Was Wel­pen brau­chen

Der Ver­band für das Deut­sche Hun­de­we­sen (VDH) emp­fiehlt, ei­nen Wel­pen mit der­sel­ben Ra­tio­na­li­tät aus­zu­su­chen wie ein Au­to – auch wenn es schwer fällt. Im Um­gang mit den klei­nen Hun­den sind Rück­sicht, Ge­duld und Kon­se­quenz ge­fragt. Und bis min­des­tens acht

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SERIE - VON MARTINA STÖ­CKER (TEXT) UND ANDRE­AS BRETZ (FO­TOS)

GOCH Fin­ja liegt er­mat­tet im Gras und hält ein Ni­cker­chen. Flair knab­bert ein we­nig an ei­ner Woll­de­cke. Nur Floyd – gut er­kenn­bar an sei­ner wei­ßen Schwanz­spit­ze – tappst an sei­nen Ge­schwis­tern vor­bei auf kur­zen Bei­nen neu­gie­rig auf die Be­su­cher zu, rollt sich dann auf den Rü­cken und lässt sich den noch nack­ten Wel­pen­bauch krau­len. Doch schnell wird die frem­de Hand viel span­nen­der als die Kr­ab­be­lei, und Floyds spit­ze Zähn­chen boh­ren sich in die Haut. Autsch! Man wun­dert sich nicht, war­um Hun­de­mut­ter Ja­de ih­re sie­ben Wel­pen mitt­ler­wei­le nur noch für ei­nen klei­nen Nach­tisch an die ei­ge­ne Milch­bar lässt.

Der Bor­der-Col­lie-Nach­wuchs ist knapp sechs Wo­chen alt. Hei­ke (49) und Win­fried (51) Wou­ters aus Goch sind zwar er­fah­re­ne Züch­ter, trotz­dem fällt es ih­nen nicht leicht, die Klei­nen bald ab­zu­ge­ben. Für fünf der sie­ben ha­ben sie schon ein neu­es Zu­hau­se ge­fun­den. Für das Ehe­paar ist es selbst­ver­ständ­lich, dass sie die künf­ti­gen Be­sit­zer ken-

„Die So­zia­li­sie­rung muss be­hut­sam sein, der Be­sit­zer darf den Hund nicht in neue

Si­tua­tio­nen zwin­gen“

nen­ler­nen und ein we­nig un­ter die Lu­pe neh­men. „Wir ha­ben auch schon Leu­te weg­ge­schickt, wenn wir den Ein­druck hat­ten, dass es nicht passt“, er­zählt Hei­ke Wou­ters.

Denn auch wenn Fa­me, Floyd, Fair, Fin­ja, Faith, Flash und Finn noch un­glaub­lich nied­lich und et­was un­be­hol­fen aus­se­hen, steckt in ih­nen ein spä­te­rer Aus­dau­er­sport­ler: Bor­der Col­lies sind in der Hal­tung an­spruchs­voll, weil sie zu den Hüte­hun­den ge­hö­ren. Die in­tel­li­gen­ten Tie­re ge­ben sich nicht mit Gas­si ge­hen zu­frie­den. Sie brau­chen Auf­ga­ben und müs­sen Kopf­ar­beit leis­ten, sonst kom­men sie bloß auf dum­me Ge­dan­ken.

Des­halb rät Udo Koper­nik, Spre­cher beim Ver­band für das Deut­sche Hun­de­we­sen (VDH), ein­dring­lich da­zu, sich vor dem Wel­pen­kauf ei­ne ehr­li­che Ant­wort auf die Fra­ge zu über­le­gen: Wel­cher Hund passt ei­gent­lich zu mir? „Vie­le Men­schen nei­gen da­zu, ei­nen Hund nur nach dem Aus­se­hen aus­zu­su­chen.“ Doch es ge­be mehr als 300 Ras­sen auf der Welt, und je­de Ras­se ha­be ein un­ter­schied­li­ches Tem­pe­ra­ment. Koper­nik wünscht sich, dass Men­schen ei­nen Hund auf die­sel­be Wei­se aus­su­chen wie ein Au­to. Das hört sich zu­nächst kurios an. „Aber man muss an bei­de Ent­schei­dun­gen ganz ra­tio­nal ran­ge­hen“, er­klärt Koper­nik. Schließ­lich hat ein Hund, des­sen Be­dürf­nis­sen der Be­sit­zer ge­recht wer­den muss, ei­ne Le­bens­er­war­tung von zehn bis 15 Jah­ren. Und so soll­ten Fra­gen wie die­se selbst­ver­ständ­lich sein: Was er­laubt mein Bud­get? Wie ist mei­ne Fa­mi­li­en­si­tua­ti­on? Wie se­hen die Un­ter­halts- kos­ten aus? Und mit wel­cher Ras­se – oder um in der Au­to­spra­che zu blei­ben – mit wel­chem Mo­dell kom­me ich im All­tag klar? „Äl­te­re Men­schen soll­ten be­rück­sich­ti­gen, wie viel Kraft ein gro­ßer Hund mit sei­nem Vier-Pfo­ten-An­trieb ent­wi­ckelt und er im Fal­le ei­ner Krank­heit auch ge­tra­gen wer­den muss.“

Hei­ke und Win­fried Wou­ters ge­ben den Wurf im Al­ter von acht Wo- chen zu ih­ren neu­en Be­sit­zern. „Man merkt jetzt schon, dass der Um­gang un­ter­ein­an­der ein biss­chen rau­er wird“, stellt Win­fried Wou­ters fest, wäh­rend die Wel­pen in Sch­ein­kämp­fen ih­re Kräf­te mes­sen. „Sie brau­chen nun mehr per­sön­li­che An­spra­che.“ Die­ses Be­dürf­nis nut­zen die neu­en Be­sit­zer, in­dem sie sich zum Na­bel der Welt ma­chen. Die ers­ten Ta­ge mit dem neu­en Fa­mi­li­en­mit­glied soll­ten des­halb ru­hig ver­lau­fen, un­be­dingt oh­ne Be­such. „Die So­zia­li­sie­rung muss be­hut­sam sein, der Be­sit­zer darf den Hund nicht in neue Si­tua­tio­nen zwin­gen“, rät Koper­nik. Die Ein­ge­wöh­nung dau­ert ma­xi­mal zwei Wo­chen, dann bleibt der Klei­ne ei­ni­ge St­un­den schon al­lei­ne.

Auch wenn es noch so schwer­fällt: „Wel­pen brau­chen Kon­se- quenz“, sagt Züch­ter Wou­ters, „ in der Fa­mi­li­en­hier­ar­chie steht der Hund an letz­ter Stel­le.“ Er wird al­so zum Bei­spiel als Letz­ter be­grüßt. Wer das früh ver­in­ner­licht, schont sei­ne Ner­ven. Bei al­len Be­mü­hun­gen sei be­dacht, dass ein klei­ner Hund wie ein Ba­by Ru­he­pha­sen braucht. Denn Wel­pen durch­lau­fen ei­ne Tur­bo-Ent­wick­lung: An­fangs sind sie blind, taub und nicht in der La­ge, selbst Kot und Urin ab­zu­set­zen oder ih­re Kör­per­wär­me zu re­gu­lie­ren. Spä­ter, im Al­ter von vier Wo­chen, ent­de­cken sie zwar die Welt, er­mü­den aber schnell. Das müs­sen vor al­lem Kin­der schnell be­grei­fen. Udo Koper­nik rät des­halb, für die Men­schen­kin­der und das Hun­de­kind je­weils ein Re­fu­gi­um ein­zu­rich­ten. Zum Bei­spiel könn­te das Kin­der­zim­mer für den Wel­pen ta­bu sein (dann kann er auch kein Spiel­zeug an­knab­bern), für den Hund eig­net sich ei­ne Trans­port­box, die durch die ge­schlos­se­ne Form an ei­ne Höh­le er­in­nert. „Wenn er sich dar­in zu­rück­zieht, ist der Hund ta­bu“, sagt Koper­nik. „Dann wird er we­der an­ge­spro­chen noch raus­ge­holt.“

Der Ex­per­te hat fest­ge­stellt, dass Be­sit­zer häu­fig das fal­sche Spiel­zeug aus­su­chen. „Man soll­te kei­ne aus­ge­mus­ter­ten Schu­he oder So­cken zum Spie­len ge­ben. Hun­de kön­nen nicht zwi­schen Alt und Neu un­ter­schei­den.“ Und dann müs­sen vi­el­leicht ei­nes Ta­ges die teu­ren Pumps dran glau­ben. Im Fach­markt ge­be es ge­nü­gend ge­eig­ne­tes Spiel­zeug. Aber wie für Kin­der gilt für Wel­pen die­sel­be Re­gel: Ein Über-An­ge­bot ver­wirrt und lang­weilt eher als zu un­ter­hal­ten. Des­halb bes­ser die Spiel­sa­chen ein­zeln ge­ben und häu­fig aus­tau­schen.

Oft wird ge­ra­ten, sich ei­nen Wurf ge­nau an­zu­se­hen, um den Cha­rak­ter der Wel­pen ein­zu­schät­zen. Fa­mi­lie Wou­ters glaubt dar­an nicht. „Das Ver­hal­ten hängt im­mer von der Ta­ges­form ab“, be­tont Hei­ke Wou­ters. Man soll­te sich bes­ser auf den Rat der Züch­ter ver­las­sen. Floyd zum Bei­spiel ma­che zwar ei­nen ke­cken Ein­druck, ei­gent­lich sei aber Fin­ja die Auf­ge­weck­tes­te im Wurf. Doch an die­sem Nach­mit­tag liegt sie im Gras und schläft, völ­lig un­be­ein­druckt von dem Ge­wu­sel um sie her­um. Es scheint an­stren­gend, ein neu­gie­ri­ger Wel­pe zu sein.

Ge­schwis­ter­lie­be un­ter Wel­pen kann rau sein: Flash und Fa­me bal­gen auf der Wie­se.

Win­fried und Hei­ke Wou­ters mit Sohn Sebastian und der Bor­der-Col­lie-Fa­mi­lie „With Po­wer and Spi­rit“: Va­ter So­nic (l.) und Mut­ter Ja­de samt sie­ben Wel­pen.

Spie­lend ler­nen: Flair nimmt den Kampf mit ei­ner Woll­de­cke auf.

FO­TO: NPL-AR­CO

Chi­ne­si­scher Fal­ten­hund

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