Kraft für Po­li­tik mit Au­gen­maß

In ih­rer ers­ten Re­gie­rungs­er­klä­rung ver­spricht die neue NRW-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin ver­stärk­te In­ves­ti­tio­nen in den Bil­dungs­be­reich auch mit Hil­fe neu­er Schul­den. Von Spar­an­stren­gun­gen des Lan­des war kaum die Re­de.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON DET­LEV HÜWEL

DÜSSELDORF 45 Mi­nu­ten sind ur­sprüng­lich ver­ein­bart, doch die Re­gie­rungs­er­klä­rung von Han­ne­lo­re Kraft im Land­tag dau­ert mehr als dop­pelt so lan­ge. Am En­de gibt es ste­hend dar­ge­brach­ten Bei­fall von SPD und Grü­nen, wäh­rend sich bei CDU, FDP und Link­s­par­tei kei­ne Hand rührt. We­nig spä­ter wer­den Uni­on und FDP die Re­gie­rungs­er­klä­rung als „ein­zi­ge Ent­täu­schung“ be­zeich­nen.

In ih­rer ers­ten Re­gie­rungs­er­klä­rung ver­spricht die SPD-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin im­mer wie­der, „mit Au­gen­maß“ re­gie­ren zu wol­len. Man wer­de den Re­for­men die not­wen­di­ge Zeit las­sen, an­statt die Bür­ger „mit stän­di­gen Än­de­run­gen und im­mer neu­en Kor­rek­tu­ren zu ver­un­si­chern“. Dass die rot-grü­ne Schul­po­li­tik – Stich­wort Tur­bo-Abitur – er­heb­li­che Un­ru­he an den Gym­na­si­en ver­ur­sacht, bleibt un­er­wähnt. Auch bei der Grün­dung von Ge­mein­schafts­schu­len will die Re­gie­rung „mit Au­gen­maß vor­ge­hen“; der Wil­le von El­tern und Kom­mu­nen sol­le re­spek­tiert wer­den. Das heißt im Kl­ar­text: Über­all da, wo dies ge­wünscht wird, soll es Ge­mein­schafts­schu­len ge­ben.

Die neue Re­gie­rung wer­de „kein Kind zu­rück­las­sen“, be­teu­ert die Re­gie­rungs­che­fin. Aus­ga­ben für die Bil­dung sei­en Zu­kunfts­in­ves­ti­tio­nen, die sich spä­ter aus­zahl­ten. Han­ne­lo­re Kraft: „Wir müs­sen den Mut ha­ben, in Vor­beu­gung, Be­treu­ung und Bil­dung zu in­ves­tie­ren“, auch wenn dies „zu­nächst hö­he­re Aus­ga­ben und ge­ge­be­nen­falls zu­sätz­li­che Schul­den“ be­deu­te.

Schal­len­des Ge­läch­ter ern­tet sie bei der Op­po­si­ti­on mit ih­rer Be­mer­kung, die Lan­des­re­gie­rung be­ken­ne sich zu „den fi­nanz­po­li­ti­schen Zie­len der Haus­halts­kon­so­li­die­rung und des Schul­den­ab­baus“. Kraft: „Wir wis­sen um un­se­re Ver­pflich­tung, un­se­ren Kin­dern und En­keln kei­nen Schul­den­berg zu hin­ter­las­sen.“

Über die Hö­he der Neu­ver­schul­dung – sie soll noch in die­sem Jahr von 6,4 auf den Ne­ga­tiv­re­kord von knapp neun Mil­li­ar­den Eu­ro stei­gen – re­det Kraft nicht. Sie kün­digt zwar ei­ne „neue Fi­nanz­po­li­tik“ an, sieht je­doch lan­des­po­li­tisch kei­nen Spiel­raum für Ein­spa­run­gen. Die „üb­li­che Vor­ge­hens­wei­se – So­zi­al­aus­ga­ben zu kür­zen und Per­so­nal ab­zu­bau­en“ – füh­re nicht zu ei­ner lang­fris­ti­gen Kon­so­li­die­rung: „Die Po­li­tik des Rot­stifts bringt bes­ten­falls kurz­fris­ti­ge Ent­las­tun­gen.“ NRW ge­he ei­nen an­de­ren Weg als die Bun­des­re­gie­rung, die selbst bei den Schwächs­ten spa­re. Das Land wer­de sich im Bund für ei­ne Ver­mö­gen­steu­er und ei­ne Her­auf­set­zung des Spit­zen­steu­er­sat­zes ein­set­zen. Dar­über hin­aus sol­len 200 zu­sätz­li­che Be­triebs­prü­fer im Kampf ge­gen Steu­er­hin­ter­zie­hung ein­ge­setzt wer­den.

Kraft kün­digt ei­ne Viel­zahl neu­er Initia­ti­ven an, so et­wa ei­nen „Mas­ter­plan Breit­band“, ei­ne In­fra­struk­tur-Kon­fe­renz, ei­ne „Wo­che des Eh­ren­amts“, ein Pro­gramm „In­no­va­ti­ons­re­gi­on Rhei­ni­sches Re­vier“, ei­nen „Mas­ter­plan Um­welt und Ge- sund­heit“, ei­nen „Ak­ti­ons­plan“ zur In­klu­si­on be­hin­der­ter Men­schen und auch ei­nen ge­gen „Ho­mo­pho­bie“, al­so ge­gen die Dis­kri­mi­nie­rung von Les­ben und Schwu­len.

Krafts Re­de of­fen­ba­re weit­aus mehr die grü­ne Hand­schrift als die der SPD, so CDU-Frak­ti­ons­chef Karl-Jo­sef Lau­mann in sei­ner Be­wer­tung der Re­gie­rungs­er­klä­rung, die Ex-Mi­nis­ter­prä­si­dent Jür­gen Rütt­gers mit na­he­zu ver­stei­ner­tem Ge­sicht von sei­nem Ab­ge­ord­ne­ten­sitz in der ers­ten Rei­he an­ge­hört hat.. Lau­mann wirft Kraft vor, mit ih­rer Schul­den­po­li­tik die „Ge­ne­ra­tio­nen­so­li­da­ri­tät au­ßer Kraft“ zu set­zen.

Für Gerhard Pap­ke, den Vor­sit­zen­den der FDP-Frak­ti­on, ist „jetzt klar, dass die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung kei­nen Zu­kunfts­plan für Nord­rhein-West­fa­len hat“. Kraft ha­be „ge­trickst und ge­täuscht, um mit Hil­fe der Lin­ken an die Macht zu kom­men“. Die­se Täu­schung set­ze sie mit ih­rer Re­gie­rungs­er­klä­rung fort: „Kein Wort zum dro­hen­den Aus für das Kraft­werk Dat­teln, kein Wort zur ge­plan­ten Ein­schrän­kung der La­den­öff­nungs­zei­ten.“ Noch nie ha­be ei­ne NRW-Re­gie­rung „das Land so hem­mungs­los ver­schul­det wie Rot-Grün schon nach we­ni­gen Wo­chen“.

Heu­te de­bat­tiert der Land­tag über die Re­de von Han­ne­lo­re Kraft, in der sie ein­dring­lich ap­pel­liert hat, über den Tel­ler­rand zu bli­cken: „Wir müs­sen bis zum Ho­ri­zont schau­en – und wei­ter.“

FO­TO: DPA

Schul­mi­nis­te­rin Syl­via Löhr­mann (Grü­ne, l.) und Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) beu­gen sich über die gest­ri­ge Aus­ga­be un­se­rer Zei­tung.

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