Schü­ler­zah­len sin­ken dras­tisch

Knapp 2,2 Mil­lio­nen Schü­ler ler­nen an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len in Nord­rhein-West­fa­len – noch. Bis 2025 wer­den es 400 000 we­ni­ger Das stellt die Schul­po­li­tik vor rie­si­ge Her­aus­for­de­run­gen. Im Bun­des­ver­gleich er­hält der Schul­stand­ort NRW nur mit­tel­mä­ßi­ge

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON FRANK VOLLMER

DÜSSELDORF Schul­po­li­tisch ste­hen Nord­rhein-West­fa­len be­trieb­sa­me Wo­chen be­vor. Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft hat ein „So­fort­pro­gramm“ an­ge­kün­digt, mit dem sie bei­spiels­wei­se die um­strit­te­ne Ge­mein­schafts­schu­le ein­füh­ren will. Wie steht es um den Schul­stand­ort NRW? Zah­len und Fak­ten:

Schu­len Im Schul­jahr 2009/2010 (das sind die neu­es­ten Zah­len des Schul­mi­nis­te­ri­ums) gab es in NRW 6119 all­ge­mein­bil­den­de Schu­len. Hin­zu kom­men 361 Be­rufs­kol­legs und 21 Be­rufs­kol­leg-För­der­schu­len. Mehr als die Hälf­te der all­ge­mein­bil­den­den Schu­len (3223) sind Grund­schu­len, 671 Haupt­schu­len, 559 Re­al­schu­len, 630 Gym­na­si­en.

Schü­ler­zah­len An den all­ge­mein­bil­den­den Schu­len wer­den et­wa 2,15 Mil­lio­nen Schü­ler un­ter­rich­tet. An Be­rufs­kol­legs ler­nen mehr als 600000 Ju­gend­li­che. Das wird aber nicht so blei­ben – ent­schei­dend für die Schul­po­li­tik al­ler NRW-Re­gie­run­gen der nächs­ten Jah­re ist der Rück­gang der Schü­ler­zah­len. So wird nach der neu­es­ten Pro­gno­se des Lan­des­be­triebs In­for­ma­ti­on und Tech­nik (IT NRW) die Schü­ler­zahl an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len in NRW in den kom­men­den 15 Jah­ren um 400000 oder 18,4 Pro­zent sin­ken. Be­son­ders hef­tig trifft es die Haupt­schu­len (mi­nus 31 Pro­zent); ver­hält­nis­mä­ßig glimpf­lich kom­men noch Ge­s­amt(mi­nus zwölf) und Grund­schu­len (mi­nus elf) da­von. Am dras­tischs­ten ist der Schü­ler­schwund auf dem Land – für den Kreis Viersen et­wa pro­gnos­ti­ziert IT NRW bis 2018 ge­gen­über 2008 ei­nen Rück­gang um fast 23 Pro­zent. Das er­for­dert neue Lö­sun­gen. Schul­mi­nis­te­rin Syl­via Löhr­mann (Grü­ne) et­wa will die „Ge­mein­schafts­schu­le“ ein­füh­ren, in der al­le Kin­der min­des­tens bis zur sechs­ten Klas­se zu­sam­men ler­nen und die bis zum Abitur füh­ren kann. So sol­len in länd­li­chen Ge­mein­den Gym­na­si­al-Stan­dards er­hal­ten blei­ben.

Un­ter­richts­aus­fall 2009 sind in NRW 2,3 Pro­zent al­ler Schul­stun­den aus­ge­fal­len – 0,3 Punk­te mehr als im Jahr zu­vor. Im Schul­jahr 2004/2005 wa­ren es al­ler­dings noch 4,5 Pro­zent ge­we­sen.

Über­gangs­quo­ten Im­mer mehr El­tern wol­len für ihr Kind ei­ne Schul­aus­bil­dung, die un­mit­tel­bar zum Abitur füh­ren kann. 38,7 Pro­zent der Kin­der in NRW wur­den 2010 an Gym­na­si­en an­ge­mel­det, 18,2 Pro­zent an Ge­samt­schu­len. Die Gym­na­si­as­ten-Quo­te liegt den­noch leicht (2009 gut zwei Punk­te) un­ter dem Bun­des­durch­schnitt. Der An­teil an Ge­samt­schü­lern ist da­für um mehr als zwei Drit­tel hö­her.

Sit­zen­blei­ber Im ver­gan­ge­nen Schul­jahr muss­ten in NRW 1,9 Pro­zent der Schü­ler an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len ei­ne Klas­se wie­der­ho­len – mehr als 41000 Jun­gen und Mäd­chen. In der Grund­schu­le sind nur 0,7 Pro­zent be­trof­fen, in der Se­kun­dar­stu­fe I schon 2,5 Pro­zent, in der Se­kun­dar­stu­fe II (Ober­stu­fe) 2,9 Pro­zent. Die höchs­te Quo­te ha­ben Haupt­schu­len (4,4 Pro­zent) und die Ober­stu­fen der Ge­samt­schu­len (5,1 Pro­zent).

Klas­sen­grö­ßen Die größ­ten Klas­sen ha­ben Ge­samt­schu­len (durch­schnitt­lich 28 Schü­ler), Gym­na­si­en (27,8) und Re­al­schu­len (27,7). Deut­lich klei­ner sind Grund­schul­klas­sen (23,2). In ei­ner Haupt­schul­klas­se sit­zen im Durch­schnitt nur 21,6 Schü­ler – vie­le Haupt­schu­len ha­ben nicht ein­mal ge­nug An­mel­dun­gen für ei­ne gro­ße Klas­se.

Ab­bre­cher 2009 schaff­ten 6,1 Pro­zent der Ab­gän­ger von all­ge­mein- bil­den­den Schu­len in Nord­rheinWest­fa­len kei­nen Ab­schluss, nach 6,9 Pro­zent im Jahr da­vor. NRW lag da­mit leicht un­ter dem Bun­des­schnitt von 7,5 Pro­zent (2008).

Nach­hil­fe 18,7 Pro­zent der 15-jäh­ri­gen Schü­ler be­kom­men nach ei­ner Stu­die der Ber­tels­mann-Stif­tung Nach­hil­fe. NRW liegt da­mit leicht un­ter dem bun­des­deut­schen Mit­tel­wert (19,1 Pro­zent).

Abitur­quo­te 2009 mach­ten 30,7 Pro­zent al­ler Schul­ab­gän­ger in NRW das Abitur – deut­lich mehr als 2005 (25,9 Pro­zent) und auch als 2000 (27,3 Pro­zent).

Tur­bo-Abitur NRW ge­hör­te zu den letz­ten Bun­des­län­dern, die die neun­jäh­ri­ge gym­na­sia­le Schul­zeit (G9) ver­kürzt ha­ben – seit 2005 durch­lau­fen al­le neu­en Gym­na­si­as­ten ei­ne nur noch acht­jäh­ri­ge Se­kun­dar­stu­fe bis zum „Tur­bo-Abi“ (G8). Das führt da­zu, dass es 2013 ei­nen dop­pel­ten Abi-Jahr­gang aus den 2005 auf­ge­nom­me­nen G8-Schü­lern und ih­ren G9-Vor­gän­gern von 2004 ge­ben wird. Die neue Lan­des­re­gie­rung hat an­ge­kün­digt, künf­tig je­des Gym­na­si­um selbst zwi­schen G8 und G9 ent­schei­den zu las­sen. Nach ei­ner Al­lens­bach-Um­fra­ge wün­schen 70 Pro­zent in NRW die Rück­kehr zu G9 oder ei­ne Wahl­mög­lich­keit.

Pri­vat­schu­len 350 all­ge­mein­bil­den­de Schu­len (5,7 Pro­zent) sind in frei­er Trä­ger­schaft. Der An­teil der Pri­vat­schu­len ist bin­nen fünf Jah­ren um fast ei­nen Punkt ge­stie­gen.

Ganz­tag Je­de drit­te Ganz­tags­schu­le in Deutsch­land stand 2008 in NRW. Et­wa 60 Pro­zent al­ler Schu- len in NRW sind Ganz­tags­schu­len. Kras­se Un­ter­schie­de gibt es bei den ein­zel­nen Schul­for­men: Wäh­rend 86 Pro­zent al­ler Grund­schu­len und so­gar 95 Pro­zent der Ge­samt­schu­len in NRW im Ganz­tags­be­trieb ar­bei­ten, sind es nur 22 Pro­zent der Gym­na­si­en und 23 Pro­zent der Re­al­schu­len. Zum Ver­gleich: Im Bun­des­durch­schnitt ar­bei­te­ten schon vor zwei Jah­ren mehr als 34 Pro­zent der Gym­na­si­en im Ganz­tag.

Leh­rer Gut 195000 Leh­rer un­ter­rich­te­ten im ver­gan­ge­nen Schul­jahr im Land – die meis­ten (gut 45000) an Grund­schu­len, ge­folgt von Gym­na­si­en (gut 43000) und För­der­schu­len (gut 20000). Der durch­schnitt­li­che Leh­rer ist 47 Jah­re alt – die Leh­rer sind et­was äl­ter als die Leh­re­rin­nen. Am äl­tes­ten sind die Kol­le­gen an den Haupt­schu­len (fast 51), am jüngs­ten die an den Grund­schu­len (46). Den höchs­ten Frau­en­an­teil ha­ben mit mehr als 90 Pro­zent die Grund­schu­len. Nur an den Wei­ter­bil­dungs­kol­legs ar­bei­ten mehr Leh­rer als Leh­re­rin­nen.

Bil­dungs­aus­ga­ben 4500 Eu­ro gab NRW 2007 durch­schnitt­lich pro Jahr und pro Schü­ler aus – und liegt da­mit im Deutsch­land-Ver­gleich auf dem vor­letz­ten Platz. Deut­lich hö­he­re Aus­ga­ben ha­ben et­wa Thü­rin­gen und Ham­burg (je 6000) so­wie Berlin (5800), ähn­lich nied­ri­ge wie NRW nur noch das Saar­land und Schles­wig-Hol­stein. Am meis­ten lässt sich (nach den För­der­schü­lern) das Land sei­ne Haupt­schü­ler kos­ten – 5600 Eu­ro pro Kopf und Jahr. Es fol­gen die Ge­samt­schü­ler (5500), Gym­na­si­as­ten (5000), Re­al­schü­ler (4000) und Grund­schü­ler (3800). Der größ­te Teil der Aus­ga­ben, et­wa 80 Pro­zent, sind Per­so­nal­kos­ten. Zwi­schen 1995 und 2007 stie­gen die ProKopf-Aus­ga­ben in NRW zwar um gut sie­ben Pro­zent, im Bun­des­durch­schnitt aber um mehr als das Dop­pel­te. NRW ist zu­rück­ge­fal­len.

Bil­dungs-Ran­kings NRW hat hier meis­tens bes­ten­falls durch­schnitt­lich ab­ge­schlos­sen. So auch zu­letzt beim „Bil­dungs­mo­ni­tor“ 2010 des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft, in dem NRW ei­nen kläg­li­chen 14. Platz der 16 Län­der be­legt. Die For­scher kri­ti­sier­ten vor al­lem, die Klas­sen in NRW sei­en zu groß. Be­män­gelt wur­de auch der Fremd­spra­chen­un­ter­richt. Im neu­es­ten in­ner­deut­schen Bil­dungs­ver­gleich lan­de­te NRW in Eng­lisch im­mer­hin auf Platz 5. In Deutsch blie­ben die Er­geb­nis­se al­ler­dings mit­tel­mä­ßig.

Mi­gran­ten Nur zehn Pro­zent der Mi­gran­ten in NRW er­reich­ten 2005 das Abitur. Bei den Deut­schen lag der Wert drei­mal so hoch. Mi­gran­ten blei­ben auch öf­ter oh­ne Schul­ab­schluss – 11,5 Pro­zent der Aus­län­der und Aus­sied­ler in NRW schaff­ten 2009 kei­nen Ab­schluss, fast dop­pelt so vie­le wie bei deut­schen Schü­lern. Je stär­ker der Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, des­to grö­ßer die Leis­tungs­rück­stän­de – das hat zu­letzt die Pi­sa-Un­ter­su­chung 2006 fest­ge­stellt: Wäh­rend 15-Jäh­ri­ge oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund beim Le­sen durch­schnitt­lich 513 Punk­te er­reich­ten, ka­men Klas­sen­ka­me­ra­den, von de­nen ein El­tern­teil im Aus­land ge­bo­ren wur­de, nur auf 509 Punk­te. Bei zwei im Aus­land ge­bo­re­nen El­tern wa­ren es so­gar nur 478 Punk­te. Ähn­lich fie­len die Er­geb­nis­se bei Viert­kläss­lern aus. Ei­ge­ne of­fi­zi­el­le Zah­len für Schü­ler mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund (al­so auch deut­sche Kin­der und Ju­gend­li­che, de­ren El­tern im Aus­land ge­bo­ren sind) wer­den in NRW nicht er­ho­ben – au­ßer für die ein­zel­nen Schul­for­men. Dort zeigt sich: Den höchs­ten Mi­gran­ten-An­teil ha­ben Haupt­schu­len (38,5 Pro­zent), den ge­rings­ten Gym­na­si­en (12,9 Pro­zent).

Sprach­tests Seit 2007 wird bei Vier­jäh­ri­gen in NRW die Sprach­kom­pe­tenz ge­tes­tet („Del­fin 4“). 24 Pro­zent der 170000 ge­tes­te­ten Kin­der brauch­ten im ver­gan­ge­nen Jahr ei­ne Sprach­för­de­rung. Im Jahr da­vor wa­ren es 23 Pro­zent, ein Jahr zu­vor nur 17 Pro­zent. Ziel ist, dass al­le Kin­der mit Schul­be­ginn aus­rei­chend Deutsch spre­chen kön­nen.

Ein­schu­lung NRW hat 2007 be­gon­nen, den Stich­tag für das Ein­schu­lungs­al­ter schritt­wei­se vor­zu­ver­le­gen – 2014 wird die Ein­schu­lung mit fünf Jah­ren die Re­gel sein. Der An­teil vor­zei­ti­ger Ein­schu­lun­gen von Grund­schul­kin­dern ist des­halb zu­letzt zu­rück­ge­gan­gen – von ei­nem Hoch 2006 (9,2 Pro­zent) auf 6,9 Pro­zent im Jahr 2008. Zehn Jah­re zu­vor, 1998, wa­ren es al­ler­dings erst 2,7 Pro­zent ge­we­sen.

Fa­zit Könn­ten die Bür­ger dem Schul­sys­tem in NRW ei­ne No­te ge­ben, sie fie­le schlecht aus: vier plus (3,7). Da­mit sind die Nord­rheinWest­fa­len noch et­was kri­ti­scher als der Bun­des­durch­schnitt (3,6). KABUL (dapd) Die Po­li­zei in der af­gha­ni­schen Haupt­stadt Kabul hat mit Warn­schüs­sen in die Luft ei­ne Men­schen­men­ge aus­ein­an­der­ge­trie­ben, die ge­gen die in den USA ge­plan­te, in­zwi­schen aber ab­ge­sag­te Ver­bren­nung von Koran-Aus­ga­ben pro­tes­tier­te. Rund 800 Af­gha­nen nah­men an der Pro­test­kund­ge­bung in den Au­ßen­be­zir­ken von Kabul teil. Kle­ri­ker for­der­ten da­bei den Ab­zug der aus­län­di­schen Trup­pen. Nach An­ga­ben des In­nen­mi­nis­te­ri­ums wur­den min­des­tens 35 Po­li­zis­ten und zehn De­mons­tran­ten ver­letzt.

FO­TO: AFP

De­mons­tran­ten in Kabul.

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