Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT / ROMAN -

Nach Va­len­ti­nas und Sta­nis­lavs Aus­zug mach­te ich mich dar­an, ih­re Zim­mer auf­zu­räu­men. Ich brauch­te vier­zehn gro­ße schwar­ze Plas­tik­müll­sä­cke, um ein­zu­sam­meln, was noch her­um­lag. Wat­te, Kar­tons, Ein­wi­ckel­pa­pier, Kos­me­tiktöpf­chen und -fläsch­chen, zer­ris­se­ne Strumpf­ho­sen, Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Ka­ta­lo­ge, Wer­be­brie­fe, ab­ge­leg­te Klei­dung und Schu­he – al­les wan­der­te in den Müll. Eben­so das an­ge­bis­se­ne Schin­ken­sand­wich, Ap­fel­res­te so­wie ei­ne ver­schim­mel­te Schwei­ne­fleisch­pas­te­te, die ich an der­sel­ben Stel­le un­ter dem Bett fand, wo einst das be­nutz­te Kon­dom ge­le­gen hat­te. Auch un- ter dem Bett in Sta­nis­lavs Zim­mer war­te­te ei­ne klei­ne Über­ra­schung auf mich – ei­ne Plas­tik­tü­te vol­ler Por­no­hef­te. Ts, ts.

Als Nächs­tes nahm ich mir das Ba­de­zim­mer vor. Um die Haar­klum­pen aus dem ver­stopf­ten Ab­fluss der Ba­de­wan­ne ent­fer­nen zu kön­nen, muss­te ich ei­ne Draht­spi­ra­le zu Hil­fe neh­men. Un­glaub­lich, wie viel Schmutz und Un­ord­nung ei­ne ein­zel­ne Per­son zu­stan­de brin­gen konn­te! Wäh­rend ich vor mich hin­putz­te und schrubb­te, fiel es mir wie Schup­pen von den Au­gen: Va­len­ti­na hat­te of­fen­sicht­lich zeit ih­res Le­bens – oder zu­min­dest den größ­ten Teil ih­res Le­bens – je­man­den ge­habt, der hin­ter ihr her- räum­te.

Dann ka­men Kü­che und Spei­se­kam­mer an die Rei­he. Die Fetts­prit­zer auf dem Herd und rund­her­um an den Wän­den lie­ßen sich nur mit ei­nem Mes­ser ab­krat­zen. Ich warf Es­sens­res­te fort und säu­ber­te Fuß­bo­den, Re­ga­le und Ar­beits­flä­chen von kleb­ri­ger Schmie­re. Über­all stan­den ge­öff­ne­te und an­ge­bro­che­ne Do­sen und Fla­schen, Glä­ser und Pa­ckun­gen mit längst un­ge­nieß­ba­rem In­halt her­um. In der Spei­se­kam­mer war ein Glas mit Mar­me­la­de of­fen ste­hen­ge­blie­ben, ge­sprun­gen, aus­ge­lau­fen, stein­hart ein­ge­trock­net und so fest auf dem Re­galbrett fest­ge­klebt, dass es mir in den Hän­den zer­brach, als ich ver- such­te, es ab­zu­lö­sen. Die Scher­ben fie­len auf den Bo­den zu al­ten Zei­tun­gen, lee­ren Koch­beu­teln und Fer­tig­ge­rich­te-Pa­ckun­gen, ver­schüt­te­tem Zu­cker, Nu­deln, Keks­krü­meln und ge­trock­ne­ten Erb­sen.

Un­ter der Spü­le stieß ich auf ei­nen Vor­rat an Fisch­do­sen. Ma­kre­len, sechs­und­vier­zig an der Zahl. „Was soll das denn?”, frag­te ich.

Va­ter zuck­te die Ach­seln. „Zwei für den Preis von ei­ner. Sie liebt so was.”

Was macht man mit sechs­und­vier­zig Do­sen Ma­kre­len? Sie weg­zu­wer­fen brach­te ich nicht übers Herz. Was hät­te Mut­ter ge­tan? Ich ver­teil­te sie im Dorf an al­le Leu­te, die ich kann­te, und den Rest brach- te ich zum Pfar­rer für die Ar­men. Noch Jah­re spä­ter tauch­ten zum Ern­te­dank­fest am Al­tar im­mer wie­der Ma­kre­len­do­sen auf.

Im Schup­pen fand ich in ei­nem Kar­ton meh­re­re Pa­ckun­gen Kek­se. Al­le wa­ren of­fen, über­all la­gen Krü­mel und klei­ne Fetz­chen des Ein­wi­ckel­pa­piers. In ei­ner an­de­ren Ecke ent­deck­te ich vier Pa­ckun­gen mit schim­me­li­gen Weiß­brot­schei­ben. Auch die­se Pa­ckun­gen wa­ren al­le auf­ge­ris­sen, ihr In­halt über­all ver­streut. Ich frag­te mich noch, war­um und zu wel­chem Zweck je­mand so et­was macht, als ich et­was Gro­ßes, Brau­nes in ei­ne Ecke hu­schen sah. Oh mein Gott! Den Kam­mer­jä­ger, schnell!

Im Wohn­zim­mer, in der Kü­che und in der Spei­se­kam­mer fan­den sich Fress­näp­fe mit Milch und Fut­ter für La­dy Di, die nicht nach sei­nem Ge­schmack ge­we­sen wa­ren und nun in der Au­gust­hit­ze vor sich hin mo­der­ten. Ein Napf war mit brau­nen pilz­ar­ti­gen Ge­wäch­sen über­zo­gen, in ei­nem an­de­ren wim­mel­ten wei­ße Ma­den. Die Milch hat­te sich in grün­li­chen Kä­se­schleim ver­wan­delt. Ich ließ al­les in Bleich­mit­tel und Scheu­er­salz ein­wei­chen.

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