Mr. Bayer geht in Ren­te

Werner Wen­ning über­gibt in we­ni­gen Ta­gen die Kon­zern­füh­rung an Ma­ri­jn Dek­kers. Da­mit geht ei­ne bei­spiel­lo­se Kar­rie­re zu En­de: vom Lehr­ling zum Vor­stands­chef. Nun hofft er, dass die Werks­elf end­lich Meis­ter wird.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON ANTJE HÖNING

LE­VER­KU­SEN In 14 Ta­gen geht in Le­ver­ku­sen die bei­spiel­lo­se Kar­rie­re ei­nes Dax-Chefs zu En­de: Werner Wen­ning geht in Ren­te. Er ver­lässt den Bayer-Kon­zern, in dem er vor mehr als 44 Jah­ren als Lehr­ling an­ge­fan­gen hat­te und in dem er (oh­ne Stu­di­um) bis zum Kon­zern­chef auf­ge­stie­gen war. „Ich ha­be im­mer ger­ne Ver­ant­wor­tung über­nom­men“, sagt Wen­ning. Vi­el­leicht, weil er das auch zu Hau­se muss­te: Sein Va­ter starb früh, Wen­ning ar­bei­te­te be­reits mit 14 Jah­ren als Kar­tof­fel­pa­cker, da­mit die Fa­mi­lie über die Run­de kam. „Und ich hat­te ein­fach Glück und war zur rich­ti­gen Zeit an der rich­ti­gen Stel­le“

Sei­ner Frau, die er in Han­dels­schul­ta­gen ken­nen­ge­lernt hat­te, ver­sprach er, die Welt zu zei­gen. Das Ver­spre­chen hielt er: Als 24-Jäh­ri­ger ging der In­dus­trie­kauf­mann für Bayer nach Pe­ru, ins­ge­samt elf Jah­re ar­bei­te­te er in Süd­ame­ri­ka. Spä­ter ging er für vier Jah­re nach Spa­ni­en.

Als er 2002 die Bayer-Füh­rung von Man­fred Schnei­der über­nahm, war der Kon­zern in ei­nem de­sas­trö­sen Zu­stand: Wo­chelang stand Bayer we­gen To­des­fäl­len von Pa­ti­en­ten, die den Cho­le­ste­rin­sen­ker Li­po­bay ge­nom­men hat­ten, in den Schlag­zei­len und muss­te das Me­di­ka­ment vom Markt neh­men, Ge­winn und Ak­ti­en­kurs bra­chen ein. Und dann ver­kürz­ten ZDF-Jour­na­lis­ten ein In­ter­view mit Wen­ning noch auf ei­nen kal­ten Satz: „Man muss zur Kennt­nis neh­men, dass Me­di­ka­men­te Ne­ben­wir­kun­gen ha­ben kön­nen, die zum To­de füh­ren.“ Der Bou­le­vard ti­tel­te an­schlie­ßend: „Der Bayer-Chef ver­höhnt die Op­fer.“ „Das war der bit­ters­te Mo­ment mei­ner Kar­rie­re“, sagt Wen­ning.

Er ver­such­te, die Phar­ma­spar­te zu ver­kau­fen – kei­ner woll­te sie ha­ben. Dann die Wen­de: Bayer glie­der­te die Che­mie­spar­te un­ter dem Na­men Lan­xess aus („das war aber nie un­se­re Res­ter­am­pe“) und über­nahm den Phar­ma-Rie­sen Sche- ring. Ei­gent­lich woll­te Wen­ning mit Sche­ring ko­ope­rie­ren, doch dann ver­such­te der Kon­kur­rent Merck, die Ber­li­ner zu über­neh­men. Da ging Sche­ring lie­ber ganz zu Bayer. „In­ner­halb von zehn Ta­gen mach­ten wir den Ca­se“, sagt Wen­ning in sei­nem Deutsch-Eng­lisch.

17 Mil­li­ar­den Eu­ro gab Bayer für Sche­ring aus, acht Mil­li­ar­den für die Über­nah­me von Aven­tis Crop Sci­ence, die Bayer zum größ­ten Pflan­zen­schutz-Un­ter­neh­men der Welt mach­te. Kein deut­scher Kon­zern hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so viel ge-und ver­kauft wie Bayer. Das dürf­te so wei­ter­ge­hen.

Wen­nings Nach­fol­ger, der Nie­der­län­der Ma­ri­jn Dek­kers, soll den Kon­zern nun in neue Hö­hen füh­ren. Um in­ter­na­tio­nal ganz oben mit­zu­spie­len, muss die Phar­mas- par­te viel grö­ßer und in­no­va­ti­ver wer­den. Das Geld da­für könn­te aus dem Ver­kauf der Kunst­stoffspar­te kom­men.

Am 30. Sep­tem­ber über­gibt Wen­ning ei­nen Staf­fel­stab mit gu­ten Wün­schen an Dek­kers. Was er auf­ge­schrie­ben hat, will Wen­ning noch nicht ver­ra­ten. Vi­el­leicht dies: „Ver­ges­sen Sie die Mit­ar­bei­ter nicht.“ Denn wäh­rend Wen­ning die Mit­be­stim­mung stets hoch­hielt, hat De­ckers eher ei­nen an­de­ren Ruf.

Seit 1.Ja­nu­ar 2010 ist Dek­kers im Kon­zern. Neun Mo­na­te lang hat ihn Wen­ning ein­ge­führt. Ge­mein­sam ha­ben sie die Ent­schei­der be­sucht, der Ter­min mit der Kanz­le­rin ist ab­ge­macht.

Wen­ning geht mit Weh­mut. Er be­hält ein Bü­ro im Kon­zern, ob­wohl er dort nichts mehr zu tun hat. Er ist ist wei­ter im Auf­sichts­rat von Eon, der Deut­schen Bank, Hen­kel und Ta­lanx. Er wä­re ger­ne Auf­sichts­rat von Bayer ge­wor­den, doch das darf er laut Ge­setz erst nach zwei Jah­ren „Ab­küh­lungs­zeit“. Da passt es gut, dass das Man­dat des der­zei­ti­gen Auf­sichts­rats­chef Man­fred Schnei­der ge­nau 2012 en­det.

Bis da­hin will Wen­ning rei­sen (zu­erst nach Is­ra­el), für sei­ne drei klei­nen En­kel da sein, sei­ne Frau beim Gol­fen ein­ho­len und der Werks­elf in der Bun­des­li­ga zu­se­hen. Als Wen­ning 2002 Kon­zern­chef wur­de, hat­te er als ein Ziel aus­ge­ge­ben: „Ge­winn der deut­schen Fuß­ball­meis­ter­schaft.“ Es ist die ein­zi­ge sei­ner Vor­ga­ben, die Bayer nicht er­füll­te.

FO­TO: VARIO IMAGES

En­de ei­ner Epo­che: Vor­stands­che­fWer­ner Wen­ning schei­det aus dem Bayer-Füh­rungs­gre­mi­um aus.

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