Die Al­ter­na­ti­ve zur Kli­nik

Im letz­ten Teil der Se­rie stellt die RP ein al­ter­na­ti­ves An­ge­bot vor, Kin­der zur Welt zu brin­gen. Das Ge­burts­haus bie­tet ei­ne Ent­bin­dung in in­ti­mer At­mo­sphä­re. Künf­ti­ge Mut­ter und Heb­am­me be­rei­ten sich von Be­ginn der Schwan­ger­schaft an in­ten­siv auf die Ge

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON ANANDA MILZ

Ei­ne Schwan­ger­schaft ist kei­ne Krank­heit, son­dern ein Zu­stand – die­ser Satz ist ein Leit­ge­dan­ke, der das Haus an der Achen­bach­stra­ße 56a um­wölkt. Ein­ge­bet­tet in ei­ne ge­die­ge­ne Zoo-Vier­tel-Nach­bar­schaft – ein Mix aus Wohn­häu­sern und klei­nen Bü­ro­ge­mein­schaf­ten – wacht ein gro­ßer Storch am Ein­gang. Im Haus selbst fin­den Schwan­ge­re ein al­ter­na­ti­ves An­ge­bot, ihr Kind zur Welt zu brin­gen. Acht Heb­am­men ste­hen den wer­den­den Müt­tern und Vä­tern dort zur Sei­te. Ei­ne ärzt­li­che Be­treu­ung gibt es im Düs­sel­dor­fer Ge­burts­haus in­des nicht.

„Für vie­le mag das vi­el­leicht ris­kant klin­gen“, sagt Mei­ke Kem­nitz, die das Haus mit Rein­hild Horn­stein lei­tet. „Aber vie­len ist nicht be­wusst, dass es auch Ri­si­ken bei der Ent­bin­dung in ei­ner Kli­nik ge­ben kann.“ Kem­nitz ver­weist da­bei auf ak­tu­el­le Stu­di­en, die be­le­gen, dass die so ge­nann­te Haus­ge­burt fast si­che­rer ist als die Ge­burt in der Kli­nik. Aber es geht den Heb­am­men auch nicht dar­um auf­zu­rech­nen: „Für Frau­en, die un­ser Kon­zept gut fin­den, sind wir da und ste­hen ih­nen mit un­se­rer Er­fah­rung zur Sei­te“, er­klärt Horn­stein.

Rund 130 Ba­bys kom­men an der Achen­bach­stra­ße jähr­lich zur Welt – Kom­pli­ka­tio­nen ge­be es so gut wie kei­ne. „Der en­ge Kon­takt zu den Frau­en ist bei un­se­rer Ar­beit das Wich­tigs­te“, er­klä­ren die Lei­te­rin­nen. Al­les lau­fe über Ver­trau­en und über ge­naue Kennt­nis von Si­tua­ti­on und Zu­stand der wer­den­den Müt­ter. Denn vie­le kom­men be­reits nach dem po­si­ti­ven Schwan­ger­schafts­test ins Ge­burts­haus und wer­den bei der Schwan­ger­schafts­vor­sor­ge kom­plett von der Heb­am­me be­treut. „Bis auf Ul­tra­schall-Un­ter­su­chun­gen kön­nen wir al­les am Ort ma­chen und be­rei­ten uns in Ab­stim­mung mit den Frau­en­ärz­ten vor“, sagt Kem­nitz.

Bei der Ge­burt selbst geht es dar­um, der Na­tur mög­lichst ih­ren Lauf zu las­sen. „Der Kör­per re­agiert von ganz al­lein“, be­tont Horn­stein. So wird bei der Ge­burts­hil­fe auf Me­di­ka­men­te und Be­täu­bun­gen ver­zich­tet; un­ter­stützt wird et­wa durch Ho­möo­pa­thie, Aku­punk­tur, Aro­ma-The­ra­pie so­wie durch men­ta­le Vor­be­rei­tung. Die Heb­am­men: „Es geht um das Be­wusst­sein, als Frau die Kraft zu ha­ben, sein Kind auch oh­ne Hilfs­mit­tel zur Welt brin­gen.“ Zwei wohn­lich ein­ge­rich­te­te Zim­mer und zwei Wan­nen – zur Ent­span­nung, aber auch für mög­li­che Was­ser­ge­bur­ten – ste­hen zur Ver­fü­gung. Au­ßer­dem sind die Heb­am­men die gan­ze Zeit prä­sent. „Dass Frau­en al­lei­ne ge­las­sen wer­den, gibt es bei uns nicht“, so Kem­nitz.

Doch ist mit Kom­pli­ka­tio­nen zu rech­nen, rät das Haus zur Kli­nik: „Das ist et­wa bei Schwan­ger­schafts­dia­be­tes, Blut­hoch­druck oder bei Zwil­lings­ge­bur­ten der Fall.“ Dann ar­bei­ten die Heb­am­men eng mit dem na­he ge­le­ge­nen Ma­ri­en­hos­pi­tal zu­sam­men.

Bei er­folg­rei­cher Ent­bin­dung an der Achen­bach­stra­ße ge­hen in­des die meis­ten Frau­en nach zwei, drei St­un­den wie­der nach Hau­se. „Das ist ein gu­ter Zeit­punkt, weil dann enorm vie­le En­dor­phi­ne aus­schüt­tet wer­den“, er­klärt Horn­stein. Die jun­ge Fa­mi­lie wird von den Heb­am­men, je nach Be­dürf­nis­sen, wei­ter be­treut.

Die Al­ter­na­ti­ve „Ge­burts­haus“ gibt es seit mehr als 20 Jah­ren in Deutsch­land. 1995 wur­de das Haus in Düsseldorf er­öff­net, das seit 2004 sei­nen Sitz an der Achen­bach­stra­ße

„Bei uns wird nicht ent­bun­den – hier ge­bärt die Frau“

hat. Die Ar­beit die­ser Ein­rich­tun­gen ist an­er­kannt, so dass sämt­li­che Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen von den Kran­ken­kas­sen über­nom­men wer­den. Für den Be­reit­schafts­dienst drei Wo­chen vor Ent­bin­dungs­ter­min müs­sen 350 Eu­ro aus der ei­ge­nen Ta­sche ge­zahlt wer­den.

Doch loh­nens­wert sei das für al­le, für die Fol­gen­des wich­tig ist: „Bei uns wird nicht ent­bun­den, hier ge­bärt die Frau“, be­tont das Team.

RP-FO­TO: THO­MAS BUSSKAMP

Ba­by Mar­la und Bru­der Hen­ri (l.) hat Sa­rah Via­lou im Ge­burts­haus zur Welt ge­bracht. Heb­am­me Rein­hild Horn­stein (r.) un­ter­stützt die jun­ge Mut­ter ge­nau­so wie die schwan­ge­re Nad­ja Bo­ja­nov (2. v. r.).

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