of Mo­dern Ger­ma­ny“ schrei­ben der His­to­ri­ker Kay Schil­ler und der Ger­ma­nist Chris­to­pher Young, dass Deutsch­land die Spie­le mit viel Geld hol­te. Die Bun­des­re­gie­rung hat­te Ma­rok­ko rund 194 Mil­lio­nen Mark Ent­wick­lungs­hil­fe in Aus­sicht ge­stellt, wor­auf­hin das ma­rok­ka­ni­sche IOC-Mit­glied vier afri­ka­ni­sche Stim­men zu­sag­te. Au­tor Young: „Man kann das Be­ste­chung nen­nen.“

FO­TO: AFP

Ur-Münch­ner dis­ku­tie­ren leb­haft vor ei­ne­mWer­be­pla­kat für die Olym­pi­schen Spie­le 2018.

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