Wenn der Bag­ger die Hei­mat frisst

In Köln ist ges­tern der Um­sied­lungs­ver­trag zwi­schen dem Land und RWE Po­wer un­ter­schrie­ben wor­den. Da­mit wer­den erst­mals die Re­geln, nach de­nen ent­schä­digt wird, für die Be­trof­fe­nen im Rhei­ni­schen Braun­koh­le­re­vier ein­heit­lich fest­ge­schrie­ben.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - LAND & LEUTE - VON JÜR­GEN STOCK

PESCH / KÖLN Manch­mal kommt es den letz­ten Ein­woh­nern von Er­kelenz-Pesch so vor, als wür­de die Schau­fel des rie­si­gen Braun­koh­le­bag­gers di­rekt über ih­ren Häu­sern schwe­ben. Tat­säch­lich gräbt sich die fast 100 Me­ter ho­he För­der­ma­schi­ne ein gu­tes Stück au­ßer­halb des Orts­kerns durch die nie­der­rhei­ni­sche Er­de. Nur ei­ne Hand voll Fa­mi­li­en ist von der ehe­ma­li­gen Dorf­be­woh­ner­schaft üb­rig ge­blie­ben. Die meis­ten sind weg­ge­zo­gen. Pesch ist ein Geis­ter­dorf. Ges­tern ha­ben sich auch die Pe­sche­rin Nicole Schmitz (36) und ihr Mann Ar­min mit RWE Po­wer zu­sam­men­ge­setzt, um über die Um­sied­lung zu ver­han­deln. Die Ent­schä­di­gungs­ge­sprä­che sind kom­pli­ziert, weil die Schmit­zens ei­ne Land­wirt­schaft be­sit­zen und RWE Po­wer, so die 36-Jäh­ri­ge, bis­lang kei­ne ent­spre­chen­den Er­satz­flä­chen ha­be an­bie­ten kön­nen. Die Un­ge­wiss­heit zerrt an den Ner­ven. „Wir wol­len end­lich hier weg“, sagt die Mut­ter zwei­er fünf und sie­ben Jah­re al­ten Kin­der, die längst kei­ne Spiel­ge­fähr­ten im Ort mehr ha­ben.

Zwölf Dör­fer und mehr als 5000 Bür­ger müs­sen al­lein im Ab­bau­ge­biet Garzweiler II den Schau­fel­rad­bag­gern wei­chen. RWE Po­wer, ehe­mals Rhein­braun, muss die Be­trof­fe­nen ab heu­te nach neu­en Richt­li­ni­en ent­schä­di­gen. In Köln un­ter­zeich­nen Ver­tre­ter des Lan­des und des Un­ter­neh­mens ei­nen Ver­trag über die „re­vier­wei­te Re­ge­lung zu Um­sied­lun­gen im Rhei­ni­schen Braun­koh­le­re­vier“. Nach Aus­kunft der Be­zirks­re­gie­rung schreibt das 30 Sei­ten star­ke Pa­pier die Vor­schrif­ten, nach de­nen Ent­schä­di­gung und Um­sied­lung ab­zu­lau­fen ha­ben, erst­mals ein­heit­lich für das ge­sam­te rhei­ni­sche Braun­koh­le­re­vier fest.

„Für die Be­trof­fe­nen be­deu­tet das mehr Rechts­si­cher­heit und mehr Trans­pa­renz“, er­klärt He­ri- bert Hun­den­born, De­zer­nats­lei­ter der Be­zirks­re­gie­rung Düsseldorf. Erst­mals wer­de den Um­sied­lern künf­tig ei­ne ein­heit­li­che Auf­wands­pau­scha­le in Hö­he von 3000 Eu­ro be­zahlt.

Her­mann Fel­ten (70) aus Pesch kann von die­ser Re­ge­lung noch nicht pro­fi­tie­ren. Er wird vor­aus­sicht­lich der letz­te Pe­scher sein, wenn er nach Neu-Pesch am Orts­rand von Er­kelenz um­zieht. „5700 Ki­lo­me­ter ha­be ich bis­her zwi­schen mei­nem Haus und der Bau­stel­le zu­rück­ge­legt. Da­für wer­de ich kein Geld be­kom­men.“ Den­noch be­schwert er sich über die Ent­schä­di­gun­gen durch RWE nicht: „Das ist schon in Ord­nung“, sagt Fel­ten. „Aber ei­nen Ort ver­las­sen zu müs­sen, in dem man als Jun­ge Kar­tof- feln ge­setzt hat, ei­nen Ort, an dem so vie­le Er­in­ne­run­gen hän­gen, das kann man nicht be­zah­len.“

Im­mer­hin hat Fel­ten die Ver­hand­lun­gen be­reits hin­ter sich. Im Mai nächs­ten Jah­res will er Pesch end­gül­tig Adieu sa­gen. Bis da­hin muss er noch er­tra­gen, dass die Haus­wän­de wa­ckeln und Glä­ser klir­ren, wenn der Bag­ger sich nur we­ni­ge hun­dert Me­ter ent­fernt durchs Erd­reich frisst. Zu­dem lei­den die we­ni­gen ver­blie­be­nen Pe­scher un­ter Plün­de­rern, die das Dorf heim­su­chen und al­les steh­len, was nicht niet-und na­gel­fest ist.

Sol­che Er­fah­run­gen wer­den den von Um­sied­lun­gen be­trof­fe­nen Ein­woh­nern in vie­len Fäl­len wohl auch nach Ab­schluss des Um­sied­lungs­ver­trags künf­tig nicht er­spart blei­ben. Das weiß auch Pe­ter Jan­sen, Bür­ger­meis­ter von Er­kelenz. Er hat­te 2004 den so ge­nann­ten Er­kelenz-Ver­trag mit RWE ver­han­delt, in den RWE für al­le rund 5000 von der Um­sied­lung be­trof­fe­nen Erkelenzer ver­bind­li­che Ent­schä­di­gungs­re­geln fest­schrei­ben ließ. Erst­mals ver­zich­te­te RWE da­mals auf ein Mit­be­stim­mungs­recht für die Ver­wen­dung von Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen an die Kom­mu­ne et­wa für Schu­len, Stra­ßen oder Kin­der­gär­ten.

Die­ser Ver­trag war Vor­bild für den jetzt ab­ge­schlos­se­nen re­vier­wei­ten Um­sied­lungs­ver­trag. „Un­ser Ziel“, sagt Jan­sen, „ist si­cher­zu­stel­len, dass nicht der die höchs­te Ent­schä­di­gung be­kommt, der am bes­ten ver­han­deln kann.“

FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Her­mann Fel­ten lebt in Pesch – bis Mai 2011, dann will er sei­ner Hei­mat end­gül­tig Adieu sa­gen. Bis da­hin wer­den die Haus­wän­de wa­ckeln und Glä­ser klir­ren, wenn der Bag­ger sich nur 500 Me­ter ent­fernt durchs Erd­reich frisst.

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