Bra­chi­al: Neu­es von Nick Ca­ve

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

LONDON Nick Ca­ve sitzt in dem Club „The Uni­on“ im Lon­do­ner Stadt­teil So­ho und isst Ru­co­la-Sa­lat mit Zie­gen­kä­se. Das wun­dert ei­nen, denn die neue Plat­te des 52-Jäh­ri­gen ist et­was für Fleisch­es­ser. Mit sei­nem Sei­ten-Pro­jekt Gr­in­der­man, des­sen zwei­te, schlicht „2“ be­ti­tel­te CD so­eben er­schie­nen ist, spielt er ro­hen Rock ’n’ Roll auf blu­ti­gen Sai­ten. Es grollt und don­nert, und Ca­ve singt über Ob­ses­si­on, Un­ter­gang, Grau­en und Lei­den­schaft. Ca­ve sagt zur Mit­ar­bei­te­rin der Plat­ten­fir­ma: „Ich brau­che ein Mes­ser.“

Der in Aus­tra­li­en ge­bo­re­ne Künst­ler hat sei­ne Sicht auf die Welt nicht nur auf Plat­ten dar­ge­legt. Er lie­fert Dreh­bü­cher, et­wa für John Hill­coats Schuld-und-Süh­ne-Film „The Pro­po­si­ti­on“. Er kom­po­niert Sound­tracks, zu­letzt für die Ver­fil­mung von Cor­mac McCar­thys Ro­man „Die Stra­ße“. Und er schreibt Ro­ma­ne, den „Tod des Bun­ny Mun­ro“ et­wa, ein Buch, in dem auf je­der Sei­te der Wahn­sinn an­klopft. Heu­te trägt Ca­ve ei­ne dun­kel­blaue Le­vi’s, das ro­sa und blau ge­streif­te Hemd hat er bis zum Na­bel ge­öff­net, gol­de­ne Ket­ten lie­gen auf der Brust.

Bü­cher sei­en über­schätzt, mur­melt er. Wer Rat su­che, sol­le das wo­an­ders tun. Wo, wis­se er nicht, er brau­che sel­ten Rat. Nun muss man wis­sen, dass Ca­ve für ei­ne Neu­aus­ga­be der Hei­li­gen Schrift das Vor- wort zum Mar­kus-Evan­ge­li­um bei­ge­steu­ert und in Wi­en Vor­le­sun­gen über Poe­sie ge­hal­ten hat. In den Tex­ten sei­ner Songs tau­chen bi­bli­sche Fi­gu­ren auf, my­thi­sche Hel­den rin­gen mit Per­so­nen der Po­pu­lär­kul­tur. Der Va­ter zwei­er Kin­der, der nach Sta­tio­nen in London, Berlin und Sao Pau­lo das Mo­del Su­sie Bick hei­ra­te­te und in Brigh­ton zur Ru­he kam, ist ein fins­te­rer Schwär­mer. Zärt­lich zupft er sei­nem Band­Kol­le­gen War­ren El­lis Sa­lat­blät­ter aus dem Bart. „Ein Mes­ser. Bit­te!“

Er be­gann mit zor­ni­ger Mu­sik, die Kon­zer­te sei­ner Band Bir­th­day Par­ty ta­ten weh, so bru­tal ging es zu. In den 90er Jah­ren dann der gro­ße Er­folg mit Bal­la­den. „Whe­re The Wild Ro­ses Grow“, das Du­ett mit Ky­lie Mi­no­gue, ist ein Klas­si­ker, das Al­bum „The Lyre Of Or­pheus“ über­ir­disch gut. Nun be­sinnt er sich auf die An­fän­ge, auf dem letz­ten So­lo­Al­bum „Dig, La­za­rus, Dig!!!“ hält er sei­ne iro­nisch ge­bro­che­nen Pre­dig­ten vor ei­ner Wand aus ver­zerr­tem Bass, bra­chia­ler Per­cus­sion und rü­den Dis­so­nan­zen. Noch schrof­fer klingt die Vier-Mann-Grup­pe Gr­in­der­man. Sie tref­fen sich oh­ne Plan und im­pro­vi­sie­ren. Was für gut be­fun­den wird, kommt auf die CD.

Ca­ve hat et­was Me­phis­to­phe­li­sches. Er schaut ei­nen nicht an, und wenn doch, dann blickt man nur des­halb nicht zu Bo­den, weil man ihm den Tri­umph nicht gönnt. Er feu­ert Blit­ze aus den Au­gen, un­ter dem Fern­fah­rer-Bart ist kein Mund, son­dern ein Ab­grund. Das ist ein Kerl, der sei­nen Charme in Mez­cal ein­legt und in Wüstensand wen­det. Der Sa­lat ist fast auf­ge­ges­sen. Er möch­te end­lich ein Mes­ser.

Im Werk von Ca­ve, das zu den fas­zi­nie­rends­ten Her­vor­brin­gun­gen der post­mo­der­nen Bil­der­welt ge­hört, glüht ein ro­man­ti­scher Kern. Ca­ve ist ein mo­ra­li­scher Mensch, ei­ner, der das Gleich­nis den Be­grif­fen vor­zieht. Ca­ve ist ei­ne In­stanz. Was man hö­ren oder le­sen muss, um sich in der Welt zu­recht­zu­fin­den, fragt man al­so. „On The Beach von Neil Young“, ant­wor­tet sein Kum­pel War­ren El­lis. Nick Ca­ve kaut, stellt den lee­ren Tel­ler auf den Tisch, streicht sich die Haa­re an den Schä­del, wirft den Kopf nach hin­ten – und winkt ab. Die Mit­ar­bei­te­rin der Plat­ten­fir­ma bringt ein Mes­ser. Nick Ca­ve sagt: „Dan­ke.“

FO­TO: MU­TE RE­COR­DS

All­roun­der Nick Ca­ve

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.