Der Mensch im Mit­tel­punkt

Die vier­te Jah­res­prä­sen­ta­ti­on des Kolumba-Diö­ze­san­mu­se­ums Köln steht un­ter dem Ti­tel „ No­li me tan­ge­re“. In 19 The­men­sä­len wird Kunst aus zwei Jahr­tau­sen­den span­nungs­reich kon­tras­tiert. Das The­ma Miss­brauch ist da­bei nicht aus­ge­klam­mert.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON ANNETTE BOSETTI

KÖLN Das von Ar­chi­tekt Pe­ter Zum­t­hor still und schön in­sze­nier­te Haus macht Kolumba zu ei­nem Kun­st­ort vol­ler Ma­gie. Wer nicht den Auf­zug nimmt, steigt de­mü­tig die stei­len Stu­fen hin­auf. Oh­ne Ablen­kung, oh­ne Kunst­licht, oh­ne Ge­räu­sche und Hin­weis­schil­der – auf spe­cki­gem, hel­lem St­ein. Das Diö­ze­san­mu­se­um ist sei­nem selbst­ge­stell­ten Auf­trag nach mehr als ein Mu­se­um, es ver­steht sich als ein La­bor, das je­des Jahr wie­der auf ei­nen an­de­ren Un­ter­su­chungs­ge­gen­stand ge­spannt macht.

Kolumba hat ei­nen schil­lern­den, zwei Jahr­tau­sen­de um­fas­sen­den Samm­lungs­schatz, aus dem Mu­se­ums­di­rek­tor Ste­fan Kraus mit sei­nen Ku­ra­to­ren schöp­fen kann. So räumt er ein­mal im Jahr das gan­ze Haus um und ord­net die Sä­le vor al­lem nach den äs­the­ti­schen Maß­ga­ben der Wer­ke. Sei­ne Aus­stel­lun­gen nennt er ei­ne Ver­suchs­an­ord­nung. Jetzt, zur vier­ten Auf­la­ge, geht es ihm um ein dem Men­schen na­hes

Auf drei Eta­gen be­rich­tet Kunst über die Span­nung

von Dis­tanz und Nä­he

The­ma: „No­li me tan­ge­re“ – „Be­rüh­re mich nicht!“ Oder: „Hal­te mich nicht fest“ – so die zwei Les­ar­ten des im Jo­han­nes­evan­ge­li­um über­lie­fer­ten Sat­zes, den der auf­er­stan­de­ne Chris­tus an Ma­ria Mag­da­le­na rich­tet, die wei­nend an sei­nem Gr­ab steht. Auf drei Eta­gen sind in den 19 Sä­len und drei Turm­zim­mern Ge­mäl­de, Skulp­tu­ren, Bü­cher und In­stal­la­tio­nen dia­lo­gisch aus­ge­brei­tet, die Selbst­bild und Fremd­bild des Men­schen um­krei­sen und über die Span­nung von Dis­tanz und Nä­he be­rich­ten. Das Be­geh­ren und das An­fas­sen-Wol­len schwingt mit. „Auch der se­xu­el­le Miss­brauch in der Kir­che hat mit Be­rüh­rung und mit feh­len­dem Re­spekt zu tun“, sagt der Mu­se­ums­di­rek­tor, so ha­be man die­ses The­ma nicht aus­ge­spart. Die Schau über die zu be­wah­ren­de Un­ver­sehrt­heit des In­di­vi­du­ums er­hält durch die De­bat­te um Miss­brauch im Be­reich der Kir­che ei­ne ei­ge­ne Bri­sanz.

Un­fass­bar ein­sam wirkt der Typ auf der ge­mal­ten Plas­tik von Da­río Vil­la­ba, die im Raum schwebt – ein Mann mit zwei Sei­ten, ge­fan­gen in ei­ner Bla­se, er­starrt in Den­ker­po­se oder so­gar in De­pres­si­on, es lässt sich nur schwer er­grün­den. „La Espe­ra“ (Er­war­tung, Hoff­nung) heißt die­se Ar­beit, der ei­ne Aqua­rell­se­rie von Mi­chel Kalm­bach an die Sei­te ge­hängt wur­de. Es ist die dras­ti­sche Ge­schich­te vom klei­nen und vom gro­ßen Paul, die der jun­ge Pfäl­zer Künst­ler ra­di­kal il­lus­triert und in ex­plo­si­ven Far­ben ko­lo­riert hat. Die wie ein Fries aus­ge­brei­te­te Wand­ar­beit er­in­nert an ein Kin­der­buch, doch sie zeigt die Ver­wund­bar­keit kind­li­cher See­len und Kör­per. Zum Glück gibt es ein Hap­py End, der klei­ne Paul wird er­ret­tet.

Ei­ne Ecke wei­ter liegt in der Vi­tri­ne ein auf­ge­schla­ge­nes Buch: Zwei Fo­tos zei­gen ro­te, blut­trie­fen­de Ge­bil­de, vi­el­leicht sind es Wun­den. Da­ne­ben steht zu le­sen: „Sich mit dem Rea­len zu kon­fron­tie­ren, macht noch nicht fä­hig, es aus­zu­hal­ten.“ Ein­dring­lich die­ses acht Jah­re al­te Kunst-Stück von An­na & Bern­hard Blu­me; es heißt „Prin­zip Grau­sam­keit – ei­ne Po­la­ro­id­se­rie.“

Ne­ben dem mo­der­nen Me­di­um Fo­to­gra­fie be­haup­tet die Zeich­nung hier ih­ren Platz. Er­bau­lich wir­ken die Gra­phit­stu­di­en vom En­de des 19. Jahr­hun­derts: Franz Hein­rich Com­m­ans hat schrei­ten­de Kin­der­fü­ße, Hän­de und Lo­cken meis­ter­haft zu Pa­pier ge­bracht, das be­tont Sinn­lich­keit oder – wie bei der Lo­cke – den Wert von Er­in­ne­rung.

Her­bert Fal­ken, Künst­ler-Pries­ter aus dem Rhein­land, hat An­fang der 70er Jah­re Kran­ken­bil­der ge­zeich­net, die auf der do­cu­men­ta VI aus­ge­stellt wur­den. Das Be­son­de­re, das Grenz­über­schrei­ten­de dar­an spürt man noch heu­te, die Be­geg­nung mit dem ver­sehr­ten Men­schen, mit Be­hin­de­rung und Tod. Als schril­le Aus­nah­me über­ra­schen Jür­gen Klau­kes rot­ge­ton­te Fo­to­gra­fi­en („An­nä­he­rungs­akro­ba­tik“). Bern­hard Leit­ner, der Schöp­fer ei­ner Klang­skulp­tur, ist erst­mals in Deutsch­land zu se­hen.

Be­ein­dru­ckend in ih­rer Fül­le ist die Rau­m­in­stal­la­ti­on vom Krim­hild Be­cker. Sie hat ein Sam­mel­su­ri­um des To­des in ei­nem Raum auf­ge­baut, Mas­ken, Vö­gel, Schä­del, tie­ri­sche und mensch­li­che Ske­let­te an­ge­bracht. Es ist Beckers mo­der­ne Wun­der­kam­mer – so wie die­ses gan­ze Mu­se­um als zeit­ge­mä­ße Wun­der­kam­mer da­steht. Auch weil es wagt, die fan­ta­sie­vol­le Rau­m­in­stal­la­ti­on mit ei­nem schlich­ten rhein­län­di­schen Lin­den­holz-Kru­zi­fix von 1150 zu kon­fron­tie­ren.

FO­TO: KNA-BILD

Fix­punkt in der Aus­stel­lung „No­li me tan­ge­re“ im Köl­ner Kolumba-Mu­se­um: „ La Espe­ra“ (Die Er­war­tung) heißt die schwe­ben­de Skulp­tur von Da­río Vil­la­ba.

FO­TO: AP

Die­nen­de Ar­chi­tek­tur: Das von Pe­ter Zum­t­hor er­rich­te­te Ko­lumba­mu­sem.

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